Archive | Januar, 2013

Was es mal war…

31 Jan
Gute zwanzig Minuten schon stehe ich hier draußen.
Die ausgelassene Stimmung im Wohnzimmer dringt noch durch den schmalen Spalt der offenen Balkontür.
Unsere Blicke hatten sich vorhin nur kurz gestreift, die Gefühle dafür sich überschlagen.
Deine Finger verkrampften sich plötzlich um die Bierflasche herum, ich strich mir die Haare aus dem Gesicht und drehte mich weg. Soweit sind wir jetzt also.
 
Ich stütze mich mit den Ellenbogen auf dem Geländer ab, halte das Glas Weißwein vor mein Gesicht und betrachte den Mond hindurch. Verschwommen ziehen Wolken davor, wie vor alles damals.
Die kalte Luft tut gut, mit geschlossenen Augen noch etwas mehr.
Ein Jahr ist das jetzt her, fast auf den Tag genau. Als dein bester Freund, der Gastgeber heute, zu mir sagte: „Gib ihm Zeit. Er ist endlich mal glücklich.“
Als ob ich dem jemals im Weg stehen wollte. Du warst mein bester Freund, ich war so froh, als du mir von ihr erzähltest. Dass die ja echt süß wäre und das erste Date total schön war. Dass ihr ähnliche Ansichten habt und sie kurz danach gleich über Nacht bei dir blieb. Dass man schauen muss, wie es sich entwickelt, aber es sich im Moment gut anfühlt. Ich freute mich für dich. Ich wusste ja nicht, dass es unsere Freundschaft zerstören würde.
 
Ein leises Räuspern hinter mir. Ich drehe mich um. Du stehst unsicher im Türrahmen, trittst dann zwei Schritte vor und drückst die Tür hinter dir wieder zu.
Durch einen schnellen Blick zurück ins Wohnzimmer versicherst du dich, dass sie dich beim Rausgehen nicht gesehen hat.
„Hallo.“
Ich antworte nicht.
„Ich hatte gehofft, dass du heute Abend hier bist.“
Ich trinke einen Schluck.
„Ach ja? Nicht eher ‚befürchtet‘?“
Du beißt dir auf die Lippen.
„Nein. Wirklich gehofft.“
 
Ich drehe mich wieder um und blicke auf die Lichter der Stadt. Hamburg beruhigt mich immer, verklärt alles Schlechte ein wenig, so dass es einem wenigstens kurzzeitig einfach mal gut gehen kann.
Du stellst dich neben mich. Einen guten Meter Abstand.
„Du bist dünn geworden“, versuchst du, ein Gespräch zu beginnen.
Das ist wohl wahr. Das war auch mein Plan in diesem Jahr. Hab mich da ziemlich rein gekniet, Ernährung um- und mich aufs Laufband gestellt. Fast täglich. War nicht immer leicht, aber hat sich gelohnt und ich bin da wahnsinnig stolz auf mich.
„Mhm.“
„Hätte dich kaum wieder erkannt.“
Ich blicke dich an.
„Kann passieren, immerhin haben wir uns knapp ein Jahr lang nicht gesehen.“
Du weichst meinem Blick aus, senkst den Kopf Richtung Boden und trittst fast unmerklich ein Stückchen zurück.
„Ja, ich weiß…“
Ein kleiner Seufzer von dir überbrückt die Stille zwischen uns. Eine Windböe vom Hafen streift an uns vorüber. Als ob sie sagen wollte: „Los jetzt! Redet miteinander. Klärt das endlich.“
Ich glaube ja, wenn Wind erzählen könnte, wüssten wir viel mehr voneinander.
 
