Jeder auf seine Weise.

20 Apr
Ich sitze eine Weile einfach nur da, bewege mich kaum und starre die kleine Email auf meinem Laptop an. Von Zeit zu Zeit verschwimmen die Buchstaben ein wenig, doch deren Bedeutung hallt durch den Raum und nimmt ihn immer mehr ein.
Ich öffne das Fenster zum Hinterhof, die Abendsonne ist kurz davor, hinter den Dächern der gegenüberliegenden Häuser zu verschwinden. Ich stütze mich auf der Fensterbank ab und ziehe meine graue Wolldecke etwas enger um meinen Körper. Weinen muss ich nicht. Zu viele wirre Gedanken durchziehen meinen Kopf, als dass die Tränen einen Weg nach außen finden könnten.
 
Was soll ich ihm antworten? Was schreibt man da? Irgendwelche Plattitüden…so was wie ‘Es tut mir so leid’…oder ‘Ich denk an dich’…oder ‘Mein Beileid’?
Schreibe ich überhaupt etwas? Besser anrufen? Wir haben nicht einmal telefoniert, in der ganzen Zeit, in der wir uns kennen.
Nein, das ist alles nichts.
Seine Zeilen waren kurz. Sie hat es geschafft, schrieb er. Sie war schon länger krank, das wusste ich. Genaues hatte er mir aber nie erzählt, bei dem Thema hatte ich immer den Eindruck, ihm fiele es plötzlich schwer zu sprechen. Sein Blick veränderte sich und wandte sich innerlich ab.
 
Die Strahlen der Sonne berühren nun die ersten Ziegel, ich kneife die Augen etwas zusammen.
Und im nächsten Augenblick weiß ich es.
Ich schließe das Fenster, krame eine Hand voll Dinge zusammen und stopfe sie in einen Stoffbeutel, nehme meine Jacke vom Haken, wickele meinen Schal um und schnappe meine Autoschlüssel. Als die Tür ins Schloss fällt, habe ich schon einige Stufen im Treppenhaus hinter mir gelassen.
 
Eigentlich verrückt, so viele Kilometer zu fahren. Nicht Bescheid zu geben. Einfach machen. Aber es ist der einzige Weg für mich, der Sinn macht, um für ihn da zu sein. Um Anteil zu nehmen. Nicht nur ein bisschen, sondern richtig. So richtig, wie er das jetzt im Augenblick brauchen wird.
 
Fünf Stunden später parke ich direkt vor seinem Haus. Ich hatte auf der Fahrt nur eine kurze Pause gemacht, dafür mir umso mehr Gedanken.
Ein schwaches Licht hinter den Vorhängen seiner Wohnung ist zu sehen. Ich schreibe ihm, wie er es von mir kennt.
„Kommst du mal kurz runter vor’s Haus?“
Alles bleibt still. Dann doch klingeln, überlege ich und gerade, als ich seinen Namen zwischen den ganzen Klingelschildern gefunden habe, geht drinnen im Treppenhaus plötzlich das Licht an. Ich mache ein paar Schritte rückwärts, gehe die wenigen Stufen vor seinem Haus nach unten.
Und dann linst er durch den kleinen Türspalt. Als hätte er nicht mehr die Kraft, die Tür ganz aufzudrücken.
Ich hebe unsicher eine Hand halb hoch und deute ein Winken an.
Er reibt sich die Augen und tritt aus dem Haus. Er trägt eine schwarze Jogginghose und ein lockeres weißes Shirt.
 
„Was…was machst du denn hier?“, fragt er irritiert und kommt auf mich zu.
Seine Stimme klingt müde, erschöpft. Er sieht aus, als hätte er seit Tagen seine Wohnung nicht verlassen. Seit…nun ja.
„Warum bist du nicht in Hamburg?“
Er schüttelt ungläubig den Kopf.
„Ich wusste nicht, was ich dir schreiben sollte.“, antworte ich.
Er schließt für einen Augenblick die Augen und lässt den Kopf hängen. Dann atmet er tief durch und sieht mich an.
„Weißt du,…“, beginne ich und streiche mir eine Haarsträhne hinters Ohr, „ich bin irgendwie nicht gut bei…so etwas. Und…alles, was man in so einer Situation so sagt, das erschien mir sehr sinnlos. Und auf der Fahrt dachte ich dann, vielleicht muss jeder auf seine Weise einen Weg finden, für dich jetzt da zu sein und…“
„…und um mir das zu sagen, fährst du über 500km?“, unterbricht er mich.
„Nein, das wäre ja irrwitzig. Ich denke, meine Weise wäre, statt irgendetwas Blödes zu sagen, dich einfach in den Arm zu nehmen und für eine ganze Weile nicht los zu lassen.“
Glasige Augen blicken mich an.
„Ist das ok?“, flüstere ich.
 
