Nasszellengesellen.

27 Nov
„Die Miete der Wohnung wurde übrigens reduziert, weil sich niemand gefunden hat.“
„Ach so? Aus welchem Grund?“
Die Maklerin schielt leicht peinlich berührt über den Flur hinweg zu der weißen Tür, deren oberer Teil verglast ist, aber irgendwann mal übermalt wurde.
„Nun…wegen des Badezimmers.“
 
Ich muss zugeben, dieses 70er-Jahre-beige haut einen jetzt nicht gerade aus den Socken, diese Mischung zwischen einer schlechten Bräunungscreme und Babydurchfall. Damals war das die In-Farbe, wer eine stylische Nasszelle wollte, badete – positiv ausgedrückt – in Latte Macchiato mit weißem Kernseifenmilchschaum. Und dabei trank man damals noch stinknormalen Filterkaffee.
 
Jahre später fasste sich ein wohl farbenblinder Fliesenleger ein Herz und wollte retten, was zu retten war. Statt eines großen Hammers zum Zerschlagen von Badewanne, Waschbecken und Toilette fand er in seinem schwarzen Köfferchen neben einer in Butterbrotpapier eingewickelten Wurststulle, die ihm seine Ehefrau an diesem Morgen um ca. 6:17 Uhr schmierte und gähnend mit der rechten Hand einpackte, während sie mit der linken ihren rosa Morgenrock raffte…also neben dieser Wurststulle fand der Fliesenleger wohl nur eine auf Umweltpapier ausgedruckte Bestellung von hellblauen Fliesen. Hellblau. Zusammen mit diesem Beige. Verstehen Sie, was das bedeutet?
Bübchen-Babyzimmer in Kombination mit Hunde-Kalbfleischleckeri.
Verblasste Parkscheibenuhr im Handschuhfach zusammen mit Bremsspur-Unterhosen.
Aufgehellter Schlumpf in Hackfleisch-Sahnesoße.
Ich meine, verdammt noch eins, gibt es sowas wie ästhetisches Empfinden erst seit der Jahrtausendwende?
Alle Wohnungsuchenden in Hamburg kamen an diesem Tag, beeindruckt von den weißen Wänden und den Holzdielen, den gemütlichen Schrägen des Dachgeschosses und gingen mit einem verkniffenen Gesicht, das vom Knarzen des Holzbodens übrigens wunderbar akustisch untermalt wurde, nachdem sie das Badezimmer sahen. Alle, die einen Blick hinein warfen, hätten wohl lieber eine Abrissbirne statt dessen genommen.
 
Nun darf man ja, was Wohnungen in Hamburg angeht, nicht allzu wählerisch sein, der Markt ist umkämpft, zu viele Leute, zu wenig Dächer überm Kopf. Mein Terminkalender bescherte mir ein im Hinterkopf lokalisiertes, über den Tag immer lauter werdendes Ticken der ablaufenden Zeit, die mir blieb, um meine Unterschrift unter einen vor mir liegenden Mietvertrag zu setzen.
Und als einen Tag nach dem gebleichten-Blaumann-Schlammspritzerspur-nach-Mountain-Bike-Tour-Debakel das mobile Endgerät schellte, um zu verkünden, das man mich ausgewählt hätte (und in diesem Moment meine ich, einen kurzen Himmelschor aus Engelsstimmen vernommen zu haben), stotterte ich nur ein verdutztes „Öhm…ja? Ok. Danke.“ zurück, saß danach 5 Minuten auf dem Bett, realisierte (oder versuchte es), strich danach erleichtert seufzend die für diesen Tag geplanten Besichtigungen auf meinem Zettel durch und schob bis in den Abend hinein meine Möbel imaginär von einer Ecke der Wohnung in die andere.
Was ich aber mit Pippi-Kacka-Tuckaland anstellen sollte, blieb mir bis zum Einzug ein Rätsel.
 
Schiefe Mundwinkel, Augen, aus denen Ahnungslosigkeit sprach, Handflächen, die zur Unterstützung der Bestürzung an die Stirn gelegt wurden, standen dann einige Wochen später im Türrahmen, saßen auf der Ecke der Badewanne, kratzten sich hinterm Ohr (obwohl das nur die Hände können) und überlegten angestrengt, ob es nicht doch noch eine andere Möglichkeit gab als die, das Ganze einfach zuzumauern und auf eine nur noch außerhalb der eigenen 4 Wände auftretenden Verdauung zu hoffen und sich mit einer aufs Minimum reduzierten hygienischen Grundreinigung anzufreunden, die man unter Umständen an den Wasserhahn in der Küche hätte verlegen können.
Und in diese verzweifelten Gedanken schoss dann plötzlich das, was ich von berufswegen schon länger tue. Nämlich, wenn man als Lehrer ein Kind, das andere grundlos schubst, nie auf seinem Platz sitzen bleibt und einem ständig widerspricht, im Zeugnis als „sozial engagiert, motorisch stark und bereits fähig, seine eigene Meinung zu vertreten“ beschreibt.
Wissen Sie, was ich meine?
Dieses Badezimmer sah nun mal so aus, es kommt einfach bloß auf die Umschreibung an. Und diese hallte plötzlich zwischen der ganzen Keramik hin und her.
„Ist doch wie am Meer…Strand und Wasser.“
Strand und Wasser.
Sandbeige und Wellenblau.
Inselgebräunt und Himmelstürkis.
Sandburgenocker und Pazifikmarin.
Und mit einigen Schaumkronenweißen Handtüchern und einer mit viel Fantasie palmartigen Pflanze in der Ecke treibe ich nun von Zeit zu Zeit im glasklaren Ozean, der lustigerweise Badewannentemperatur hat, nippe an einem Fruchtcocktail mit Schirmchen und erst, wenn ich die weiße Tür, deren oberer Teil verglast ist, aber irgendwann mal übermalt wurde, von außen schließe, ist mein Urlaub im schönsten Badezimmer der Welt zu Ende.
 
 
 
 
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3 Antworten to “Nasszellengesellen.”

  1. UK 4. Dezember 2012 um 05:47 #

    Bei uns war damals Hellgrün („hellgrün“?) und Braun mit Orange angesagt. Schaut heute auch noch so aus, ich glaube meine Mama hat sich daran gewöhnt. Oh und weiße Bodenfliesen.

  2. inneres Stimmchen 4. Dezember 2012 um 23:43 #

    und wenn Sie keine Lust mehr auf diesen Selbstbeschiss haben, dann gibts inzwischen tolle Fliesenfarben zum Drüberstreichen 🙂
    wäre halt nur die Frage was zu so einem Badewannenbraun passt….

    das ist doch das gleiche Braun von Omastrumpfhosen, oder? >.o?

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  1. Woanders – diesmal mit Badezimmergestaltung, Gott, Reiseblogs und anderem | Herzdamengeschichten - 3. Dezember 2012

    […] Zunächst Kreuzundquerbeet über das wichtige Thema Badezimmerfarbgebung. […]

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