„Mir tut es sehr leid, wie das alles gekommen ist…“
„Wieso? Du wolltest das doch. Du wolltest keinen Kontakt mehr. Du wolltest nichts mehr mit mir zu tun haben, weil…“
„Nicht wollen. Ich konnte nicht.“, unterbrichst du mich.
„Ja klar. Du konntest nicht. Wieso denn? Weil dir jedes Mal, wenn du mich gesehen hättest, klar geworden wäre, dass du mich immer noch toller findest als sie und es dich dann jedes Mal in ein emotionales Loch geworfen hätte? Bitte!“
Faszinierend eigentlich, wie lange Wut und Enttäuschung in mir überleben können.
„Kannst du nicht verstehen, dass man – wenn man eine neue Beziehung anfängt – einfach eine Weile mal ‚out of order‘ ist? Ich hab da alles ausgeblendet. Andere Freunde haben auch nichts von mir gehört.“
„Du willst mir jetzt – nach einem Jahr – nicht immer noch mit dieser Ausrede kommen, oder?“
„Das ist doch keine…“
„Doch! Genau das ist es!“
Ich stelle mein Glas energisch auf dem kleinen weißen Tisch neben der verfrorenen Pflanze ab.
„Natürlich ist es normal, dass man gerade am Anfang einer Beziehung lieber Zeit mit dem neuen Partner verbringt und die Freunde da mal zurück stecken müssen. Aber das war nie, wirklich NIE das Problem zwischen uns beiden! Und das weißt du genau!“
Du blickst verlegen Richtung Balkontür.
„Was denn? Tickt deine Freundin immer noch aus, wenn sie uns hier zusammen stehen sieht? Hat sie Angst, dass du über mich herfällst? Tolle Beziehung, wenn sie dir nicht vertraut.“
„Ach, darum geht es doch gar nicht.“
„Du hast dir von ihr vorschreiben lassen, mit wem du befreundet sein darfst und mit wem nicht. Du hast mich einfach fallen lassen. Was zum Teufel hast du ihr erzählt, dass sie so scheiße eifersüchtig auf mich wurde, hm? Sie kannte mich damals überhaupt nicht, hat mich nie getroffen. Ich hätte einfach eine normale Freundin von dir sein können. Und im Prinzip war ich das auch: Wir waren nie zusammen, es lief nie was, wir haben uns noch nicht mal geküsst. Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass ich nicht verliebt bin, dass es eben einfach nicht gefunkt hat. Tut mir leid, dass es bei dir eben anders war. Ich habe dir nie falsche Hoffnungen gemacht, ich war immer ehrlich zu dir. Und trotzdem hast du mich behandelt, als wäre ich das Unglück persönlich, dem man dringend aus dem Weg gehen muss. Oh, Achtung, da kommt Miri, nichts wie weg, sonst kann ich nicht glücklich werden. Tolle Beziehung hast du da…die nur funktioniert, so lange du eine andere nicht siehst. Große Liebe, verstehe.“
„Du wolltest mich nicht, ok. Sie aber schon. Und ich mag sie. Keine Beziehung ist perfekt, aber wir sind jetzt auch schon über ein Jahr zusammen, das ist doch was. Ich wollte damals nur etwas Zeit von dir. Nur etwas Zeit, damit ich das mit ihr hinbekomme.“
„Meine Freundschaft ist kein Lichtschalter, den du beliebig an- und ausknipsen kannst, wie es dir gerade in den Kram passt!“
 
Ich stemme die Hände in die Seite. Gehe ein paar Schritte hin und her. Meine Fingerspitzen kribbeln. Ich balle Fäuste, damit es aufhört.
„Wir hätten doch Freunde bleiben können…“, druckst du leise herum, „…ich wollte dir nie was Böses, dich nie verletzen. Ja, ich war am Anfang verliebt in dich. Und das richtig heftig. Und ich habe lange gebraucht um zu begreifen, dass das – obwohl wir so vertraut miteinander waren – einfach nichts wird. Dass du das nicht möchtest, dass du mich nur als guten Kumpel siehst. Daran hatte ich lange zu knabbern.“
Ich gehe ein paar Schritte auf dich zu.
„Das weiß ich doch. Hab ich ja auch gemerkt. Aber trotzdem haben wir uns in dieser Phase weiterhin getroffen. Wir telefonierten, sahen uns regelmäßig, waren füreinander da, wenn es dem anderen mal schlecht ging. Du selbst hast von mir irgendwann dann als deiner besten Freundin gesprochen…“
„Warst du ja auch…“
„Glaub ich dir nicht.“, fahre ich dazwischen. „Nein, das weiß ich sogar. Seine beste Freundin würde man nämlich nicht so behandeln. Ich hatte dir nichts Schlimmes getan und du hast mich – seit du sie kennen gelernt hattest – mit deinem Verhalten für Gefühle bestraft, die ich nun mal leider nicht hatte. Dafür kann ich nichts.“
Du lässt den Kopf sinken.
„Was soll ich sagen? Ich hab’s einfach nicht gebacken gekriegt.“
„Offensichtlich.“
„Und jetzt?“
Du blickst mich schuldbewusst an.
 