Statt etwas zu erwidern, öffnet er nur die Arme und umschließt mich um die Schultern, legt seine Wange an meine. Sich ‘fest halten’ hatte, glaube ich, noch nie so viel mit ‘Halt geben’ zu tun wie in diesem Moment. So stehen wir da, kurz vor Mitternacht, auf offener Straße. Vielleicht sind Leute an uns vorbei gelaufen, ich weiß es nicht sicher. Irgendwann habe ich den Eindruck, er sackt etwas nach unten weg, dann höre ich ihn weinen. Über Minuten haben wir kein Wort gesprochen, auch jetzt schweige ich weiter. Er schluchzt leise an meinem Hals, ich spüre seine Tränen auf meiner Haut. Er streichelt mir über den Kopf, löst sich dann etwas, um mich ansehen zu können. Ich halte ihn noch um die Hüfte fest und erwidere seinen Blick.
 
„Bringst du mich von hier weg?“
„Du…ich soll…soll ich?“, stottere ich.
„Weit weg?“, ergänzt er nur.
Ich überlege kurz.
„Ja. Ok.“
„Ehrlich?“, versichert er sich.
„Du solltest dir aber vielleicht noch eine Jacke mitnehmen.“
„Bin sofort wieder da.“
 
Ich lehne mich an mein Auto, während ich warte, wechsele das Standbein hin und her. Bisher fühlte sich das richtig an. Und ich spürte eben, wie dringend ihm dieser Wunsch war. In solchen Nächten sollte man nicht zu viel nachdenken, sondern mehr fühlen.
 
Kurze Zeit später steht er wieder vor mir, seine Augen wirken etwas offener.
„Na dann mal los.“, meine ich und drücke mich vom Wagen weg.
Er legt seine Jacke auf den Rücksitz und ich lasse noch schnell eine alte, zerknüllte Bäcker-Tüte und einen Kugelschreiber aus dem Fußraum verschwinden und fege ein paar Krümel vom Beifahrersitz, bevor er einsteigt.
 
„Wo fahren wir hin?“, fragt er, als ich uns aus der Parklücke kurbele.
„Werden wir sehen, wenn wir da sind.“
Das klingt wahnsinnig geheimnisvoll, sollte es aber eigentlich gar nicht. Es ist schlicht und einfach die Wahrheit. Ich habe selbst noch keine Ahnung. Erst mal auf die Autobahn und dann sehen wir weiter.
Davor muss ich noch tanken, er bleibt sitzen, als ich zahlen gehe.
 
„Haben Sie Rotwein?“, frage ich den Kassierer.
„Hinten links.“, brummt der zurück.
Mit Wein kenne ich mich leider gar nicht aus. Ich stehe immer ratlos vor dem Regal und kaufe dann am Ende immer den mit dem schönsten Etikett und bisher habe ich mit dieser Methode noch nie ganz furchtbar daneben gelegen.
Ich stelle die Flasche zusammen mit einer Packung Schokokekse auf den Tresen.
„Das und die 3 bitte.“
Etwas misstrauisch scannt der Mann die Waren ein.
Ich hebe die Augenbrauen.
„Ist nicht für mich.“, erkläre ich.
„Aha.“
„Hätten Sie eine kleine Tüte?“
Ein leises Grunzen soll wohl ja heißen. Ich bekomme eine.
 
„Hier. Beifahrer-Notpaket!“, sage ich und drücke ihm im Auto die Tüte in die Hand.
Er zieht überrascht die Flasche Wein heraus.
Er grinst ein ganz kleines bisschen.
„Schönes Etikett.“
Scheiße, kennt der mich gut.
„Ach, halt doch die Klappe.“
„Und mit Schraubverschluss. Wie ‘praktisch’.“
„Tja, das Dekantieren muss heute leider ausfallen.“
Ich fahre los.
„Keks?“, fragt er und hält mir einen direkt vors Gesicht.
„Auffahrunfall?“, entgegne ich, schiebe seine Hand weg und biege rechts ab.
„Dann nicht.“
„Mhm…, gib schon her.“
 
Mittlerweile hatte ich eine Idee, wo wir hinfahren. Sagen werde ich ihm das aber noch nicht. Würde den Effekt versauen. Und den will ich für ihn. Unbedingt.
Nachdem wir die Autobahn erreicht haben und die Lichter der Stadt nur noch im Rückspiegel von weitem leuchten, werden wir ruhiger. Er wird ruhiger. Er hat den Wein auf dem Schoß und trinkt in kleinen Schlucken. Er blickt gedankenverloren nach draußen. Mit dem Finger fährt er immer wieder die Flaschenöffnung entlang. Die Autofahrt ist jetzt gut für ihn. Sich weg bewegen zu können ohne sich selbst zu bewegen, weil man dazu gar nicht die Kraft hätte, es aber dringend braucht.
Seltsamer Weise bin ich gar nicht müde. Es ist mitten in der Nacht und ich hatte schon eine lange Fahrt hinter mir. Aber genau so, wie mein Wagen über die dunklen Straßen gleitet, fliegt auch die Zeit an uns vorbei. Ich merke gar nicht, wie spät es ist. Man orientiert sich da nicht an Stunden oder Minuten, alles geschieht in einer Art Augenblick-Seifenblase.
Irgendwann höre ich ein leises, gleichmäßiges, leicht raues Atmen und schaue zu ihm rüber. Er ist eingeschlafen. Ich löse vorsichtig den Wein aus seiner Hand und angele mir den Verschluss, der vor ihm in der Ablage liegt. Zwischendurch atmet er schwer, bewegt sich aber kaum.
 
