(Horizontal-)sport

6 Sep
Hallo und herzlich Willkommen zu einer neuen Ausgabe von
„Fit und gesund durch Horizontalsport“.
 
Heute begleiten wir das Pärchen Hanno Hantelbank und Bianca Bizeps, die uns zeigen werden, wie sexy man sich und seinem Körper etwas Gutes tun kann. Wir schalten nun live zu den beiden auf die Yogamatten.
 
 
„Schätzchen, etwas tiefer noch…jaaaa…so ist es gut…schön reingehen in die Bewegung. Genau so. So dehnen wir die Oberschenkelaußenseiten ganz gezielt.“
„Ich muss schon sagen, Bianca, dein Brustgurt passt wunderbar zu dem verschwitzten Sport-BH, den du trägst.“
„Danke, meine Pulsuhr sagt, wir müssen noch aktiver werden, damit wir in den perfekten Fatburner-Bereich kommen.“
„Kommen…gnihi.“
„Soweit sind wir noch lange nicht, Hanno.“
„Lang…gnihi.“
„Jetzt reiß dich mal zusammen. Wir haben immerhin Zuschauer.“
„Ach ja, stimmt. Dann zeigen wir jetzt mal ein paar Übungen, wie Sie die intime Zweisamkeit ganz einfach in ein komplettes Körper-Workout umwandeln können. Wer braucht schon Liebe, wenn er Muskeln haben kann?“
„Genau. Verbundenheit zu einem anderen Menschen ist total out, verbrennen Sie statt dessen lieber überflüssige Kalorien. Sie wollen Ihren Mann so richtig an- und dabei gleichzeitig Sport machen? Kein Problem. Beim Ausführen der Übung ‘Hampelmann’ zum Beispiel…nackt versteht sich…da hüpfen die Brüste sehr schön auf und ab.“
„Uhhhh ja, da steh ich drauf. Und die Männer stellen sich dann etwas weiter als hüftbreit hin, gehen schön in die Knie und schieben das Becken dann vor und zurück. Das ist eine wunderbare Lockerungsübung und fesselt den Blick der Frau, glauben Sie mir das mal.“
„Und sieht auch gar nicht affig aus…“
„Hast du was gesagt, Schatz?“
„Ähm…sieht fantastisch aus, Honey.“
„Yeah. Noch 3…noch 2…noch 1…und noch mal 5…“
„Aber nicht nur im Stehen wird das Vorspiel zum perfekten Cardiotraining. Auch im Liegen lässt sich das ein oder andere Set einplanen.“
„Wieso führen wir das den Zuschauern nicht mal vor?“
„Das ist eine tolle Idee, Hanno.“
„Danke Bianca.“
„Für die erste Übung legt sich die Frau auf den Rücken, der Mann legt sich zwischen ihre Beine. Früher nannte man das Missionarsstellung, wir nutzen diese Gelegenheit aber, um seitlich vom Körper des Mannes mit den Beinen etwas ‘Fahrrad zu fahren’.“
„Und der Mann kann in seine Auf- und Abbewegungen locker noch die ein oder andere Liegestütze einbauen.“
„Um die erotische Stimmung dabei aufrecht zu erhalten, sollten sie nur im Kopf und nicht laut mitzählen.“
„Ermutigungssprüche zum Durchhalten sind aber durchaus möglich, man muss sie nur gezielt formulieren. So etwas wie: ‘Spürst du die Spannung tief in dir drin.’ kann man schließlich so oder so auffassen.“
„Apropos ‘fassen’. Wenn Sie Ihre Partnerin so anfassen…mach mal grad, Hanno…wird sie im Hamdumdrehen zur praktischen Ganzkörperhantel.“
„Ich wüsste ja noch was, was du im Handumdrehen…“
„Hanno, ich bitte dich. Das steht nicht im Trainingsplan!“
„Etwas, was steht, hab ich auch.“
„Orrr. Du machst die ganze romantische Stimmung kaputt.“
„Wie viele romantische Kalorien hast du denn schon verbraucht, Bianca?“
„Erst 245. Du?“
„310, Baby.“
„In diesem Fall, liebe Zuschauer, sollten Sie fair und gerecht mit Ihrem Partner umgehen. Jeder hat das Recht auf ein effizientes und ausgeglichenes Training. Daher sollten wir die Position wechseln, so dass ich mal nach oben kann.“
„Ich kann ja, während du da dann auf mir hockst, ein paar Sit-Ups machen. Kannst du nicht ganz so weit hoch rutschen?“
„Natürlich, kein Problem. Und liebe Frauen, immer schön den Hintern anspannen und wieder locker lassen – nicht vergessen.“
„Für ein Paar ist es besonders erotisch, wenn Sie bei gleicher Kalorienzahl zum Höhepunkt kommen, das verbindet und suggeriert Nähe.“
„Hach Schatz.“
 
 
An dieser Stelle verabschieden wir uns und danken Hanno und Bianca für das heutige Workout. Liebe Zuschauer, wie Sie sehen, ist es ganz leicht, Sport in Ihren Alltag zu integrieren. Selbst im Bett.
Schalten Sie beim nächsten Mal wieder ein, dann mit den Themen „Effektives Tanzen unter der Dusche“ und „Couchwälzen für Fortgeschrittene.“
In diesem Sinne: Werden Sie fick…äh…fit. FIT natürlich.
 
 

Fensterblick.

4 Sep

Das ist jetzt die schönste Zeit des Tages. Wenn sich die Sonne langsam hinunter zum Wasser neigt und den Himmel in dieses Rosa taucht. Die leichten Schleierwolken davor sich in verschiedenen Grautönen daran schmiegen und der Himmel am Horizont die gesamte Farbpalette an Pastelltönen ausbreitet.

Wenn die Wellen unten ans Ufer schwappen, noch mit Bedacht, aber mit einem deutlichen ‘Hier sind wir. Hörst du uns?’. Es ist Flut jetzt am Abend. Der vordere Strand, der morgens noch da ist und auf dem man viel besser laufen kann als dahinter im losen, tiefen Sand, wird nun überspült. Die dunklen Steine des Schutzdeiches nehmen die Wellen auf und lassen sie wieder los, ein harmonisches, eingespieltes Duo. Der zunehmende Halbmond thront stolz darüber, als ob er dafür verantwortlich sei. Ist er ja auch. Vielleicht schaut er sich das Ganze aber auch nur so fasziniert an wie wir hier unten.

Auf dem Weg vorm Haus geht die Laterne an und Pärchen laufen vorbei, Händchen haltend und sich etwas zuflüsternd. Gruppen von Jugendlichen lachen über die Ereignisse beim Grillen vorhin. Radfahrer nutzen die Tatsache, dass nun am Abend weniger los ist und setzen sich über das Fahrverbot hinweg. „Vernünftige fahren hier nicht mit dem Rad. Anderen ist es verboten.“ – ich muss immer an dieses Schild denken und wie ich schmunzelte, als ich es vor zwei Jahren das erste Mal hier um die Ecke sah.

Der Kater kommt und setzt sich neben meinen Laptop auf die Fensterbank. Ich schließe das rechte Fenster, so dass er hinter Glas sitzt, sein neugieriges Wesen verträgt nicht zu viel Freiluft ohne Auffangnetz darunter. Sicher ist sicher. Er lugt vorsichtig um die Ecke und schnuppert kurz, dann drückt er mir sein Köpfchen ins Gesicht und löscht mit der Pfote ein paar Buchstaben. Ich kraule ihn am Hals. Dann legt er sich neben mich und quietscht leise beim Atmen.

Gerade tuckert eine Fähre vorbei Richtung Finkenwerder. Keiner mehr drauf. Wer will auch so spät da noch hin? Ihre Spuren im Wasser lassen den Mann aus Holz, der auf der Elbe Wache hält, hin und her schwappen. Er steht im Schatten der Container, die gegenüber schon den ganzen Tag über aufgeladen werden auf diesen mächtigen Kahn, so lang, dass er fast die ganze Kaimauer besetzt.

Dieses ständige, tiefe Hafenbrummen hat etwas beruhigendes. Wie wenn dein alter Opa dich in den Arm nimmt und mit rauer Stimme ‘Alles gut, mein Schatz. Ich mach das schon!’ murmelt. Mittlerweile ist es richtig dunkel geworden, die Nacht bricht herein. Das geht abends recht schnell.

