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Jeder auf seine Weise.

20 Apr
Ich sitze eine Weile einfach nur da, bewege mich kaum und starre die kleine Email auf meinem Laptop an. Von Zeit zu Zeit verschwimmen die Buchstaben ein wenig, doch deren Bedeutung hallt durch den Raum und nimmt ihn immer mehr ein.
Ich öffne das Fenster zum Hinterhof, die Abendsonne ist kurz davor, hinter den Dächern der gegenüberliegenden Häuser zu verschwinden. Ich stütze mich auf der Fensterbank ab und ziehe meine graue Wolldecke etwas enger um meinen Körper. Weinen muss ich nicht. Zu viele wirre Gedanken durchziehen meinen Kopf, als dass die Tränen einen Weg nach außen finden könnten.
 
Was soll ich ihm antworten? Was schreibt man da? Irgendwelche Plattitüden…so was wie ‚Es tut mir so leid’…oder ‚Ich denk an dich’…oder ‚Mein Beileid‘?
Schreibe ich überhaupt etwas? Besser anrufen? Wir haben nicht einmal telefoniert, in der ganzen Zeit, in der wir uns kennen.
Nein, das ist alles nichts.
Seine Zeilen waren kurz. Sie hat es geschafft, schrieb er. Sie war schon länger krank, das wusste ich. Genaues hatte er mir aber nie erzählt, bei dem Thema hatte ich immer den Eindruck, ihm fiele es plötzlich schwer zu sprechen. Sein Blick veränderte sich und wandte sich innerlich ab.
 
Die Strahlen der Sonne berühren nun die ersten Ziegel, ich kneife die Augen etwas zusammen.
Und im nächsten Augenblick weiß ich es.
Ich schließe das Fenster, krame eine Hand voll Dinge zusammen und stopfe sie in einen Stoffbeutel, nehme meine Jacke vom Haken, wickele meinen Schal um und schnappe meine Autoschlüssel. Als die Tür ins Schloss fällt, habe ich schon einige Stufen im Treppenhaus hinter mir gelassen.
 
Eigentlich verrückt, so viele Kilometer zu fahren. Nicht Bescheid zu geben. Einfach machen. Aber es ist der einzige Weg für mich, der Sinn macht, um für ihn da zu sein. Um Anteil zu nehmen. Nicht nur ein bisschen, sondern richtig. So richtig, wie er das jetzt im Augenblick brauchen wird.
 
Fünf Stunden später parke ich direkt vor seinem Haus. Ich hatte auf der Fahrt nur eine kurze Pause gemacht, dafür mir umso mehr Gedanken.
Ein schwaches Licht hinter den Vorhängen seiner Wohnung ist zu sehen. Ich schreibe ihm, wie er es von mir kennt.
„Kommst du mal kurz runter vor’s Haus?“
Alles bleibt still. Dann doch klingeln, überlege ich und gerade, als ich seinen Namen zwischen den ganzen Klingelschildern gefunden habe, geht drinnen im Treppenhaus plötzlich das Licht an. Ich mache ein paar Schritte rückwärts, gehe die wenigen Stufen vor seinem Haus nach unten.
Und dann linst er durch den kleinen Türspalt. Als hätte er nicht mehr die Kraft, die Tür ganz aufzudrücken.
Ich hebe unsicher eine Hand halb hoch und deute ein Winken an.
Er reibt sich die Augen und tritt aus dem Haus. Er trägt eine schwarze Jogginghose und ein lockeres weißes Shirt.
 
„Was…was machst du denn hier?“, fragt er irritiert und kommt auf mich zu.
Seine Stimme klingt müde, erschöpft. Er sieht aus, als hätte er seit Tagen seine Wohnung nicht verlassen. Seit…nun ja.
„Warum bist du nicht in Hamburg?“
Er schüttelt ungläubig den Kopf.
„Ich wusste nicht, was ich dir schreiben sollte.“, antworte ich.
Er schließt für einen Augenblick die Augen und lässt den Kopf hängen. Dann atmet er tief durch und sieht mich an.
„Weißt du,…“, beginne ich und streiche mir eine Haarsträhne hinters Ohr, „ich bin irgendwie nicht gut bei…so etwas. Und…alles, was man in so einer Situation so sagt, das erschien mir sehr sinnlos. Und auf der Fahrt dachte ich dann, vielleicht muss jeder auf seine Weise einen Weg finden, für dich jetzt da zu sein und…“
„…und um mir das zu sagen, fährst du über 500km?“, unterbricht er mich.
„Nein, das wäre ja irrwitzig. Ich denke, meine Weise wäre, statt irgendetwas Blödes zu sagen, dich einfach in den Arm zu nehmen und für eine ganze Weile nicht los zu lassen.“
Glasige Augen blicken mich an.
„Ist das ok?“, flüstere ich.
 