Langsam wird es hell am Horizont. Wir sind fast da. Er ist die gesamte Fahrt über nicht aufgewacht, das freut mich. Erst, als das monotone Geräusch des Motors verstummt, öffnet er die Augen. Ich strecke mich und gähne, dehne meinen Hals, mein Körper ist etwas verspannt.
Er wuschelt sich schlaftrunken durch die Haare und setzt sich etwas aufrechter hin.
 
„Wo sind wir?“
Ich muss lächeln und deute mit dem Kinn nach draußen.
„Komm mit, ich zeig’s dir.“
 
Wir steigen aus und ich verschließe das Auto.
Wir laufen über die gepflasterte, kleine Straße. Kein Mensch unterwegs, es ist noch zu früh. Es ist noch etwas diesig, die Straßenlaternen gehen gerade aus. Wir biegen um die Ecke, da bleibt er stehen und blickt nach vorne. Sein Mund steht offen.
Ich drehe mich um.
„Oh mein Gott…“, flüstert er, „du bist doch nicht…sind wir etwa…?“
Er hat den Deich gesehen.
Ich gehe ein paar Schritte zurück, greife dann seine Hand.
„Komm schon.“
Die letzten Meter rennen wir fast, wir können es nicht mehr abwarten, bis der Blick frei wird. Wir hören es schon. Wie es an den Strand schlägt.
„Darf ich vorstellen?“, sage ich, „das Meer.“
Er blickt völlig überwältigt Richtung Strand. Wir stehen nebeneinander und atmen die salzige Luft.
Dann seufzt er erleichtert, zieht mich vor sich, legt von hinten seinen Kopf auf meinen und sagt: „Du rettest mich gerade.“
Ich umschließe seine Hände vor meinem Bauch.
„Wellen können mehr Trost spenden als Wasser im Meer ist.“
„Welches Meer ist es denn?“
„Nordsee.“
„Du hast ne Macke.“
„Ich weiß.“
„Sowas hat noch niemand für mich getan.“
Ich drehe mich zu ihm um.
„Und es wird noch besser.“, meine ich.
„Ach so?“
Er blickt mich überrascht an.
„Ja, na klar. Du setzt dich jetzt da auf die Bank und ich besorge uns da hinten in der Bäckerei Kaffee und Croissants.“
Er lächelt. Und bemerkt es selbst.
„Ich hab seit Tagen nicht mehr gelächelt.“
„Deiner Mutter würde das gefallen.“
„Ja, da hast du Recht.“
„Milch und 2 Stück Zucker, richtig?“
„Richtig.“
 
Kurz danach sitzen wir am menschenleeren Strand, eng aneinander in einem der Strandkörbe, die nicht verschlossen waren, wärmen uns mit Kaffee, verkrümeln uns mit Blätterteig und während ich kurze Zeit später an seiner Brust einschlafe, während die Sonne die tief hängenden Wolken über’m Wasser auflöst, hat er seinen Arm um mich und weiß: für jemanden da sein ist so viel Meer.
 

Was es mal war…

31 Jan
Gute zwanzig Minuten schon stehe ich hier draußen.
Die ausgelassene Stimmung im Wohnzimmer dringt noch durch den schmalen Spalt der offenen Balkontür.
Unsere Blicke hatten sich vorhin nur kurz gestreift, die Gefühle dafür sich überschlagen.
Deine Finger verkrampften sich plötzlich um die Bierflasche herum, ich strich mir die Haare aus dem Gesicht und drehte mich weg. Soweit sind wir jetzt also.
 
Ich stütze mich mit den Ellenbogen auf dem Geländer ab, halte das Glas Weißwein vor mein Gesicht und betrachte den Mond hindurch. Verschwommen ziehen Wolken davor, wie vor alles damals.
Die kalte Luft tut gut, mit geschlossenen Augen noch etwas mehr.
Ein Jahr ist das jetzt her, fast auf den Tag genau. Als dein bester Freund, der Gastgeber heute, zu mir sagte: „Gib ihm Zeit. Er ist endlich mal glücklich.“
Als ob ich dem jemals im Weg stehen wollte. Du warst mein bester Freund, ich war so froh, als du mir von ihr erzähltest. Dass die ja echt süß wäre und das erste Date total schön war. Dass ihr ähnliche Ansichten habt und sie kurz danach gleich über Nacht bei dir blieb. Dass man schauen muss, wie es sich entwickelt, aber es sich im Moment gut anfühlt. Ich freute mich für dich. Ich wusste ja nicht, dass es unsere Freundschaft zerstören würde.
 