Die Hafengiraffen haben ihre roten Lampen an den Spitzen angemacht, nach unten strahlen sie im warmen, gelben Licht. Wie eine Art Weihnachtslichterdekoration, dabei ist es da drüben bestimmt dreckig und laut und alles voller Beton und Stahl. Hier drüben wirkt es traumhaft. Zum Seufzen schön.

Das Wasser wirkt wie gemalt, die Lichtbalken tauchen die Elbe scheinbar in flüssiges Gold. Wie tausend Schichten klarer Folie, durch die man sanft hindurch pustet, heben und senken sich die Wellen. Kneift man die Augen etwas zusammen, hat der Blick darauf etwas meditatives, es beruhigt einen bis ins Tiefste. Dazu dann noch eine dieser Windböen, die einen Hauch kühles Meer dabei haben und einem klar machen, dass alles gut ist. Dass dieser Moment gut ist. Dass man davon genießen kann, so viel man will. Es ist genug für alle da.

Duuuu Hamburg, wir haben Zweijähriges, mein Schatz.

2 Aug

Gestern stand ich mit einem unglaublich gut gekleideten, mordsmaskulinen Mann (“guter Freund” war ihm zu lasch) an den Landungsbrücken. Abends um halb 11.

Seit einigen Tagen ist in Hamburg BluePort. Wichtige Gebäude und Wahrzeichen leuchten blau oder werden blau angestrahlt. Ein Kunstprojekt. Es sieht großartig aus, auch, wenn die Masten der Rickmer Rickmers im Dunklen ein wenig gespenstisch erscheinen.

Michel

Michel

Water

Water

Rickmer Rickmers

Rickmer Rickmers

 

 

 

 

 

 

Und dann wurde zur Eröffnung der Cruise Days ein großes Feuerwerk gezündet. Das wollte ich unbedingt sehen. Nicht wegen des eigentlichen Events. Sondern weil es irgendwie so ein bisschen mein Feuerwerk war. Oder vielmehr unseres. Das von Hamburg und mir. Wir beide. Wir haben nämlich Zweijähriges.

Feuerwerk CruiseDays

Feuerwerk CruiseDays

Feuerwerk CruiseDays

Feuerwerk CruiseDays

Feuerwerk CruiseDays

Feuerwerk CruiseDays

Im Nachtrag zu meinem Text zum Einjährigen schrieb ich, was ich mir für mein zweites Jahr mit Hamburg wünsche. Unter anderem wollte ich noch mehr von der Stadt einsaugen, noch mehr neue Ecken erkunden und auch den typischen Touristenkram erleben – auch, wenn ich gar kein Tourist bin. Zum Glück. Und dann, dass ich meinen Körper weiter verändern möchte. Und dass ich gerne eine 2. Liebe neben Hamburg (nämlich in Menschenform) finden würde.

 

Was davon in Erfüllung gegangen ist? Einiges. Vieles. Nicht alles. Manches nur zum Teil. Es folgt eine Auflistung (auf eine durchgängige Chronologie sowie Vollständigkeit wurde verzichtet):

Cap San Diego

Cap San Diego

- Meinen 1. Hamburg-Geburtstag feierte ich auf der Cap San Diego mit einem grandiosen Sonnenuntergang.

 

 

- Ich habe mit meinem Bruder eine Alster-Rundfahrt gemacht.

Alster

Alster

Alster

Alster

 

 

 

 

 

 

Falafel

Falafel

- Ich habe bei einem Umzug geholfen und danach waren wir Falafel essen. Altes Schanzengesetz.

 

 

 

Pandas #WWF

Pandas #WWF

- Ich bin zwischen jeder Menge kleiner Pandabären über den Rathausplatz gelustwandelt.

 

 

 

- Ich habe flauschige Frühlingsblütenbäume und kunterbuntes Herbstlaub gesehen.

Frühling

Frühling

Frühling

Frühling

Herbst

Herbst

 

 

 

 

 

 

- Ich bin einfach mal so durch die Speicherstadt gestreift.

Speicherstadt.

Speicherstadt.

Speicherstadt.

Speicherstadt.

 

 

 

 

 

 

- Ich habe eine Schiffstour durch den Container-Hafen mitgemacht und hatte dabei das beste Vorabend-Fotografen-Licht der Welt.

Containerhafen.

Containerhafen.

Containerhafen.

Containerhafen.

Containerhafen.

Containerhafen.

 

 

 

 

 

 

Plätzchen

Plätzchen

Plätzchen

Plätzchen

- Ich habe so viele Hamburg-Plätzchen gebacken, dass ein ganzer Schiffsbauch davon satt werden würde.

Krankenhaus

Krankenhaus

 

- Ich kenne nun auch das Krankenhaus in Altona, aber nur 6 Infusionen lang. Dann durfte ich abends wieder nach Hause.

 
Hamburg rockt Alter

Hamburg rockt Alter

- Ich hab Orkan Xaver überlebt, fand das sehr spannend, habe aber keine Fotos, weil ich mich nicht raus traute. Daher einfach mal das:

 

 

Stadthausbrücke

Stadthausbrücke

- In Hamburg spielt man statt „Land-Land-Fluss“ wohl lieber…

 

 

 

Phantom der Oper.

Phantom der Oper.

- Ich war nach „König der Löwen“ in diesem Jahr auch im „Phantom der Oper“.

 

 

Ship

Ship

 

- Ich war am heißesten Tag des Jahres 2013 so verrückt, eine historische Fleetfahrt zu machen, habe unendlich geschwitzt, aber keinen Sonnenbrand bekommen.

Lesung

Lesung

- Ich habe bei 3 Lesungen mitgemacht.

 

 

 

 

 

- Ich habe dabei zugeschaut, wie die Elbe son büschen zufror und wie der Hafengeburtstag ins Wasser fiel.

Elbe

Elbe

Hafengeburtstag

Hafengeburtstag

 

 

 

 

Vergleich

Vergleich

 

- Ich habe 15 Kilo abgenommen.

 

 

- Ich war endlich öfter im Schanzenviertel unterwegs.

Schanze

Schanze

Schanze

Schanze

 

 

 

 

 

 

Barkasse

Barkasse

- Ich kenne nun Leute mit Freikarten für Barkassenrundfahrten.

 

 

 

 

- Ich bin schon mehrfach durch den alten Elbtunnel getingelt und finde es jedes Mal schön. Auch, die Skyline von der anderen Elbseite aus anzuschmachten.

Elbtunnel

Elbtunnel

Skyline

Skyline

 

 

 

 

 

 

- Ich bin um 5 Uhr zum Fischmarkt gegangen und habe eine 1,80m große Zimmerlinde 2 km durch Hamburg getragen. Das war ein seltsamer Sonntag.

Fischmarkt

Fischmarkt

Fischmarkt

Fischmarkt

Fischmarkt

Fischmarkt

 

Krameramtsstuben

Krameramtsstuben

- Ich habe endlich die Krameramtsstuben besucht. Nur umme Ecke und hach, so niedlich.

 

 

St. Pauli

St. Pauli

- Ich war auf einem St-Pauli-Spiel. Gut, wir haben verloren, aber der Sonnenuntergang war grandios.

 

 

- Ich habe die Alster und Planten un Blomen als neue Laufstrecken für mich erobert und liebe es.

Planten un Blomen

Planten un Blomen

Alster

Alster

Alster

Alster

 

 

 

 

 

- Die Michelwiese ist meine Hood.

Michelwiese

Michelwiese

Michelwiese

Michelwiese

Michelwiese

Michelwiese

Michel

Michel

Michel

Michel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

WM

WM

- Die Fußball-WM wurde auf einer Dachterrasse in der Hafencity zelebriert.

 

 

 

Landungsbrücken

Landungsbrücken

- Ich stand nachts an den menschenleeren Landungsbrücken und habe ein Poetry-Slam-Gedicht darüber geschrieben.

 

 

Kleine Dinge

Kleine Dinge

Kleine Dinge

Kleine Dinge

- Ich habe kleine Dinge gesehen und festgestellt, selbst die passen zu Hamburg.

 

 

Nachtlauf

Nachtlauf

Nachtlauf

Nachtlauf

- Ich habe im Juni beim 10. Sport Check-Nachtlauf teilgenommen, eine neue, persönliche Bestzeit geschafft und finde es nach wie vor verrückt, dass ich das durchgezogen habe.

- Ich war sehr oft am Strand. Da habe ich mal einem Kreuzfahrtschiff gewunken und es hat dann bestimmt nur für mich zurück genebelhornt. Das war schön.

