Eine Leseprobe…

24 Mrz

…aus meinem Reisetagebuch Ecuador/Peru 2009:

30. Januar 2009, Freitag: Eine tiefschwarze Grinsekatze gegen die Tränen…

Was für ein Re-Flash. Man kann sie riechen, die südamerikanische Lebensart, das Einatmen verheißt für mich Freiheit, Abenteuer, Bekanntes, ein wohliges Gefühl im Herzen. Man schwitzt ein wenig und man genießt das – in einem Maße, das man nur schwer beschreiben kann. Alles Belastende, der Stress, die Hektik, der eilige Schritt durch die überfüllte Münchener Innenstadt, die Kälte, die einem ins Gesicht schneidet, ist weg. Einfach überm Atlantik irgendwo abgeworfen worden, so scheint es.

Draußen zwitschert gerade ein ecuadorianischer Vogel und kündigt sie kommenden Mittagsstunden an. Die Putzfrau singt mit. Ich liege auf meinem harten, aber bequemen Bett, das Zimmer hier in der Casa Helbling, mein Hostel in Quito, ist spartanisch eingerichtet, aber für eine Nacht völlig in Ordnung. Vor meinem Fenster ein kleiner Innenhof mit zwei Hängematten, die Eingangstür mit buntem Glas beruhigt die Augen. Die wurden gestern doch arg beansprucht:

Mein Vater bringt mich zum Flughafen. Einchecken ohne Probleme, bei einer Cola werden die letzten Gespräche geführt, die letzten Witze gemacht, die letzten Gedanken und Wünsche geteilt. So richtig realisiert habe ich es noch nicht, was gleich passieren wird. Beim Abschied dann die Tränen, die nicht aufhören wollen, die bei jedem erneuten Blick auf ihn, wie er da hinter der Glaswand steht und winkt, die Daumen drückt und lächelt, mir Mut machen will, einfach immer wieder hochkommen…sogar jetzt beim Schreiben wieder. Es ist einfach so rührend, was meine Eltern alles für mich tun und wie sehr sie mich unterstützen.

 

Vor ein paar Tagen noch meint eine Freundin zu mir:

Aber man kann ja auch nicht immer hier bleiben, sonst bindet man sich ja an.“

Sich anbinden. Ist das unbedingt was Schlechtes? Was Einengendes? An manches bindet man sich doch gerne. An jemanden, den man liebt. An tägliche Gepflogenheiten. An Schokolade. Vielleicht hängt man auch nur an Dingen und Personen, die man zwar nicht braucht zum Überleben, die man aber nur äußerst ungern wieder hergeben mag. Ob nun sich binden oder dran hängen, es ist jedenfalls eine Ver-bindung da.

Vielleicht entsteht diese negative Assoziation von „sich binden“, sprich: „nicht weg können“, „sich einschränken“ usw. auch nur dann, wenn das Binden nicht freiwillig geschieht, sondern man davon überrascht wird. Wenn das über einen hereinbricht und man sich plötzlich fragt, was passiert mit der Verbindung, wenn man bald soweit weg ist? Was macht man dann so weit draußen in der Welt, wenn zu Hause etwas geschieht, was Bindung so notwendig machen würde? Umspannt das die aber tausend Kilometer um den Globus? Oder reißt diese Verbindung irgendwo ab und kann man sowas als Tochter spüren? Was passiert, wenn die Informationsleitung unterbrochen wird? Einfach gerissen und ohne die Hoffnung, dass man sie wieder zusammenknoten könnte. Was macht man also? Bindet man sich, wählt den sicheren Weg, um für die Menschen daheim im Notfall da zu sein? Oder riskiert man den freien Flug? Auch auf die Gefahr hin, dass die Drachenschnur reißt, man weg geweht wird und nicht mehr rechtzeitig zurück findet…vielleicht erst zu spät, wenn der Sturm nachlässt, der große Wirbel bereits vorbei ist und Windstille herrscht…

 

Im Flugzeug gibt mir die Stewardess erst mal eine Flasche Wasser zur Beruhigung. Sehe ich wirklich so verheult aus? Aber da hat man wenigstens was, woran man sich festhalten kann. Wenn man dann so allein für sich da sitzt und darauf wartet, dass der Flieger den deutschen Boden verlässt, fragt man sich schon, ob man das eigentlich alles will. Will ich so lange weg von zu Hause? Allein? Die Gedanken, in Amsterdam einfach nicht umzusteigen, sondern wieder heim zu fahren, mischen sich mit denen, die sagen, dass diese Reise ja eine Belohnung ist. Eine Belohnung an mich selbst. Also etwas Gutes und Schönes. Eine Belohnung für dieses beschissene Jahr 2008, indem so viel kaputt gegangen ist. Womit ich bis heute nicht recht klar komme. Als der kleine, enge Flieger vom Münchener Boden abhebt bin ich innerlich froh, dass er mich von hier weg bringt. Und die dünne Mondsichel im kleinen ovalen Fenster, die mich – ein bisschen nach unten verrutscht – an die unsichtbare Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“ erinnert, setzt noch mehr Mut und Kampfgeist frei, dieses Abenteuer zu schaffen.

Ich verstaue meinen Reisepass in meiner schmalen Gürteltasche, quetsche ihn zu den anderen Dokumenten, die für so eine Reise unentbehrlich scheinen.

 

Bei einem meiner letzten Arztbesuche habe ich von der Mitarbeiterin einen neuen Impfpass bekommen. In meinem alten wurde der Platz zu eng. Ich sollte wohl eher mal in Länder fahren, die gesundheitlich unbedenklicher sind… Andererseits reizt mich ein Aufenthalt im Regenwald mehr als eine Kaffeefahrt durch Bad Salzuflen. Vielleicht ist das aber auch nur die gesunde Gegenreaktion auf Pfadfinderlager im Nachbarort oder All-inclusive Urlaub auf Mallorca in der Kindheit und Jugend. Solche Dinge prägen und lassen einen gleichzeitig heraus finden, was für ein „Urlaubs-Typ“ man ist. Der Geschmack trifft sich in der Mitte: Bambushütte in exotischer Umgebung. Da bin ich dabei…

Aber sind die Spritzen mit all den Viren auch gleichzeitig die mit der dazugehörigen Ampulle Energie? Und für die Injektionen „Mut“ und „Durchhaltevermögen“ sollte man dann gleich noch den anderen Arm freimachen. Bekommt man, wenn man so in seinen Vorbereitungen steckt, seine Vorfreude gleich mit eingeimpft? Irgendwie ist da was Wahres dran. Durch das viele Lesen in Reiseführern, das Recherchieren im Internet und den Austausch mit seinen Volontär-Vorgängern bekommt man ein Gespür, wie es da sein wird, was einen erwartet und hofft, dass man in möglichst kurzer Zeit das gleiche Gefühl von Wohlbefinden und so was wie…na ja, „Heimat“ wäre zu viel gesagt…vielleicht „heimischem Asyl“ bekommt. So, dass man durch die Buchseiten hindurch greifen und schon mal regeln könnte, dass man sich dort morgens nach dem Aufwachen so gar nicht mehr fremd fühlt, sondern mit einem Lachen an die Arbeit geht.

Ach ja, von „Hoffnung“ bräuchte ich dann auch noch eine Auffrischung, Herr Doktor!

 

 

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