Ein leises Räuspern hinter mir. Ich drehe mich um. Du stehst unsicher im Türrahmen, trittst dann zwei Schritte vor und drückst die Tür hinter dir wieder zu.
Durch einen schnellen Blick zurück ins Wohnzimmer versicherst du dich, dass sie dich beim Rausgehen nicht gesehen hat.
„Hallo.“
Ich antworte nicht.
„Ich hatte gehofft, dass du heute Abend hier bist.“
Ich trinke einen Schluck.
„Ach ja? Nicht eher ‘befürchtet’?“
Du beißt dir auf die Lippen.
„Nein. Wirklich gehofft.“
 
Ich drehe mich wieder um und blicke auf die Lichter der Stadt. Hamburg beruhigt mich immer, verklärt alles Schlechte ein wenig, so dass es einem wenigstens kurzzeitig einfach mal gut gehen kann.
Du stellst dich neben mich. Einen guten Meter Abstand.
„Du bist dünn geworden“, versuchst du, ein Gespräch zu beginnen.
Das ist wohl wahr. Das war auch mein Plan in diesem Jahr. Hab mich da ziemlich rein gekniet, Ernährung um- und mich aufs Laufband gestellt. Fast täglich. War nicht immer leicht, aber hat sich gelohnt und ich bin da wahnsinnig stolz auf mich.
„Mhm.“
„Hätte dich kaum wieder erkannt.“
Ich blicke dich an.
„Kann passieren, immerhin haben wir uns knapp ein Jahr lang nicht gesehen.“
Du weichst meinem Blick aus, senkst den Kopf Richtung Boden und trittst fast unmerklich ein Stückchen zurück.
„Ja, ich weiß…“
Ein kleiner Seufzer von dir überbrückt die Stille zwischen uns. Eine Windböe vom Hafen streift an uns vorüber. Als ob sie sagen wollte: „Los jetzt! Redet miteinander. Klärt das endlich.“
Ich glaube ja, wenn Wind erzählen könnte, wüssten wir viel mehr voneinander.
 
„Mir tut es sehr leid, wie das alles gekommen ist…“
„Wieso? Du wolltest das doch. Du wolltest keinen Kontakt mehr. Du wolltest nichts mehr mit mir zu tun haben, weil…“
„Nicht wollen. Ich konnte nicht.“, unterbrichst du mich.
„Ja klar. Du konntest nicht. Wieso denn? Weil dir jedes Mal, wenn du mich gesehen hättest, klar geworden wäre, dass du mich immer noch toller findest als sie und es dich dann jedes Mal in ein emotionales Loch geworfen hätte? Bitte!“
Faszinierend eigentlich, wie lange Wut und Enttäuschung in mir überleben können.
„Kannst du nicht verstehen, dass man – wenn man eine neue Beziehung anfängt – einfach eine Weile mal ‘out of order’ ist? Ich hab da alles ausgeblendet. Andere Freunde haben auch nichts von mir gehört.“
„Du willst mir jetzt – nach einem Jahr – nicht immer noch mit dieser Ausrede kommen, oder?“
„Das ist doch keine…“
„Doch! Genau das ist es!“
Ich stelle mein Glas energisch auf dem kleinen weißen Tisch neben der verfrorenen Pflanze ab.
„Natürlich ist es normal, dass man gerade am Anfang einer Beziehung lieber Zeit mit dem neuen Partner verbringt und die Freunde da mal zurück stecken müssen. Aber das war nie, wirklich NIE das Problem zwischen uns beiden! Und das weißt du genau!“
Du blickst verlegen Richtung Balkontür.
„Was denn? Tickt deine Freundin immer noch aus, wenn sie uns hier zusammen stehen sieht? Hat sie Angst, dass du über mich herfällst? Tolle Beziehung, wenn sie dir nicht vertraut.“
„Ach, darum geht es doch gar nicht.“
„Du hast dir von ihr vorschreiben lassen, mit wem du befreundet sein darfst und mit wem nicht. Du hast mich einfach fallen lassen. Was zum Teufel hast du ihr erzählt, dass sie so scheiße eifersüchtig auf mich wurde, hm? Sie kannte mich damals überhaupt nicht, hat mich nie getroffen. Ich hätte einfach eine normale Freundin von dir sein können. Und im Prinzip war ich das auch: Wir waren nie zusammen, es lief nie was, wir haben uns noch nicht mal geküsst. Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass ich nicht verliebt bin, dass es eben einfach nicht gefunkt hat. Tut mir leid, dass es bei dir eben anders war. Ich habe dir nie falsche Hoffnungen gemacht, ich war immer ehrlich zu dir. Und trotzdem hast du mich behandelt, als wäre ich das Unglück persönlich, dem man dringend aus dem Weg gehen muss. Oh, Achtung, da kommt Miri, nichts wie weg, sonst kann ich nicht glücklich werden. Tolle Beziehung hast du da…die nur funktioniert, so lange du eine andere nicht siehst. Große Liebe, verstehe.“
„Du wolltest mich nicht, ok. Sie aber schon. Und ich mag sie. Keine Beziehung ist perfekt, aber wir sind jetzt auch schon über ein Jahr zusammen, das ist doch was. Ich wollte damals nur etwas Zeit von dir. Nur etwas Zeit, damit ich das mit ihr hinbekomme.“
„Meine Freundschaft ist kein Lichtschalter, den du beliebig an- und ausknipsen kannst, wie es dir gerade in den Kram passt!“
 