Statt etwas zu erwidern, öffnet er nur die Arme und umschließt mich um die Schultern, legt seine Wange an meine. Sich ‚fest halten‘ hatte, glaube ich, noch nie so viel mit ‚Halt geben‘ zu tun wie in diesem Moment. So stehen wir da, kurz vor Mitternacht, auf offener Straße. Vielleicht sind Leute an uns vorbei gelaufen, ich weiß es nicht sicher. Irgendwann habe ich den Eindruck, er sackt etwas nach unten weg, dann höre ich ihn weinen. Über Minuten haben wir kein Wort gesprochen, auch jetzt schweige ich weiter. Er schluchzt leise an meinem Hals, ich spüre seine Tränen auf meiner Haut. Er streichelt mir über den Kopf, löst sich dann etwas, um mich ansehen zu können. Ich halte ihn noch um die Hüfte fest und erwidere seinen Blick.
 
„Bringst du mich von hier weg?“
„Du…ich soll…soll ich?“, stottere ich.
„Weit weg?“, ergänzt er nur.
Ich überlege kurz.
„Ja. Ok.“
„Ehrlich?“, versichert er sich.
„Du solltest dir aber vielleicht noch eine Jacke mitnehmen.“
„Bin sofort wieder da.“
 
Ich lehne mich an mein Auto, während ich warte, wechsele das Standbein hin und her. Bisher fühlte sich das richtig an. Und ich spürte eben, wie dringend ihm dieser Wunsch war. In solchen Nächten sollte man nicht zu viel nachdenken, sondern mehr fühlen.
 
Kurze Zeit später steht er wieder vor mir, seine Augen wirken etwas offener.
„Na dann mal los.“, meine ich und drücke mich vom Wagen weg.
Er legt seine Jacke auf den Rücksitz und ich lasse noch schnell eine alte, zerknüllte Bäcker-Tüte und einen Kugelschreiber aus dem Fußraum verschwinden und fege ein paar Krümel vom Beifahrersitz, bevor er einsteigt.
 
„Wo fahren wir hin?“, fragt er, als ich uns aus der Parklücke kurbele.
„Werden wir sehen, wenn wir da sind.“
Das klingt wahnsinnig geheimnisvoll, sollte es aber eigentlich gar nicht. Es ist schlicht und einfach die Wahrheit. Ich habe selbst noch keine Ahnung. Erst mal auf die Autobahn und dann sehen wir weiter.
Davor muss ich noch tanken, er bleibt sitzen, als ich zahlen gehe.
 
„Haben Sie Rotwein?“, frage ich den Kassierer.
„Hinten links.“, brummt der zurück.
Mit Wein kenne ich mich leider gar nicht aus. Ich stehe immer ratlos vor dem Regal und kaufe dann am Ende immer den mit dem schönsten Etikett und bisher habe ich mit dieser Methode noch nie ganz furchtbar daneben gelegen.
Ich stelle die Flasche zusammen mit einer Packung Schokokekse auf den Tresen.
„Das und die 3 bitte.“
Etwas misstrauisch scannt der Mann die Waren ein.
Ich hebe die Augenbrauen.
„Ist nicht für mich.“, erkläre ich.
„Aha.“
„Hätten Sie eine kleine Tüte?“
Ein leises Grunzen soll wohl ja heißen. Ich bekomme eine.
 
„Hier. Beifahrer-Notpaket!“, sage ich und drücke ihm im Auto die Tüte in die Hand.
Er zieht überrascht die Flasche Wein heraus.
Er grinst ein ganz kleines bisschen.
„Schönes Etikett.“
Scheiße, kennt der mich gut.
„Ach, halt doch die Klappe.“
„Und mit Schraubverschluss. Wie ‚praktisch‘.“
„Tja, das Dekantieren muss heute leider ausfallen.“
Ich fahre los.
„Keks?“, fragt er und hält mir einen direkt vors Gesicht.
„Auffahrunfall?“, entgegne ich, schiebe seine Hand weg und biege rechts ab.
„Dann nicht.“
„Mhm…, gib schon her.“
 