Während ich Luft hole zum Sprechen, schiebt sich die Balkontür auf. Wir merken es nur, weil die Stimmen von drinnen plötzlich lauter werden.
„Schatz?“
„Ja?“
„Wir müssen jetzt los.“
„Ok, ich komme gleich.“
„Es ist wirklich Zeit.“
„Ähm…das ist übrigens Miri.“
Ich schaue sie an. Wenn Blicke töten könnten, würde ich wohl jetzt getroffen und Blut überströmt über die Balkonbrüstung stürzen.
„Hallo.“, sage ich.
„Ja…ähm…ich hole dann schon mal unsere Jacken.“, lächelt sie gequält und geht.
 
Wir stehen erschöpft voreinander.
„Du hättest mich auch als Beziehungsfeind Nr. 1 vorstellen können.“, brumme ich leise.
„Sie ist – was dich angeht – einfach…na ja…etwas eigen.“
„Etwas eigen.“, wiederhole ich und schnaube dabei einen Luftstoß in die Nacht.
 
Du siehst traurig aus.
Mit einer Handbewegung Richtung Wohnung meinst du: „Tja, ich denke, ich muss dann gehen.“
„Sieht so aus.“
Mit hängenden Schultern schlurfst du rüber zur Tür. Deine Haltung verrät, dass du dir einen anderen Ausgang für dieses Gespräch gewünscht hättest. Du drehst dich noch mal um.
„Hey…“
Ich blicke dich an.
„Mhm?“
„Geht’s dir gut?“
Meine Unterlippe zittert. Ich muss die Tränen unterdrücken.
„Jetzt gerade oder sonst so?“
„Besser sonst so.“
„Ja.“
„Schön.“
„Und dir?“
„Auch.“
„Okay.“
Du öffnest die Tür, hältst dich mit einer Hand daran fest. Die andere verdrehst du unsicher hinter dem Rücken.
„Siehst echt gut aus.“
„Danke.“
 
Und dann stehe ich wieder alleine da. Ich drehe mich weg, puste mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Ich wollte das nie. Ich wollte nie diese Rolle der ‚anderen Frau‘, auf die die neue Freundin eifersüchtig sein muss. Ich wollte immer nur deine Freundschaft. Und während die Tränen meine Wangen benetzen, erinnere mich daran, dass ich damals, als du den Kontakt abbrachst, eine entsetzliche Angst davor hatte, dass wir uns irgendwann auf einer Feier begegnen und uns fürchterlich fremd geworden sind.
 
 
 

„Was ist ‚anders‘? Wie ‚gleich‘, nur eben nicht. „

23 Jan

Neulich schrieb mir dieser eine da von Twitter, bekannt unter @DerFloyd.
Meinte, er wolle 100 DM (für Nicht-Twitterer: Direct Messages) mit mir schreiben und das dann veröffentlichen, weil wir da bestimmt sau komische Sachen verschriften würden und alle Leute ja so geil drauf wären, private Dinge zu lesen und dabei heimlich sabbernd den Laptop abzulecken. Das Internet würde tagelang lachen, jubeln und uns anerkennend zunicken, wir könnten dann Autogramme geben und wären ganz sicher voll berühmt.
Und weil ich statt dessen die Wohnung hätte aufräumen und staubsaugen müssen, sagte ich voller Begeisterung: „Mhm…na gut.“

Das Ergebnis findet ihr hier:

100 DMs mit...

100 DMs mit…

Pfützen.

13 Jan
Gleich nach dem Telefonat schlurfe ich ins Badezimmer, ignoriere mein Spiegelbild, weil die verweinte Wimperntusche nachts um vier noch mal mehrere Nuancen dunkler wirkt und werfe seine Zahnbürste in den kleinen silbernen Mülleimer.
Die braucht er jetzt ja nicht mehr. Er wird sie hier nicht mehr morgens aus dem Becher nehmen. Er wird morgens einfach nicht mehr hier sein. Hätte ich gewusst, dass ich ihn gestern das letzte Mal seh…er wollte nicht über Nacht bleiben. Wäre schön gewesen. Ein letztes Mal in seinen Armen zu liegen, seine Nähe zu spüren, wie er hinter mir liegt und mich zu sich zieht.
Vorbei.
Einfach vorbei.
 