Strand

Strand

Strand

Strand

Strand

Strand

Strand

Strand

Strand

Strand

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

- Hamburg bei Nacht ist immer sehr großartig (das wusste ich im 1. Jahr aber auch schon).

Rathaus

Rathaus

Alster

Alster

Michel

Michel

 

 

 

 

 

 

 

- Ich habe große Pötte gesehen.

QM2

QM2

QM2

QM2

 

 

 

 

Michel&Miri

Michel&Miri

- Meine Mama, mein Papa und mein Bruder kamen mich alle nacheinander besuchen und finden es wohl doch ganz in Ordnung, dass ich in Hamburg lebe.

Rathaus

Rathaus

 

 

 

 

 

- Ich habe ein großes Twitpicknick an der Alster veranstaltet mit Seifenblasenmaschine und Grammophon und dringend für wiederholungswürdig befunden.

Picknick

Picknick

Picknick

Picknick

 

 

 

 

 

 

Duuu Hamburg? Machen wir doch genau so weiter, denn wir sind so voll perfekt füreinander, nä?

 

 

P.S. Ach so, liebe Liebe, noch ein Hinweis für dich…MACH MA HINNE!

Vorbildfunktion.

21 Mai
Ich bin auf dem Weg zu einem Treffen, auf das ich eigentlich nicht viel Lust habe. Es ist persönlicher Natur. Doofer persönlicher Natur.
Treffpunkt Landungsbrücken, von meiner Wohnung aus etwa 10 Minuten zu Fuß. Wenn man trödelt.
 
Etwas vermuffelt ob der Dinge, die mich erwarten würden, trabe ich über die letzte Fußgängerampel und bin fast schon da, als ich von links ein eher barsch angehauchtes: „Danke für’s Vorbild!“ vernehme.
Eine Sekunde lang bin ich irritiert, ob dieses beleidigende Etwas mir gilt, drehe den Kopf und blicke auf einen vorwurfsvoll kopfschüttelnden Mann mit seiner kleinen Tochter an der Hand, die an eben dieser Ampel, die ich überquerte, stehen und warten.
Nun ist es ja so und diese Tatsache fiel mir in Hamburg erst nach einer Weile auf: Manchmal sind Fußgängerampeln in eine Richtung noch Grün, in die andere aber bereits Rot. Ich begründe das für mich selbst mit der unterschiedlichen Anzahl von zu überquerenden Fahrbahnspuren nach dieser kleinen Mittelinsel, bin mir aber bis heute nicht sicher, ob das so stimmt. Auf jeden Fall stoppt man so die Menschen lieber gleich komplett auf der einen Seite, als dass sie dann eine ganze Ampelphase in der Mitte auf beiden Seiten von Autos und LKW umbraust werden.
 
Auf jeden Fall bin ich mir zu 100% sicher, bei Grün über die Straße gegangen zu sein.
Und nun steht da dieser Typ, Mister Super-Dad, der seine Tochter zu verkehrsbewusstem Verhalten erziehen will. Und alle fiesen Gestalten, die diesen Plan nur ansatzweise verhindern, werden verbal von ihm vernichtet. Und in seinen Augen bin ich jetzt das Negativ-Beispiel. Eine, die zeigt, wie man es nicht macht. Ich zögere noch mal einen Moment, um zu überlegen, ob ich mit dem Ignorieren dieser falschen Bemerkung leben könne, mache dann nach drei Schritten auf dem Absatz kehrt, gehe auf ihn zu und zeige mit einem: „Verzeihung, sehen Sie da oben die Ampel?“ auf das grüne Männchen, das freudig für die Menschen leuchtet, die aus der selben Richtung kommen wie ich eben.
Er schaut etwas verwirrt nach oben, dann wieder zu mir.
„Wie Sie vielleicht sehen“, erläutere ich in einem betont höflichen Ton, „bin ich durchaus bei Grün über die Ampel gegangen. Oh, und was Sie nicht wissen konnten: Ich bin Lehrerin und weiß dadurch sehr wohl, wie man sich an Ampeln gegenüber Kindern verhält. Aber vielleicht sollten Sie sich mal überlegen, welches Vorbild Sie für Ihre Tochter abgeben, wenn Sie einfach ungerechtfertigter Weise fremde Leute auf der Straße anpöbeln. Schönen Tag noch.“
 
Ich hinterlasse einen völlig perplexen Super(beschämten)-Dad, der sich bemüht, seinen tief hängenden Unterkiefer wieder zu kontrollieren und gleichzeitig den Kragen seines Mantels peinlich berührt nach oben klappt und im Weggehen höre ich nur noch eine süße, hohe Mädchenstimme, die neugierig zirpt: „Papa, wer war die Frau?“
 
 

Lars.

18 Jan
„Heute fast nur Lehrer hier, sorry.“
„Ach du Scheiße!“
Lars muss lachen, als er mich zu einer Gruppe Leute schiebt und mich vorstellt.
Ich kenne kaum jemanden hier, ist auch das erste Mal, dass ich ihn privat treffe. War auch alles recht spontan, ich hab ihm gestern nur schnell zum Geburtstag gratuliert und dann lud er mich gleich für heute ein.
Gartenparty hinterm Haus.
Mit Grillen und Bier trinken und so.
Das Wetter ist gut, nicht herausragend, aber trocken. In Hamburg ja auch nicht selbstverständlich. Trotzdem hat er mit Freunden noch ein paar Pavillons aufgebaut mit Bierbänken und Tischen. Überall stehen Schüsseln mit Brot und Salat. Ich stelle meine dazu, als er mich gespielt empört anguckt.
„Ich hab dir doch extra geschrieben, dass du nichts mitbringen brauchst.“
„Tja…was soll ich sagen? Der Nudelsalat stand einfach so in der Küche rum und ich dachte, ich brauch den eh nicht…“
Er hat Grübchen beim Lächeln. Wie ich.
„Danke, voll lieb von dir.“
„Gerne.“
 
Er drückt mir ein Astra in die Hand und wir stoßen an.
„Bin gleich wieder da, muss kurz Gastgeber spielen.“, entschuldigt er sich und begrüßt die Leute, die eben aus der Kellertür nach draußen in den Garten treten. Er wohnt im Hochparterre, ich sehe die offene Wohnungstür. Drinnen spielt Musik.
Komisch, plötzlich so in dem Leben eines anderen zu stehen. So richtig viel zu tun miteinander hatten wir bisher nicht. Wir sehen uns auch nur einmal die Woche in der Klasse. Sonst vielleicht mal noch aufm Flur oder beim Kopieren.
Jetzt steht er da, fährt sich durch seine blonden, strubbeligen Haare und lässt sich brav gratulieren. Er trägt einen Kapuzenpulli, anders kenne ich ihn auch fast nicht. Dass er unter anderem Sport als Unterrichtsfach hat, passt zu ihm wie Arsch auf Eimer.
Die Truppe von eben spricht mich an, woher wir uns kennen und was ich so mache.
Lehrer-Gespräche. Nie langweilig, nur für Außenstehende. Was ich absolut nachvollziehen kann. Aber die sind ja heute wohl eh Mangelware.
Mit einem Mädel versteh ich mich auf Anhieb gut. Marie – erzählt wie ein Wasserfall, dass sie ja eigentlich nur auf der Durchreise sind, sie und ihr Freund, und hoch ‘gen Norden wollen, aber heute Abend noch weiter zu fahren mache ja auch kaum Sinn, weil das ja bestimmt länger gehen würde heute und also schlafen sie dann nachher einfach in ihrem VW-Bus und dann können sie morgen ganz früh…
„Ihr habt einen VW-Bus?“, unterbreche ich sie begeistert.
„Ja, also mein Freund und ich haben uns den gekauft.“
„Kann ich den mal sehen? Ich mag VW-Busse voll.“
„Klar, dann los. Haben direkt vorm Haus geparkt.“
Auf dem Weg nach draußen begegnen wir Lars, der gerade Bierkästen im Durchgang stapelt.
„Kommste mit Bus angucken?“, fragt Marie.
 
„Boa, mit so nem Ding losfahren und abends am Strand parken, mit nem Bier aufm Dach hocken und aufs Meer gucken…“, schwärme ich draußen leise vor mich hin und fahre mit den Fingern über die Motorhaube, während Marie die Schlüssel in ihrer bunten Umhängetasche sucht.
Lars schaut mich überrascht an.
„Was?“, frage ich, leicht verunsichert wegen seines Blicks.
„Ich glaube, wir sollten mal zusammen Urlaub machen.“
„Weil gleiche Vorstellungen davon?“
„Eeexakt.“
Ich lächle.
 
