Archiv | August, 2013

Schulstuff.

29 Aug
„Werd Lehrerin“, hamse gesagt.
„Hilfste Kindern“, hamse gesagt.
Dass die dich alle naselang mit Durchfall und Kotzeritis anstecken, hamse nicht gesagt!
 
Seit knapp einer Woche sind mein Bett, meine Toilette und ich mittlerweile eine eingeschworene Ménage à trois. Im Bett liegend wird Flüssigkeit eingefüllt, auf der Toilette sitzend sich derer wieder entledigt. Ich denke, ich muss das an dieser Stelle nicht weiter ausführen. Sie wissen, wie ein menschlicher Körper auf den flotten Otto, die Sprühwurst, den Dünnpfiff reagiert.
Zwischenzeitlich landete ich sogar im Krankenhaus, in dem die Ärzte mit Hilfe von der ein oder anderen Infusion aus meinem kreideweißen Gesicht wieder einen annehmbaren Haut-Teint machten.
Und auch, wenn ein Magen-Darm-Infekt wie Krieg zu sein scheint, weil es aus allen Löchern schießt, ich mir in der Klinik erst mal die Schläuche an der Kanüle aus Versehen raus riss und der Pfleger danach erst mal mich und anschließend das Badezimmer, das ich in einen blutigen Tatort verwandelt hatte, säubern musste, und ich spät abends mit unschuldigem Blick heimlich etwas am Rädchen der Infusion drehte, damit sie schneller tropft und ich dann endlich heim durfte…trotz alledem…mag ich meinen Job.
 
Die Sommerferien sind vorbei, die Stundenpläne stehen, der Klassenraum ist so aufgeräumt und geordnet, wie er es in diesem Schuljahr nie wieder sein wird. Man plant, verteilt die Lehrplanthemen, bemalt Memory-Kärtchen und schnibbelt an Steckkästen-Karten herum, feuert das Laminier-Gerät an und trägt die Termine, die auf der Konferenz bekannt gegeben wurden, brav in seinen Lehrer-Kalender ein.
Und am ersten Schultag kommen die Kleinen dann angeschossen, die Ranzen hüpfen etwas plump auf den Rücken herum, die Köpfe sind so voll von Ferienerlebnissen, dass der Mund meist gar nicht hinterher kommt. Einige Routinen haben alle noch intus, neue Dinge und Personen werden interessiert beäugt.
Die neue Schulbegleitung zum Beispiel. Sie heißt Elena. Oder wie Schüler L. wahlweise sagt:
„Elana“
„Lenala“
„Enala“
oder „Na die da.“
 Ist aber auch ein schwieriger Name. Wenn ich in einer meiner früheren Klassen alle Mädchen zusammenrufen wollte – kein Scherz – dann klang das so: „Isa! Lisa! Lena! Selina! Nina!“ – Und: „Beate.“ – Noch mal gerettet.
 
Wer sich nun wundert, warum das eben vergleichsweise wenige Namen waren, das liegt nicht am Jungenüberschuss. Nein, ich arbeite nicht an einer normalen Grundschule, sondern an einer so genannten Förderschule für geistige Entwicklung. Ja, so nennt man das heut zu Tage. Und in diesen Klassen sind meist jeweils so zwischen 6 und 9 Kindern. Außerdem steht da auch nicht ein heroischer Lehrer mit Zeigestock vor den Kleinen und regiert mit Addition und Rechtschreibfehlern herum. Wir arbeiten in einem Team: ein oder zwei Lehrer und ein Erzieher sind immer da, Schulbegleiter, Praktikant etc. kommen dann gegebenenfalls dazu. Klingt nach viel Personal und zum Teil können wir dadurch manchmal wirklich eine Eins-zu-Eins-Betreuung gewährleisten. Aber lassen Sie mal ein oder zwei Kinder in der Klasse sein, die gewickelt werden müssen, die vielleicht nur zu zweit aus dem Rollstuhl zu heben sind. Oder Schüler mit Autismus, die ständiger Aufsicht bedürfen, weil sie sonst Bilderbuchseiten mit dem Locher zerknipsen, Wachsmalkreide essen oder Sportsocken aus fremden Turnbeuteln klauen. Sie kichern vielleicht…ist aber alles schon vorgekommen. Von Kindern, die Anfälle haben, Medikamente brauchen oder austicken und um sich schlagen (oder Schlimmeres) fange ich jetzt gar nicht erst an. Ich möchte damit nur sagen: Man braucht dieses ganze Personal. Glauben Sie mir das mal. Das Klischee vom faulen Lehrer würden Sie sofort ad acta legen, wenn Sie nur mal einen Tag diesen Job machen würden.
 