Die Vorhänge habe ich heute noch nicht aufgezogen. Tageslicht würde heute weh tun. Und Schmerzen habe ich schon genug.
In diesem Tag bin ich bisher bloß gedankenversunken herum gewatet. Zwischendurch die Decke über den Kopf gezogen und abgetaucht. Dann zwischen den Tränen nach Luft geschnappt. Und trotzdem habe ich das Gefühl, zu ertrinken.
 
Diese Gedankenpfützen, in denen man mit den Gummistiefeln Schlieren entstehen und tanzen lässt. Tropfen, Verzerrungen und Verschiebungen, denen man mit den Augen folgt, die Pupille aber nicht scharf stellen will. Einfach aus Angst, was dann da wäre. Dieses Gegenwartsbild, von dem man sich am liebsten weg drehen und statt dessen weiter glücklich lächelnd drüber hüpfen möchte.
Nur noch ein paar Schritte, die die Tatsachen ignorieren.
Nur noch ein paar Schritte Hand in Hand diesen Weg entlang, den es für uns beide eigentlich gar nicht gibt.
Nur noch ein paar Schritte mit einem Hauch von ‚glücklich sein‘ im Gesicht.
 
Aber dann formen meine Lippen kein Lächeln mehr. Als ob sie es verlernt hätten. Lieber pressen sie sich aufeinander und halten die Worte im Inneren. Sie sagen nichts mehr und ich halte nur das Telefon ans Ohr und höre zu, was er zu mir sagt. Was er mir erzählt über seine Pläne, was er jetzt durchziehen muss. Was in seinem Leben gerade alles nicht stimmt. Was er erst mal auf die Reihe kriegen muss. Dass er Angst hat, mir weh zu tun. Und dass er das nicht will, weil ich ja so großartig und wunderbar bin.
Was ich tatsächlich höre, ist: Du passt da nicht rein. Das mit dir ist mir zu viel. Du machst mir ein schlechtes Gewissen, wenn ich keine Zeit für dich habe.
 
Und ach, wie gut ich diese Sätze kenne. Ich höre sie nun schon zum dritten Mal. Nicht von ihm, sondern von ihm und zwei anderen Männern vor ihm. Zum Teil exakt die gleiche Wortwahl. Die selben Phrasen. Ich störe da im Leben, weil anderes wichtiger ist. Weil ich dem im Weg stehe. Obwohl ich das doch nie wollte. Dass ich unterstützend da sein könnte, diese Idee ist keine Alternative. Nie. Immer das Gleiche. Immer. Same, same, but different.
 
Wäre ich in Therapie, wäre das wohl der Moment, den man als „Der Durchbruch“ bezeichnet. Der Moment, in dem einem klar wird, wo die eigentliche Ursache für diese Männer-Symptome liegt. Der Moment, in dem plötzlich ein Muster entsteht. Der Moment, in dem man sich selbst eingesteht, dass da was ganz gehörig schief läuft mit der Liebe und einem selbst. Und wenn man das dann laut ausspricht, erschreckt es einen:
 
Ich suche mir die falschen Männer aus.
 
Es erschreckt einen, weil du dann zwar weißt, was los ist. Aber keine Ahnung, wie du es ändern kannst. Das Einzige, was geht ist, mit voller Wucht in die Pfütze zu treten.
Oder seine Zahnbürste weg zu werfen, mich ins Bett zu setzen und darüber zu schreiben.
 
 

Kleines Solo.

13 Jan

Einsam bist du sehr alleine.

Aus der Wanduhr tropft die Zeit.

Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.

Träumst von Liebe. Glaubst an keine.

Kennst das Leben. Weißt Bescheid.

Einsam bist du sehr alleine –

und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

 

Wünsche gehen auf die Freite.

Glück ist ein verhexter Ort.

Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.

Sucht vor Suchenden das Weite.

Ist nie hier. Ist immer dort.

Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.

Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.

Einsam bist du sehr alleine –

und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

 

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.

Magst nicht bleiben, wer du bist.

Liebe treibt die Welt zu Paaren.

Wirst getrieben. Mußt erfahren,

daß es nicht die Liebe ist . . .

Bist sogar im Kuss alleine.

Aus der Wanduhr tropft die Zeit.

Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.

Brauchtest Liebe. Findest keine.

Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.

Einsam bist du sehr alleine –

und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

 

– Erich Kästner –