Woher hätte ich wissen sollen…

3 Okt

1. Dienstag, Klassenraum:

Ich glaube, es gab selten einen Moment, in dem ich so sprachlos war.

Da saß sie. Die von gestern. Wie kommt die denn in meine Klasse? Sie war letzte Woche noch nicht hier. Wer war denn statt dessen hier? Ich hab’s vergessen. Und wie sie mich anschaut. Wie Bambi. Diese großen Augen. Verdammt.

 

Montag davor, Uni:

„Alter, guck dir die mal an.“

Ich boxe Flo mit dem Ellenbogen in die Seite.

„Scheiße, das tut weh.“

„Jetzt guck doch mal.“

„Was?“

„Na die da vorne, die da am Tisch steht.“

„Was ist mit der?“

„Die ist heiß.“

„Joa. Schon. Wer ist das?“

„Keine Ahnung…“

Wer ist das denn nun, ein neues Gesicht. Das hübscheste, das ich mir vorstellen kann. Sie würde ich gerne kennen lernen, nein besser, sie jeden Morgen neben mir wiederfinden. Kurzes Kleid, Strumpfhose, Stulpen, lange, offene Haare. Wow. Eine von denen, die einfach so wunderschön sind, dass man sich nicht traut, sie anzusprechen. Eine von denen, die man anschaut und ein wenig ins Träumen kommt, es aber wohl auch dabei belassen wird.

 

Wieder im Klassenraum:

Oh Mann. Wie sie da sitzt. Auf dem kleinen Holzstuhl, die Hände auf den Seiten aufgestützt, die Schultern hochgezogen. Sie lächelt ja. Gott, ist die toll. Verdammt, wie soll ich hier guten Unterricht zeigen, wenn diese Frau mir dabei zuschaut? Ich werde alle 5 Minuten raus gehen müssen, um eine zu rauchen und mich zu beruhigen, während die Schüler „1,2,4“ zählen und ich nur verträumt nicke.

Während ich meine Sachen in den kleinen Nebenraum bringe, merke ich, wie sie mir hinterher schaut und in sich hinein grinst. Schon süß so.

Ich kann sie nicht ansprechen. Das bringe ich nicht. Aber was, wenn sie die ist?Diejenige welche.

Red mit ihr. Sag was.

„Du warst letzte Woche aber noch nicht hier.“

Toller erster Satz.

„Ähm…nein, ich…tja, ich hatte letztes Semester die Anmeldung für das Praktikum verpennt. War echt ne doofe Sache…na ja…und dann war ich beim Praktikumsamt und die Plätze waren natürlich alle schon voll und…“
Ihre Augen. Ihre Hände…puh.

 

„Musst du auch Richtung U-Bahn?“

„Oh…ähm…nee, ich bin mitm Rad hier.“

Scheiße. Trotzdem.

„Ach so…tja…aber musst du auch da lang?“

Hoffentlich.

„Ja sicher, ein Stück geh ich noch mit.“

Strike!

 

Ein paar Stunden später:

„Das Problem ist nur, ich weiß ihren Namen gar nicht. Nur den Nachnamen. Wäre doch sau peinlich, jetzt, nachdem wir schon so viel geredet haben, zu fragen: ‚Sag mal, wie heißt du eigentlich?‘, oder?“

„Nenn sie doch einfach nur ‚Süße‘.“

Freunde. Zu nichts zu gebrauchen, ey.

„Magst n Bier?“

 

2. Montag, Uni:

Diese Nervosität, wenn man den Flur lang läuft und der Tür des Seminarraums immer näher kommt. Ob sie schon da ist? Mal vorsichtig rein spitzen. Mhm…nee…doch! Da! Hach…

„Hi.“

„Hi.“

Verdammt, jetzt reiß dich mal zusammen.

Flo winkt und zeigt auf einen freien Platz neben sich. Ich setze mich.
„Rat mal.“

„Was?“

„Mit wem zusammen ich in einer Klasse bin?“

Ich deute unauffällig in ihre Richtung.

„Echt jetzt?“

„Oh ja!“

„Und?“

„Glücklich. Ziemlich glücklich.“

Der Dozent erzählt gerade was. Bestimmt wichtig.Was steht da auf ihrem Ordner? Sie hält ihn so blöd…ah, jetzt. Miriam. Miri. Toll. Ja, das passt. Cool, jetzt weiß ich ihren Namen. Geschickt gemacht. Ich bin gut.

 

2. Dienstag, Bett:

Orrrr…scheiße noch eins. Total verpennt! Verdammt. Erst mal dem Wecker dafür weh tun.

 

3. Montag, Uni:

So, Kaffee besorgen und dann blöde Lehrplanarbeit. Schade, dass sie in der anderen Gruppe ist. Da drüben sitzt sie. Sie schaut von hinten auch schon süß aus. Ob sie merkt, dass ich sie anstarre? Oh, warum steht ihre Gruppe denn vom Tisch auf? Sind die schon fertig? Kacke, ich wollte doch noch mit ihr reden. Können wir nicht auch aufhören? Noch steht sie da. Bleib noch. Bleib! Die Jacke ist ja cool. Ah super, wir packen’s.

