Von Vegetariern, Haarspray und glatter Haut.

6 Apr
Gestern Party. Heute Morgen steht mir eine kleine, unansehnliche Person gegenüber. Ich gebe es ungern zu, aber sie ist wirklich hässlich. Sieht ziemlich fertig aus, Augenringe, so groß wie Untertassen, Haare oder besser: Wollknäuel, das jeder Butter den Fettgehalt streitig machen würde, rote, verquollene Augen…
Ich schaue also in den Spiegel.
 
Essen. Ich brauche Essen. Keinen Spiegel. Kühlschrank auf. Ich esse schon seit Jahren kein Fleisch mehr. Seit dieser ersten BSE-Sache. BSE ist die Abkürzung für bovine spongiforme Enzephalopathie. Das kann ich mir seit Jahren merken. Aber wie die Nummer vom Pizzaservice ist, muss ich jedes Mal nachsehen.
Meine Mutter sieht diese fleischlose Geschichte eher skeptisch. „Dann iss doch wenigstens Tofu. Der ist aus Soja und echt gesund.“ – „Mum, bei Tofu habe ich die Wahl zwischen den Geschmacksrichtungen Pappe oder Pressspan. Das Zeug schmeckt nur, wenn man eine halbe Packung Salz drüber kippt und das ist wiederum ungesund.“
Kühlschrank zu. Ich habe solche Gespräche satt. Fühle mich dabei nie besonders gut. Komme mir vor, wie damals, als ich drei war und mir mein Vater erklärte, warum es Mama gar nicht witzig findet, wenn ich mit altem Pommes-Frites-Öl die Fensterscheiben putze. Wollte doch bloß helfen.
 
Lieber doch erst duschen. Ich betrachte meine Haut. Schon ein seltsames Sinnesorgan, diese Haut. Voller Löcher und trotzdem kommt kein Wasser durch. Man kann sie durchstechen, bräunen und auf ihr wachsen Haare, ob man nun will oder nicht. Da fällt mir ein, ich muss mir unbedingt noch die Beine rasieren. Ich habe in dieser Hinsicht wirklich alles ausprobiert. Bei meiner ersten do-it-yourself-Wachsrasur musste ich so laut aufschreien, dass mein Nachbar von gegenüber bei mir klingelte und fragte, ob ich Streit mit meinem Freund habe oder ob ich gestürzt sei. Ich behauptete, ich hätte mir heißes Wasser übers Bein gegossen, woraufhin er mir eine Salbe, Kühlelemente und Verbandsmaterial aus der Apotheke besorgte. Schlussendlich saß ich mit diesem blöden Wachsstreifen am Bein auf dem Badewannenrand und heulte. Die beste Freundin musste kommen, sich ein Herz nehmen und ihn mit einem Rutsch abziehen, während ich mein Lieblingskuscheltier erwürgte. Beim Epilieren wusste ich es dann besser. Ich hatte vorher ein Bad genommen, damit die Haut weicher ist und mir ein kleines Handtuch bereitgelegt, um eventuelle Schreikrämpfe im Keim ersticken zu können. Ich hatte sogar Kerzen im Bad angezündet, in der Hoffnung, die wohlige Atmosphäre könnte entspannend auf diesen ganzen Prozess einwirken. Ich setzte den Apparat an, schaltete ihn ein und während ich blind vor Schmerzen mit der linken Hand nach dem Handtuch suchte und dabei die gesamte obere Etage meines Regals abräumte, versuchte ich mit der rechten, dieses gemeine Teil wieder zum Stillstand zu bringen, rutschte allerdings auf einer Packung Tampons aus, schlug mir den Kopf am Klodeckel an und verstauchte mir mein linkes Armgelenk. Währenddessen fing das Handtuch Feuer und fiel auf meinen Teppich. Erst mit der Duschbrause, die durchs ganze Zimmer spritzte, konnte ich es löschen. Der Teppich hat heute noch einen dunklen Fleck ohne Stoff.
 
Ich wickele mich in meinen weißen, kuscheligen Frottébademantel, den ich mir extra fünf Nummern zu groß gekauft habe, damit ich mich wie in einer großen Wolke fühle, und verstaue meine Haare kurzzeitig unter einem Handtuchturban.
Was haben meine Haare eigentlich gegen mich? Wir leben doch jetzt schon 28 Jahre zusammen, da sollte man doch meinen, wir hätten uns angefreundet. Entweder sie kleben an meinem Gesicht, als wollten sie mich ersticken oder sie stehen im rechten Winkel von meinem Kopf weg, als würden sie versuchen, sich aus der Haut zu lösen und weg zu rennen. Anhänglichkeit oder Fluchttendenzen. Wie soll ich dem bitte begegnen? Soll ich Glättungsspray oder Volumenschaum benutzen?
Heute bin mal wieder kräftig am Toupieren. Extremmaßnahme. Sehe nach dem Föhnen aus, als hätte man aus meinen Haaren den Stöpsel gezogen und die Luft raus gelassen. Ansatzversteifungsschaum, Volumenbürste, Haarspray mit Ultra Halt. Ich experimentiere an meinem Kopf herum wie ein Magier, der Unmögliches möglich machen will. Am Ende sitzen die Haare tatsächlich weitestgehend dort, wo sie hin sollen, ich darf mich aber auf gar keinen Fall bewegen oder lächeln.
 
Nach der letzten Nacht kein Problem.
Gehe jetzt wieder ins Bett.
 
 
Advertisements

Eine Antwort to “Von Vegetariern, Haarspray und glatter Haut.”

  1. dysbalance 7. April 2012 um 13:53 #

    Epilieren war nie ein Problem bei mir. Der Schmerz war anfangs unangenehm, danach berauschte er mich leicht, so dass ich sogar gerne weiter machte. Hört sich strange an, mir ist das klar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: