Wir beide stimmen.

30 Sep

1. Dienstag, Klassenraum:

Ich glaube, es gab selten einen Moment, in dem ich so sprachlos war.

Und meine Augen so groß. Sie sind ohnehin schon groß. Aber ich muss ihn in dieser Situation angestarrt haben wie ein junges Rehkitz auf Crack, das mitten auf der Straße und kurz davor steht, von einem Realitätslaster überfahren zu werden.

 

Montag davor, Uni:

„Wetten, dass der in deiner Klasse ist? Und der sieht so scheiße gut aus, mal sehen, wer von uns beiden den abkriegt.“

Mein Blick daraufhin sagt alles. „Max, ich bitte dich! Hör auf! Erstens ist der bestimmt nicht schwul. Zweitens sind hier in diesem Seminar um die 30 Leute, die auf bestimmt 8 verschiedene Schulen und dort noch mal in unterschiedliche Klassen aufgeteilt sind. Ganz bestimmt ist ausgerechnet der Typ da hinten in meiner Praktikumsklasse.“

„Abwarten…woa…hast du seinen Hintern gesehen?“

„Bist du jetzt still!“ Pause. „Und ja, verdammt!“

Einer von denen, die zu den Coolen an der Uni gehören. Lockere schwarze Jeans, grüne Kapuzenjacke, Kopfhörer, Volcom-Rucksack. So ein Sportlertyp, Snowboardfahrer wahrscheinlich. Einer von denen, denen man heimlich mal durch die Haare fahren, dabei seufzen und sich anschließend auf die Lippe beißen will. Einer von denen, die einen aber wohl nie bemerken werden.

 

Wieder im Klassenraum:

Und nun steht er da. 10 Minuten zu spät und offensichtlich im Türrahmen fest gefroren. Aus seinem Blick spricht Überraschung, ein wenig Schock gemischt mit der Abgehetztheit, die man eben hat, wenn man von der U-Bahn her hechtet. Während er seine Sachen in den kleinen Nebenraum bringt, muss ich mir im Stuhlkreis sitzend, ein Kichern verkneifen. Verdammt, wie soll ich hier guten Unterricht zeigen, wenn dieser Typ mir dabei zuschaut? Ich werde mehr darauf achten, den Bauch einzuziehen, als dass die Schüler ihr Arbeitsblatt richtig rum auf den Tisch legen.

„Du warst letzte Woche aber noch nicht hier“, flüstert er mir etwas später zu.
Oh Gott! Er spricht mit mir. Tolle Stimme. Und diese Augen. Verdammte Naht! Puh…oh, ich sollte was antworten. Nur was? Du liebes Bisschen.

„Ähm…nein, ich…tja, ich hatte letztes Semester die Anmeldung für das Praktikum verpennt. War echt ne doofe Sache…na ja…und dann war ich beim Praktikumsamt und die Plätze waren natürlich alle schon voll und die konnten mir nur anbieten, mich auf die Warteliste zu setzen und na ja, dann fing das Semester an und die haben sich nicht mehr gemeldet und ich dachte, das wars jetzt, muss ich halt warten bis nächstes Jahr, aber dann haben sie doch noch angerufen letzte Woche und…tja, da bin ich nun…“

Na wunderbar. Nervöse Wasserfall-Antwort. Echt sexy.

Bis Schulschluss kann ich keinen der Schülernamen, weiß aber dafür, wie die kleinen Haare in seinem Nacken aussehen. Verdammt noch eins, jetzt reiß dich zusammen.

„Musst du auch Richtung U-Bahn?“

„Oh…ähm…nee, ich bin mitm Rad hier.“

„Ach so…tja…aber musst du auch da lang?“

Eigentlich nicht. Eigentlich genau in die entgegengesetzte Richtung.

„Ja sicher, ein Stück geh ich noch mit.“

 

Ein paar Stunden später:

„Das Problem ist nur, ich habe mich ihm gar nicht richtig vorgestellt. Er weiß meinen Namen gar nicht. Nur meinen Nachnamen, weil die Schüler und Lehrer mich so nennen. Scheiße, jetzt haben wir schon so viel geredet. Käme sau blöd, jetzt zu sagen: ‚Ach, mein Name ist übrigens Miri und ich find dich unglaublich.’“

„Mhm…joa…magste dir ein T-Shirt bedrucken lassen? Oder ich komme das nächste Mal ins Seminar und rufe laut deinen Namen. Oder wir lassen dich gleich an der Uni ausrufen.“

Freundinnen, die sich lustig machen, sind doch echt zu nichts zu gebrauchen.