So, Angriff.

„Sag mal, ich hätte da eine Frage oder mehr eine Bitte.“

„Jaaa?“

„Würdest du mich morgen in der Früh anrufen? Nicht, dass ich noch mal verschlafe wie letzte Woche.“

„Ich soll dich anrufen?“

„Ja, morgens. So um halb sieben dachte ich.“

„Ja…ähm…na klar.“

Cool bleiben.

„Super, das ist…toll, danke.“

OhmeinGott!OhmeinGott!OhmeinGott!

 

3. Dienstag, 6:27 Uhr.

Schon die zweite Tasse Kaffee. Kann überhaupt nicht schlafen. Viel zu aufgeregt. Gleich ruft sie an. Ist der Akku auch voll? Was sag ich da eigentlich? Na ja, mach ich spontan.

 

6:31 Uhr.

Sie hat noch nicht angerufen. Vielleicht hat sie’s vergessen. Vielleicht hat sie verschlafen? Soll ich anrufen? Oh Mann…nur die Ruhe.

 

6:33 Uhr.

Es klingelt. Ja! Ja!

„Hallo?“

„Guten Morgen! Sie wollten geweckt werden?“

Niedlich.

„Hihi, ich habe sogar schon Kaffee.“

„Oh, dann hätte ich gar nicht anrufen brauchen?“

„Na ja…doch. Ist schön.“

„Wann bist du denn aufgestanden, wenn du schon Kaffee hast?“

„Hab die Maschine gestern Abend fertig gemacht und an ne Zeitschaltuhr angeschlossen.“

„Oha! Schwere Geschütze.“

Ich grinse.

„Muss sein. Sonst pack ich das nicht.“

„Ich trink gar keinen Kaffee.“

„Bewundernswert.“

Ihre Stimme klingt ganz anders am Telefon. Noch bisschen verschlafen. Aber gut.

Auflegen wollte glaube ich keiner so wirklich. Na ja, ab in die Schule, da ist sie ja auch.

 

Selber Tag, mittags in der U-Bahn:

Sie hat Ja gesagt. Sie hat gesagt, dass sie mitkommt morgen Abend. Sehr cool. Das wird. Ich glaub ja, das wird.

 

Mittwoch, kurz vor dem Date:

Wo bleibt sie denn? Keine Nachricht von ihr.

Stehe draußen vorm Salon Erna und rauche. Bin wahnsinnig aufgeregt. Hätte ich nicht gedacht. Vielleicht hat sie es sich anders überlegt. Nein, die kommt schon noch. Hoffentlich. Da hinten…das ist sie doch. Ja, da kommt sie. Tolles Outfit hat sie da. Jetzt lächle ich ja schon wieder. Sie aber auch.

 

In einer traumhaften Parallelwelt:

Ich kann nicht aufhören, sie anzuschauen. Dieses Gesicht. Dieses Lachen. Mag ihr ewig zuhören. Um uns herum Leute. Musik. Applaus. Gitarren. Die Stimme eines Freundes am Mikrofon.

     „Ja ja, die Zeit hat doch

     keine Beine,

     drum werd ich träumen,

     werd ich warten,

     bis nachher.“

Die Band heißt so wie der ganze Abend ist: Stark.

Möchte die Zeit anhalten, wenn sie mich mit ihren blauen Augen anschaut.

            Träumen kann man ja. Dass Träume in Erfüllung gehen sagt man nur so.

Unsere Hände. So nah. Aber nicht nah genug. Ich spüre ihren Finger auf meinem. Will sie…?

            Dass Träume in Erfüllung gehen, sagt man doch nur so? Wer rechnet                          wirklich damit, dass es wahr ist?

Dass es so schön und so einfach sein kann, dass man jemanden trifft, bei dem es stimmt. Sie und ich. Wir stimmen. Woher hätte ich wissen sollen, dass ich gerade die Frau anlächle, die mein Leben verändern wird, die mir zeigen wird, was Liebe ist, die mich ein für alle mal für alle anderen Frauen verderben wird. Die mich einfach küsst. Gewünscht hatte ich mir das. Erwartet nicht. Gehofft zwar. Doch nie getraut. Hier her gekommen, sie und ich. Und gehen werden wir – mit der Musik des Abends in der Hand – als ein Wir, das nun wachsen darf.

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2 Antworten to “Woher hätte ich wissen sollen…”

  1. Thomas 14. November 2012 um 16:47 #

    He, nun möchte ich aber ein Foto sehen von der Traumfrau!

  2. Nina 13. Januar 2013 um 19:36 #

    Die Geschichte ist einfach so süß. Sowas sollte öfter mal in der Realität passieren!

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