Pfützen.

13 Jan
Gleich nach dem Telefonat schlurfe ich ins Badezimmer, ignoriere mein Spiegelbild, weil die verweinte Wimperntusche nachts um vier noch mal mehrere Nuancen dunkler wirkt und werfe seine Zahnbürste in den kleinen silbernen Mülleimer.
Die braucht er jetzt ja nicht mehr. Er wird sie hier nicht mehr morgens aus dem Becher nehmen. Er wird morgens einfach nicht mehr hier sein. Hätte ich gewusst, dass ich ihn gestern das letzte Mal seh…er wollte nicht über Nacht bleiben. Wäre schön gewesen. Ein letztes Mal in seinen Armen zu liegen, seine Nähe zu spüren, wie er hinter mir liegt und mich zu sich zieht.
Vorbei.
Einfach vorbei.
 
Die Vorhänge habe ich heute noch nicht aufgezogen. Tageslicht würde heute weh tun. Und Schmerzen habe ich schon genug.
In diesem Tag bin ich bisher bloß gedankenversunken herum gewatet. Zwischendurch die Decke über den Kopf gezogen und abgetaucht. Dann zwischen den Tränen nach Luft geschnappt. Und trotzdem habe ich das Gefühl, zu ertrinken.
 
Diese Gedankenpfützen, in denen man mit den Gummistiefeln Schlieren entstehen und tanzen lässt. Tropfen, Verzerrungen und Verschiebungen, denen man mit den Augen folgt, die Pupille aber nicht scharf stellen will. Einfach aus Angst, was dann da wäre. Dieses Gegenwartsbild, von dem man sich am liebsten weg drehen und statt dessen weiter glücklich lächelnd drüber hüpfen möchte.
Nur noch ein paar Schritte, die die Tatsachen ignorieren.
Nur noch ein paar Schritte Hand in Hand diesen Weg entlang, den es für uns beide eigentlich gar nicht gibt.
Nur noch ein paar Schritte mit einem Hauch von ‚glücklich sein‘ im Gesicht.
 
Aber dann formen meine Lippen kein Lächeln mehr. Als ob sie es verlernt hätten. Lieber pressen sie sich aufeinander und halten die Worte im Inneren. Sie sagen nichts mehr und ich halte nur das Telefon ans Ohr und höre zu, was er zu mir sagt. Was er mir erzählt über seine Pläne, was er jetzt durchziehen muss. Was in seinem Leben gerade alles nicht stimmt. Was er erst mal auf die Reihe kriegen muss. Dass er Angst hat, mir weh zu tun. Und dass er das nicht will, weil ich ja so großartig und wunderbar bin.
Was ich tatsächlich höre, ist: Du passt da nicht rein. Das mit dir ist mir zu viel. Du machst mir ein schlechtes Gewissen, wenn ich keine Zeit für dich habe.
 
Und ach, wie gut ich diese Sätze kenne. Ich höre sie nun schon zum dritten Mal. Nicht von ihm, sondern von ihm und zwei anderen Männern vor ihm. Zum Teil exakt die gleiche Wortwahl. Die selben Phrasen. Ich störe da im Leben, weil anderes wichtiger ist. Weil ich dem im Weg stehe. Obwohl ich das doch nie wollte. Dass ich unterstützend da sein könnte, diese Idee ist keine Alternative. Nie. Immer das Gleiche. Immer. Same, same, but different.
 
Wäre ich in Therapie, wäre das wohl der Moment, den man als „Der Durchbruch“ bezeichnet. Der Moment, in dem einem klar wird, wo die eigentliche Ursache für diese Männer-Symptome liegt. Der Moment, in dem plötzlich ein Muster entsteht. Der Moment, in dem man sich selbst eingesteht, dass da was ganz gehörig schief läuft mit der Liebe und einem selbst. Und wenn man das dann laut ausspricht, erschreckt es einen:
 
Ich suche mir die falschen Männer aus.
 
Es erschreckt einen, weil du dann zwar weißt, was los ist. Aber keine Ahnung, wie du es ändern kannst. Das Einzige, was geht ist, mit voller Wucht in die Pfütze zu treten.
Oder seine Zahnbürste weg zu werfen, mich ins Bett zu setzen und darüber zu schreiben.
 
 
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6 Antworten to “Pfützen.”

  1. dielyra 13. Januar 2013 um 16:23 #

    Toll geschrieben. Ich wünsche dir, dass es dir bald wieder richtig gut geht.

  2. mann 13. Januar 2013 um 18:43 #

    Schnüff. Ich kenn das:(

  3. Ola 14. Januar 2013 um 00:40 #

    Immer wieder. Warum? Warum laufen wir wie an einer Schnur gezogen immer wieder durch dasselbe Muster? Was wollen wir beweisen? Wessen Leben versuchen wir zu leben, das uns offensichtlich nicht gut tut?

  4. Schutzengel76 14. Januar 2013 um 17:36 #

    Mir geht es ähnlich, falls dich das tröstet. Allerdings ist es zwar wohl tatsächlich ein Muster, aber die „falschen Männer“ sind es wahrscheinlich nicht. Sie spiegeln etwas in uns – vielleicht hilft es, wenn du dich mal mit diesem Thema beschäftigst. Viel Glück!

  5. Anna 16. Januar 2013 um 16:42 #

    Nein. Das würde individualisieren, dass es auch einfach eine Menge falscher gibt. Nur weil Du zufällig dreimal hintereinander an einen geraten bist, die Dir die gleichen Phrasen sagen, weil sie Angst vor dem Konflikt, der Bindung und der Auseinandersetzung haben. Davon gibt es eine Menge.

  6. Ines Meyrose (@InesMeyrose) 1. August 2013 um 15:57 #

    Wunderschön. Das Foto mit der grünen Wiese am weit gefassten Fuß des Michels erinnert mich an die Wege, die ich so oft gegangen bin, als ich dort wohnt. Im Wolfgangsweg hatte ich eine eine wunderschöne Zeit – leider war die Wohnung irgendwann zu klein … ansonsten würde ich ganz viel dafür geben, wieder dort zu wohnen. Es freut mich sehr, dass meine Stadt auch Dir so gut gefällt und Deine geworden ist.

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