Vorbildfunktion.

21 Mai
Ich bin auf dem Weg zu einem Treffen, auf das ich eigentlich nicht viel Lust habe. Es ist persönlicher Natur. Doofer persönlicher Natur.
Treffpunkt Landungsbrücken, von meiner Wohnung aus etwa 10 Minuten zu Fuß. Wenn man trödelt.
 
Etwas vermuffelt ob der Dinge, die mich erwarten würden, trabe ich über die letzte Fußgängerampel und bin fast schon da, als ich von links ein eher barsch angehauchtes: „Danke für’s Vorbild!“ vernehme.
Eine Sekunde lang bin ich irritiert, ob dieses beleidigende Etwas mir gilt, drehe den Kopf und blicke auf einen vorwurfsvoll kopfschüttelnden Mann mit seiner kleinen Tochter an der Hand, die an eben dieser Ampel, die ich überquerte, stehen und warten.
Nun ist es ja so und diese Tatsache fiel mir in Hamburg erst nach einer Weile auf: Manchmal sind Fußgängerampeln in eine Richtung noch Grün, in die andere aber bereits Rot. Ich begründe das für mich selbst mit der unterschiedlichen Anzahl von zu überquerenden Fahrbahnspuren nach dieser kleinen Mittelinsel, bin mir aber bis heute nicht sicher, ob das so stimmt. Auf jeden Fall stoppt man so die Menschen lieber gleich komplett auf der einen Seite, als dass sie dann eine ganze Ampelphase in der Mitte auf beiden Seiten von Autos und LKW umbraust werden.
 
Auf jeden Fall bin ich mir zu 100% sicher, bei Grün über die Straße gegangen zu sein.
Und nun steht da dieser Typ, Mister Super-Dad, der seine Tochter zu verkehrsbewusstem Verhalten erziehen will. Und alle fiesen Gestalten, die diesen Plan nur ansatzweise verhindern, werden verbal von ihm vernichtet. Und in seinen Augen bin ich jetzt das Negativ-Beispiel. Eine, die zeigt, wie man es nicht macht. Ich zögere noch mal einen Moment, um zu überlegen, ob ich mit dem Ignorieren dieser falschen Bemerkung leben könne, mache dann nach drei Schritten auf dem Absatz kehrt, gehe auf ihn zu und zeige mit einem: „Verzeihung, sehen Sie da oben die Ampel?“ auf das grüne Männchen, das freudig für die Menschen leuchtet, die aus der selben Richtung kommen wie ich eben.
Er schaut etwas verwirrt nach oben, dann wieder zu mir.
„Wie Sie vielleicht sehen“, erläutere ich in einem betont höflichen Ton, „bin ich durchaus bei Grün über die Ampel gegangen. Oh, und was Sie nicht wissen konnten: Ich bin Lehrerin und weiß dadurch sehr wohl, wie man sich an Ampeln gegenüber Kindern verhält. Aber vielleicht sollten Sie sich mal überlegen, welches Vorbild Sie für Ihre Tochter abgeben, wenn Sie einfach ungerechtfertigter Weise fremde Leute auf der Straße anpöbeln. Schönen Tag noch.“
 
Ich hinterlasse einen völlig perplexen Super(beschämten)-Dad, der sich bemüht, seinen tief hängenden Unterkiefer wieder zu kontrollieren und gleichzeitig den Kragen seines Mantels peinlich berührt nach oben klappt und im Weggehen höre ich nur noch eine süße, hohe Mädchenstimme, die neugierig zirpt: „Papa, wer war die Frau?“
 
 

Lars.

18 Jan
„Heute fast nur Lehrer hier, sorry.“
„Ach du Scheiße!“
Lars muss lachen, als er mich zu einer Gruppe Leute schiebt und mich vorstellt.
Ich kenne kaum jemanden hier, ist auch das erste Mal, dass ich ihn privat treffe. War auch alles recht spontan, ich hab ihm gestern nur schnell zum Geburtstag gratuliert und dann lud er mich gleich für heute ein.
Gartenparty hinterm Haus.
Mit Grillen und Bier trinken und so.
Das Wetter ist gut, nicht herausragend, aber trocken. In Hamburg ja auch nicht selbstverständlich. Trotzdem hat er mit Freunden noch ein paar Pavillons aufgebaut mit Bierbänken und Tischen. Überall stehen Schüsseln mit Brot und Salat. Ich stelle meine dazu, als er mich gespielt empört anguckt.
„Ich hab dir doch extra geschrieben, dass du nichts mitbringen brauchst.“
„Tja…was soll ich sagen? Der Nudelsalat stand einfach so in der Küche rum und ich dachte, ich brauch den eh nicht…“
Er hat Grübchen beim Lächeln. Wie ich.
„Danke, voll lieb von dir.“
„Gerne.“
 
Er drückt mir ein Astra in die Hand und wir stoßen an.
„Bin gleich wieder da, muss kurz Gastgeber spielen.“, entschuldigt er sich und begrüßt die Leute, die eben aus der Kellertür nach draußen in den Garten treten. Er wohnt im Hochparterre, ich sehe die offene Wohnungstür. Drinnen spielt Musik.
Komisch, plötzlich so in dem Leben eines anderen zu stehen. So richtig viel zu tun miteinander hatten wir bisher nicht. Wir sehen uns auch nur einmal die Woche in der Klasse. Sonst vielleicht mal noch aufm Flur oder beim Kopieren.
Jetzt steht er da, fährt sich durch seine blonden, strubbeligen Haare und lässt sich brav gratulieren. Er trägt einen Kapuzenpulli, anders kenne ich ihn auch fast nicht. Dass er unter anderem Sport als Unterrichtsfach hat, passt zu ihm wie Arsch auf Eimer.
Die Truppe von eben spricht mich an, woher wir uns kennen und was ich so mache.
Lehrer-Gespräche. Nie langweilig, nur für Außenstehende. Was ich absolut nachvollziehen kann. Aber die sind ja heute wohl eh Mangelware.
Mit einem Mädel versteh ich mich auf Anhieb gut. Marie – erzählt wie ein Wasserfall, dass sie ja eigentlich nur auf der Durchreise sind, sie und ihr Freund, und hoch ‘gen Norden wollen, aber heute Abend noch weiter zu fahren mache ja auch kaum Sinn, weil das ja bestimmt länger gehen würde heute und also schlafen sie dann nachher einfach in ihrem VW-Bus und dann können sie morgen ganz früh…
„Ihr habt einen VW-Bus?“, unterbreche ich sie begeistert.
„Ja, also mein Freund und ich haben uns den gekauft.“
„Kann ich den mal sehen? Ich mag VW-Busse voll.“
„Klar, dann los. Haben direkt vorm Haus geparkt.“
Auf dem Weg nach draußen begegnen wir Lars, der gerade Bierkästen im Durchgang stapelt.
„Kommste mit Bus angucken?“, fragt Marie.
 
„Boa, mit so nem Ding losfahren und abends am Strand parken, mit nem Bier aufm Dach hocken und aufs Meer gucken…“, schwärme ich draußen leise vor mich hin und fahre mit den Fingern über die Motorhaube, während Marie die Schlüssel in ihrer bunten Umhängetasche sucht.
Lars schaut mich überrascht an.
„Was?“, frage ich, leicht verunsichert wegen seines Blicks.
„Ich glaube, wir sollten mal zusammen Urlaub machen.“
„Weil gleiche Vorstellungen davon?“
„Eeexakt.“
Ich lächle.
 
Wir quetschen uns zu dritt auf die Rückbank, erst Marie, dann ich, dann Lars. Maries Freund kämpft vorne mit dem Radio.
„Oh. Ich sitz auf deinem Rock.“, entschuldigt sich Lars.
„Macht nichts, er beschwert sich ja nicht.“, grinse ich zurück.
Er lehnt sich von innen an die Scheibe, während uns Maries Freund von dem Kauf dieses Traumwagens berichtet.
„Und das kann man hier dann alles zu nem riesigen Bett ausklappen, haben wir selbst rein gebaut“, erzählt Marie stolz.
„Geiles Teil“, flüstert Lars.
Du auch, denke ich und beiße mir auf die Lippen. Das dachte ich übrigens auch, als ich ihm an meinem ersten Tag in der neuen Schule begegnete. Männliche Lehrer sind ja im Bereich Förderschule so oder so eine Rarität. Und wenn man welchen begegnet, sind die dann meist Anfang 40, verheiratet, haben zwei Kinder, ne hübsche Ehefrau und nen Golden Retriever. Oder sie haben eine seltsame Brille mit runden Gläsern auf der Nase, lange, ungepflegte Haare, studierten Sonderpädagogik nur, weil sie das während ihrer Zivi-Zeit voll knorke fanden und tragen bestimmt Unterwäsche mit nem hohen Hanfanteil.
Lars dagegen…hat einen tollen Klamottengeschmack, ist ein paar Monate älter als ich, besitzt eine infantile, ansteckende Einstellung, die mir sehr gefällt. Dazu Typ Surfer, alles locker und lässig und ein verstörend gutes Aussehen.
Ich hatte mich gleich im zweiten Satz verhaspelt und blamiert, als er fragte, seit wann ich hier wäre und ich „Öh, seit so 10 Minuten“ stotterte und er lachte: „Ich meinte, seit wann du in Hamburg bist.“
Und seitdem wusste ich, ich mag den irgendwie. Allerdings dachte ich bis heute, einer wie er hat sicherlich eine Freundin. Er ist auch nicht frisch hier hoch gezogen oder so, er wohnt quasi schon immer hier. Aber wäre eine feste Freundin an seinem Geburtstag nicht auch da? Nun…
 
Im Verlaufe des Abends fallen dann doch noch ein paar Tropfen, so dass es auf den Bänken recht kuschlig wird. Lars sitzt am Nebentisch, Rücken an Rücken. Plötzlich lehnt er sich an und lässt seinen Kopf nach hinten auf meinen fallen.
„Du hast die perfekte Größe, voll gemütlich.“
An seiner Stimme höre ich, dass er dabei grinst.
„Na vielen Dank auch.“
Ein paar Mädels bringen Kerzen für die Tische, weil das Grillfeuer seinen Dienst auch getan hat und es schon mehr als dämmrig ist.
Lars dreht sich zu mir um.
„Magste die Wohnung mal eben sehen?“
„Klar.“
Ich stapfe ihm etwas tollpatschig durch die Wiese nach und rutsche auf dem nassen Gras weg, kann mich aber noch aufrecht halten.
„Zu viel Bier?“, witzelt er.
„Der Boden ist nass, ja?“
„Joa sicher…der Boden.“
„Ach, halt die Klappe.“
 
Und schon stehe ich vor der nächsten Herausforderung. Ein dunkler Kellergang. Ein wirklich sehr dunkler Kellergang.
„Der Lichtschalter ist oben.“
„Na, da hat ja einer mitgedacht.“
Ich taste mich vorsichtig an der Wand entlang. Lars ist plötzlich nicht mehr vor mir. Ich kann nicht mal meine Hand vor Augen erkennen.
Dann hör ich ihn von der Treppe oben.
„Ich glaub, das Licht ist kaputt. Geht’s?“
„Äh….nein?!?“
Ich stehe im Nichts und komme mir doof vor.
Dann höre ich Schritte, gleich darauf ertastet seine Hand meine.
„Na los, Angsthase.“
„Ey, schwarze Löcher sind nichts gegen deinen Keller.“
 