Wir quetschen uns zu dritt auf die Rückbank, erst Marie, dann ich, dann Lars. Maries Freund kämpft vorne mit dem Radio.
„Oh. Ich sitz auf deinem Rock.“, entschuldigt sich Lars.
„Macht nichts, er beschwert sich ja nicht.“, grinse ich zurück.
Er lehnt sich von innen an die Scheibe, während uns Maries Freund von dem Kauf dieses Traumwagens berichtet.
„Und das kann man hier dann alles zu nem riesigen Bett ausklappen, haben wir selbst rein gebaut“, erzählt Marie stolz.
„Geiles Teil“, flüstert Lars.
Du auch, denke ich und beiße mir auf die Lippen. Das dachte ich übrigens auch, als ich ihm an meinem ersten Tag in der neuen Schule begegnete. Männliche Lehrer sind ja im Bereich Förderschule so oder so eine Rarität. Und wenn man welchen begegnet, sind die dann meist Anfang 40, verheiratet, haben zwei Kinder, ne hübsche Ehefrau und nen Golden Retriever. Oder sie haben eine seltsame Brille mit runden Gläsern auf der Nase, lange, ungepflegte Haare, studierten Sonderpädagogik nur, weil sie das während ihrer Zivi-Zeit voll knorke fanden und tragen bestimmt Unterwäsche mit nem hohen Hanfanteil.
Lars dagegen…hat einen tollen Klamottengeschmack, ist ein paar Monate älter als ich, besitzt eine infantile, ansteckende Einstellung, die mir sehr gefällt. Dazu Typ Surfer, alles locker und lässig und ein verstörend gutes Aussehen.
Ich hatte mich gleich im zweiten Satz verhaspelt und blamiert, als er fragte, seit wann ich hier wäre und ich „Öh, seit so 10 Minuten“ stotterte und er lachte: „Ich meinte, seit wann du in Hamburg bist.“
Und seitdem wusste ich, ich mag den irgendwie. Allerdings dachte ich bis heute, einer wie er hat sicherlich eine Freundin. Er ist auch nicht frisch hier hoch gezogen oder so, er wohnt quasi schon immer hier. Aber wäre eine feste Freundin an seinem Geburtstag nicht auch da? Nun…
 
Im Verlaufe des Abends fallen dann doch noch ein paar Tropfen, so dass es auf den Bänken recht kuschlig wird. Lars sitzt am Nebentisch, Rücken an Rücken. Plötzlich lehnt er sich an und lässt seinen Kopf nach hinten auf meinen fallen.
„Du hast die perfekte Größe, voll gemütlich.“
An seiner Stimme höre ich, dass er dabei grinst.
„Na vielen Dank auch.“
Ein paar Mädels bringen Kerzen für die Tische, weil das Grillfeuer seinen Dienst auch getan hat und es schon mehr als dämmrig ist.
Lars dreht sich zu mir um.
„Magste die Wohnung mal eben sehen?“
„Klar.“
Ich stapfe ihm etwas tollpatschig durch die Wiese nach und rutsche auf dem nassen Gras weg, kann mich aber noch aufrecht halten.
„Zu viel Bier?“, witzelt er.
„Der Boden ist nass, ja?“
„Joa sicher…der Boden.“
„Ach, halt die Klappe.“
 
Und schon stehe ich vor der nächsten Herausforderung. Ein dunkler Kellergang. Ein wirklich sehr dunkler Kellergang.
„Der Lichtschalter ist oben.“
„Na, da hat ja einer mitgedacht.“
Ich taste mich vorsichtig an der Wand entlang. Lars ist plötzlich nicht mehr vor mir. Ich kann nicht mal meine Hand vor Augen erkennen.
Dann hör ich ihn von der Treppe oben.
„Ich glaub, das Licht ist kaputt. Geht’s?“
„Äh….nein?!?“
Ich stehe im Nichts und komme mir doof vor.
Dann höre ich Schritte, gleich darauf ertastet seine Hand meine.
„Na los, Angsthase.“
„Ey, schwarze Löcher sind nichts gegen deinen Keller.“
 
Seine Wohnung gefällt mir, vor allem, weil es gleich links in der Küche Weißwein gibt. Lars stellt mir seinen Bruder vor und der gießt mir dann ein. Im Badezimmer tummeln sich ein paar Badeenten am Waschbecken, ich muss grinsen. Der helle Parkettboden im Flur ist schön, sieht abgeschliffen und geölt aus. So schön, dass man mit der Hand mal drüber streichen möchte, was man dann aber sein lässt, weil einem einfällt, dass da heute schon bestimmt 40 Paar Schuhe ausm Garten drüber gelaufen sind.
Das Wohnzimmer ist fast zu bunt für einen Mann.
„Das sagen viele.“, meint er und drückt die Tür zum Schlafzimmer auf. Ich bleibe etwas unsicher im Türrahmen stehen, wäre seltsam, da hinein zu gehen. Ein frei stehendes Bett, ein Teppich, lange Gardinen. Wirklich gemütlich.
„Du hast den Schreibtisch auch nicht im gleichen Zimmer wie das Bett, ne?“
„So weit käm’s noch“, lacht er, „abends will ich das Zeug echt nicht mehr sehen.“
„Und…du wohnst also allein?“
„Ja, seit einiger Zeit wieder.“
Soso.
Im Rausgehen greift er die Flasche Weißwein, aus der mir eben eingeschenkt wurde.
„Die nehmen wir gleich mal mit.“
„Mir schwant Böses.“
„Ach iwo.“
 
Mittlerweile ist es nach Mitternacht, einige Gäste sind schon gegangen. Wir sitzen mit ein paar Leuten wieder im Garten auf den Bänken. Lars links neben mir. Ich hantiere mit dem abgetropften Wachs der Kerze auf dem Tisch.
„Spielkind.“
Er knufft mich in die Seite.
„Ich hör ja schon auf!“, grummle ich, schnappe mir eine leere Bierflasche und beginne, das Etikett ab zu knibbeln.
Er beugt sich zu mir rüber und meint: „Das mach ich auch immer.“
Wir schauen uns kurz grinsend an. Wirklich nur kurz, lange kann ich seinen Augen nicht stand halten.
 
Nach einer Weile spüre auch ich die Müdigkeit, die immer mehr Leute zum Gehen bewegt. Ich mag aber noch nicht heim, es ist gerade so nett.
Ich lehne mich etwas an Lars’ Schulter an, er reagiert und streicht mir sanft durchs Haar. Schönes Gefühl. Dann muss er aufstehen, um Marie und ihrem Freund ‘Gute Nacht’ zu sagen, sie verkriechen sich in ihren Bus. Anschließend setzt er sich wieder neben mich, sich jetzt aber noch mal anzulehnen, käme mir komisch vor. Also lasse ich es und stütze mich mit den Armen auf dem Tisch auf. Wir sind ja bloß Kollegen, nicht übertreiben.
 