 

2. Montag, Uni:

So spitzfindig wie ich eben bin, habe ich heute meinen Uni-Ordner dabei, auf dem natürlich außen mein Name drauf steht. Der liegt gut sichtbar auf meinem Schoß, der Ordnerrücken in seine Richtung liegend.

Keine Minute später kann ich aus dem Augenwinkel beobachten, wie er den Kopf leicht schief legt und liest. Mission erfolgreich ausgeführt. Ach ja, müsste mir jetzt eigentlich auf die Schulter klopfen oder eine Faust nach oben ballen und „Strike!“ schreien, wäre hier im Seminarraum aber eher unangebracht. Daher begnügen wir uns jeweils mit einem schüchternen „Hi.“, einem unsicheren Grinsen und Gedanken, die viel weiter gehen…

 

2. Dienstag, Klassenraum:

„Wo ist denn der andere Praktikant?“

„Das weiß ich nicht. Ich kenne ihn ja auch nicht.“

Aber ich möchte ihn gerne küssen.

„Der hat sich gar nicht krank gemeldet. Das geht so aber nicht. Sagen Sie ihm das?“

„Wie gesagt: Ich kenne ihn auch nicht.“

Zwei Stunden durchknutschen wären eigentlich noch besser.

 

3. Montag, Uni:

„Sie teilen sich in Gruppen auf. Wo Sie arbeiten, überlasse ich Ihnen, von mir aus auch bei einem Kakao in der Caféteria. Nehmen Sie die Lehrpläne mit, gutes Schaffen.“
Den Dozenten mag ich ja. Den Arbeitsauftrag habe ich allerdings nicht wirklich mitbekommen. Er sitzt nämlich am Nebentisch, ich allerdings mit dem Rücken zu ihm. Fühle mich von ihm beobachtet. Oder hoffe zumindest, dass er das tut.

Oh, warum steht meine Gruppe denn vom Tisch auf? Sind wir schon fertig? Kacke, ich wollte doch noch mit ihm reden. Brauchen die noch lange? Na ja, ich muss ja noch meinen Pulli zurecht zupfen. Und meine Tasche noch mal neu packen. Und diese Jackenärmel, ja, für die braucht man auch eine ganze Weile, bis man die richtig an…ah, sehr gut, seine Gruppe macht auch Schluss für heute.

„Sag mal, ich hätte da eine Frage oder mehr eine Bitte.“

„Jaaa?“

„Würdest du mich morgen in der Früh anrufen? Nicht, dass ich noch mal verschlafe wie letzte Woche.“

„Ich soll dich anrufen?“

„Ja, morgens. So um halb sieben dachte ich.“

„Ja…ähm…na klar.“

OhmeinGott!OhmeinGott!OhmeinGott!

„Super, das ist…toll, danke.“

 

3. Dienstag, zu früh morgens:

Es ist jetzt fünf. Ich muss noch eineinhalb Stunden warten. Immerhin. Um drei Uhr war es noch länger. Gott, bin ich nervös. Habe mir sogar Notizen gemacht, was ich sage. So früh morgens kann ich normalerweise noch gar nicht denken. Und peinliche Pausen am Telefon…das darf nicht sein. Nein, das darf nicht sein.

Sechs Uhr. Noch ne halbe Stunde. Oh Mann. Soll ich schon mal duschen gehen? Dann wäre ich wacher. Aber wenn ich dann nicht rechtzeitig fertig werde? Aber was, wenn wir so lange telefonieren, dass ich es danach nicht mehr schaffe zu duschen? Dann muss ich so in die Schule, das wäre ein Unding, nein, das geht nicht. Jetzt aber schnell.

6:28 Uhr.

In zwei Minuten muss ich anrufen. Vielleicht warte ich besser noch fünf Minuten. Sonst denkt er, ich bin so ein überkorrekter Typ. Ja, um drei nach halb ruf ich an. Drei nach halb ist gut.

6:33 Uhr.

Jetzt wähl schon die Nummer. Der wartet doch. Nein, eigentlich schläft der ja noch. Trotzdem. Wähl schon, verdammt noch mal.

Oh Gott…es tutet…noch mal räuspern…ok…ok…

„Hallo?“

„Guten Morgen! Sie wollten geweckt werden?“

„Hihi, ich habe sogar schon Kaffee.“

Weiter atmen, weiter atmen.

„Oh, dann hätte ich gar nicht anrufen brauchen?“
„Na ja…doch. Ist schön.“

Weiche Knie.

„Wann bist du denn aufgestanden, wenn du schon Kaffee hast?“
„Hab die Maschine gestern Abend fertig gemacht und an ne Zeitschaltuhr angeschlossen.“

„Oha! Schwere Geschütze.“

Süüüüüüüüß!