Seine Wohnung gefällt mir, vor allem, weil es gleich links in der Küche Weißwein gibt. Lars stellt mir seinen Bruder vor und der gießt mir dann ein. Im Badezimmer tummeln sich ein paar Badeenten am Waschbecken, ich muss grinsen. Der helle Parkettboden im Flur ist schön, sieht abgeschliffen und geölt aus. So schön, dass man mit der Hand mal drüber streichen möchte, was man dann aber sein lässt, weil einem einfällt, dass da heute schon bestimmt 40 Paar Schuhe ausm Garten drüber gelaufen sind.
Das Wohnzimmer ist fast zu bunt für einen Mann.
„Das sagen viele.“, meint er und drückt die Tür zum Schlafzimmer auf. Ich bleibe etwas unsicher im Türrahmen stehen, wäre seltsam, da hinein zu gehen. Ein frei stehendes Bett, ein Teppich, lange Gardinen. Wirklich gemütlich.
„Du hast den Schreibtisch auch nicht im gleichen Zimmer wie das Bett, ne?“
„So weit käm’s noch“, lacht er, „abends will ich das Zeug echt nicht mehr sehen.“
„Und…du wohnst also allein?“
„Ja, seit einiger Zeit wieder.“
Soso.
Im Rausgehen greift er die Flasche Weißwein, aus der mir eben eingeschenkt wurde.
„Die nehmen wir gleich mal mit.“
„Mir schwant Böses.“
„Ach iwo.“
 
Mittlerweile ist es nach Mitternacht, einige Gäste sind schon gegangen. Wir sitzen mit ein paar Leuten wieder im Garten auf den Bänken. Lars links neben mir. Ich hantiere mit dem abgetropften Wachs der Kerze auf dem Tisch.
„Spielkind.“
Er knufft mich in die Seite.
„Ich hör ja schon auf!“, grummle ich, schnappe mir eine leere Bierflasche und beginne, das Etikett ab zu knibbeln.
Er beugt sich zu mir rüber und meint: „Das mach ich auch immer.“
Wir schauen uns kurz grinsend an. Wirklich nur kurz, lange kann ich seinen Augen nicht stand halten.
 
Nach einer Weile spüre auch ich die Müdigkeit, die immer mehr Leute zum Gehen bewegt. Ich mag aber noch nicht heim, es ist gerade so nett.
Ich lehne mich etwas an Lars’ Schulter an, er reagiert und streicht mir sanft durchs Haar. Schönes Gefühl. Dann muss er aufstehen, um Marie und ihrem Freund ‘Gute Nacht’ zu sagen, sie verkriechen sich in ihren Bus. Anschließend setzt er sich wieder neben mich, sich jetzt aber noch mal anzulehnen, käme mir komisch vor. Also lasse ich es und stütze mich mit den Armen auf dem Tisch auf. Wir sind ja bloß Kollegen, nicht übertreiben.
 
Lars hört gerade einem Kumpel aus seinem Sportverein zu, der vom Training diese Woche erzählt, als ich plötzlich merke, wie er seine Hand auf mein Knie schiebt. Was zum…?
Ich darf da jetzt nicht hingucken, das wäre zu auffällig. Ich meine, ich habe wirklich ein gesundes Selbstbewusstsein, aber…meint der wirklich mich? Hat er zu viel getrunken?
Seine Hand bewegt sich nicht da weg. Statt dessen fangen seine Fingerspitzen an, leicht über meine Strumpfhose zu streichen. Ich kann das gar nicht glauben. Echt jetzt?
Er hört weiter seinem Gegenüber zu und antwortet auch und gleichzeitig liegt da seine Hand auf meinem Knie als wäre es das Natürlichste auf der Welt.
Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Die ganzen Monate über in der Schule…keinerlei Andeutungen. Und jetzt plötzlich doch…der Abend war schön gewesen ja…aber…also…meint er das ernst?
Ich muss das testen und bewege meine linke Hand ganz vorsichtig zu seiner. Er greift sofort danach. Unsere Finger verhaken sich, spielen leicht miteinander.
Ich mache große Augen, gucke ihn an.
Er grinst frech zurück.
Und dann sitzen wir da, erzählen, lachen und trinken mit den anderen und unsere Hände haben sich gefunden. Ich glaube das immer noch nicht so richtig.
Sobald sich Leute verabschieden, lässt er los und steht auf, aber seine Hand kommt danach immer wieder zu meiner zurück. Ich grinse innerlich in mich hinein. Er streichelt über meinen Oberschenkel und streift mit den Fingern ein Stück an meiner Wade hinunter. Ich bekomme Gänsehaut. Keiner bemerkt etwas, es passiert ganz heimlich und ist dadurch sehr aufregend. Er fährt mit seinen Fingern meine ab, kitzelt über die Handinnenfläche. Dann verkreuzen sich unsere Finger wieder ineinander und er übt leichten Druck aus…das fühlt sich toll an. Mittlerweile habe auch ich begriffen, dass er wirklich mich meint und traue mich, auch seine Hand etwas zu erkunden.
Eigentlich nur eine kleine Geste, ich hatte dem bisher nie große Beachtung geschenkt, aber was da gerade unterm Tisch ablief, puh.
Uns gegenüber sitzt Thomas, ein Kollege aus der Schule. Na ja, sitzen wäre übertrieben. Er hängt halb in sich zusammen gesunken auf der Bank und ich beobachte seit 5 Minuten, wie die Bierflasche in seiner Hand immer weiter nach unten sinkt. Er hat die Augen geschlossen und gibt auf Anfrage lustige Grunzgeräusche von sich. Weiter hinten im Dunkeln stehen noch drei Leute. Oder sind es vier? Der Rest hat sich nach oben in Lars’ Wohnung verkrochen.
„Hey…“, flüstert Lars und ich drehe meinen Kopf zu ihm.
Er lächelt.
„Hey…“
Er rutscht näher an mich heran. Mir wird warm. Unsere Gesichter sind keine 10cm mehr voneinander entfernt. Die Spannung ist fast greifbar.
Plötzlich schreckt Thomas hoch und seufzt laut. Wir zucken ertappt auseinander wie zwei aufgescheuchte Hühner. Thomas schaut mit Augen auf Halbmast zu uns, hebt eine Hand und meint, nach einer bedeutungsschwangeren Pause, mit tiefer Stimme: „Schlaf! Schlaf ist die Lösung!“ Dann schlägt er mit der Faust auf dem Tisch und ruft: „DIE LÖSUNG FÜR: ALLES!“
„Ich bring den mal eben hoch aufs Sofa“, flüstert Lars mir zu und steht auf, nicht ohne mir mit der rechten Hand über den unteren Rücken zu streichen, „alleine findet der den Weg nicht mehr.“
„Durch diesen Keller sicher nicht“, zwinkere ich.
„Wartest du hier?“
Ich nicke.
 
Kaum haben sich die beiden vom Tisch erhoben, hüpft Sarah auf die Bank gegenüber. Die Freundin von Lars’ Bruder. Wo kommt die denn plötzlich her? Sie kichert betrunken und wirkt ziemlich aufgedreht. Respekt! Für 3 Uhr nachts. Sie spielt mit einer Haarsträhne herum und scannt mit einem wirrem Blick die Tische ab.
„Liegt hier mein Handy rum? Wir brauchen mal gute Musik.“
„Ich hab nichts gesehen, sorry.“
„Aaaaahhh…“, sie zeigt mit dem Finger direkt auf mich, „du bist die Kollegin aus der Schule, ne?“
„Ähm…ja?!“, entgegne ich, „nicht die Einzige heute.“
Betonte sie das ‘die’ von ‘Kollegin’ gerade etwas zu sehr?
„Ja ja, weiß ich…“
„Ach so?“
Ich bin zunehmend verwirrt.
Da taucht Lars wieder auf.
„Sarah. Welch Freude!“, begrüßt er sie.
„Hast du mein Handy gesehen?“, quietscht sie ihm entgegen.
„Nöö. Aber such doch mal oben in der Wohnung.“
„Da hab ich doch grad schon geschaut.“
Lars rutscht wieder neben mich auf die Bank.
Sarah huscht um uns herum und tastet sich durch das Gras unter den Bänken. Mutig.
Er schaut mich mit einem Blick an, der sagen will: ‘Tut mir so leid, dass die jetzt nicht abhaut und wir alleine sein können.’
Ich halte ihm seine Bierflasche hin und wir stoßen an.
„Alter, der Kühlschrank ist kaputt!“, tönt es da aus der Wohnung. Es ist Lars’ Bruder.
„Und hast du Sarah gesehen?“
Lars seufzt.
„Ja, die wuselt hier rum.“
„Bring die mal mit.“
Ich lege den Kopf schief und muss mir ein Lachen verkneifen.
„Familie ist was Schönes, ne?“
„Witzig!“
Lars trinkt noch einen Schluck, erhebt sich widerwillig.
Dann schnappt er sich Sarah am Armgelenk, die leicht debil grinsend eine übrig gebliebene Packung Würstchen umklammert und sich mitziehen lässt.
 
Nun sitze ich alleine da. Eine Minute. Zwei Minuten.
Mhm.
Die Tür zur Wohnung ist zugefallen, ich kann nicht sehen, was sich da drin abspielt.
Es ist fast halb 4.
Ich stehe auf, krame mein Zeug zusammen, rücke meine Beanie-Mütze zurecht und tapse durch den Keller Richtung Wohnung. Netterweise hat zwischenzeitlich jemand Kerzen im dunklen Flur aufgestellt, so dass ich mich selbstständig zurecht finde.
Kaum biege ich oben um die Ecke, tritt Lars aus der Tür.
„Stecker drin lassen macht manchmal echt Sinn!“, sagt er gerade kopfschüttelnd, dreht sich um und erschrickt sich kurz, weil ich direkt vor ihm stehe. Dann lächelt er.
„Ähm…du…“, stottere ich, „ähm…weißt du die Fahrzeiten…also vom…wann der Bus fährt? Der Nachtbus? Also, gibt’s da überhaupt einen?“
Cool, ich kann voll eloquent, wenn’s sein muss.
„Klar. Ich schau eben mal nach.“
Er zieht sein Handy aus der Jeans.
„Und die Haltestelle? Ist die da, wo die andere auch war? Also, an der ich ausgestiegen bin? Da gegenüber direkt dann?“
„Ich bring dich.“
„Oh, das musste nicht.“
„Doch, doch. Ich bring dich.“
„Ich find das auch all…“
„Doooch! Ich. bring. dich!“, betont er und schaut mir dabei direkt in die Augen.
Ja ok, jetzt hab selbst ich es geschnallt. Er will mit mir alleine sein. Wie verrückt das ist.
 
