Ein Ordner mit der Aufschrift: ‚Uni: Mischmasch‘. oder: Das Phänomen ‚beste Freundin‘.

8 Apr
Umzug nach München mit 19 ¾. In dem Alter ist es nämlich noch süß, sein Alter in Brüchen anzugeben. Das erste, was ich an der Uni lerne ist, während man sich durchfragt, den Anschein zu erwecken, man hätte voll die Ahnung.
Pünktlich zu Semesterbeginn bin ich vollkommen verwirrt. Ich ziehe meinen letzten Trumpf, schmeiße alle guten Vorsätze, selbstständig die Uni zu erobern, über den Haufen und finde mich im Tutorium wieder. Dort erklären schlaue, ältere Studenten uns kleinen, dummen Anfängern, wie die Uni funktioniert. Man kommt sich vor, wie wenn man erklärt bekommt, in welcher Weise man mit Messer und Gabel zu essen hat.
Kein Wunder, dass ich gerade dort Tinsken begegne.
 
Eigentlich heißt sie Justine, benannt nach ihrem Großonkel Justus. Der hat kurz vor ihrer Geburt irgendeine große Heldentat vollbracht, weiß ich, den Topf mit der Milch noch gerade rechtzeitig vom Herd genommen oder zur Abwechslung mal die Klobürste benutzt, so dass die Eltern das mit der entsprechenden Benennung ihrer Erstgeborenen würdigen wollten. Allerdings hat sie sich, seit sie sprechen kann, auf Tinsken umgetauft und ihren richtigen Namen findet man nur noch auf offiziellen Schreiben und ihrem Ausweis. Sie sagt, Tinsken klinge irgendwie nordisch und sie mag nordische Namen. Wenn sie einen Sohn bekommt, soll er Lasse heißen.
 
Tinsken ist die mit Abstand merkwürdigste Person, die ich kenne.
 
Sie ist dermaßen verplant, dass ich es ihr ohne weiteres zutrauen würde, dass sie auf einer Strecke von 10 Metern fünf mal über ihre eigenen Füße fällt. Das ist in der Tat nicht unwahrscheinlich, denn sie weigert sich strikt, die Schuhe zu zu binden. Wäre lässiger so. Ich verstünde das nicht. Und außerdem würde sie ihre Lebenszeit, die sie durchs Nicht-Zubinden spart, später mal dazu nutzen können, die Menschheit zu retten. Natürlich.
 
Problem bei diesem Plan:
Sie ist die Unpünktlichkeit in Person. Sagt sie, sie kommt um acht, dann kommt sie um zwanzig nach. Danach kann man dann aber wieder die Uhr stellen.
Mittlerweile habe ich ein System entwickelt, wie ich sie dazu bringe, rechtzeitig irgendwo zu sein. Dabei habe ich zwei Variationsmöglichkeiten:
1) Wenn wir uns um neun treffen, dann lasse ich Tinsken in dem Glauben, wir treffen uns um halb neun oder
2) „Wir treffen uns um Punkt neun, wenn du dann nicht da bist, sind wir weg.“ Das wirkt, denn alleine würde sie niemals einen Vorlesungssaal oder einen anderen Treffpunkt finden.
 
Sie ist nicht im Stande, irgendetwas für die Uni zu lernen, ohne es sich auf Karteikarten zu schreiben.
 
Sie findet den bayerischen Dialekt absolut abtörnend. „Überleg mal“, meint sie, „biste da mit einem im Bett und der sagt dann ‚Ja, Herrschaftszeiten, gehda jetz nei oda wos?‘ Das geht doch nicht!“
 
Bei ihr zu Hause vergammelt ihr Essen und mein Kühlschrank ist mal wieder gähnend leer, da Tinsken jeden Abend bei mir hereinspaziert kommt mit den Spruch: „Hi, hast du was zu essen?“
 
Außerdem ist sie telefonsüchtig.
„Miri, verdammt! Hab grade die Post aufgemacht. Ich habe eine Telefonrechnung von 91 Euro! Was soll ich denn jetzt nur tun?“ 
„Tinsken…AUFLEGEN!“
„Oh…ja…ich komm gleich mal vorbei.“
 
Sie hat mir mal stolz wie Kunibert (Oskar ist ihr zu gewöhnlich) erzählt, dass sie nach Monaten endlich ihre Uni-Unterlagen in der Reihe hätte. Kurz darauf fand ich bei ihr einen Ordner mit der Aufschrift „Uni: Mischmasch“.
 
Auch erwähnenswert ist, wenn sie versucht, Sport zu machen. Sie hat einen Laufstil, bei dem sie zwar höchstwahrscheinlich nach zehn Minuten nicht nur Rückenschmerzen und Kniegelenkprobleme bekommt, sondern auch mit einer Verknotung der Achilles-Sehne rechnen muss, dafür sind in ihrem Gang eine wunderbare Harmonie und Rhythmusgefühl zu erkennen. Würde man ihr ein rotes Dreieckstuch umbinden, einen Korb mit Pilzen in die eine Hand und eine kleine Ziege in die andere drücken, sie hätte eine verblüffende Ähnlichkeit mit Heidi.
 
Aber das Beste ist ihre Frisur. Sie hat sich seit knapp einem Jahr nicht mehr die Haare gekämmt. Nur den Scheitel bringt sie in Form, ansonsten bindet sie ihre langen rotbraunen Haare jeden Tag mit einem Haargummi zu irgendeinem „Ding“ am Hinterkopf zusammen. Sie hat mittlerweile dank Spliss dreimal so viele und dünnere Haare.
 