Mittlerweile hatte ich eine Idee, wo wir hinfahren. Sagen werde ich ihm das aber noch nicht. Würde den Effekt versauen. Und den will ich für ihn. Unbedingt.
Nachdem wir die Autobahn erreicht haben und die Lichter der Stadt nur noch im Rückspiegel von weitem leuchten, werden wir ruhiger. Er wird ruhiger. Er hat den Wein auf dem Schoß und trinkt in kleinen Schlucken. Er blickt gedankenverloren nach draußen. Mit dem Finger fährt er immer wieder die Flaschenöffnung entlang. Die Autofahrt ist jetzt gut für ihn. Sich weg bewegen zu können ohne sich selbst zu bewegen, weil man dazu gar nicht die Kraft hätte, es aber dringend braucht.
Seltsamer Weise bin ich gar nicht müde. Es ist mitten in der Nacht und ich hatte schon eine lange Fahrt hinter mir. Aber genau so, wie mein Wagen über die dunklen Straßen gleitet, fliegt auch die Zeit an uns vorbei. Ich merke gar nicht, wie spät es ist. Man orientiert sich da nicht an Stunden oder Minuten, alles geschieht in einer Art Augenblick-Seifenblase.
Irgendwann höre ich ein leises, gleichmäßiges, leicht raues Atmen und schaue zu ihm rüber. Er ist eingeschlafen. Ich löse vorsichtig den Wein aus seiner Hand und angele mir den Verschluss, der vor ihm in der Ablage liegt. Zwischendurch atmet er schwer, bewegt sich aber kaum.
 
Langsam wird es hell am Horizont. Wir sind fast da. Er ist die gesamte Fahrt über nicht aufgewacht, das freut mich. Erst, als das monotone Geräusch des Motors verstummt, öffnet er die Augen. Ich strecke mich und gähne, dehne meinen Hals, mein Körper ist etwas verspannt.
Er wuschelt sich schlaftrunken durch die Haare und setzt sich etwas aufrechter hin.
 
„Wo sind wir?“
Ich muss lächeln und deute mit dem Kinn nach draußen.
„Komm mit, ich zeig’s dir.“
 
Wir steigen aus und ich verschließe das Auto.
Wir laufen über die gepflasterte, kleine Straße. Kein Mensch unterwegs, es ist noch zu früh. Es ist noch etwas diesig, die Straßenlaternen gehen gerade aus. Wir biegen um die Ecke, da bleibt er stehen und blickt nach vorne. Sein Mund steht offen.
Ich drehe mich um.
„Oh mein Gott…“, flüstert er, „du bist doch nicht…sind wir etwa…?“
Er hat den Deich gesehen.
Ich gehe ein paar Schritte zurück, greife dann seine Hand.
„Komm schon.“
Die letzten Meter rennen wir fast, wir können es nicht mehr abwarten, bis der Blick frei wird. Wir hören es schon. Wie es an den Strand schlägt.
„Darf ich vorstellen?“, sage ich, „das Meer.“
Er blickt völlig überwältigt Richtung Strand. Wir stehen nebeneinander und atmen die salzige Luft.
Dann seufzt er erleichtert, zieht mich vor sich, legt von hinten seinen Kopf auf meinen und sagt: „Du rettest mich gerade.“
Ich umschließe seine Hände vor meinem Bauch.
„Wellen können mehr Trost spenden als Wasser im Meer ist.“
„Welches Meer ist es denn?“
„Nordsee.“
„Du hast ne Macke.“
„Ich weiß.“
„Sowas hat noch niemand für mich getan.“
Ich drehe mich zu ihm um.
„Und es wird noch besser.“, meine ich.
„Ach so?“
Er blickt mich überrascht an.
„Ja, na klar. Du setzt dich jetzt da auf die Bank und ich besorge uns da hinten in der Bäckerei Kaffee und Croissants.“
Er lächelt. Und bemerkt es selbst.
„Ich hab seit Tagen nicht mehr gelächelt.“
„Deiner Mutter würde das gefallen.“
„Ja, da hast du Recht.“
„Milch und 2 Stück Zucker, richtig?“
„Richtig.“
 
Kurz danach sitzen wir am menschenleeren Strand, eng aneinander in einem der Strandkörbe, die nicht verschlossen waren, wärmen uns mit Kaffee, verkrümeln uns mit Blätterteig und während ich kurze Zeit später an seiner Brust einschlafe, während die Sonne die tief hängenden Wolken über’m Wasser auflöst, hat er seinen Arm um mich und weiß: für jemanden da sein ist so viel Meer.