Kaum treten wir aus der Tür und auf die Straße, greift er im Erzählen meine Hand. Als wäre das nie anders gewesen. Vor ein paar Stunden waren wir noch Frau S. und Herr T., alles rein kollegial.
Wir schleichen am Bus von Marie vorbei und sinnieren kurz, die beiden aufzuwecken durch einen Ans-Fenster-Trommel-Alarm, beschließen aber dann, es zu lassen, da sind wir viel zu sozial zu. Dann lachen wir über diese Tatsache.
„Müssen wir nicht links zur Hauptstraße?“, frage ich, als er mich nach rechts weiter zieht.
„Ich dachte, wir laufen noch eben um n Block. Dauert eh noch, bis der Bus fährt.“
„Okaaay…“
„Das Viertel hier ist echt ganz hübsch.“
„Okaaay…“
Wir biegen um die Ecke und sind nun nur noch wir beide. Er erzählt gerade, wie er die Wohnung hier bekommen hat und dass das in Altona ja gerade noch so bezahlbar wäre. Dann verlangsamt er seinen Schritt, lässt meine Hand los und legt statt dessen seinen Arm um meine Schulter.
Wenn ich jetzt zu ihm hoch gucke, passiert’s. Ich weiß das. Realisiert habe ich es aber immer noch nicht. Was machen wir denn da nur?
Ich hebe meinen Kopf nur ein wenig und linse schräg nach rechts oben zu ihm. Ich bin zu neugierig auf seinen Blick. Meine Reaktion reicht ihm. Er bleibt stehen, dreht mich zu sich und umfasst mich um die Taille. Sein fester Griff gibt mir den Rest, ich muss mich konzentrieren, weiter zu atmen. Unsere Nasenspitzen berühren sich sanft, dann legt er seinen Kopf etwas schief, schiebt das Kinn etwas nach vorne und täuscht vorsichtig einen Kuss an, hält aber kurz, bevor sich unsere Lippen berühren, inne. Dieses Rauszögern macht unfassbar an. Der halbe Abend war irgendwie schon eine Art Vorspiel gewesen. Dann ist die Anziehung aber zu groß, er drückt mich fest an sich und küsst mich. Ganz vorsichtig, langsam. So, dass jede Lippenbewegung, jede Berührung kostbar ist und zu genießen gilt.
‘Ich küsse tatsächlich Lars, den heißen Kollegen aus der Schule. ICH! Das ist doch Wahnsinn!’, schießt es mir immer wieder durch den Kopf.
Unsere Lippen harmonieren wunderbar miteinander, wie eine komponierte Symphonie aus Berührungen, in der alle verschiedenartigen Einzelheiten eindrucksvoll zusammenwirken.
Er küsst unglaublich gut. Dieser Kuss beherrscht alles, die gesamte Situation. Nichts anderes nehmen wir mehr wahr.
Irgendwann lassen wir voneinander ab. Als ich die Augen öffne, lächelt er mich an.
Ich beiße mir auf die Unterlippe und lehne meine Stirn an seine Schulter. Wir haben uns geküsst. Ich habe meinem Kollegen geküsst. Verdammt!
„Oooooooops!“, flüstert er, als ob er denselben Gedanken hatte und beginnt zu lachen.
„Großes Oooops!“, wiederhole ich und schaue ihn mit großen Augen an.
Meine Arme umfassen seinen Oberkörper, ich fahre mit den Händen über seinen Rücken. Selbst durch den Pulli spüre ich seinen durchtrainierten Oberkörper. Er streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr und küsst mich erneut. Ich ziehe eine Hand nach vorne, stelle mich auf die Zehenspitzen und umfasse seinen Nacken, streife dann durch seine Haare. Das wollte ich immer schon mal machen.
Er hebt mich ein wenig hoch und dann spüre ich seine Hand hinten unter meinem Shirt. Ich zucke zusammen.
„Kalt?“, fragt er.
„Geht schon.“, grinse ich.
Seine Küsse werden intensiver. Wir stehen auf offener Straße, mitten in der Nacht. Und trotzdem gibt es nur uns Zwei. Niemand anderen, kein Auto, keine Fußgänger, noch nicht mal mehr Zeitgefühl.
Wenn ich schon mal bei seinem Rücken bin, kann meine Hand auch noch ein Stück weiter nach unten wandern. Seine tut es bei mir gleich.
Dann passiert etwas Komisches. Ich sacke ein Stückchen nach unten weg, meine Beine geben plötzlich nach. Er hält mich fest, schaut mich fragend an. Ich muss selbst überlegen, was das war.
„Ich…ich glaub, ich hab grad weiche Knie gekriegt…“, sage ich leise und ziehe die Schultern peinlich berührt nach oben.
Er muss lachen.
„Ist das n Kompliment?“
„Öhm…“
„Geht’s wieder?“
Ich nicke. Er greift meine Hand und wir schlendern weiter. Noch eine andere Seitenstraße zeigt er mir mit ein paar schönen, alten Bäumen. Ein paar Vögel sind schon wach und zwitschern.
Ich bleibe stehen und ziehe ihn sacht zu mir. Er schaut mir in die Augen, drückt mich dann an die Hauswand hinter mir und beginnt erneut, mich zu küssen. Er nimmt meine Hände und hebt sie entschlossen über meinen Kopf und hält sie dort fest, während er meinen Hals küsst. Ich kann nur noch die Augen schließen und genießen.
„Lars?“, frage ich nach einem Zeitraum, den ich nicht benennen kann.
„Hm?“, haucht er mir ins Ohr.“
„Fuhr da nicht irgendwie ein Bus oder sowas?“
„Oh.“
Er lässt von mir ab um auf die Uhr zu sehen.
„Schaffen wir grad noch.“
 
Kurz danach stehen wir an der Hauptstraße, schräg gegenüber ist die Haltestelle.
Er nimmt mein Gesicht in beide Hände, lächelt. Wir küssen uns noch mal und er meint: „Ist doch ne gute Idee…“
Das mit uns beiden? Meint er uns beide?
„Lehrer haben…doch immer gute Ideen.“, grinse ich zurück.
„Ich meld mich morgen bei dir, ok?“
„Ok.“
 
Während ich verdattert über diesen Abend wankend die Straße überquere, schaue ich ihm zu, wie er nun den direkten Weg zu seiner Wohnung zurück läuft. Und von den Scheinwerfern des ankommenden Busses geblendet denke ich, dass es glatt ein bisschen ärgerlich ist, dass der öffentliche Nahverkehr in Hamburg zur Abwechslung auch mal pünktlich fährt.
 
 

Die Wirkung auf Männer.

16 Dez
Die Tage meinte eine Freundin zu mir, sie hätte gerade ein Foto von sich gesehen und konnte nur darauf achten, wie furchtbar dick sie da aussähe. Und dass sie ja so unzufrieden mit sich und ihrem Körper wäre. Vielleicht sei das aber auch nur eine verzerrte Selbstwahrnehmung, denn immerhin wurde sie an dem Abend, an dem das Foto entstand, von einem Mann geküsst und also muss sie ja dann doch noch attraktiv genug auf die Männerwelt wirken.
 
Ich mache mir irgendwie ziemlich viele Gedanken darüber.
Es mag ein oberflächliches Thema sein, es gibt so viel Wichtigeres, worüber man sprechen oder schreiben sollte. Meint man. Aber alle, die schon mal mit ihrem Gewicht zu kämpfen hatten, wissen, wie sehr das einen belasten kann. Und wenn es Freunden von mir deswegen schlecht geht, dann ist dieses Thema ganz schnell nicht mehr so banal, wie man auf den ersten Blick vermutet.
Wie oft habe ich es selbst erlebt? Meine Wirkung auf die Männer. Wie sie reagieren, wenn sie mich sehen oder mit mir sprechen. Wie man sich selbst fühlt, wenn man sich im Spiegel betrachtet.
 
Ich habe dieses Jahr ziemlich viel abgenommen, über 20 Kilo und mein Äußeres dadurch merklich verändert. Das ist bereits der zweite Anlauf gewesen. Mit Anfang 20, ganz frisch an der Uni, hatte ich das schon einmal getan. Mit Sport und Ernährungsumstellung schaffte ich es damals auf ca. 68kg und war zufrieden.
 
Davor wuchs ich gut behütet in einem kleinen Dorf auf. Da kannte man sich noch aus dem Sandkasten und ganz ehrlich: wenn du mal gesehen hast, wie der eine Junge mit der zerrissenen Latzhose als Mutprobe Regenwürmer gegessen hat, stellt sich auch Jahre später da keine größere Attraktivität mehr ein.
Auf meiner Schule hingegen gab es schon ein paar, die ich süß fand, in die ich verliebt war. Aber damals war ich extrem schüchtern und hätte mich nie getraut, den betreffenden Herrn anzusprechen. Selbstbewusstsein war damals etwas, was ich nur bei anderen bewunderte, bei mir selbst aber vergeblich suchte. Was auch an meinem extremen Übergewicht lag. In der Pubertät war das bei mir jenseits von Gut und Böse. Ich fand mich auch nicht wirklich hübsch und strahlte das sicherlich auch aus. Ich lernte niemanden kennen, der ernsthaft Interesse an mir hatte.
 
Als ich nach München zog und anfing zu studieren, begegneten mir die Leute zwar offener, aber alles rein platonisch. Ich war immer gleich der gute Kumpel. Kein Mann für die Liebe in Sicht. Wenn wir abends in Clubs gingen und tanzten, wurden meine Freundinnen des Öfteren angeflirtet, standen knutschend mit nem Kerl in der Ecke rum. Ich nicht.
Es wunderte mich aber auch nicht. Ich war dick, ich fühlte mich nicht hübsch. Wenn man als Mann da auf die Tanzfläche guckt…bleibt man mit dem Blick doch eher an einem schlanken Mädel hängen als einem dicken.
Ich meine, ich bin ja selbst auch so ehrlich und sage, dass ich einen durchtrainierten Männerkörper attraktiver finde als einen dicken Bierbauch. Ich brauche jetzt keine Muskelberge an Oberarmen bei einem Mann, aber einen, dem das Bauchfett über die Hose hängt…auf sowas stehe ich nun mal einfach nicht. Daher konnte ich es gut verstehen, dass die Männer sich damals nicht für mich interessierten.
Tut mir ja leid, dass ich das so sage, aber viele Frauen, denen es ähnlich geht, werden das bestätigen können. Und natürlich wird es nun einige geben, Männlein wie Weiblein, die sich empören und sagen, dass man auch mit ein paar Kilo mehr auf den Rippen Männer abkriegt bzw. dass sie gerade auf Frauen mit Kurven stehen. Jaja, schon klar. Aber auch selbstbewusste, dicke Frauen kennen diese abschätzigen Blicke von anderen. Die hinter vorgehaltener Hand lästern oder sich sogar angeekelt weg drehen. Oder einen dummen Spruch los lassen. Es gibt einfach zu viele Idioten in der Welt und damit muss man als übergewichtiger Mensch umgehen können.
 
Aber was ist denn mit dem Charakter???“ - Jaaahaaa, auch dicke Menschen können einen ganz, ganz tollen Charakter haben, steht außer Frage. Ich hab ja auch einen. Nur kennen den die Männer nicht, wenn sie dich das erste Mal irgendwo sehen. Sie sehen dein Äußeres. Und nur das. Und da muss es doch schon – zumindest unbewusst – irgendwie Klick machen. Auch, wenn wir immer so total tolerant und aufgeschlossen rüber kommen wollen, werden wir doch von Instinkten beherrscht und dass ein Mensch gewisse äußerliche Merkmale aufweisen muss, damit wir ihn attraktiv finden, ist nun einfach mal Fakt. Welche Merkmale das sind, hängt vom Menschen ab, klar. Aber die meisten Menschen in unserer Gesellschaft bevorzugen nun mal eher ein schlankes Gegenüber als potentiellen Partner.
Ich sage nicht, dass es ausgeschlossen ist, dass ich mich mal in jemanden verliebe, der übergewichtig ist. Kann absolut passieren. Lerne ich z.B. jemanden über den Freundeskreis kennen und merke, wir sind auf einer Wellenlänge, dann spielt die Figur nicht mehr wirklich eine Rolle. Darum geht es mir hier heute auch gar nicht. Es ist nur einfach so, dass, wenn man mich allgemein fragt, wie ein Mann aussehen sollte, damit ich ihn attraktiv finde, der Punkt „dick“ nicht auf der Liste mit dabei wäre. Und das geht den meisten wohl so, wenn sie ehrlich zu sich sind.
 
Auf jeden Fall merkte ich, nachdem ich zum ersten Mal so viel abgenommen hatte, einen wahnsinnigen Unterschied. Plötzlich schauten mir die Männer hinterher, sprachen mich an, tanzten mit mir. Mit engem Körperkontakt. Ich hatte Dates. Ich hatte nach kürzester Zeit einen festen Freund. Der mich wirklich attraktiv fand, mir das sagte und zeigte. Zufall?
 
Jahre später ging es mir persönlich ziemlich beschissen, ich war zusätzlich im Lernstress und fraß mir wieder die Kilos an. Und mit jedem Pfund mehr verschwand auch meine positive Wirkung auf die Männer. Das kam für mich damals überraschend. Ich hatte mir bis dahin einiges an Selbstbewusstsein zugelegt, daran konnte es also nicht liegen. Die Männer reagierten tatsächlich anders auf mich, nämlich weniger.
 
Seit ich nun vor einem guten halben Jahr wieder an Gewicht verliere, merke ich auch, wie die Männer zurück in mein Leben kommen. Klingt etwas verrückt und teilweise auch übelst oberflächlich, ich weiß. Aber das ist nun mal einfach die Erfahrung, die ich gemacht habe. Das zweite Mal sogar.
 
Diese realen Reaktionen, im echten Leben, sind aber nur das eine.
Wie sieht das im Internet aus?
Postete ich früher ein Foto von mir auf Twitter, bekam ich fast durchweg positives Feedback. Wie süß ich aussähe und hübsch und Herzchen und Sternchen. Trotz meiner Kilos. Das passte gar nicht so richtig zu dem, was ich da draußen erfuhr. Nach den ersten paar Kilos, die purzelten, sagten mir einige dann, das würde doch aber reichen, ich hätte doch jetzt ne super Figur schon. Wie kann das sein? Entweder sind die Menschen auf Twitter einfach netter und toleranter…oder die, die das Bild eben nicht hübsch fanden, dachten sich nur ihren Teil statt einen blöden Kommentar drunter zu setzen. Und ich frage mich: Sind die Twitterer, die im Netz so lieb sind, das auch im echten Leben da draußen? Wenn die in der Ubahn eine stark übergewichtige Frau sehen, die sich schwitzend auf zwei Sitze niederlässt…denken die dann: „Ach, die hat aber hübsche Augen.“ ?? – So gern ich das auch glauben möchte…ich kanns nicht. Vielleicht habe ich da aber auch einfach zu viele schlechte Erfahrungen gemacht – als Betroffene selbst.
 
Was mich dann aber überraschte und irgendwie fast rührte, waren die Reaktionen von drei Menschen. Mit allen war ich mal mehr, mal weniger, mal länger, mal kürzer verbunden. Diese drei Menschen, alle männlich, kennen mich sehr gut.
Einer war total überrascht, warum ich denn überhaupt abnehmen wolle, ich sei doch total schlank. Gut gemeintes Kompliment? Mit Nichten. Er fragte sich das ganz ernsthaft.
Dem Zweiten fiel absolut nicht auf, dass ich mich – nachdem wir uns nach einem halben Jahr wieder sahen – äußerlich stark verändert hatte. Kein Wort dazu – keinen Ton – kein irritierter Blick.
Der Dritte kennt mich eigentlich in allen Variationen. Schlank, dick und auch irgendwas dazwischen. Sein Interesse an mir und sein Verhalten haben sich aber nie geändert.
Für diese Menschen spielt es einfach keine Rolle, wie ich aussehe. Während ich vorm Spiegel stehe und missmutig an meinen Fettpölsterchen rumdrücke, „sehen“ die das gar nicht. Die haben ein Bild von mir für sich abgespeichert und das behalten sie. Egal, wie viel Pizza ich esse oder wie lange ich den Sport weglasse.
Die haben keine rosarote, sondern einfach eine Miri-Brille auf und die scheint mich denen einfach als Menschen zu präsentieren, den sie mögen. Abseits von Waagen, Gewichtsproblemen oder Schönheitsidealen. Und diese Vorstellung finde ich wirklich unglaublich schön. Und dann verzichte ich liebend gerne auf Komplimente à la „Boa, hast du abgenommen!“ oder „Wo ist denn der Rest von dir?“ und schmunzele nur in mich hinein, wenn man sich gegenüber steht und dein Bauchumfang einfach keinerlei Rolle spielt.
 
Wenn man sich dann anschaut, was da im Fernsehen oder in Hollywood oder auf den Laufstegen grade so rumstakst, alles derbe schlank, zum Teil krankhaft mager.
Aber hier, die Plus-Size-Models…die sind doch jetzt voll im Kommen!“ - Ja, mag sein. Aber allein diese Betitelung. Plus-Size. Alter!
Gut, Dove macht Werbung mit „normal gewichtigen Frauen“, Kate Upton ist Model des Jahres für XY. Aber es ist eine Minderheit, die so denkt. Ist leider so und ja, ich finde das auch scheiße und vielleicht sollten wir uns dem auch nicht beugen und zu unseren Kilos stehen. Aber wisst ihr was? Mir gefällt das nicht. Ich gefiel mir nicht, so dick wie ich war. Und da ist es mir auch egal, ob man mir das irgendwann gehirnwäschennartig ins Denken geprügelt hat, ob ich zu viele Modezeitschriften gelesen und zu viel GNTM geschaut habe. Ich mag meinen Bauch lieber flach. Ich mag es, Muskeln in meinen Oberschenkeln zu spüren. Und ja, verdammte Scheiße, ich mag auch, dass man im Liegen den Hüftknochen ein wenig sieht und die ach so wichtige Lücke zwischen den Beinen beim Stehen.
Ich mag es aber z.B. nicht, wenn die Rippen rausstehen oder man aufm Rücken die Wirbelsäule sehen kann. Oder wenn das Gesicht unterhalb der Wangenknochen total eingefallen ist und die Arme nur noch aus Haut und drahtigen Muskelsehnen bestehen.
Und damit finde ich, bewege ich mich in einem gesunden Mittelmaß und dazu steh ich einfach. Ich mag mich lieber so. Ich finde mich hübscher und fühle mich gesünder und fitter.
Das mag um Himmels Willen nicht für jeden gelten und ich bin mit Sicherheit die Letzte, die über dicke Menschen urteilen würde. Weil ich selbst mal einer war. Zweimal. Und weiß, wie es dazu kommen kann und dass ich die Geschichte dieses Menschen einfach nicht kenne. Und dass es Menschen gibt, die mit sich und der Welt zufrieden sind, auch, wenn sie viel Gewicht auf die Waage bringen. Und wenn diese Menschen wirklich (und ich meine wirklich!) zufrieden und glücklich sind, dann kann ich sie nur beneiden, denn ich bin noch auf dem Weg dahin, mich mit mir und meinem Körper so richtig – ohne Einschränkungen – wohl zu fühlen. Mit oder ohne Mann in meinem Leben.
 
 

Rückfälle, am besten auf die weiche Couch.

24 Nov
JUHU! Ich habe die 20 Kilo-Marke geknackt!!!Oh Moment…freute ich mich nicht schon vor 2 Wochen darüber? Ja doch, tat ich.

Heute ist es noch mal so weit. Wieso? Weil mein Körper in den letzten 2 Wochen wohl Kohlenhydrate geleckt hatte.
 
Ich hatte Geburtstag und dazu gab es eine dreistöckige Geburtstagstorte und Blätterteigteilchen und Hackfleisch-Hefeteigtaschen und überhaupt…ein gaaanzes Buffet voller leckerer Kalorien.
Und um einen Körper, der mit Fettabbau beschäftigt ist, vollkommen auszubremsen, gab es dazu passend: schön viel Alkohol.
 
Jaja, es war ein grandioser Abend und ich würde es jederzeit wieder so tun. Das mal vorweg.
 
Aber was die Waage danach veranstaltete, also echt mal. Fast 3 Kilo rauf und dazu Heißhunger auf süße Sachen und Brot. Jeeede Menge Brot. Meine Güte, schmeckt Brot lecker. Am Besten spät abends, so um halb 12. Da will der Körper nicht schlafen, nein nein. Da will er Brot.
Und Schokolade. Und sowas isst man dann schön faul im Sessel rumfletzend. Statt Sport. Sport ist ja so anstrengend. Da schwitzt man. Beim Schokolade essen schwitzt man nicht. Viel besser.
 
Es überraschte mich selbst, muss ich sagen. Seit ich mit der Abnehmerei begonnen habe, hatte ich kaum Phasen, in denen ich „rückfällig“ wurde. In den ganzen 6 Monaten erinnere mich an 2 Tage, an denen ich lieber bequem war und Sport doof fand. Ich war so im Abnehmrausch, dass ich gar nicht daran dachte, weniger oder gar nicht zu laufen oder mir abends n Teller Nudeln reinzuziehen. Im Gegenteil. Die Waage und der Zuspruch, den ich von außen erhielt, bestärkten mich so sehr, dass ich mich gar nicht groß disziplinieren musste. Ich hatte mein Bewegungsprogramm, meinen Essensplan im Kopf und es funktionierte.
 
Und dann kam diese 6-Monatsgrenze auf mich zu. Genau ein halbes Jahr…und die Waage kurz vor den 20 Kilo. „Ich habe 20 Kilo in einem halben Jahr abgenommen.“ – geilster Satz ever! Den wollte ich unbedingt sagen können – ohne zu schummeln versteht sich.
Also wurde das Sportpensum erhöht, immer brav viel Gemüse gegessen und die Kohlenhydrate ausgelacht und zur Seite gelegt (nicht vollständig, aber doch merklich öfter).
Eine Woche vor Tag X fehlten mir noch 800 Gramm…dann 400…dann plötzlich wieder 700…ARGHHH! Die Waage war gemein. Ich wusste wirklich nicht, ob ich dieses Ziel erreichte. Manchmal dachte ich: „Ach, dann eben nicht. Mach dir nicht so einen Druck.“, dann wieder: „Aber es wäre schon so richtig, richtig toll. Gib nicht auf!“
Gedanklich schob ich viel hin und her und merkte dabei, dass solche Gewichtszielsetzungen bis dann und dann einfach nichts für mich sind. Das Abnehmen machte keinen Spaß mehr, man konnte sich über gute Zwischenergebnisse nicht mehr freuen, weil ja nur die 20 Kilo zählen…nur diese eine Zahl auf der Waage darf Freudensprünge auslösen, alles andere ist nur Weg, nicht Ziel.
 
Einen Tag davor machte mir die Waage nicht viel Hoffnung. Es herrsche Stillstand, seit Tagen. Wundervoll. Ich verzichtete vollständig auf Kohlenhydrate, einen Tag lang. Und ganz ehrlich: war das ekelhaft. Ich hatte noch Fortbildung und überall standen Teller mit Keksen. Und ich knatschte missmutig auf meiner Paprika herum. Grrrrr!
Abends noch mal Sport, viel Wasser trinken, duschen, ins Bett gehen und hoffen.
 
Nun, ich muss ja keinen großen Spannungsbogen aufbauen, denn das Ergebnis wisst ihr schon: ich erreichte mein Ziel, sogar -20,4 Kilo. Ich habe eine Zauberwaage oder eine sadistische, die mich quälen wollte bis zum letzten Moment.
 