„Muss sein. Sonst pack ich das nicht.“

„Ich trink gar keinen Kaffee.“

„Bewundernswert.“

Seine Stimme klingt ganz anders am Telefon. Viel tiefer irgendwie. Aber gut.

Wir telefonieren so lange es geht. Keiner will so richtig auflegen. Aber die Aussicht, dass wir uns eh gleich in der Klasse sehen, macht es dann erträglich.

 

Selber Tag, mittags rum:

„Du…also…da spielt morgen im Salon Erna so eine Band…Freunde von mir…und auch noch ein paar andere…ich dachte…vielleicht…hast du da auch Lust?“

„Gerne.“

Juhuuuuuuuu!

„Sind da dann die anderen Leute von der Uni auch?“

„Ähm…na ja…vielleicht. Ich meine, schon, der ein oder andere…aber nicht so, dass man da jetzt so aufeinander hockt.“

„Ja…klar…ok…also, das klingt gut. Komm ich gerne.“

„Ja? Schön.“

„Ja…schön.“

Dass ich immer noch mit ihm zur U-Bahn laufe und anschließend mit dem Rad den Weg wieder zurück fahr, hat sich heute doppelt gelohnt.

 

Mittwoch, vor dem Date:

Bisher fünf verschiedene Outfits anprobiert. Keines für geeignet befunden.

Ich habe ja mal im Fernsehen gesehen, dass Männern eigentlich gar nicht wirklich auffällt, was genau die Frau jetzt trägt. Die haben einen Test gemacht, bei dem sich die Frau beim Date zwischendurch immer auf die Toilette verzupft und irgendwas an ihrem äußeren Erscheinungsbild geändert hat, also Haare offen statt Zopf, anderer Schmuck, krasseres Make-Up…vom Typ keine Reaktion. Erst als sie ihren Rollkragenpullover gegen was tief-dekollétiertes austauschte, fragte er nach. Hormone…was täten wir ohne sie?

Mittwoch, kurz vor dem Date:

Verdammte Scheiße! Dieser Laden muss doch hier irgendwo sein. Mist, ich komm zu spät.
Hallo, ich bin typisch Frau und habe den Weg nicht gefunden. Ich kotze gleich.

Mittwoch, gerade noch pünktlich zum Date:

„Heeey!“

„Hallo, tut mir leid, dass ich so spät bin.“

Musste erst noch meine beste Freundin anrufen, damit die im Internet guckt, wo genau ich am Verzweifeln bin, mich dann richtig lotst und…Gott, riecht der gut.

„Kein Ding, hat ja noch nicht angefangen.“

„Oh…gut.“

„Gehen wir rein?“

„Würde nur Sinn machen, ne?“

In einer traumhaften Parallelwelt:

Nun ist es ja so: von dem eigentlichen Rahmenprogramm kriegt man nicht unbedingt so viel mit, wenn man sich vor Nervosität fast ins Höschen pinkelt. Irgendjemand hat ein Lied über Möwen gesungen, das weiß ich noch. Und er hatte dabei irgendwelche Glöckchen, die bimmelten oder so was. Und das Publikum sollte mitsingen oder klatschen oder sich irgendwie anders animieren. Wir schauen uns nur grinsend an, halten uns leicht verkrampft an unseren Bierflaschen fest und immer, wenn einem von beiden irgendwas Gutes einfällt, worüber man noch sprechen kann, dann tun wir das. Das ist bei mir so seltsam ambivalent. Entweder quatsche ich den anderen total zu…oder ich kriege kaum ein Wort heraus. So oder so weiß ich: ich mag den. So richtig. Ich begreife das noch nicht. Das ist so unwirklich. Dieser ganze Abend. Und so schön.

Langsam wird der Laden etwas leerer. Wir stehen an der Bar, ziemlich dicht beieinander. Seine rechte Hand liegt auf dem Tresen. Meine daneben. Ich schaue mir das einen Moment an. Das geht so nicht. Die Hände nur nebeneinander, denke ich. Und dann schaltet sich mein Kopf aus. Meine Bedenken. Meine Zweifel. Ich lege meinen kleinen Finger über seinen. Durchatmen. Und ihn angucken. Er lächelt. Und wie. Das stimmt. Wir beide stimmen. Im nächsten Augenblick küsse ich ihn. Einfach so. Der Abend hatte das so gewollt. Und wir wohl auch. Wir küssen uns. Und wir hören eine ganze Weile nicht damit auf. Weil wir das so wollen. Er und ich. Und es ist gut, dass er mich dabei so fest hält. Denn innerlich schwebe ich ein bisschen.

 

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