Lars hört gerade einem Kumpel aus seinem Sportverein zu, der vom Training diese Woche erzählt, als ich plötzlich merke, wie er seine Hand auf mein Knie schiebt. Was zum…?
Ich darf da jetzt nicht hingucken, das wäre zu auffällig. Ich meine, ich habe wirklich ein gesundes Selbstbewusstsein, aber…meint der wirklich mich? Hat er zu viel getrunken?
Seine Hand bewegt sich nicht da weg. Statt dessen fangen seine Fingerspitzen an, leicht über meine Strumpfhose zu streichen. Ich kann das gar nicht glauben. Echt jetzt?
Er hört weiter seinem Gegenüber zu und antwortet auch und gleichzeitig liegt da seine Hand auf meinem Knie als wäre es das Natürlichste auf der Welt.
Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Die ganzen Monate über in der Schule…keinerlei Andeutungen. Und jetzt plötzlich doch…der Abend war schön gewesen ja…aber…also…meint er das ernst?
Ich muss das testen und bewege meine linke Hand ganz vorsichtig zu seiner. Er greift sofort danach. Unsere Finger verhaken sich, spielen leicht miteinander.
Ich mache große Augen, gucke ihn an.
Er grinst frech zurück.
Und dann sitzen wir da, erzählen, lachen und trinken mit den anderen und unsere Hände haben sich gefunden. Ich glaube das immer noch nicht so richtig.
Sobald sich Leute verabschieden, lässt er los und steht auf, aber seine Hand kommt danach immer wieder zu meiner zurück. Ich grinse innerlich in mich hinein. Er streichelt über meinen Oberschenkel und streift mit den Fingern ein Stück an meiner Wade hinunter. Ich bekomme Gänsehaut. Keiner bemerkt etwas, es passiert ganz heimlich und ist dadurch sehr aufregend. Er fährt mit seinen Fingern meine ab, kitzelt über die Handinnenfläche. Dann verkreuzen sich unsere Finger wieder ineinander und er übt leichten Druck aus…das fühlt sich toll an. Mittlerweile habe auch ich begriffen, dass er wirklich mich meint und traue mich, auch seine Hand etwas zu erkunden.
Eigentlich nur eine kleine Geste, ich hatte dem bisher nie große Beachtung geschenkt, aber was da gerade unterm Tisch ablief, puh.
Uns gegenüber sitzt Thomas, ein Kollege aus der Schule. Na ja, sitzen wäre übertrieben. Er hängt halb in sich zusammen gesunken auf der Bank und ich beobachte seit 5 Minuten, wie die Bierflasche in seiner Hand immer weiter nach unten sinkt. Er hat die Augen geschlossen und gibt auf Anfrage lustige Grunzgeräusche von sich. Weiter hinten im Dunkeln stehen noch drei Leute. Oder sind es vier? Der Rest hat sich nach oben in Lars’ Wohnung verkrochen.
„Hey…“, flüstert Lars und ich drehe meinen Kopf zu ihm.
Er lächelt.
„Hey…“
Er rutscht näher an mich heran. Mir wird warm. Unsere Gesichter sind keine 10cm mehr voneinander entfernt. Die Spannung ist fast greifbar.
Plötzlich schreckt Thomas hoch und seufzt laut. Wir zucken ertappt auseinander wie zwei aufgescheuchte Hühner. Thomas schaut mit Augen auf Halbmast zu uns, hebt eine Hand und meint, nach einer bedeutungsschwangeren Pause, mit tiefer Stimme: „Schlaf! Schlaf ist die Lösung!“ Dann schlägt er mit der Faust auf dem Tisch und ruft: „DIE LÖSUNG FÜR: ALLES!“
„Ich bring den mal eben hoch aufs Sofa“, flüstert Lars mir zu und steht auf, nicht ohne mir mit der rechten Hand über den unteren Rücken zu streichen, „alleine findet der den Weg nicht mehr.“
„Durch diesen Keller sicher nicht“, zwinkere ich.
„Wartest du hier?“
Ich nicke.
 
Kaum haben sich die beiden vom Tisch erhoben, hüpft Sarah auf die Bank gegenüber. Die Freundin von Lars’ Bruder. Wo kommt die denn plötzlich her? Sie kichert betrunken und wirkt ziemlich aufgedreht. Respekt! Für 3 Uhr nachts. Sie spielt mit einer Haarsträhne herum und scannt mit einem wirrem Blick die Tische ab.
„Liegt hier mein Handy rum? Wir brauchen mal gute Musik.“
„Ich hab nichts gesehen, sorry.“
„Aaaaahhh…“, sie zeigt mit dem Finger direkt auf mich, „du bist die Kollegin aus der Schule, ne?“
„Ähm…ja?!“, entgegne ich, „nicht die Einzige heute.“
Betonte sie das ‘die’ von ‘Kollegin’ gerade etwas zu sehr?
„Ja ja, weiß ich…“
„Ach so?“
Ich bin zunehmend verwirrt.
Da taucht Lars wieder auf.
„Sarah. Welch Freude!“, begrüßt er sie.
„Hast du mein Handy gesehen?“, quietscht sie ihm entgegen.
„Nöö. Aber such doch mal oben in der Wohnung.“
„Da hab ich doch grad schon geschaut.“
Lars rutscht wieder neben mich auf die Bank.
Sarah huscht um uns herum und tastet sich durch das Gras unter den Bänken. Mutig.
Er schaut mich mit einem Blick an, der sagen will: ‘Tut mir so leid, dass die jetzt nicht abhaut und wir alleine sein können.’
Ich halte ihm seine Bierflasche hin und wir stoßen an.
„Alter, der Kühlschrank ist kaputt!“, tönt es da aus der Wohnung. Es ist Lars’ Bruder.
„Und hast du Sarah gesehen?“
Lars seufzt.
„Ja, die wuselt hier rum.“
„Bring die mal mit.“
Ich lege den Kopf schief und muss mir ein Lachen verkneifen.
„Familie ist was Schönes, ne?“
„Witzig!“
Lars trinkt noch einen Schluck, erhebt sich widerwillig.
Dann schnappt er sich Sarah am Armgelenk, die leicht debil grinsend eine übrig gebliebene Packung Würstchen umklammert und sich mitziehen lässt.
 
Nun sitze ich alleine da. Eine Minute. Zwei Minuten.
Mhm.
Die Tür zur Wohnung ist zugefallen, ich kann nicht sehen, was sich da drin abspielt.
Es ist fast halb 4.
Ich stehe auf, krame mein Zeug zusammen, rücke meine Beanie-Mütze zurecht und tapse durch den Keller Richtung Wohnung. Netterweise hat zwischenzeitlich jemand Kerzen im dunklen Flur aufgestellt, so dass ich mich selbstständig zurecht finde.
Kaum biege ich oben um die Ecke, tritt Lars aus der Tür.
„Stecker drin lassen macht manchmal echt Sinn!“, sagt er gerade kopfschüttelnd, dreht sich um und erschrickt sich kurz, weil ich direkt vor ihm stehe. Dann lächelt er.
„Ähm…du…“, stottere ich, „ähm…weißt du die Fahrzeiten…also vom…wann der Bus fährt? Der Nachtbus? Also, gibt’s da überhaupt einen?“
Cool, ich kann voll eloquent, wenn’s sein muss.
„Klar. Ich schau eben mal nach.“
Er zieht sein Handy aus der Jeans.
„Und die Haltestelle? Ist die da, wo die andere auch war? Also, an der ich ausgestiegen bin? Da gegenüber direkt dann?“
„Ich bring dich.“
„Oh, das musste nicht.“
„Doch, doch. Ich bring dich.“
„Ich find das auch all…“
„Doooch! Ich. bring. dich!“, betont er und schaut mir dabei direkt in die Augen.
Ja ok, jetzt hab selbst ich es geschnallt. Er will mit mir alleine sein. Wie verrückt das ist.
 