Das soll keine Beschwerde sein. Wirklich nicht. Ich stehe morgens meist gerne auf und fahre die 30 Minuten ins benachbarte Niedersachsen. Ich mag es, dass mein Job nie langweilig ist, jeder Tag anders und man diesen zwar planen kann, aber nie wirklich weiß, wie er dann im Endeffekt laufen wird. Dieses Miteinander, dieses gegenseitige Aufeinander-Reagieren zwischen den Kindern und mir, das ist es, was den Reiz ausmacht. Das Wissen zu haben, wo genau ein Kind gerade steht, an welchen Schwerpunkten man mit ihm arbeitet. Die Fäden zu ziehen, bestimmte Verhaltensweisen zu bestärken oder zu verändern durch verschiedene Maßnahmen. Das kann man bei so kleinen Klassengrößen natürlich viel individueller und intensiver als wenn 30 Pimpfe um einen herum hüpfen und man erst mal 2 Wochen braucht, bis man überhaupt mal die Namen drauf hat.
Dass die pädagogische und erzieherische Aufgabe, die man hat, nicht immer direkt von Erfolg gekrönt ist, nun, damit muss ich leben.
„So eine Scheiße!“
„Na, na, na! Wie heißt das richtig?“
„FUCK!“
Tja, da kannst du dann nur noch den Mund verziehen und denken: „Irgendwie hat er ja auch recht.“
Man lernt einfach, Geschehnisse positiv zu deuten.
Wenn dich ein Schüler zum Beispiel zur Toilette ruft und mit einem goldigen Blick, der unter seinem braunen Fransenhaarschnitt hervor lugt, sagt: „Ich wollt dir was erzählen.“
„Ach ja? Und was?“
„Ich hab die ganze Klopapierrolle in die Toilette gesteckt.“
Ehrlichkeit. Das ist pure Ehrlichkeit, verstehen Sie? Stolz auf aus eigener Kraft vollbrachte Werke! Jetzt seien Sie nicht so, es kommt immer drauf an, von welcher Seite aus man Dinge betrachtet und wie man sie anpackt. In dem Fall brauchte ich Gummihandschuhe.
 
Was Sie vielleicht auch nicht so kennen: Wir haben auch Lerninhalte zu Bereichen wie „Selbstversorgung“ und „Selbstständigkeit“ oder „soziales Training“. Wie das im Einzelnen aussieht? Nun, das hängt vom Kind ab. Manche üben, ihre Trinkflasche selbstständig auf- und wieder zuzudrehen. Mit anderen trainiert man mit Hilfe von Bildern den korrekten Ablauf beim Händewaschen. Wieder andere schaffen es, bestimmte Zimmer im Schulhaus zu finden und von alleine ohne Umwege, ähnlich wie bei Rotkäppchen, zur Großmutter bzw. wieder zum Klassenraum zu finden. Oder wenn ein Schüler mit dem Stuhl kippelt, damit immer wieder gegen die Wand stößt und man daraufhin die Regeln mit ihm wiederholt:
„Was gilt bei ‚Kippeln auf dem Stuhl‘?“
„Bumsen ist verboten!“
„Ähm…ja.“
Oder wir gehen einmal die Woche zusammen einkaufen. Überlegen, was wir brauchen, stellen einen Einkaufsplan zusammen, üben, wie man über die Straße geht und dass man im Supermarkt nicht schreiend durch die Gänge rennt. Klingt doch alles total einfach? Mitnichten. Ein Schüler sollte mal im Aldi alleine – also ohne Erwachsenen – eine Gurke holen. Er kam nach 5 Min. mit einer halben Gurke und kauend wieder. Glücklicherweise ging es nicht nach Gewicht.
Ja, Erziehung ist zuweilen knifflig. Da hat ja jeder seine eigenen Methoden. Aber ich sage Ihnen eins, so mal unter uns: Wenn meine Kinder irgendwann raus finden, dass gar nichts Schlimmes passiert, wenn ich drohend bis 3 gezählt habe, bin ich am Arsch.
 