Das eigentliche „Problem“ kam aber erst danach. Die Luft war raus. Dieser Run auf die 20 war so anstrengend gewesen und ich stand sehr unter Druck, den ich mir selbst gemacht hatte, dass ich danach nicht mehr konnte. „Ne Pause hast du dir verdient.“ – hatte ich auch, ja.
Aber wenn du mal eine Woche lang so gut wie keinen Sport gemacht hast (max. 1 oder 2mal), dann wirst du faul. Merkst, wie gemütlich das ist, abends mal wieder n Film zu gucken statt aufs Laufband zu gehen. Alte Gewohnheiten wieder zu entdecken, die zwar ungesund für dich, aber unglaublich lecker oder bequem sind. Essen bestellen, schnell mal was zwischendurch reinschieben, auch mal abends warm und viel essen. Ging ja plötzlich, weil man ja abends keinen Sport mehr machte. Ha!
 
Und schwuppdiwupp war ich wieder fast 3 Kilo mehr. Die sind heute wieder weg und es geht merklich wieder in die richtige Richtung mit dem Gewicht…eine unglaubliche Erleichterung.
Gestern war ich 60 Minuten laufen (statt 48) auf 8,1 km/h (statt 7,8) mit Intervallen von 10,1 (statt 9,1) und „Geh“-Pausen auf 5,4 (statt 4,8). Einfach mal alles gesteigert und es lief glatt durch. Sehr schön, es funktioniert noch. Die Muskeln in den Beinen sind noch da und wissen noch, wie es geht. Selbst nach fast 2 Wochen fast vollständiger Sportabstinenz.
 
Rückfälle, wenn man sie so nennen mag, passieren. Und zwar jedem. Keiner ist heute noch ein Couchpupser und morgen ein Marathonläufer, ohne ab und an wieder in alte Gewohnheiten zu verfallen. Dessen sollte man sich bewusst sein. Wichtig ist: den Dreh wieder zu kriegen und weiter zu machen. Das ist das Schwierigste dabei.
Nach einer Woche habe ich mich unglaublich fett gefühlt…wie früher…lohnt doch eh nicht…müssteste wieder von vorne anfangen…scheiße. Dann hilft: neue Klamotten anziehen, die schon die ein oder andere Kleidergröße weniger am Kragen eingenäht haben und sehen, die passen noch. Also, mach das nicht kaputt, du hast schon übelst viel erreicht und du hast noch einiges vor dir.
 
Eines habe ich gemerkt in den zwei Wochen: Das Argument „Dann lass ich heute Sport bleiben und esse dafür weniger“…das machen ja viele…ist für mich einfach Schwachsinn. Abnehmen nur über Diät…das ist ja grausam…total anstrengend, macht schlechte Laune und man geht mit Grummeln im Bauch ins Bett. Ein Unding.
Leute, macht Sport. Ist viel einfacher und dann darf’s auch mal n Stück Geburtstagstorte sein, nach zwei Wochen hat dein Körper das wieder wett gemacht.
 
Ahoi.
 

Es nicht so ernst nehmen. (Tweets for fun)

11 Nov

Fragestunde.

10 Nov
Ihr Lieben,
 
nachdem ich mich entschied, meine Abnehmerei auf Twitter öffentlich mitverfolgen zu lassen, häufen sich die Fragen und Nachrichten an mich, wie genau ich das mache. Alle wollen Rat und fragen mich zu den Themen Essen, Sport und die „ultimativen Geheimtipps“.
 
Und weil ich zu faul bin, das jedes Mal hübsch auf zu tippen, dacht ich, schreib ich das einmal hier zusammen und ihr könnt euch daran satt lesen (kchkch, Wortspiel).
 
Eigentlich gibt es ja mehr als genug „Abnehmgeschichtchen“, Blogs, Videos und Artikel dazu im Internet und jetzt komm ich auch noch damit. Hatte ich am Anfang nie vor, aber da ihr mich jetzt so zuballert…alles euch zu Liebe.
 
Aber vorher wollt ich noch loswerden: Ich bin wirklich froh, dass ich euch jeden Monat oder auch mal zwischendurch mit Abnehm-Tweets und/oder Fotos über den aktuellen Stand informiere. Ich habe dadurch so viel Unterstützung von euch erfahren, die mich jedes Mal aufs Neue motiviert, am Ball zu bleiben. Ich habe Kontakt zu Leuten bekommen, die genau das Gleiche versuchen wie ich und sich austauschen wollen. Die man auf dem Laufenden hält, die sich mitfreuen oder auch mit über die Waage lästern, wenn die Schlampe mal wieder nicht das tut, was man will. Dafür wollte ich mich bedanken. Ohne euch alle hätte ich vielleicht schon aufgegeben. Das ist natürlich kein einfaches Thema, viele schämen sich deswegen. Aber ich bin wie gesagt sehr froh, dass ich den Mut hatte, euch da ins Boot zu holen und dankbar, dass ihr mich so bestärkt.
 
So, nun aber zu euren Fragen. Ich gehe die einfach mal der Reihe nach durch.
 
 
Hast du dich am Anfang auf die Waage getraut?
 
Wenn du das ernsthaft angehen willst, dann musst du auf die Waage. Da hilfst nichts! Du brauchst ja ein Startgewicht, mit dem du dann immer rechnen kannst. Ich hatte auch unglaublich Schiss…aber das darf dich nicht entmutigen, sondern es ist erst mal nur eine Zahl. Dann nach ein oder zwei Wochen wirst du schon einen Unterschied sehen. Ich habe im ersten Monat 3,9 Kilo abgenommen. Das war gigantisch. Das hätte ich nicht gewusst, hätte ich mich anfangs nicht gewogen. Du vergibst dir Erfolgserlebnisse und “verfälscht” deinen Abnehmerfolg, wenn du keine Startzahl hast. Also: RAUF DA! Aufschreiben und anschließend direkt zum Sport.
 
 
Hast du deinen Körper mal gehasst?
 
Ja. Absolut. Es gab zwar immer einzelne Partien, die ich noch hübsch fand. Aber insgesamt gab es immer wieder mehr oder wenige lange Phasen, in denen ich meinen Körper hässlich fand. Aber ich möchte betonen, dass ich nie gegen meinen Körper war. Selbsthass und gegen seinen Körper gehen sind in meinen Augen zwei unterschiedliche Dinge. Wenn du vorm Spiegel stehst und dich hässlich findest, ist das Selbsthass. Hatte ich – wie gesagt – auch, ich hab früher auch geheult deswegen. Danach bin ich meist deprimiert zum Kühlschrank und habe Schokolade gegessen. Sehr hilfreich! Dieses gegen seinen eigenen Körper arbeiten ist ein schmaler Grad. Wenn du beim Sport bist und merkst, du kannst nicht mehr und dann sagst: “Nein, ich renne jetzt trotzdem noch 10 Minuten weiter!”, dann ist das ok, weil du deinem Körper eigentlich was Gutes damit tust. Selbst, wenn er dir in diesem Moment etwas anderes sagt. Das tut er aber nur, weil er die Bewegung nicht gewöhnt ist. Aber wenn du hungerst, deinem Körper z.B. keine Kohlenhydrate mehr zuführst und ihn quasi bestrafst, dann nimmt das gefährliche Formen an. Da kann man sehr schnell in eine Essstörung abrutschen. Ich kenne Leute, die am Ende ihr Essen nur noch gekaut und dann ausgespuckt haben, statt es richtig zu essen. Sehr schlimm sowas.
 
Was hast du an deiner Ernährung geändert? Machst du Diät?
 
Also, erst mal ist wichtig: du musst dir eine Ernährung zusammenstellen, mit der du auf Dauer klar kommst. Nicht nur für ein paar Monate, in denen du abnehmen willst. Sondern mit der du die nächsten 30 Jahre satt wirst. Sprich: Diät ist Schwachsinn! Durch eine Diät und Verzicht und Hungern gaukelst du deinem Körper eine Art “Hungersnot” vor. Der Körper greift dann erst mal zu den Fettreserven, er hat ja keine andere Wahl. Folglich nimmst du zwar ab, aber: sobald dann wieder Essen kommt, füllt der Körper sofort die Fettreserven wieder auf, weil er sich gegen die nächste Hungersnot wappnen möchte. Und dies meist noch sorgfältiger als davor, bekannt unter dem Jojo-Effekt.
Ich hungere nie. Ich esse auch “Ungesundes”. Auch Schokolade, ich trinke mal n Weißwein (meist als Schorle) oder einen Cocktail. Damit gerät der Körper in keinen Mangelzustand und er baut sozusagen “freiwillig” Fett ab ohne den Drang, die Reserven sofort wieder aufzufüllen.
 
 
Das Geheimnis beim Essen bei mir sind 2 Dinge:
 
1) Ich verzichte auf NICHTS, ich kombiniere nur die Mengen anders.
Also z.B. nicht eine Schüssel Müsli mit 3 Scheibchen Apfel dazu. Sondern einen großen Obstteller und etwas Müsli drüber gestreut.
Also nicht Fleisch, viel Nudeln und zwei Tomaten aufschneiden. Sondern: Fleisch, Tomatensalat und wenn ich möchte, ne Hand voll Nudeln oder eine kleine Schale Reis dazu. Man ist pappsatt hinterher, hat nicht das Gefühl, auf etwas verzichtet zu haben, spart aber unglaublich Kalorien.
Zum Frühstück oder als Mittagessen: Ein TL Öl in die Pfanne, dann 2-3 Eier und ein Drittel gewürfelter Feta-Käse, dazu verschiedenes Gemüse. Du bist total satt, aber: eben anders portioniert. Das Ei nicht als kleine Beilage, sondern eben als Hauptgericht.
Guck dir mal die Sachen an, die du jetzt isst zum Mittagessen oder Abendessen. Und überleg dir, wie du da die Mengen verändern kannst. Warum ein kleiner Beilagensalat und n großer Teller Pasta? Es kann auch anders rum sein und ich garantiere dir, du bist danach genau so satt und glücklich. Bei solchen “Kalorienbomben” geht es nämlich meist nicht um die Menge, sondern um den Geschmack. Da haben wir keinen Hunger drauf, sondern bloß Appetit! Und das sind zwei völlig unterschiedliche Sachen.
 
 
2) Ich esse nicht mehr alles zu jeder Tageszeit.
Es kommt echt drauf an, WANN du was isst. Morgens ein belegtes Käsebrot vom Bäcker: kein Ding. Abends (nach 19 Uhr): Lass es und schneid dir lieber Gurke und Paprika klein, mit etwas Salz und Pfeffer. Vielleicht noch n Klacks körniger Frischkäse drüber, frische Kräuter…fertig.
Worauf ich also versuche zu verzichten sind Kohlenhydrate abends. Meist ist das auch kein Problem. Aber lass sie um Himmels Willen nicht ganz weg! Ich esse meistens am Vormittag zum Frühstück ein oder zwei Scheiben Brot oder ein Brötchen (auch gern mal eins mit hellem Mehl) oder Schokomüsli mit Bitterschokolade und Amaranth. Nur eben in Maßen.
Auf die Arbeit nehme ich mir immer eine Box mit 3-4 Obst und eine Gemüsebox mit. Wenn ich die intus habe, muss ich mir mein Brot schon fast aufzwingen.
 
Viel mehr hab ich an der Ernährung eigentlich nicht gedreht.
Trinken ist auch keine große, neue Offenbarung: hauptsächlich Wasser und Tee (ungesüßt), aber das war bei mir schon immer so. Bin kein Fan von Saft oder ähnlichem. Nach dem Sport trinke ich oft noch ein Glas Milch (1,5%ig) mit Strohhalm, danach hat man keine Lust mehr, was zu essen. Ach ja, und ich esse immer mit Teelöffel oder Kuchengabel. Da braucht man länger und ist auch schneller satt. Ruhig auch lernen, Reste über zu lassen, aufzuheben für den nächsten Tag.
 
Gibt es Sachen, die du dir wirklich “verbietest”?
 