Ich stemme die Hände in die Seite. Gehe ein paar Schritte hin und her. Meine Fingerspitzen kribbeln. Ich balle Fäuste, damit es aufhört.
„Wir hätten doch Freunde bleiben können…“, druckst du leise herum, „…ich wollte dir nie was Böses, dich nie verletzen. Ja, ich war am Anfang verliebt in dich. Und das richtig heftig. Und ich habe lange gebraucht um zu begreifen, dass das – obwohl wir so vertraut miteinander waren – einfach nichts wird. Dass du das nicht möchtest, dass du mich nur als guten Kumpel siehst. Daran hatte ich lange zu knabbern.“
Ich gehe ein paar Schritte auf dich zu.
„Das weiß ich doch. Hab ich ja auch gemerkt. Aber trotzdem haben wir uns in dieser Phase weiterhin getroffen. Wir telefonierten, sahen uns regelmäßig, waren füreinander da, wenn es dem anderen mal schlecht ging. Du selbst hast von mir irgendwann dann als deiner besten Freundin gesprochen…“
„Warst du ja auch…“
„Glaub ich dir nicht.“, fahre ich dazwischen. „Nein, das weiß ich sogar. Seine beste Freundin würde man nämlich nicht so behandeln. Ich hatte dir nichts Schlimmes getan und du hast mich – seit du sie kennen gelernt hattest – mit deinem Verhalten für Gefühle bestraft, die ich nun mal leider nicht hatte. Dafür kann ich nichts.“
Du lässt den Kopf sinken.
„Was soll ich sagen? Ich hab’s einfach nicht gebacken gekriegt.“
„Offensichtlich.“
„Und jetzt?“
Du blickst mich schuldbewusst an.
 
Während ich Luft hole zum Sprechen, schiebt sich die Balkontür auf. Wir merken es nur, weil die Stimmen von drinnen plötzlich lauter werden.
„Schatz?“
„Ja?“
„Wir müssen jetzt los.“
„Ok, ich komme gleich.“
„Es ist wirklich Zeit.“
„Ähm…das ist übrigens Miri.“
Ich schaue sie an. Wenn Blicke töten könnten, würde ich wohl jetzt getroffen und Blut überströmt über die Balkonbrüstung stürzen.
„Hallo.“, sage ich.
„Ja…ähm…ich hole dann schon mal unsere Jacken.“, lächelt sie gequält und geht.
 
Wir stehen erschöpft voreinander.
„Du hättest mich auch als Beziehungsfeind Nr. 1 vorstellen können.“, brumme ich leise.
„Sie ist – was dich angeht – einfach…na ja…etwas eigen.“
„Etwas eigen.“, wiederhole ich und schnaube dabei einen Luftstoß in die Nacht.
 
Du siehst traurig aus.
Mit einer Handbewegung Richtung Wohnung meinst du: „Tja, ich denke, ich muss dann gehen.“
„Sieht so aus.“
Mit hängenden Schultern schlurfst du rüber zur Tür. Deine Haltung verrät, dass du dir einen anderen Ausgang für dieses Gespräch gewünscht hättest. Du drehst dich noch mal um.
„Hey…“
Ich blicke dich an.
„Mhm?“
„Geht’s dir gut?“
Meine Unterlippe zittert. Ich muss die Tränen unterdrücken.
„Jetzt gerade oder sonst so?“
„Besser sonst so.“
„Ja.“
„Schön.“
„Und dir?“
„Auch.“
„Okay.“
Du öffnest die Tür, hältst dich mit einer Hand daran fest. Die andere verdrehst du unsicher hinter dem Rücken.
„Siehst echt gut aus.“
„Danke.“
 
Und dann stehe ich wieder alleine da. Ich drehe mich weg, puste mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Ich wollte das nie. Ich wollte nie diese Rolle der ‘anderen Frau’, auf die die neue Freundin eifersüchtig sein muss. Ich wollte immer nur deine Freundschaft. Und während die Tränen meine Wangen benetzen, erinnere mich daran, dass ich damals, als du den Kontakt abbrachst, eine entsetzliche Angst davor hatte, dass wir uns irgendwann auf einer Feier begegnen und uns fürchterlich fremd geworden sind.
 