Wir haben uns nach dem Tutorium noch am selben Abend auf der Erstsemesterparty getroffen. Sie meinte, sie habe gerade mit einem Freund von ihr telefoniert und der hätte einfach nicht aufgehört zu erzählen. Und sie mag es ja gar nicht, wenn Leute einen mit ihrem Kram so unglaublich zu labern und überhaupt, hier wäre es ja so voll, so viele Leute, und das Wetter wäre ja auch nicht berauschend, um abends draußen rum zu stehen und igittigitt und pfui…mit einem Redeschwall von ihr landeten wir in ihrer Wohnung und erzählten noch die halbe Nacht. Seitdem sind wir die besten Freundinnen.
 
Heute sitzt Tinsken mit einem kleinen Handspiegel auf meinem Bett und versucht seit zehn Minuten, ihre Wimpern zu tuschen. Sie stellt sich dabei an wie ein Elefant, der einen Faden durch das Nadelöhr ziehen will. Zusätzlich kneift sie immer die Augen so zusammen, sieht aus, als hätte sie Zuckungen. Irgendwie versteht sie nicht, wie man sich schminkt. Sie hält nicht viel davon, weil sie es nicht kann. Und Lernen tut sie es auch nicht. Wundert mich nicht, schließlich kann sie sich das auch nicht auf Karteikarten schreiben.
„Ach, was mach ich denn da?“, schimpft sie, schmeißt die Wimperntusche auf den Boden und lässt den Spiegel sinken, „ich hab das gar nicht nötig. Ich bin von Natur aus schön.“
Ich zupfe mein Oberteil zurecht.
„Ich schmink dich gleich.“
„Oh danke“, seufzt sie erleichtert.
Ich betrachte mich vor meinem großen Spiegel. Ich ziehe, glaub ich, doch den weißen Rock an. Mit dem schwarzen und dem gelben Oberteil sehe ich aus wie ein billiger Abklatsch von Biene Maja. Dann kommen wieder so Sprüche wie: „Na, du flotte Biene, willst du mal von meinem Honig naschen?“
Und ich muss dringend meinen Kleiderschrank ausmisten. Und dann alles wieder ganz geordnet einräumen und die einzelnen Kleidungsstücke immer vorsichtig raus nehmen und wieder rein legen. Oder ich hänge ein Schild mit der Aufschrift ‚Wühltisch‘ dran. Mhm.
 
Später erst mal Koffein im ‚Cadu‘. Steht für ‚Café an der Uni‘. Da war die Kreativität bei der Namensgebung auch grad Zigaretten holen.
Tinsken nuckelt plötzlich ganz aufgeregt an ihrem Latte Macchiato und starrt Richtung Eingang.
Ich rutsche auf den Stuhl neben ihr und beobachte ebenfalls die Tür.
„Ähm…gibt’s da was umsonst?“, flüstere ich ihr ins Ohr.
Sie schaut mich erschreckt an, dreht sich weg und schlürft ihr Glas aus.
„Ach, nichts. Da ist nur dieser Tobias.“
„Der Typ von der Party gestern? Welcher ist es? Da stehen bestimmt fünf gut aussehende Typen im Eingangsbereich.“
„Der an der Wand mit der blauen Trainingsjacke.“
„Der?“, ich bin etwas enttäuscht. Der zweite von links sieht besser aus.
„Auf was wartest du? Geh hin und sag hallo.“
„Ich kenn den doch gar nicht. Ich habe ihn nur einmal kurz gesehen. Ich mag nicht.“
Tinsken dreht sich mit den Rücken zu ihm. Solche Entscheidungen sollte man als beste Freundin auf jeden Fall respektieren.
„TOBIAS!“
Tinsken blickt mich völlig entgeistert an. Als wäre gerade eine Lawine über sie drüber gerollt. Ihre Frisur würde wohl immer noch gleich aussehen.
„Du kannst doch nicht einfach…guckt er her?“, flüstert sie.
 
Habe die beiden, nachdem Monsieur angetrabt war, dann alleine gelassen.
Ein paar Tage später haben die beiden ihr erstes Date. Davor findet Krisengespräch in unserer Stammkneipe statt. Ja, auch Frauen haben so etwas. Na ja, die meisten Frauen haben eher ein „hübsches Café, in dem man sich des Öfteren zum Austausch von Neuigkeiten trifft“…ich habe eine Stammkneipe.
„Du liebe Güte, ich bin zu spät! Scheiße, ich müsste schon längst weg sein“, ruft Tinsken plötzlich und kramt hektisch in ihrer Tasche nach ihren zwei Geldbeuteln. Ja, zwei Geldbeutel. Sie hat sich mal während eines Urlaubs in Korea einen echt schönen Ledergeldbeutel gekauft, allerdings hat der kein Fach für Kleingeld. Jetzt schleppt sie also immer zwei mit sich rum. Typisch. Total unpraktisch.
„Wo ist denn nur…“, Tinsken wühlt wie von Sinnen in ihrer Tasche.
„Du bist eingeladen, ich übernehme das.“
„Echt? Danke, hast was gut bei mir“, lächelt Tinsken, springt auf und flitzt zur Tür.
„Ich ruf dich dann heute Abend noch an und erzähl wie’s war, ok?“, ruft sie noch und ist verschwunden.
Wenn du gut bist, erzählst du mir erst morgen früh, wie’s war, denke ich mir und winke der Bedienung mit einem 10 Euro-Schein.
 
 
 
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