Nein.
Ich meine, ich habe z.B. keine Sahne im Kühlschrank. An Gemüse tue ich lieber einen Schuss Milch oder etwas Schmand.
Aber wenn ein Schüler Torte zum Geburtstag mitbringt, hat man gefälligst ein Stück davon zu essen. Ich sehe meine Ernährung als grundsätzlich gesund an, ich will damit nicht abnehmen. Sie kann unterstützend wirken, ja. Beziehungsweise sollte sie dem nicht entgegen wirken. Aber die eigentliche Gewichtsreduktion passiert bei mir hauptsächlich über Bewegung.
 
Rechnest du mit Kalorien? Benutzt du eine App zur Unterstützung?
 
Um Gottes Willen! Nein! Es ist gut, in etwa zu wissen, dass Mayonaise viel und Salat wenig Kalorien hat, so als Überblick. Aber wie ich schon sagte: du musst eine Ernährung finden, die du über die nächsten Jahre (!!!) so durchführen kannst.
Eine App hatte und habe ich nicht. Willst du dein Leben lang vorm Kühlschrank hocken und alle Lebensmittel ins Smartphone eintippen? Dir Sachen verkneifen, weil deine App sagt, dass du deine 1200 Kalorien am Tag schon verbraucht hast? Das wäre mir zu anstrengend. Und ganz ehrlich, das wird.nicht.funktionieren. Nicht auf Dauer! Und du willst ja dauerhaft abnehmen. Und dabei essen mit Genuss!!! Das musst du!!!
Kalorien zählen und Grenzen setzen, wie viele Punkte oder Kalorien man am Tag „darf“…davon halte ich nicht sehr viel. Dadurch nimmt das Thema „Essen“ einen viel zu hohen Stellenwert im Alltag ein. Du wirst unzufrieden mit dir selbst, du gehst gegen deinen Körper und das darf nicht sein. Du steckst ja da drin!! Du musst lernen, auf deinen Körper zu hören! Du musst grundsätzlich etwas an der Ernährung drehen, aber es darf dich nicht behindern im Ausüben deines Alltags und in deinen sozialen Kontakten. Und wenn du für jeden Schokoriegel ein schlechtes Gewissen hast…oder Essen mit Freunden am Abend absagst, weil du heute ja schon eine Laugenstange und Würstchen gegessen hast…das geht einfach nicht. Dann wirst du nie richtig zufrieden und mit Genuss mal einen Nachtisch oder ein Stück Kuchen essen. Und das kann nun wirklich nicht dein Ziel sein.
 
Gehst du noch im Restaurant essen?
 
Ja. Nicht so oft, aber das habe ich früher auch nicht. Und es ist tatsächlich möglich. Ein schönes Stück Fisch oder Fleisch (wenn möglich Hühnchen oder Pute), dazu einen Salat und gekochte Kartoffeln. Oder eine klare Suppe vorweg. Es geht wirklich, wenn man ein bisschen gezielt auswählt. Und wenn du mittags oder nachmittags essen gehst, kannst du auch locker Dinge wie Reis oder auch mal Nudeln nehmen. Hab da keine Scheu vor. Dein Körper BRAUCHT ja Kohlenhydrate! Eine kleine Menge Reis als Beilage macht überhaupt nichts. Die hat vielleicht 150-200 Kalorien maximal, das steckt der Körper locker weg. Kartoffeln – Salzwasserkartoffeln oder Pellkartoffeln – haben sehr wenig Kalorien! Bratkartoffeln und Pommes schon, aber nur wegen des Fettes, klar. Nudeln sind ab und an ok, aber halt nur in kleinen Mengen. Greif da lieber zu Kartoffeln…oder wenigstens Vollkornnudeln, die sättigen besser und man isst weniger davon. Wie gesagt: bloß nichts komplett weglassen. Ab und zu abends Kohlenhydrate sollte dein Körper abkönnen. Das ist nämlich einfach mal normales Leben, darauf solltest du nicht verzichten, auch, wenn du gerade beim Abnehmen bist. Dafür kannst du am nächsten Tag abends nur noch etwas Rohkost essen, das gleicht das wieder aus.
 
Hast du ein paar schnelle Rezepttipps? Gibt es Lebensmittel, die „immer gehen“?
 
Ich arbeite viel mit frischen Kräutern, da kriegt man automatisch Lust auf dazu passendes Gemüse. Erbsen und Bohnen sind klasse (auch gefroren, jetzt im Herbst schmeckt das frische Zeug ja z.T. einfach nicht mehr), weil man da auch das Gefühl hat, richtig was zu essen und zu kauen. Karotten auch. Sauerkraut genau so. Oder rohen Schinken ohne Fettrand – kurz in den Ofen, bis er etwas kross geworden ist. Top! Solche Sachen einfach nicht als Beilage sehen, sondern als Hauptgericht, Nudeln oder Reis nur als kleine Beilage.
Ich war früher der totale Nudelfan…hab ich jetzt seit Monaten nicht mehr gegessen und es nicht eine Minute vermisst. Ich verzichte da nicht bewusst…aber ich denk gar nicht mehr wirklich dran, sie zu kochen. Wenn mir nach sowas ist, dann lieber Reis oder Kartoffeln. Aber wie gesagt, ich kombiniere die Mengen anders zusammen.
 
Dann stehe ich im Moment total auf Mais. Einfach eine kleine Dose Mais auf ein Backbleck und 10 Minuten im Ofen heiß machen, ein paar italienische Kräuter drüber und wenn du willst, eine Messerspitze Butter oder Schmand. Total lecker, sehr sättigend und kaum Kalorien.
 
Käse esse ich liebend gerne! Ich kaufe mir immer diese geschnittenen Käsewürfel und davon gibt es dann zum Brot oder Brötchen 5-7 Stück. Da kann ich gut portionieren und habe einen Überblick. Und man isst den Käse bewusster, als wenn man sich einfach ne Scheibe aufs Brot legt.
 
Apropos Brote: von Butter bin ich nicht so der Fan, aber auch nie gewesen. Daher leg ich die Wurst einfach so drauf oder etwas Frischkäse (fettreduziert) drunter. Bei Wurst esse ich (sehr wenig eigentlich) dann was mit Pute oder Geflügel. Oder so aufgeschnittenen Schweinebraten: hat auch nicht viel Fett. Aber da spar ich eigentlich nicht. Wenn ich schon Brot esse, soll das auch schmecken. Meist ist auch nicht der Belag das “Böse”, sondern das Brot an sich. Lieber 1 Brot gut belegt essen, als 2 Brote mit fettreduziertem Käse, der schmeckt wie Pappe.
 
Immer auch Gemüse dazu. IMMER! Paprika oder Tomate, saure Gurken ausm Glas (GEHEIMTIPP: kaum Kalorien, keine Zubereitungszeit nötig). Spargel ausm Glas – auch lecker und schnell aufm Teller. Thunfisch aus der Dose auch (nicht in Öl eingelegt!). Ananas ist auch gut. Also Gemüse oder Salat: Weißkohl. Lauch – auch super! Champignons frisch mit etwas Ei, super lecker.
 
Scharfes Essen ist auch gut, isst man langsamer, trinkt mehr und isst nicht so viel von.
 
Hast du Heißhungerattacken?
 
Eigentlich nicht. Ich gebe meinem Körper aber auch keinen Anlass dazu. Ich verzichte ja auf nichts. Damit hat der Körper alles, was er braucht und muss sich nicht durch Heißhunger aufspielen.
 
 
Lauch, Erbsen, Karotten. Backofenkartoffeln mit Tomate, Pepperoni und Schinken. Tomatensalat mit gekochtem Ei. Lachs mit Spargel und Tomaten. Gebackener Feta mit Spinat. Obstallerlei.
 
Wie oft machst du Sport?
 
Zunächst mal ein paar Rechenspiele:
Um 1 Kilo Körperfett zu verlieren, musst du 7000 Kalorien einsparen. JA! SIEBENTAUSEND! Klingt unheimlich viel, ich weiß. Ich verballere beim Sport um die 400-500 Kalorien bei 48 Minuten Joggen. Gesetzt den Fall, ich mache 5xdie Woche Sport: 2000 Kalorien eingespart NUR durch Sport. Da hab ich noch auf keine Pizza oder Eis verzichtet. Die sind einfach weg!
Sprich: OHNE Sport geht es nicht. Alle „Diäten“ oder „Abnehmtipps“, die anderes behaupten, lügen.
Die Rechnung ist simpel: führe deinem Körper weniger Kalorien zu als er verbraucht und du nimmst ab. Und um die Kalorien, die er verbraucht zu erhöhen, machst du Sport. Ohne Sport hätte ich im Leben noch nicht so viel abgenommen. Nicht mal die Hälfte wahrscheinlich. Und das hätte mich bestimmt dermaßen demotiviert, dass ich schon längst aufgegeben hätte.
Außerdem habe ich durch das Laufen unheimlich Beinmuskeln bekommen. Das fühlt sich sagenhaft an. Die bekommst du nicht, wenn du bloß Diät machst.
 
Im Schnitt trainiere ich 4-6Mal die Woche. Meistens abends, so um 7, halb 8. Danach duschen oder baden, noch n Glas Milch mit nem Strohhalm nuckeln und dann ins Bett. Funktioniert wunderbar bei mir.
Zu Anfang hatte ich natürlich null Kondition und nach 15 Minuten „walken“ (so nennt man das doch?), hätte man mich auch vom Laufband kratzen können. Hätte ich mir aber auch denken können, teilweise musste ich ja schon eine kurze Verschnaufspause einlegen, um meine 4 Stockwerke im Haus hoch zu kommen. Und ich bin noch keine 30! Da musste definitiv was passieren.
 
Also fast tägliches Training, ich steigerte mich schnell auf 20, dann 30 Minuten, auf 35, auf 40. Auch das Tempo erhöhte ich, probierte Intervalltraining aus, ist ganz lustig.
Mittlerweile bin ich bei also 48 Minuten bei 7,8 km/h mit Intervallen von 1-2 Minuten bei 9,0 km/h. Richtige Sportler kichern da wohl etwas dabei, kann ich auch verstehen, aber ich hab bei 6,0 km/h angefangen und da finde ich diese Steigerung schon beachtlich.
Wenn ich zwischendurch nicht mehr joggen kann, mache ich kurze „Geh-Pausen“ von maximal 3 Minuten, trinke was und dann geht’s wieder weiter.
 
Ach ja: ich esse meist so gegen 5 Uhr nachmittags “zu Mittag”…dann eine Stunde warten oder 1,5 und dann Sport. Nicht direkt Sporteln nach dem Essen. Dann verbraucht der Körper nur das Essen, nicht das Fett am Bauch oder an den Schenkeln. Außerdem ist der Körper dann noch zu sehr mit Verdauen beschäftigt, man ist müde und schafft an Sport nicht so viel wie sonst. Auch nach dem Sport noch etwas warten mit Essen, lieber n Liter Wasser trinken, dann biste eh satt.
 
Ist Laufen da die beste Methode?
 