 
 

“Was ist ‘anders’? Wie ‘gleich’, nur eben nicht. “

23 Jan

Neulich schrieb mir dieser eine da von Twitter, bekannt unter @DerFloyd.
Meinte, er wolle 100 DM (für Nicht-Twitterer: Direct Messages) mit mir schreiben und das dann veröffentlichen, weil wir da bestimmt sau komische Sachen verschriften würden und alle Leute ja so geil drauf wären, private Dinge zu lesen und dabei heimlich sabbernd den Laptop ablzuecken. Das Internet würde tagelang lachen, jubeln und uns anerkennend zunicken, wir könnten dann Autogramme geben und wären ganz sicher voll berühmt.
Und weil ich statt dessen die Wohnung hätte aufräumen und staubsaugen müssen, sagte ich voller Begeisterung: “Mhm…na gut.”

Das Ergebnis findet ihr hier:

100 DMs mit...

100 DMs mit…

Pfützen.

13 Jan
Gleich nach dem Telefonat schlurfe ich ins Badezimmer, ignoriere mein Spiegelbild, weil die verweinte Wimperntusche nachts um vier noch mal mehrere Nuancen dunkler wirkt und werfe seine Zahnbürste in den kleinen silbernen Mülleimer.
Die braucht er jetzt ja nicht mehr. Er wird sie hier nicht mehr morgens aus dem Becher nehmen. Er wird morgens einfach nicht mehr hier sein. Hätte ich gewusst, dass ich ihn gestern das letzte Mal seh…er wollte nicht über Nacht bleiben. Wäre schön gewesen. Ein letztes Mal in seinen Armen zu liegen, seine Nähe zu spüren, wie er hinter mir liegt und mich zu sich zieht.
Vorbei.
Einfach vorbei.
 
Die Vorhänge habe ich heute noch nicht aufgezogen. Tageslicht würde heute weh tun. Und Schmerzen habe ich schon genug.
In diesem Tag bin ich bisher bloß gedankenversunken herum gewatet. Zwischendurch die Decke über den Kopf gezogen und abgetaucht. Dann zwischen den Tränen nach Luft geschnappt. Und trotzdem habe ich das Gefühl, zu ertrinken.
 
Diese Gedankenpfützen, in denen man mit den Gummistiefeln Schlieren entstehen und tanzen lässt. Tropfen, Verzerrungen und Verschiebungen, denen man mit den Augen folgt, die Pupille aber nicht scharf stellen will. Einfach aus Angst, was dann da wäre. Dieses Gegenwartsbild, von dem man sich am liebsten weg drehen und statt dessen weiter glücklich lächelnd drüber hüpfen möchte.
Nur noch ein paar Schritte, die die Tatsachen ignorieren.
Nur noch ein paar Schritte Hand in Hand diesen Weg entlang, den es für uns beide eigentlich gar nicht gibt.
Nur noch ein paar Schritte mit einem Hauch von ‘glücklich sein’ im Gesicht.
 
Aber dann formen meine Lippen kein Lächeln mehr. Als ob sie es verlernt hätten. Lieber pressen sie sich aufeinander und halten die Worte im Inneren. Sie sagen nichts mehr und ich halte nur das Telefon ans Ohr und höre zu, was er zu mir sagt. Was er mir erzählt über seine Pläne, was er jetzt durchziehen muss. Was in seinem Leben gerade alles nicht stimmt. Was er erst mal auf die Reihe kriegen muss. Dass er Angst hat, mir weh zu tun. Und dass er das nicht will, weil ich ja so großartig und wunderbar bin.
Was ich tatsächlich höre, ist: Du passt da nicht rein. Das mit dir ist mir zu viel. Du machst mir ein schlechtes Gewissen, wenn ich keine Zeit für dich habe.
 
Und ach, wie gut ich diese Sätze kenne. Ich höre sie nun schon zum dritten Mal. Nicht von ihm, sondern von ihm und zwei anderen Männern vor ihm. Zum Teil exakt die gleiche Wortwahl. Die selben Phrasen. Ich störe da im Leben, weil anderes wichtiger ist. Weil ich dem im Weg stehe. Obwohl ich das doch nie wollte. Dass ich unterstützend da sein könnte, diese Idee ist keine Alternative. Nie. Immer das Gleiche. Immer. Same, same, but different.
 
Wäre ich in Therapie, wäre das wohl der Moment, den man als „Der Durchbruch“ bezeichnet. Der Moment, in dem einem klar wird, wo die eigentliche Ursache für diese Männer-Symptome liegt. Der Moment, in dem plötzlich ein Muster entsteht. Der Moment, in dem man sich selbst eingesteht, dass da was ganz gehörig schief läuft mit der Liebe und einem selbst. Und wenn man das dann laut ausspricht, erschreckt es einen:
 
Ich suche mir die falschen Männer aus.
 
Es erschreckt einen, weil du dann zwar weißt, was los ist. Aber keine Ahnung, wie du es ändern kannst. Das Einzige, was geht ist, mit voller Wucht in die Pfütze zu treten.
Oder seine Zahnbürste weg zu werfen, mich ins Bett zu setzen und darüber zu schreiben.
 
 

Kleines Solo.

13 Jan

Einsam bist du sehr alleine.

Aus der Wanduhr tropft die Zeit.

Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.

Träumst von Liebe. Glaubst an keine.

