Ich weiß noch…

28 Feb
…diese Geräusche. An die erinnere ich mich. Die sind eingebrannt worden, vor allem nachts. Da war sonst nicht viel. Nur die Schritte auf dem Flur, so alle halbe Stunde. Besuchszeiten galten nicht für uns. Ich denke, man verstand, dass wir einfach da sein mussten. Dass immer mindestens einer da sein musste. Es gab keine alternative Vorstellung im Kopf.
 
Ich weiß noch…diese Atemzüge. Einer nach dem anderen. Langsam. Diese innere Anstrengung, die Lunge zu dehnen, den Körper für den Sauerstoff zu öffnen. Es fiel dir so schwer. Dieses tiefe Schnaufen ließ mich selbst jegliche Idee von eigenem Schlaf vergessen.
Der Apfelkuchen vom Nachmittag stand noch unberührt auf dem nach Desinfektionsmittel riechenden weißen Tischchen in der Ecke. Keiner wollte ihn.
Und wenn die Augen doch schwer wurden von der Dunkelheit um einen herum, schreckten wir plötzlich hoch, weil das monotone Geräusch von dir plötzlich fehlte. Kein Atmen mehr. Für einige Sekunden stand die Zeit still. War es das jetzt? Hast du es geschafft? Weine ich gleich? Bin ich erleichtert? Zwischen den Schlüsselbeinen zieht es mir alles zusammen, mein Mund steht offen vor Angst, aber kein einziges Wort könnte jemals über meine Lippen kommen in diesem Moment. Allein durch Blicke versuche ich, die Situation im Ansatz zu durchdringen.
 
Ich kann nicht sagen, dass ich dich wirklich gut kannte. Ich habe einige Geschichten über dich gehört. Über den Krieg. Über deine Leidenschaft für den Steinkauz. Du konntest mir jeglichen Vogel am Himmel benennen.
Und ich weiß noch:
Der Kirschbaum im Garten. Uralt. Zum Klettern und Pflücken.
Das Aquarium mit zwei Magneten mit Stoffüberzug, so dass man das Glas auch von innen putzen konnte.
Die kleine Vogelfamilie aus Ton, von der ich mir nach langem Bitten und Betteln einen kleinen Vogel mitnehmen durfte. Ich fand es so lustig, dass unten die kleinen Vogelfüße in den Ton geritzt waren. Man sah sie nicht, wenn das Tier auf dem Ziertellerchen saß, aber trotzdem wusste man, sie sind da.
Das Bienenhaus im Garten. Und die große Honigschleuder im Keller. Wie viele Zeigefinger wir unter den Hahn hielten und von dem goldenen Brotaufstrich naschten.
Der Stammbaum an der Wand. Ein gezeichneter Baum, schwarze Tusche auf weißem dickem Papier. Mit Nestern und Vögeln als Familienmitglieder. Ich lag noch als Ei zwischen den Halmen.
Der Wald hinter dem kleinen Gartentürchen. Weit hinein haben wir uns nie getraut.
Die Küche mit einer Durchreiche zum Esszimmer. Ich hatte so etwas bei dir das erste Mal gesehen.
 
Jetzt lagst du da. Seit Wochen drang keiner mehr zu dir durch. Deine Welt war nicht mehr die unsrige. Dieses eingefallene Gesicht, dein offener Mund, die trockene Zunge, die wir immer wieder mit Kamillentee befeuchteten.
 
Ich weiß noch…diese Atemaussetzer. Immer wieder hast du uns in Panik versetzt. Diese innere, leise Panik, diese Unruhe, die die Fingerspitzen zittern lässt.
Nur, um dann doch wieder einen tiefen Atemzug Richtung Hoffnung zu machen. Wir sackten verzweifelt und hilflos auf unseren Stühlen zusammen.
So oft. So oft.
 
Hannes Wader sang dieses Lied von Bellman: „Darfst nun getrost.“
 
Darfst nun getrost
die Augen schließen,
Gedanken fliehen,
Sorgen zerfließen
in deinem Schlummer
und aller Kummer
schwindet mit dem letzten Abendlicht.
Bis der neue Tag anbricht. *
 
Wir haben es dir so oft vorgespielt.
Du durftest gehen.
Und grüß die Oma.
 
 
(* http://www.youtube.com/watch?v=Gtnaqbl3SV4)
 
 
 
 
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2 Antworten to “Ich weiß noch…”

  1. sommerseufzen 28. Februar 2012 um 19:33 #

  2. m44d_moiselle 5. März 2012 um 23:51 #

    Es fällt sehr schwer einen passenden Kommentar zu finden außer „wunderschön“. Aber wunderschön ist so furchtbar unpassend, dass ich stattdessen „wahnsinnig traurig“ wähle.

    Wunderschön traurig.

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