Wichtig: Ich kann dir nur raten, dir etwas zu suchen, das dir Spaß macht, wo du Ehrgeiz entwickelst. Sonst wirst du es wieder irgendwann aufgeben und hast die Kilos schnell wieder drauf. Mein Laufband ist mein Ein und Alles. Andere radeln lieber oder joggen draußen, fahren nach der Arbeit direkt ins Fitnessstudio und trainieren dort mit ausgearbeiteten Plänen an Cardio-Geräten und solchen zum gezielten Muskelaufbau. Da muss jeder das finden, was er braucht. Ich weiß z.B., dass ich nachm Schwimmen immer extremen Heißhunger bekomme, daher eher kontraproduktiv und als Hauptsportart für mich ungeeignet.
Noch ein Tipp und gilt immer: Mach Dehnübungen. In den Beinen und Armen, das tut total gut, dauert 2 Minuten und du fühlst dich danach viel fitter und bereiter, dich zu bewegen. Bevor ich morgens aufstehe, streck ich meinen Körper immer einmal durch. Man steht schon anders auf. Außerdem ist das vor und nach dem Sport Pflicht oder auch gerne mal zwischendurch.
 
Welchen Stellenwert hat der Sport für dich?
 
Der Sport muss sich gut in den Alltag integrieren lasen, ohne viel Aufwand. Sportklamotten an und ins Arbeitszimmer rüber gehen klappt bei mir wunderbar. Plan den Sport konkret in deinen Tagesablauf ein, das ist ein fester Termin und nicht etwas, was vielleicht noch angegangen wird, wenn alles andere für den Tag erledigt ist.
Doch damit nicht genug: Der Sport muss fester Bestandteil deines Lebens werden. Das Laufen ist und wird mich noch Jahre lang begleiten. Ich brauche die Bewegung um abzunehmen. Ich brauche die Bewegung, um mein Gewicht irgendwann zu halten. Die braucht jeder übergewichtige Mensch. Und setz dir Ziele: Meins z.B. ist, in ein oder zwei Jahren, mal einen Halbmarathon mitzulaufen.
So hoch setzt man zu Beginn natürlich nicht an. Aber sowas wie 30 Minuten durchhalten. Oder ne bestimmte Kilometeranzahl schaffen. Ich schaffte anfangs 2 Kilometer, jetzt locker 5!!! Allein diese Erfolge zu sehen, motiviert dich weiter. Aber wie gesagt: das funktioniert nur, wenn du einen Sport findest, der dir SPASS macht. Ich liebe das Laufen auf dem Ding. Ich bin auch schon mehrmals nur zum Spaß 100 Minuten gelaufen, nur weil ich Lust drauf hatte. Probier Sachen aus oder meld dich zu Kursen an, die 3mal die Woche sind. Zumba oder Wassergymnastik oder sowas. Ich habe auch lange Nordic Walking gemacht, das war auch klasse. Jeden Tag 40 Minuten durchn Wald…irgendwann war ich sogar bei 1,5 Stunden, weil ich gemerkt habe, wie scheiße gut das mir und meinem Körper tut.
Fahrrad fahren ist auch nicht schlecht, ballert aber natürlich nicht so viele Kalorien weg wie z.B. Joggen. Da müsstest du dann schon länger oder schneller fahren. Für mich war wichtig: Wenn ich schon Sport mache, soll er auch effektiv sein. Ich strampele mich nicht 40 Minuten ab, um 200 Kalorien zu verbrauchen und einen Hauch von Schweiß auf der Stirn zu verspüren. Nicht, wenn auch das Doppelte an Kalorien in der Zeit drin ist, selbst wenn ich danach erst mal eine Minute nur schnaufend und zitternd aufm Laufband steh.
 
Hat dein Körper mal gestreikt?
 
Oh ja, nicht nur einmal. Ich hatte die Jahre davor ja nicht, kaum oder nur unregelmäßig Sport getrieben. Mein Körper war nichts gewöhnt. Muskelkater hatte ich fast immer. Dann auch mal eine Weile Schmerzen im linken Knie. Ich probierte eine Kniebandage aus, die brachte aber nicht viel. Also fuhr ich notgedrungen das Tempo runter und „walkte“ längere Passagen und joggte nur zwischendurch. Die Muskeln ums Knie mussten sich erst langsam aufbauen, um das Knie beim Joggen besser stützen zu können. Wichtig ist, das Training bei solchen „kleinen“ Verletzungen nicht komplett zu unterbrechen, da neigt man ja gerne mal dazu. Ich meine, so ein oder zwei Ruhetage, ok. Aber nicht länger.
Da kann dein Körper zu Beginn wie ein bockiges Kind sein, dass sich beschwert, warum es jetzt bis zur Oma laufen soll, wenn es doch auch im Sessel hocken bleiben könnte. In dieser Sache brauchst du wirklich Disziplin.
Es gibt keine Ausreden. Es gibt sie einfach nicht. Du würdest nur dich selbst bescheißen. Und solche Umgangsformen wären sehr unhöflich.
 
Gibt es Phasen, in denen du einfach nicht abnimmst?
 
Oha! Wenn man nicht abnimmt, egal, was man macht…grrrrrrrrr! Da könnte ich kotzen! Ich hab meine Waage wirklich schon angeschrien. Aber meist ist es so: wenn du dann stur weitermachst, nimmst du irgendwann einen ganzen Schwung ab. Und dann ist es eigentlich auch wieder egal, ob du jeden Tag 200 Gramm weniger hast…oder eine Woche lang nichts abnimmst und dann 1 Kilo auf einen Schlag. Bei mir ist das immer so, als würde der Körper sich das aufheben, um es dann plötzlich von einem Tag auf den anderen rauszuhauen.
Es gab Phasen, in denen ich galante 4 Wochen auf ein und dem selben Gewicht fest saß. Nein, das stimmt nicht, manchmal war es auch wieder mehr. Das sind die schwierigen Zeiten. Also ja, die gibt es. Die gibt es immer.
Meist ist es so, dass der Körper da dann Muskeln aufbaut. Muskeln sind ja schwerer als Fett, deshalb geht die Waage nach oben. Aber: je mehr Muskeln, desto mehr Fett wird verbrannt. Und wenn die Muskeln dann erst mal da sind, geht das Gewicht auch wieder runter. Durch solche Phasen muss man durch, sich nicht entmutigen lassen und einfach genau so weitermachen wie bisher.
Manchmal hilft es mir, dass ich da dann eine Waage habe, die den Körperfett- und Muskelanteil misst, d.h. ich sehe, dass der Muskelanteil nach oben geht und das tröstet mich dann doch etwas.
 
Wie behältst du den Überblick? Wie oft stellst du dich auf die Waage?
 
Ich wiege mich eigentlich jeden Morgen. Da gibt es verschiedene Varianten. Manche schwören darauf, sich nur einmal die Woche zu wiegen, weil man sich sonst verrückt macht, andere stellen sich morgens und abends drauf, ich glaube, das muss jeder selbst wissen.
Ich wiege mich täglich, nicht, weil ich total besessen bin, sondern weil ich dadurch sehen kann, wie der Verlauf ist, ob das Gewicht steht oder fällt oder vielleicht sogar steigt – im letzteren Fall erhöhe ich an diesem Tag das Sportpensum, um dem sofort entgegen wirken zu können. Einmal die Woche (sonntags) notiere ich mir das Gewicht in einer Tabelle und wie viel ich im Vergleich zur Vorwoche zu- oder abgenommen habe. Manchmal auch, warum der Verlauf so ist (wenn ich z.B. mehrmals abends mit Freunden essen war und ich dadurch zugenommen hab)…damit ich mit der Zeit die Faktoren kenne, die zu einer Gewichtsveränderung führen.
Zu Beginn nahm ich im Schnitt fast 4 Kilo pro Monat ab. Das ist schon recht viel, aber mir fehlte nichts und so lange das hauptsächlich durch Sport geschieht, ist es auch ok. Mein Rekord waren 4,5 Kilo.
Die letzten Monate waren es immer so zwischen 2,2 und 2,8 Kilo.
Nach den gesamten 6 Monaten habe ich im Schnitt 3,4 Kilo im Monat abgenommen. Damit bin ich mehr als zufrieden.
Es ist ja auch so: Wenn du 120 Kilo wiegst und 5 Kilo abnimmst, ist das ja etwas vollkommen anderes als wenn du 65 Kilo wiegst und 5 Kilo abnimmst. Vom Prozentanteil her macht das ja einen riesigen Unterschied. Daher ist es ok und normal, dass du nicht jeden Monat 4 Kilo abnimmst. Je mehr du schon an Gewicht verloren hast, desto „weniger“ schaffst du monatlich. Das sollte aber auch kein Wettrennen sein, Hauptsache, die Richtung auf der Waage, nämlich nach unten, stimmt. Es gibt super gute Monate und solche, in denen sich kaum was bewegt.
 
Was ist dein Traumgewicht?
 
Mein Ziel sind 30-35 Kilo abzunehmen. Ich will in den unteren Normalbereich für Frauen meines Alters. Mein BMI lag weit über den 30, also richtig, richtig ungesund. Mittlerweile bin ich bei 26, normal wäre 20-25.
Irre, oder? Dass ich über 30 Kilo abnehmen kann und dann das wiege, was eine Frau in meinem Alter normalerweise eben so wiegt. Erschreckend.
Ich würde gerne runter auf 60 oder 61 Kilo und dann das Gewicht da halten. Mittlerweile habe ich wieder eine Taille und eben Muskeln in den Beinen…sowas hatte ich noch nie!
Es kann aber auch gut sein, dass ich bei 64 Kilo (die ich ja schon mal hatte) sage, das passt so. Ich klammere mich da nicht so sehr an eine Zahl. Ich muss mich nackt im Spiegel angucken und sagen können: „Jawohl, so sieht das gut aus.“
 
Wie viel Zeit nimmst du dir dafür?
 
Wie lange ich brauchen werde, um mein Traumgewicht zu erreichen, weiß ich im Endeffekt nicht. Ich habe mir mal grob ein Zeitfenster von einem Jahr gesetzt, sprich: bis Mai will ich das schaffen. Aber wie gesagt, ob das klappt, keine Ahnung. Das wird man sehen. Wenn nicht, mache ich noch 1 oder 2 Monate weiter mit dem hohen Sportpensum. Danach reduziere ich den Sport. Ernährung bleibt eigentlich so wie sie jetzt ist! Wie gesagt: da fehlt mir nichts. Da muss ich dann sicherlich auch noch etwas experimentieren, wie oft der Sport dann auf dem Plan steht bzw. wie es wird, wenn ich abends eben doch wieder öfter ne Scheibe Brot zu meinem Gemüse esse. Aber nach ein paar Monaten sollte sich das auch eingependelt haben.
 
 
Letzter Tipp: Nimm’s nicht zu ernst. Mach Witze drüber!
 
Als ich kurz davor war, die 20 Kilo zu knacken und eine Bekannte fragte, wie es denn aktuell aussieht, bekam sie folgende Mail:
„Und wir haben nur noch 1,4 Kilo, bis die magische Grenze von 20 Kilo geknackt ist. Ja, Sie haben richtig gelesen. 1,4 Kilo gilt es, in 2 Wochen weg zu killen. Ein an sich realitisches Ziel, hätte man keinen Körper, der 4 Wochen lang den Tyrannen hat raus hängen lassen und eine Waage, die jeden Tag ein neues Gewicht zusammen würfelt. Oder zumindest scheint es so. Es liegen also noch mehrere Steine im Weg bis zum Ziel, wir sind gespannt.
Wird es Miri in der verbleibenden Zeit schaffen?
Kann das Laufband helfen?
Und warum kichert es leise im Kühlschrank?
 
Verpassen Sie es nicht und bleiben Sie dran. Weiter geht es gleich nach der Werbung!“Vergleich nach 5,5 Monaten.
 
 
In diesem Sinne gutes „Verlieren“.
 
 
 
Vergleich.
Ahoi!
 
 
 
 
 
 

Vorgeschichte und Klick im Kopf.

