Das verpasste Leben.

5 Jun

Schon erstaunlich. Ich hatte bisher immer das Gefühl, dass das, was mir im Leben passiert ist, schon ganz richtig war so. Dass ich nach dem Studium weg gegangen bin von zu Hause. Dass es nicht meine ursprüngliche erste Wahl war, die neue Stadt, sondern München. Das war gut, denn dort war meine beste Zeit. Dass ich das studiert habe, was ich studiert habe, weil ich nur so auch ihn kennen gelernt hab. Mit dem ich bis heute irgendwie verbandelt bin, mal mehr, mal weniger, mal fröhlicher, mal deprimierender.

Es hatte alles seinen Sinn und ich habe das nie hinterfragt. Auch wenn ich anfangs teilweise geschockt war, mit etwas Zeit und Abstand verstand man, was Gutes daraus geworden war, warum es dieses Unglück brauchte und dass man es dann doch schon ganz richtig gemacht hat.

Bis du kamst. So lange habe ich deine Worte gelesen, habe geschmunzelt über die vielen Kleinigkeiten, die in beiden von uns lebten und uns ausmachten. Dinge, über die nur wir beide lachen konnten. Man griff auf eine Weise ineinander, die nur schwer zu erklären ist. Wie ein Klettverschluss vielleicht, die vielen kleinen Häkchen, die nacheinander greifen und sich festhalten wollen.

Wie konntest du einfach los lassen? Das alles. Wie konntest du mich da stehen lassen mit den trockenen Grashalmen in der Hand, es sollte ein bunter Strauß für dich werden.

Selbst mit einigen Monaten Abstand verstehe ich immer noch nicht, was gut daran war.

Du hast mir mein Vertrauen geraubt. Du hast dein Leben weiter geführt als wäre nichts gewesen. Und das noch mit ihr.

Du hast mir nie etwas erklärt. Kein Wort.

Dieser Beziehungsbus, den man von weitem hat kommen sehen. Du hast drin gesessen und so freudig gewunken. Die Hand durchschnitt so entschlossen die Luft, du wolltest das doch. Noch mehr als ich. Und dann biegst du plötzlich ab. Diesen kleinen Schleichweg kurz vor der Haltestelle. Den ich nicht gesehen habe. Ich konnte so schnell hinterher laufen wie ich wollte, du warst schon weg. Den Bus verpasst.

Und wann der nächste kommt, ist unklar. Und dass du da nicht drin sitzen wirst, mindert die Chancen, dass ich da dann überhaupt einsteigen werde.

Zum ersten Mal erschließt sich mir der Sinn einfach nicht. Ich habe das Gefühl, etwas so Wichtiges und Richtiges verpasst zu haben. Einen Fehler gemacht zu haben. Einen großen. Der so viele Konsequenzen nach sich ziehen wird, mein Leben dauerhaft beeinflusst. Und nicht nur im Denken, sondern in so vielem mehr.

Was draus hätte werden können. Schon erstaunlich.

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3 Antworten to “Das verpasste Leben.”

  1. Vroni 6. Juni 2012 um 08:59 #

    So ein schöner Text, wunderschöne Bilder!!!

    Aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen – glaube weiterhin an den Sinn. Das Leben meint es ganz bestimmt gut mit dir.

    Lass ihn los, auch wenn es schwer fällt.

    Alles Liebe für dich!

  2. ico 14. Juni 2012 um 22:37 #

    Ja. Bin dabei. Stehe ebenso daher. Erhalte die gleichen Gedanken. Habe davon schlechte Träume, unruhigen Schlaf, Ängste die Straßen der Stadt aufzusuchen. Es frisst sich in einen rein und bleibt als Narbe ewig hängen und es ist nicht zu verstehen.

  3. Frieda 8. August 2013 um 11:21 #

    Dank der Verlinkung des Herrn Buddenbohms lese ich seit zwei Tagen deinen Blog. Ich erkenne mich in manchen Stücken wieder, andere finde ich einfach nur unterhaltend. Dieses hier, das hätt ich selbst so verfassen können – Wort für Wort.
    Danke

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