Kaum treten wir aus der Tür und auf die Straße, greift er im Erzählen meine Hand. Als wäre das nie anders gewesen. Vor ein paar Stunden waren wir noch Frau S. und Herr T., alles rein kollegial.
Wir schleichen am Bus von Marie vorbei und sinnieren kurz, die beiden aufzuwecken durch einen Ans-Fenster-Trommel-Alarm, beschließen aber dann, es zu lassen, da sind wir viel zu sozial zu. Dann lachen wir über diese Tatsache.
„Müssen wir nicht links zur Hauptstraße?“, frage ich, als er mich nach rechts weiter zieht.
„Ich dachte, wir laufen noch eben um n Block. Dauert eh noch, bis der Bus fährt.“
„Okaaay…“
„Das Viertel hier ist echt ganz hübsch.“
„Okaaay…“
Wir biegen um die Ecke und sind nun nur noch wir beide. Er erzählt gerade, wie er die Wohnung hier bekommen hat und dass das in Altona ja gerade noch so bezahlbar wäre. Dann verlangsamt er seinen Schritt, lässt meine Hand los und legt statt dessen seinen Arm um meine Schulter.
Wenn ich jetzt zu ihm hoch gucke, passiert’s. Ich weiß das. Realisiert habe ich es aber immer noch nicht. Was machen wir denn da nur?
Ich hebe meinen Kopf nur ein wenig und linse schräg nach rechts oben zu ihm. Ich bin zu neugierig auf seinen Blick. Meine Reaktion reicht ihm. Er bleibt stehen, dreht mich zu sich und umfasst mich um die Taille. Sein fester Griff gibt mir den Rest, ich muss mich konzentrieren, weiter zu atmen. Unsere Nasenspitzen berühren sich sanft, dann legt er seinen Kopf etwas schief, schiebt das Kinn etwas nach vorne und täuscht vorsichtig einen Kuss an, hält aber kurz, bevor sich unsere Lippen berühren, inne. Dieses Rauszögern macht unfassbar an. Der halbe Abend war irgendwie schon eine Art Vorspiel gewesen. Dann ist die Anziehung aber zu groß, er drückt mich fest an sich und küsst mich. Ganz vorsichtig, langsam. So, dass jede Lippenbewegung, jede Berührung kostbar ist und zu genießen gilt.
‘Ich küsse tatsächlich Lars, den heißen Kollegen aus der Schule. ICH! Das ist doch Wahnsinn!’, schießt es mir immer wieder durch den Kopf.
Unsere Lippen harmonieren wunderbar miteinander, wie eine komponierte Symphonie aus Berührungen, in der alle verschiedenartigen Einzelheiten eindrucksvoll zusammenwirken.
Er küsst unglaublich gut. Dieser Kuss beherrscht alles, die gesamte Situation. Nichts anderes nehmen wir mehr wahr.
Irgendwann lassen wir voneinander ab. Als ich die Augen öffne, lächelt er mich an.
Ich beiße mir auf die Unterlippe und lehne meine Stirn an seine Schulter. Wir haben uns geküsst. Ich habe meinem Kollegen geküsst. Verdammt!
„Oooooooops!“, flüstert er, als ob er denselben Gedanken hatte und beginnt zu lachen.
„Großes Oooops!“, wiederhole ich und schaue ihn mit großen Augen an.
Meine Arme umfassen seinen Oberkörper, ich fahre mit den Händen über seinen Rücken. Selbst durch den Pulli spüre ich seinen durchtrainierten Oberkörper. Er streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr und küsst mich erneut. Ich ziehe eine Hand nach vorne, stelle mich auf die Zehenspitzen und umfasse seinen Nacken, streife dann durch seine Haare. Das wollte ich immer schon mal machen.
Er hebt mich ein wenig hoch und dann spüre ich seine Hand hinten unter meinem Shirt. Ich zucke zusammen.
„Kalt?“, fragt er.
„Geht schon.“, grinse ich.
Seine Küsse werden intensiver. Wir stehen auf offener Straße, mitten in der Nacht. Und trotzdem gibt es nur uns Zwei. Niemand anderen, kein Auto, keine Fußgänger, noch nicht mal mehr Zeitgefühl.
Wenn ich schon mal bei seinem Rücken bin, kann meine Hand auch noch ein Stück weiter nach unten wandern. Seine tut es bei mir gleich.
Dann passiert etwas Komisches. Ich sacke ein Stückchen nach unten weg, meine Beine geben plötzlich nach. Er hält mich fest, schaut mich fragend an. Ich muss selbst überlegen, was das war.
„Ich…ich glaub, ich hab grad weiche Knie gekriegt…“, sage ich leise und ziehe die Schultern peinlich berührt nach oben.
Er muss lachen.
„Ist das n Kompliment?“
„Öhm…“
„Geht’s wieder?“
Ich nicke. Er greift meine Hand und wir schlendern weiter. Noch eine andere Seitenstraße zeigt er mir mit ein paar schönen, alten Bäumen. Ein paar Vögel sind schon wach und zwitschern.
Ich bleibe stehen und ziehe ihn sacht zu mir. Er schaut mir in die Augen, drückt mich dann an die Hauswand hinter mir und beginnt erneut, mich zu küssen. Er nimmt meine Hände und hebt sie entschlossen über meinen Kopf und hält sie dort fest, während er meinen Hals küsst. Ich kann nur noch die Augen schließen und genießen.
„Lars?“, frage ich nach einem Zeitraum, den ich nicht benennen kann.
„Hm?“, haucht er mir ins Ohr.“
„Fuhr da nicht irgendwie ein Bus oder sowas?“
„Oh.“
Er lässt von mir ab um auf die Uhr zu sehen.
„Schaffen wir grad noch.“
 
Kurz danach stehen wir an der Hauptstraße, schräg gegenüber ist die Haltestelle.
Er nimmt mein Gesicht in beide Hände, lächelt. Wir küssen uns noch mal und er meint: „Ist doch ne gute Idee…“
Das mit uns beiden? Meint er uns beide?
„Lehrer haben…doch immer gute Ideen.“, grinse ich zurück.
„Ich meld mich morgen bei dir, ok?“
„Ok.“
 
Während ich verdattert über diesen Abend wankend die Straße überquere, schaue ich ihm zu, wie er nun den direkten Weg zu seiner Wohnung zurück läuft. Und von den Scheinwerfern des ankommenden Busses geblendet denke ich, dass es glatt ein bisschen ärgerlich ist, dass der öffentliche Nahverkehr in Hamburg zur Abwechslung auch mal pünktlich fährt.
 
 

Die Wirkung auf Männer.

16 Dez
Die Tage meinte eine Freundin zu mir, sie hätte gerade ein Foto von sich gesehen und konnte nur darauf achten, wie furchtbar dick sie da aussähe. Und dass sie ja so unzufrieden mit sich und ihrem Körper wäre. Vielleicht sei das aber auch nur eine verzerrte Selbstwahrnehmung, denn immerhin wurde sie an dem Abend, an dem das Foto entstand, von einem Mann geküsst und also muss sie ja dann doch noch attraktiv genug auf die Männerwelt wirken.
 
Ich mache mir irgendwie ziemlich viele Gedanken darüber.
Es mag ein oberflächliches Thema sein, es gibt so viel Wichtigeres, worüber man sprechen oder schreiben sollte. Meint man. Aber alle, die schon mal mit ihrem Gewicht zu kämpfen hatten, wissen, wie sehr das einen belasten kann. Und wenn es Freunden von mir deswegen schlecht geht, dann ist dieses Thema ganz schnell nicht mehr so banal, wie man auf den ersten Blick vermutet.
Wie oft habe ich es selbst erlebt? Meine Wirkung auf die Männer. Wie sie reagieren, wenn sie mich sehen oder mit mir sprechen. Wie man sich selbst fühlt, wenn man sich im Spiegel betrachtet.
 
Ich habe dieses Jahr ziemlich viel abgenommen, über 20 Kilo und mein Äußeres dadurch merklich verändert. Das ist bereits der zweite Anlauf gewesen. Mit Anfang 20, ganz frisch an der Uni, hatte ich das schon einmal getan. Mit Sport und Ernährungsumstellung schaffte ich es damals auf ca. 68kg und war zufrieden.
 
Davor wuchs ich gut behütet in einem kleinen Dorf auf. Da kannte man sich noch aus dem Sandkasten und ganz ehrlich: wenn du mal gesehen hast, wie der eine Junge mit der zerrissenen Latzhose als Mutprobe Regenwürmer gegessen hat, stellt sich auch Jahre später da keine größere Attraktivität mehr ein.
Auf meiner Schule hingegen gab es schon ein paar, die ich süß fand, in die ich verliebt war. Aber damals war ich extrem schüchtern und hätte mich nie getraut, den betreffenden Herrn anzusprechen. Selbstbewusstsein war damals etwas, was ich nur bei anderen bewunderte, bei mir selbst aber vergeblich suchte. Was auch an meinem extremen Übergewicht lag. In der Pubertät war das bei mir jenseits von Gut und Böse. Ich fand mich auch nicht wirklich hübsch und strahlte das sicherlich auch aus. Ich lernte niemanden kennen, der ernsthaft Interesse an mir hatte.
 
Als ich nach München zog und anfing zu studieren, begegneten mir die Leute zwar offener, aber alles rein platonisch. Ich war immer gleich der gute Kumpel. Kein Mann für die Liebe in Sicht. Wenn wir abends in Clubs gingen und tanzten, wurden meine Freundinnen des Öfteren angeflirtet, standen knutschend mit nem Kerl in der Ecke rum. Ich nicht.
Es wunderte mich aber auch nicht. Ich war dick, ich fühlte mich nicht hübsch. Wenn man als Mann da auf die Tanzfläche guckt…bleibt man mit dem Blick doch eher an einem schlanken Mädel hängen als einem dicken.
Ich meine, ich bin ja selbst auch so ehrlich und sage, dass ich einen durchtrainierten Männerkörper attraktiver finde als einen dicken Bierbauch. Ich brauche jetzt keine Muskelberge an Oberarmen bei einem Mann, aber einen, dem das Bauchfett über die Hose hängt…auf sowas stehe ich nun mal einfach nicht. Daher konnte ich es gut verstehen, dass die Männer sich damals nicht für mich interessierten.
Tut mir ja leid, dass ich das so sage, aber viele Frauen, denen es ähnlich geht, werden das bestätigen können. Und natürlich wird es nun einige geben, Männlein wie Weiblein, die sich empören und sagen, dass man auch mit ein paar Kilo mehr auf den Rippen Männer abkriegt bzw. dass sie gerade auf Frauen mit Kurven stehen. Jaja, schon klar. Aber auch selbstbewusste, dicke Frauen kennen diese abschätzigen Blicke von anderen. Die hinter vorgehaltener Hand lästern oder sich sogar angeekelt weg drehen. Oder einen dummen Spruch los lassen. Es gibt einfach zu viele Idioten in der Welt und damit muss man als übergewichtiger Mensch umgehen können.
 