Kennst das Leben. Weißt Bescheid.

Einsam bist du sehr alleine -

und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

 

Wünsche gehen auf die Freite.

Glück ist ein verhexter Ort.

Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.

Sucht vor Suchenden das Weite.

Ist nie hier. Ist immer dort.

Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.

Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.

Einsam bist du sehr alleine -

und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

 

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.

Magst nicht bleiben, wer du bist.

Liebe treibt die Welt zu Paaren.

Wirst getrieben. Mußt erfahren,

daß es nicht die Liebe ist . . .

Bist sogar im Kuss alleine.

Aus der Wanduhr tropft die Zeit.

Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.

Brauchtest Liebe. Findest keine.

Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.

Einsam bist du sehr alleine -

und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

 

- Erich Kästner -

Knopfmonster. Woher sie kamen.

2 Dez
aaaaaHarmlos mit dem Kauf eines Bastelbuches fing es an. Und mit einer Kiste an bunt gemixtem Kleinkram, unter dem sich auch einige Knöpfe fanden. Genug, um mit meiner Schulklasse meine selbst kreierten Knopfmonster zu basteln. Eine Geschichte habe ich auch dazu geschrieben. Sie geht so:
 
Es ist Sonntag. Jakob wacht morgens auf und freut sich. Draußen hat es geschneit und Jakob will unbedingt Schlitten fahren. Doch dann kommt Papa rein und sagt: „Du musst vorher deinen Kleiderschrank aufräumen. Da liegt alles durcheinander.“
Jakob ist sauer. Er mag aufräumen gar nicht. Aber was Papa sagt, muss gemacht werden.
Er geht zu seinem Kleiderschrank und macht die Tür auf. PLUMPS!
Plötzlich fallen alle Pullover und Hosen, T-Shirts und Jacken aus dem Schrank und Jakob entgegen.
Nun sitzt er in einem großen Haufen Klamotten. Oh je! Wie soll er das nur alles aufräumen?
 
Plötzlich bewegt sich etwas unter seinem roten Pullover. Jakob ist ganz leise und schaut genau.
Da! Schon wieder! Der Ärmel hat sich doch bewegt. Das gibt es doch gar nicht!a
Vorsichtig hebt Jakob den Pullover ein Stück hoch.
„Uiuiuiuiuiuiiii!“ macht ees plötzlich und etwas Kleines saust heraus und unter Jakobs Hose.h
„Was war das denn?“, denkt Jakob überrascht. Er krabbelt hinterher und hebt schnell die Hose hoch.
„Uiuiuiuiuiuiiii!“ macht es wieder und etwas Kleines saust unter der Hose hervor und unter den Schrank.cd
Schnell holt Jakob seine Taschenlampe und leuchtet darunter.
Wisst ihr, was Jakob dort entdeckt? Unter dem Schrank sitzt ein kleines Knopfmonster.
„Du brauchst keine Angst zu haben.“, flüstert Jakob, „komm mal her.“
Vorsichtig kommt das kleine Knopfmonster näher.
 
Knopfmonster wohnen oft in Kleiderschränken, aber nur, wenn die Klamotten nicht aufgeräumt sind. Knopfmonster lieben es nämlich, bwenn alles durcheinander ist.
Noch ein zweites Knopfmonster findet Jakob unter einem T-Shirt. Er findet die Kleinejn so toll, dass er zu Papa geht und sagt: „Ich darf meinen Schrank gar nicht aufräumen, sonst haben die Knopfmonster kein Zuhause mehr.“
Papa guckt total verwirrt, aber Jakob lacht nur, springt in seinen Schneeanzug, schnappt sich seinen Schlitten und rennt raus in den Schnee.
 
 fi
Möchtest du auch ein gkleines Knopfmonster haben?
Schreib mir über esmiri@web.de oder über https://www.facebook.com/knopfmonsterbydiepebbs.
 
Material-/Herstellungskosten: 5SchickFamilienfotoKnopfmonster in Reih und Glied€ (kleines Knopfmonster), 6€ (großes Knopfmonster)

Nasszellengesellen.

27 Nov
„Die Miete der Wohnung wurde übrigens reduziert, weil sich niemand gefunden hat.“
„Ach so? Aus welchem Grund?“
Die Maklerin schielt leicht peinlich berührt über den Flur hinweg zu der weißen Tür, deren oberer Teil verglast ist, aber irgendwann mal übermalt wurde.
„Nun…wegen des Badezimmers.“
 
Ich muss zugeben, dieses 70er-Jahre-beige haut einen jetzt nicht gerade aus den Socken, diese Mischung zwischen einer schlechten Bräunungscreme und Babydurchfall. Damals war das die In-Farbe, wer eine stylische Nasszelle wollte, badete – positiv ausgedrückt – in Latte Macchiato mit weißem Kernseifenmilchschaum. Und dabei trank man damals noch stinknormalen Filterkaffee.
 