9 Nov
Genau heute auf den Tag ist es ein halbes Jahr her, seit ich mit dem Abnehmen begonnen habe. Grade mal 6 Monate und ich habe 20,4 Kilo verloren. Und will sie nie mehr wieder finden.
 
Klick gemacht hat es in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 2013, als ich von jemandem geküsst wurde, den ich schon längere Zeit irgendwie toll fand, aber nie dachte, dass ich sein Typ Frau wäre. Und das hat nichts mit geringem Selbstbewusstsein zu tun, das hatte ich mir -trotz der Kilos, ich wog damals gut über 90 Kilo- einigermaßen bewahrt. Aber hier, ihr wisst schon, Sportler, durchtrainiert, könnte sein Geld mit Modeln verdienen. Und daneben dann ich…öhem.
Wie auch immer – ziemlich berauscht und noch übelst verwirrt – schlüpfte ich am nächsten Tag in meine Sportklamotten und betrat mein Laufband. Ohne groß nachzudenken. Und ich habe plötzlich Spaß an Sport. Fragt mich nicht warum, es ist so.
 
Mein Laufband – ich müsste ihm eigentlich mal einen Namen geben, ich habe ihm nämlich alles zu verdanken. Letztes Jahr zog ich nach Hamburg. Größere Wohnung, ein paar neue Möbel und am Ende blieb diese eine Ecke im Arbeitszimmer frei. Schiefe Wände, lustig geschnitten, für Regale total unpraktisch. Ich wusste nicht so recht, was ich damit anfangen sollte.
Und dann war abends eine Freundin zu Besuch und wir überlegten, mal ins Fitnessstudio hier zu gehen, uns das mal anzuschauen. Bis ich in schallendes Gelächter ausbrach, weil ich von meiner Wohnung aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln locker 40 Minuten dahin brauchen würde. Nie und nimmer bekäme ich mich dazu, da im Winter, abends um sieben, im Stockdunkeln, durch Schneematsch und Regen hinzufahren. Da kannte ich meinen inneren Schweinehund viel zu gut. Der mag’s bequem. Ohne viel Aufwand.
Und als mich meine Freundin fragte, was ich denn in meinem früheren Fitnessstudio so gemacht hätte und ich: „Eigentlich war ich meistens nur aufm Laufb…“ sagte, unterbrach ich mich selbst, sprang auf, holte einen Zollstock, maß diese eine Ecke im Arbeitszimmer aus und begann zu grinsen. Da würde ein Laufband hin passen. Ein eigenes Laufband. Direkt bei mir zu Hause. Wie geil wäre das denn?
Nach etwas Recherche und einer Buchung auf meiner Bank-Karte, die etwas weh tat, trugen kurz darauf zwei Männer mit Autoreifen als Oberarme, ein 120 Kilo schweres Laufband 4 Stockwerke hoch. Altbau, jede Menge Stufen. Ich entschuldigte mich andauernd und gab ihnen ein gutes Trinkgeld. Da stand es nun. Mitte November war das.
 
Warum ich dann erst im Mai richtig mit dem Training anfing? Nun, eine Weile konnte ich noch meinen Fuß als Ausrede benutzen. Mit dem war ich nämlich einen Tag vor Lieferung böse umgeknickt und hatte mir mein Sprunggelenk versaut. Das legte mich über Wochen lahm. Eine Weile humpelte ich also mit einem Tape-Verband und/oder einer Fußschiene bloß an meinem Laufband vorbei. Und danach…tja….irgendwie fehlte mir der Startschuss…bzw. Startkuss.
 
Zur Vorgeschichte: Irgendwie wuchs ich mit den Begriffen „moppelig“, „was aufn Hüften“, „mollig“ oder „pummelig“ auf. Hätte ich wohl von meinem Papa geerbt. Tja. Blöde Gene, kann man nix machen. Wenn ich mir heute Fotos anschaue, auf denen ich so 9 oder 10 bin, finde ich mich nicht zu dick. Aber irgendwie fühlte ich mich mein Leben lang so. In der Pubertät wurde es dann aber wirklich kritisch. Meine Mutter versuchte, mich zu gesunder Ernährung zu bringen, kochte fett- und kohlenhydratarm. Weil ich das wusste, stopfte ich mir in der Cafeteria in der Schule vorher noch schnell ein paar Pommes rein, daheim gab’s das ja nie.  Wegen meines Gewichts wurde ich in der Schule übrigens derbe gemobbt – sehr unschön, aber darüber mag ich gar nicht groß sprechen.
Ich versteckte Süßigkeiten und aß heimlich. Klassisches Programm. Sport war auch nie so meins gewesen. Ich hatte phasenweise Motivation, ging mal 2 Wochen lang fast täglich schwimmen oder morgens vor der Schule mit meiner Mama runter ins Feld joggen. Dann kam immer was dazwischen oder ich war zu müde oder was weiß ich. Ganz klassisch eben.
Erst als ich von daheim auszog und in München anfing zu studieren, da wollte ich plötzlich nicht mehr so aussehen. Was mag ich da gewogen haben? Locker über 90 Kilo, vielleicht wars sogar dreistellig. Und die ersten Semesterferien tat ich eigentlich nichts anderes als lange zu schlafen, mich von einem kleinen Teller Reis mit Tomatensoße und Karotten und einem Apfel zu ernähren (eigentlich fast jeden Tag) und dazu eine Stunde Nordic Walking zu machen. Jaaaa genau, den „Alte-Leute-Sport“. Aber mit den Massen, die ich mir bis dahin angefuttert hatte, war Joggen einfach nicht mehr drin…das hätte eher was von einem rollenden Nilpferd gehabt.
Wie viel ich damals genau abnahm, kann ich nicht sagen. Ich stellte mich nicht auf die Waage, ich merkte nur irgendwann, dass mir meine Klamotten zu groß wurden. Müssten aber auch locker über 20 Kilo gewesen sein. Zeitraum: vielleicht 8-10 Monate. Im Jahr darauf fuhr ich für ein paar Monate nach Peru, reiste dort als Backpacker umher. Dabei verlor ich dann die letzten überzähligen Pfunde und wog danach 64 Kilo und war rundum happy. Bei einer Größe von 1,69m sah das wunderbar aus.
Im Alltag pendelte es sich dann auf 68 oder 69 Kilo ein und damit war ich zufrieden. Mit dreimal Sport die Woche konnte ich mein Gewicht auch gut halten ohne dass ich großartig aufs Essen hätte aufpassen müssen.
Aber dann! Dann kam das Examen, es kam das Aus meiner bisher wichtigsten Beziehung, es kam Lernstress und Schreibtischhockerei. Über Monate. Ich nahm wieder zu.
Mit satten 83 Kilo fuhr ich ein gutes halbes Jahr später nach Ecuador, arbeitete dort in einer Tierauffangstation mitten im Regenwald. Von 7 Uhr morgens bis um 5 Uhr nachmittags eigentlich ständig in Bewegung, Futtereimer schleppen oder 1-stündige Touristentouren machen. Ich aß dort für mein Empfinden sehr viel, aber durch die Bewegung, das Klima usw. purzelten die Pfunde automatisch. Nach 2,5 Monaten fuhr ich mit 74 Kilo wieder heim. Eigentlich ein wunderbarer Start.
Weiter reduzieren bzw. halten konnte ich mein Gewicht nicht. Ich zog nach Würzburg und mein Referendariat begann. Stress, Druck, noch mehr Schreibtischhockerei. Privat ging es mir in dieser Zeit auch mehr als beschissen. Ich aß. Und aß. Und aß ungesunde Sachen und noch mehr davon, es gab da eigentlich kein Halten mehr. Mir wars da auch echt eine Weile lang egal, wie ich aussah. Klar nervte einen der Blick in den Spiegel. Aber dann schaute man einfach nicht mehr rein. Ging auch. Irgendwann meldete ich mich dann im Fitnessstudio an, ging auch eine Weile brav und regelmäßig hin…aber lange hielt ich nicht durch. Alles nur so halbgare Versuche.
 
Irgendwann hatte ich es satt. Mein Leben dort. Es gefiel mir nicht. Ich hatte keinen richtigen Freundeskreis, keiner meiner Leute wohnte auch nur in der Nähe. Einen Freund hatte ich auch nicht. Gut, der Job war ok, meine Klasse war toll, ich liebte meine kleinen Pimpfe. Aber privat hatte ich mich einfach 3 Jahre lang nicht nach vorne bewegt. Noch nicht mal irgendwie bewegt. Ich saß oder lag ja nur faul rum.
Ich beschloss, mich nach Hamburg zu bewerben. Da wollte ich immer schon hin (siehe hier).
Bewerbung check.
Einstellungsgespräch check.
Job bekommen check.
Wohnung finden check.
Amtsarzt wegen Verbeamtung…wuuups! Stopp!
Ich hatte eh schon etwas Bammel vor der Untersuchung, weil mein BMI weit über den 30 lag. Und der Arzt schaute auch…nun…leicht skeptisch drein. Ich versicherte ihm, dass ich abnehmen wolle und dass das durch Ref und so blöderweise…aber jetzt…und Neustart und überhaupt.
Er überlegte und meinte, er wolle mal noch meine Akte aus München anfordern und dann solle ich in 2 oder 3 Wochen noch mal kommen und „vielleicht sieht man dann ja eine Tendenz“.
Ich ging heulend aus dem Gebäude. Der Traum von Hamburg geriet ins Wanken. Und zwar nicht unwesentlich. Tendenz. Tendenz hieß für mich 3 Wochen lang keine Kohlenhydrate, kein Fett, kein Zucker, täglich Sport. Es war ekelhaft. Einen Tag vor der Untersuchung nahm ich sogar Glaubersalz und so Zeug zum Entwässern. Beschiss hoch drei und völlig unsinnig. Gesund wars auch nicht, aber ich wog über 4 Kilo weniger am Ende. Das war der erste Augenblick in meinem Leben, in dem ich fürchterliche Angst hatte, dass mein Gewicht mein Leben maßgeblich negativ beeinflussen könnte. Der Arzt guckte, notierte, gab Zahlen in seinen Taschenrechner ein, während ich noch mal betonte, dass das Abnehmen ja nicht nur wegen der Verbeamtung, sondern auch ein persönliches Ziel von mir wäre und ich hätte in Hamburg auch Unterstützung und so, als er mich unterbrach und meinte, er glaubt mir das und will mir nur deswegen jetzt nichts kaputt machen und es wäre so ok.
Ich glaube, ich war noch nie in meinem Leben so erleichtert gewesen wie damals.
 
Lange Rede – kurzer Satz: Ich konnte nach Hamburg ziehen, der Traum wurde wahr. Und dass das klappte, dass ich mir das aus eigener Kraft selbst organisierte und alles so gut lief…das war so wunderbar und gab mir so viel Motivation und Freude zurück, so dass ich das Abnehmen dann als nächstes auf meiner Liste hatte. Wenn ich mein Leben innerhalb weniger Monate so umkrempeln konnte, dann musste ich das bei mir selbst und meinem Körper doch auch können.
 
Et voilà, es hat geklappt bzw. klappt noch immer. Ich bin voll dabei und finde es faszinierend, wie sich mein Körper verändert und ich meinem Ziel immer näher komme.
Wie das nun im Detail aussieht, Sport, Ernährung tralala, erfahrt ihr im nächsten Blogpost. Solltet ihr Fragen haben, stellt sie mir unten in den Kommentaren. Dann beantworte ich sie gerne.
 
Ahoi.
 
 
 P.S. Aus der Sache mit dem Sportler und mir wurde zwar nichts. Aber der Kuss war einfach der Hammer!
 
 
 
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