Aber was ist denn mit dem Charakter???“ - Jaaahaaa, auch dicke Menschen können einen ganz, ganz tollen Charakter haben, steht außer Frage. Ich hab ja auch einen. Nur kennen den die Männer nicht, wenn sie dich das erste Mal irgendwo sehen. Sie sehen dein Äußeres. Und nur das. Und da muss es doch schon – zumindest unbewusst – irgendwie Klick machen. Auch, wenn wir immer so total tolerant und aufgeschlossen rüber kommen wollen, werden wir doch von Instinkten beherrscht und dass ein Mensch gewisse äußerliche Merkmale aufweisen muss, damit wir ihn attraktiv finden, ist nun einfach mal Fakt. Welche Merkmale das sind, hängt vom Menschen ab, klar. Aber die meisten Menschen in unserer Gesellschaft bevorzugen nun mal eher ein schlankes Gegenüber als potentiellen Partner.
Ich sage nicht, dass es ausgeschlossen ist, dass ich mich mal in jemanden verliebe, der übergewichtig ist. Kann absolut passieren. Lerne ich z.B. jemanden über den Freundeskreis kennen und merke, wir sind auf einer Wellenlänge, dann spielt die Figur nicht mehr wirklich eine Rolle. Darum geht es mir hier heute auch gar nicht. Es ist nur einfach so, dass, wenn man mich allgemein fragt, wie ein Mann aussehen sollte, damit ich ihn attraktiv finde, der Punkt „dick“ nicht auf der Liste mit dabei wäre. Und das geht den meisten wohl so, wenn sie ehrlich zu sich sind.
 
Auf jeden Fall merkte ich, nachdem ich zum ersten Mal so viel abgenommen hatte, einen wahnsinnigen Unterschied. Plötzlich schauten mir die Männer hinterher, sprachen mich an, tanzten mit mir. Mit engem Körperkontakt. Ich hatte Dates. Ich hatte nach kürzester Zeit einen festen Freund. Der mich wirklich attraktiv fand, mir das sagte und zeigte. Zufall?
 
Jahre später ging es mir persönlich ziemlich beschissen, ich war zusätzlich im Lernstress und fraß mir wieder die Kilos an. Und mit jedem Pfund mehr verschwand auch meine positive Wirkung auf die Männer. Das kam für mich damals überraschend. Ich hatte mir bis dahin einiges an Selbstbewusstsein zugelegt, daran konnte es also nicht liegen. Die Männer reagierten tatsächlich anders auf mich, nämlich weniger.
 
Seit ich nun vor einem guten halben Jahr wieder an Gewicht verliere, merke ich auch, wie die Männer zurück in mein Leben kommen. Klingt etwas verrückt und teilweise auch übelst oberflächlich, ich weiß. Aber das ist nun mal einfach die Erfahrung, die ich gemacht habe. Das zweite Mal sogar.
 
Diese realen Reaktionen, im echten Leben, sind aber nur das eine.
Wie sieht das im Internet aus?
Postete ich früher ein Foto von mir auf Twitter, bekam ich fast durchweg positives Feedback. Wie süß ich aussähe und hübsch und Herzchen und Sternchen. Trotz meiner Kilos. Das passte gar nicht so richtig zu dem, was ich da draußen erfuhr. Nach den ersten paar Kilos, die purzelten, sagten mir einige dann, das würde doch aber reichen, ich hätte doch jetzt ne super Figur schon. Wie kann das sein? Entweder sind die Menschen auf Twitter einfach netter und toleranter…oder die, die das Bild eben nicht hübsch fanden, dachten sich nur ihren Teil statt einen blöden Kommentar drunter zu setzen. Und ich frage mich: Sind die Twitterer, die im Netz so lieb sind, das auch im echten Leben da draußen? Wenn die in der Ubahn eine stark übergewichtige Frau sehen, die sich schwitzend auf zwei Sitze niederlässt…denken die dann: „Ach, die hat aber hübsche Augen.“ ?? – So gern ich das auch glauben möchte…ich kanns nicht. Vielleicht habe ich da aber auch einfach zu viele schlechte Erfahrungen gemacht – als Betroffene selbst.
 
Was mich dann aber überraschte und irgendwie fast rührte, waren die Reaktionen von drei Menschen. Mit allen war ich mal mehr, mal weniger, mal länger, mal kürzer verbunden. Diese drei Menschen, alle männlich, kennen mich sehr gut.
Einer war total überrascht, warum ich denn überhaupt abnehmen wolle, ich sei doch total schlank. Gut gemeintes Kompliment? Mit Nichten. Er fragte sich das ganz ernsthaft.
Dem Zweiten fiel absolut nicht auf, dass ich mich – nachdem wir uns nach einem halben Jahr wieder sahen – äußerlich stark verändert hatte. Kein Wort dazu – keinen Ton – kein irritierter Blick.
Der Dritte kennt mich eigentlich in allen Variationen. Schlank, dick und auch irgendwas dazwischen. Sein Interesse an mir und sein Verhalten haben sich aber nie geändert.
Für diese Menschen spielt es einfach keine Rolle, wie ich aussehe. Während ich vorm Spiegel stehe und missmutig an meinen Fettpölsterchen rumdrücke, „sehen“ die das gar nicht. Die haben ein Bild von mir für sich abgespeichert und das behalten sie. Egal, wie viel Pizza ich esse oder wie lange ich den Sport weglasse.
Die haben keine rosarote, sondern einfach eine Miri-Brille auf und die scheint mich denen einfach als Menschen zu präsentieren, den sie mögen. Abseits von Waagen, Gewichtsproblemen oder Schönheitsidealen. Und diese Vorstellung finde ich wirklich unglaublich schön. Und dann verzichte ich liebend gerne auf Komplimente à la „Boa, hast du abgenommen!“ oder „Wo ist denn der Rest von dir?“ und schmunzele nur in mich hinein, wenn man sich gegenüber steht und dein Bauchumfang einfach keinerlei Rolle spielt.
 
Wenn man sich dann anschaut, was da im Fernsehen oder in Hollywood oder auf den Laufstegen grade so rumstakst, alles derbe schlank, zum Teil krankhaft mager.
Aber hier, die Plus-Size-Models…die sind doch jetzt voll im Kommen!“ - Ja, mag sein. Aber allein diese Betitelung. Plus-Size. Alter!
Gut, Dove macht Werbung mit „normal gewichtigen Frauen“, Kate Upton ist Model des Jahres für XY. Aber es ist eine Minderheit, die so denkt. Ist leider so und ja, ich finde das auch scheiße und vielleicht sollten wir uns dem auch nicht beugen und zu unseren Kilos stehen. Aber wisst ihr was? Mir gefällt das nicht. Ich gefiel mir nicht, so dick wie ich war. Und da ist es mir auch egal, ob man mir das irgendwann gehirnwäschennartig ins Denken geprügelt hat, ob ich zu viele Modezeitschriften gelesen und zu viel GNTM geschaut habe. Ich mag meinen Bauch lieber flach. Ich mag es, Muskeln in meinen Oberschenkeln zu spüren. Und ja, verdammte Scheiße, ich mag auch, dass man im Liegen den Hüftknochen ein wenig sieht und die ach so wichtige Lücke zwischen den Beinen beim Stehen.
Ich mag es aber z.B. nicht, wenn die Rippen rausstehen oder man aufm Rücken die Wirbelsäule sehen kann. Oder wenn das Gesicht unterhalb der Wangenknochen total eingefallen ist und die Arme nur noch aus Haut und drahtigen Muskelsehnen bestehen.
Und damit finde ich, bewege ich mich in einem gesunden Mittelmaß und dazu steh ich einfach. Ich mag mich lieber so. Ich finde mich hübscher und fühle mich gesünder und fitter.
Das mag um Himmels Willen nicht für jeden gelten und ich bin mit Sicherheit die Letzte, die über dicke Menschen urteilen würde. Weil ich selbst mal einer war. Zweimal. Und weiß, wie es dazu kommen kann und dass ich die Geschichte dieses Menschen einfach nicht kenne. Und dass es Menschen gibt, die mit sich und der Welt zufrieden sind, auch, wenn sie viel Gewicht auf die Waage bringen. Und wenn diese Menschen wirklich (und ich meine wirklich!) zufrieden und glücklich sind, dann kann ich sie nur beneiden, denn ich bin noch auf dem Weg dahin, mich mit mir und meinem Körper so richtig – ohne Einschränkungen – wohl zu fühlen. Mit oder ohne Mann in meinem Leben.
 