Jahre später fasste sich ein wohl farbenblinder Fliesenleger ein Herz und wollte retten, was zu retten war. Statt eines großen Hammers zum Zerschlagen von Badewanne, Waschbecken und Toilette fand er in seinem schwarzen Köfferchen neben einer in Butterbrotpapier eingewickelten Wurststulle, die ihm seine Ehefrau an diesem Morgen um ca. 6:17 Uhr schmierte und gähnend mit der rechten Hand einpackte, während sie mit der linken ihren rosa Morgenrock raffte…also neben dieser Wurststulle fand der Fliesenleger wohl nur eine auf Umweltpapier ausgedruckte Bestellung von hellblauen Fliesen. Hellblau. Zusammen mit diesem Beige. Verstehen Sie, was das bedeutet?
Bübchen-Babyzimmer in Kombination mit Hunde-Kalbfleischleckeri.
Verblasste Parkscheibenuhr im Handschuhfach zusammen mit Bremsspur-Unterhosen.
Aufgehellter Schlumpf in Hackfleisch-Sahnesoße.
Ich meine, verdammt noch eins, gibt es sowas wie ästhetisches Empfinden erst seit der Jahrtausendwende?
Alle Wohnungsuchenden in Hamburg kamen an diesem Tag, beeindruckt von den weißen Wänden und den Holzdielen, den gemütlichen Schrägen des Dachgeschosses und gingen mit einem verkniffenen Gesicht, das vom Knarzen des Holzbodens übrigens wunderbar akustisch untermalt wurde, nachdem sie das Badezimmer sahen. Alle, die einen Blick hinein warfen, hätten wohl lieber eine Abrissbirne statt dessen genommen.
 
Nun darf man ja, was Wohnungen in Hamburg angeht, nicht allzu wählerisch sein, der Markt ist umkämpft, zu viele Leute, zu wenig Dächer überm Kopf. Mein Terminkalender bescherte mir ein im Hinterkopf lokalisiertes, über den Tag immer lauter werdendes Ticken der ablaufenden Zeit, die mir blieb, um meine Unterschrift unter einen vor mir liegenden Mietvertrag zu setzen.
Und als einen Tag nach dem gebleichten-Blaumann-Schlammspritzerspur-nach-Mountain-Bike-Tour-Debakel das mobile Endgerät schellte, um zu verkünden, das man mich ausgewählt hätte (und in diesem Moment meine ich, einen kurzen Himmelschor aus Engelsstimmen vernommen zu haben), stotterte ich nur ein verdutztes „Öhm…ja? Ok. Danke.“ zurück, saß danach 5 Minuten auf dem Bett, realisierte (oder versuchte es), strich danach erleichtert seufzend die für diesen Tag geplanten Besichtigungen auf meinem Zettel durch und schob bis in den Abend hinein meine Möbel imaginär von einer Ecke der Wohnung in die andere.
Was ich aber mit Pippi-Kacka-Tuckaland anstellen sollte, blieb mir bis zum Einzug ein Rätsel.
 
Schiefe Mundwinkel, Augen, aus denen Ahnungslosigkeit sprach, Handflächen, die zur Unterstützung der Bestürzung an die Stirn gelegt wurden, standen dann einige Wochen später im Türrahmen, saßen auf der Ecke der Badewanne, kratzten sich hinterm Ohr (obwohl das nur die Hände können) und überlegten angestrengt, ob es nicht doch noch eine andere Möglichkeit gab als die, das Ganze einfach zuzumauern und auf eine nur noch außerhalb der eigenen 4 Wände auftretenden Verdauung zu hoffen und sich mit einer aufs Minimum reduzierten hygienischen Grundreinigung anzufreunden, die man unter Umständen an den Wasserhahn in der Küche hätte verlegen können.
Und in diese verzweifelten Gedanken schoss dann plötzlich das, was ich von berufswegen schon länger tue. Nämlich, wenn man als Lehrer ein Kind, das andere grundlos schubst, nie auf seinem Platz sitzen bleibt und einem ständig widerspricht, im Zeugnis als „sozial engagiert, motorisch stark und bereits fähig, seine eigene Meinung zu vertreten“ beschreibt.
Wissen Sie, was ich meine?
Dieses Badezimmer sah nun mal so aus, es kommt einfach bloß auf die Umschreibung an. Und diese hallte plötzlich zwischen der ganzen Keramik hin und her.
„Ist doch wie am Meer…Strand und Wasser.“
Strand und Wasser.
Sandbeige und Wellenblau.
Inselgebräunt und Himmelstürkis.
Sandburgenocker und Pazifikmarin.
Und mit einigen Schaumkronenweißen Handtüchern und einer mit viel Fantasie palmartigen Pflanze in der Ecke treibe ich nun von Zeit zu Zeit im glasklaren Ozean, der lustigerweise Badewannentemperatur hat, nippe an einem Fruchtcocktail mit Schirmchen und erst, wenn ich die weiße Tür, deren oberer Teil verglast ist, aber irgendwann mal übermalt wurde, von außen schließe, ist mein Urlaub im schönsten Badezimmer der Welt zu Ende.
 
 
 
 
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