Als die Farben sich verlaufen hatten.

6 Jan
Links auf der Palette, hinten neben dem Loch, wo der Herr M. immer seinen Daumen durch steckt, wenn er malt, etwas unterhalb der Stelle, an der ein kleiner Riss im Holz ist, direkt bei dem Astloch, da passierte das damals.
 
Keiner hätte gedacht, dass das möglich wäre, denn so groß ist eine Palette nun auch wieder nicht. Und ich konnte die Geschichte zunächst auch gar nicht richtig glauben, als man sie mir erzählte.
 
Doch der Herr M. hatte beim Aufräumen wohl nicht richtig aufgepasst. Er hatte gerade seinen abstrakten impressionistischen Jugendstil beendet, den er realistischer Weise etwas kubistischer hatte gestalten wollen, auf seine Pop-Art aber doch eher Richtung Renaissance gegangen war.
Künstlerische Freiheit eben.
 
Die Palette legte er auf dem Weg zur Post(modernen) schräg auf die Fensterbank, so dass sogar die Sonne von draußen dem, was gleich geschehen sollte, strahlend zusah.
 
Die Moleküle im Wasserbecher verbanden sich gerade gegenseitig mit dem von Herrn M. eingefärbten Sauerstoff, denn sie wollten, wenn ihr Glas pünktlich um neun, wie sie dachten, auslief, ja auch schick angezogen sein.
 
Wenn ich mich recht entsinne, war es das Blau, das Aquamarin im Speziellen, mit dem alles anfing. Im Nachhinein wundert das keinen so wirklich, es sah sich schon immer als den kleinen Bruder des Meeres und hielt nicht viel von Grenzen. Es sei denn, es galt, diese zu überschreiten.
 
Das Blau lief also los, von einer Sekunde auf die andere, ruhig zwar, besonnen wirkte es, aber unüberlegt blieb dieses Vorhaben. Ohne Zweifel.
Am Rot kam es vorbei und färbte ab. Das Rot fasste sich ein Herz und begann auch zu laufen. Nebeneinander her. Sie liefen beinahe um die Wette, so schien es dem Betrachter. Nie kreuzten sich ihre Wege, sie liefen stumm und es bildeten sich Tropfen, aber nicht der Anstrengung wegen.
Und plötzlich geriet auch das Gelb, das dem Geschehen bisher von einer anderen Stelle aus nur zugesehen hatte, auf die schiefe Bahn. Es lief den beiden hinterher, über einen Hügel vom Nussbraun. Das wiederum hatte einen so trockenen Charakter, dass es lieber auf dem Boden blieb.
In dem Fall: die Palette.
 
Den Pinseln standen bei diesem Anblick die Haare zu Berge, was bei denen mit Borsten kaum einen sichtbaren Unterschied machte.
 
Obwohl alle drei sehr geradlinig liefen und immer nur bergab, im annähernd gleichen Tempo…passierte es.
Am unteren Rande angekommen, hatten die Farben sich verlaufen.
Da waren sie nun, wussten nicht wohin. Tatsächlich verirrt? Wie konnte das sein?
Das Rot regte sich ungeheuer auf, den Faden verloren zu haben.
Das Gelb kicherte und behielt seine Heiterkeit, es zwinkerte der Sonne durch die Scheibe zu.
Das Blau dagegen seufzte tiefgründig, dass es auf einer Palette wohl auch irgendwie klar gewesen sei, auf den Holzweg zu geraten.
 
Keiner der Drei wusste Rat. An dieser Kante standen sie noch nie. Erst recht nicht zusammen. Und von Farben, die zurück und bergauf laufen, hatte noch niemand gehört. Die drei liefen noch näher zusammen, um ihre Gedanken zu mischen.
 
„Ihr habt euch verlaufen, nicht wahr?“, sprach da plötzlich jemand. Stand zwischen dem Gelb und dem Rot und lächelte. Es war das Orange, von Natur aus gesellig: „Welch Glück für mich.“
„Wie kommen wir hier wieder weg?“, riefen die drei Läufer.
„Wir werden einen Weg finden“, hoffte nun das Grün, zwischen Gelb und Blau sitzend und kratzte sich hinter den gleichfarbigen Ohren.
„Woher kommt ihr plötzlich?“, fragten die drei.
„Wir sind da, weil ihr euch verlaufen habt“, antworteten die Neulinge.
„Nun“, erhob wie aus dem Nichts das Violett das Wort – würdevoll in seiner
Art – , „bleiben wir doch einfach alle hier, bringen wir uns durcheinander, um Neues entstehen zu lassen.“
Sprach es und reichte Blau und Rot die Hand.
 
Bei diesen Worten begannen alle, vor Rührung zu zerfließen.
Und sie erkannten, dass es am Ende doch eigentlich nur darum geht, Farbe zu bekennen.
 
 
 
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