 

Rückfälle, am besten auf die weiche Couch.

24 Nov
JUHU! Ich habe die 20 Kilo-Marke geknackt!!!Oh Moment…freute ich mich nicht schon vor 2 Wochen darüber? Ja doch, tat ich.

Heute ist es noch mal so weit. Wieso? Weil mein Körper in den letzten 2 Wochen wohl Kohlenhydrate geleckt hatte.
 
Ich hatte Geburtstag und dazu gab es eine dreistöckige Geburtstagstorte und Blätterteigteilchen und Hackfleisch-Hefeteigtaschen und überhaupt…ein gaaanzes Buffet voller leckerer Kalorien.
Und um einen Körper, der mit Fettabbau beschäftigt ist, vollkommen auszubremsen, gab es dazu passend: schön viel Alkohol.
 
Jaja, es war ein grandioser Abend und ich würde es jederzeit wieder so tun. Das mal vorweg.
 
Aber was die Waage danach veranstaltete, also echt mal. Fast 3 Kilo rauf und dazu Heißhunger auf süße Sachen und Brot. Jeeede Menge Brot. Meine Güte, schmeckt Brot lecker. Am Besten spät abends, so um halb 12. Da will der Körper nicht schlafen, nein nein. Da will er Brot.
Und Schokolade. Und sowas isst man dann schön faul im Sessel rumfletzend. Statt Sport. Sport ist ja so anstrengend. Da schwitzt man. Beim Schokolade essen schwitzt man nicht. Viel besser.
 
Es überraschte mich selbst, muss ich sagen. Seit ich mit der Abnehmerei begonnen habe, hatte ich kaum Phasen, in denen ich „rückfällig“ wurde. In den ganzen 6 Monaten erinnere mich an 2 Tage, an denen ich lieber bequem war und Sport doof fand. Ich war so im Abnehmrausch, dass ich gar nicht daran dachte, weniger oder gar nicht zu laufen oder mir abends n Teller Nudeln reinzuziehen. Im Gegenteil. Die Waage und der Zuspruch, den ich von außen erhielt, bestärkten mich so sehr, dass ich mich gar nicht groß disziplinieren musste. Ich hatte mein Bewegungsprogramm, meinen Essensplan im Kopf und es funktionierte.
 
Und dann kam diese 6-Monatsgrenze auf mich zu. Genau ein halbes Jahr…und die Waage kurz vor den 20 Kilo. „Ich habe 20 Kilo in einem halben Jahr abgenommen.“ – geilster Satz ever! Den wollte ich unbedingt sagen können – ohne zu schummeln versteht sich.
Also wurde das Sportpensum erhöht, immer brav viel Gemüse gegessen und die Kohlenhydrate ausgelacht und zur Seite gelegt (nicht vollständig, aber doch merklich öfter).
Eine Woche vor Tag X fehlten mir noch 800 Gramm…dann 400…dann plötzlich wieder 700…ARGHHH! Die Waage war gemein. Ich wusste wirklich nicht, ob ich dieses Ziel erreichte. Manchmal dachte ich: „Ach, dann eben nicht. Mach dir nicht so einen Druck.“, dann wieder: „Aber es wäre schon so richtig, richtig toll. Gib nicht auf!“
Gedanklich schob ich viel hin und her und merkte dabei, dass solche Gewichtszielsetzungen bis dann und dann einfach nichts für mich sind. Das Abnehmen machte keinen Spaß mehr, man konnte sich über gute Zwischenergebnisse nicht mehr freuen, weil ja nur die 20 Kilo zählen…nur diese eine Zahl auf der Waage darf Freudensprünge auslösen, alles andere ist nur Weg, nicht Ziel.
 
Einen Tag davor machte mir die Waage nicht viel Hoffnung. Es herrsche Stillstand, seit Tagen. Wundervoll. Ich verzichtete vollständig auf Kohlenhydrate, einen Tag lang. Und ganz ehrlich: war das ekelhaft. Ich hatte noch Fortbildung und überall standen Teller mit Keksen. Und ich knatschte missmutig auf meiner Paprika herum. Grrrrr!
Abends noch mal Sport, viel Wasser trinken, duschen, ins Bett gehen und hoffen.
 
Nun, ich muss ja keinen großen Spannungsbogen aufbauen, denn das Ergebnis wisst ihr schon: ich erreichte mein Ziel, sogar -20,4 Kilo. Ich habe eine Zauberwaage oder eine sadistische, die mich quälen wollte bis zum letzten Moment.
 
Das eigentliche „Problem“ kam aber erst danach. Die Luft war raus. Dieser Run auf die 20 war so anstrengend gewesen und ich stand sehr unter Druck, den ich mir selbst gemacht hatte, dass ich danach nicht mehr konnte. „Ne Pause hast du dir verdient.“ – hatte ich auch, ja.
Aber wenn du mal eine Woche lang so gut wie keinen Sport gemacht hast (max. 1 oder 2mal), dann wirst du faul. Merkst, wie gemütlich das ist, abends mal wieder n Film zu gucken statt aufs Laufband zu gehen. Alte Gewohnheiten wieder zu entdecken, die zwar ungesund für dich, aber unglaublich lecker oder bequem sind. Essen bestellen, schnell mal was zwischendurch reinschieben, auch mal abends warm und viel essen. Ging ja plötzlich, weil man ja abends keinen Sport mehr machte. Ha!
 
Und schwuppdiwupp war ich wieder fast 3 Kilo mehr. Die sind heute wieder weg und es geht merklich wieder in die richtige Richtung mit dem Gewicht…eine unglaubliche Erleichterung.
Gestern war ich 60 Minuten laufen (statt 48) auf 8,1 km/h (statt 7,8) mit Intervallen von 10,1 (statt 9,1) und „Geh“-Pausen auf 5,4 (statt 4,8). Einfach mal alles gesteigert und es lief glatt durch. Sehr schön, es funktioniert noch. Die Muskeln in den Beinen sind noch da und wissen noch, wie es geht. Selbst nach fast 2 Wochen fast vollständiger Sportabstinenz.
 
Rückfälle, wenn man sie so nennen mag, passieren. Und zwar jedem. Keiner ist heute noch ein Couchpupser und morgen ein Marathonläufer, ohne ab und an wieder in alte Gewohnheiten zu verfallen. Dessen sollte man sich bewusst sein. Wichtig ist: den Dreh wieder zu kriegen und weiter zu machen. Das ist das Schwierigste dabei.
Nach einer Woche habe ich mich unglaublich fett gefühlt…wie früher…lohnt doch eh nicht…müssteste wieder von vorne anfangen…scheiße. Dann hilft: neue Klamotten anziehen, die schon die ein oder andere Kleidergröße weniger am Kragen eingenäht haben und sehen, die passen noch. Also, mach das nicht kaputt, du hast schon übelst viel erreicht und du hast noch einiges vor dir.
 
Eines habe ich gemerkt in den zwei Wochen: Das Argument „Dann lass ich heute Sport bleiben und esse dafür weniger“…das machen ja viele…ist für mich einfach Schwachsinn. Abnehmen nur über Diät…das ist ja grausam…total anstrengend, macht schlechte Laune und man geht mit Grummeln im Bauch ins Bett. Ein Unding.
Leute, macht Sport. Ist viel einfacher und dann darf’s auch mal n Stück Geburtstagstorte sein, nach zwei Wochen hat dein Körper das wieder wett gemacht.
 
Ahoi.
 
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