Bei der Gurkengeschichte mögen Sie vielleicht fragen: Haben das die Eltern nie mit dem Kind geübt? Uhhhh…Obacht! Ganz böses Thema und daher auch nur ein kurzer Exkurs:
„Ist Erziehung nicht Elternsache?“, „Was sollen Lehrer noch alles leisten?“ Da kann man schnell ein schon überlaufendes Fass ins Rollen bringen. Unzählige Artikel zu diesem Thema gibt es und die Fronten sind mal mehr, mal weniger verhärtet. „Wir Eltern kennen unser Kind ja wohl am besten“ vs. „Lehrer haben einen objektiveren Blick auf den Schüler“…blablablubb. Man wird in 20 Jahren noch darüber diskutieren. Meine Meinung? Nun. Eltern fühlen sich gerne mal angegriffen, wenn Lehrer es so demonstrativ besser wissen. Umgekehrt packen Eltern Lehrer schnell am pädagogischen Kragen, indem sie ihm unterstellen, er verstehe nichts von seinem Job, wenn er das Kind nicht „im Griff“ hat. Ich kann beide Seiten verstehen.
Aber wissen sie was? Es geht nicht um die Eltern. Und auch nicht um den Lehrer. Es geht um das Kind. Und alle, die am Kind arbeiten (Ja, das sagt man wirklich so), sollten eine Linie fahren, miteinander kooperieren, sonst geht’s einfach schief. Und wer leidet drunter? Ja eben.
Da gibt es im Studium sogar eigene Seminare zu: Elternarbeit, Elternkommunikation. Ist wirklich so. Und ja, es macht tatsächlich einen Unterschied, ob ich sage: „Sie helfen Ihrem Kind nicht genug.“ oder „Um Ihrem Kind schulischen Erfolg zu ermöglichen, sollten wir uns überlegen, wie Sie es von zu Hause aus noch unterstützen können.“ – Und schon klappt das mit der Zusammenarbeit. Nun ja, meistens.
Mein Vater – auch mal Lehrer gewesen – hatte sich mal eine Mutter in die Schule bestellt, weil ihr Kind der Aufsicht während der Pause ins Gesicht gespuckt hat. Gut, das muss man verstehen. Immerhin hatte sie ihm verboten, mit Steinen zu werfen.
Und dann sitzt diese Mutter da, tippelt mit ihren rosa Acrynägeln ungeduldig auf dem Tisch herum und meint ganz trocken: „Ja, haben Sie ihm denn das vorher gesagt, dass er das mit dem Spucken nicht soll?“
„Sie haben es in den 9 Lebensjahren Ihres Kindes nicht geschafft, ihm gegenüber mal zu erwähnen, dass Spucken in das Gesicht anderer evtl. nicht den Regeln eines zivilisierten Miteinanders entspricht?“
„Kommen Sie mir nicht so, sonst schicke ich Ihnen mal meinen Mann her!“
„Darf ich Ihnen die Tür zeigen?“
In solchen Fällen ist Kooperation in etwa so einfach wie das Bernsteinzimmer zu finden oder einen ehrlichen Politiker. Aber auch das lernt man als Lehrer: Akzeptiere die Grenzen, die dir vielleicht gesetzt werden. So schwer das auch manchmal ist.
 
Bleiben wir lieber bei den lustigen, zum Teil seltsamen Geschichten, die Schüler täglich zustande bringen und einen schmunzeln oder verzweifeln lassen.
Wobei…wissen Sie was? Ich glaube, wir Lehrer wirken auf die Außenwelt wohl meist noch skurriler.
Ich bin mal direkt nach dem Unterricht in die Konferenz und von dort aus direkt auf’n Kiez, wollte mich mit zwei Freundinnen in einer Kneipe treffen. Die beiden saßen schon am Tresen und bekamen dann eine Nachricht von mir aufs Handy, die da lautete: „Der Türsteher will mich nicht rein lassen, weil ich eine Heißklebepistole in der Tasche habe.“
Ja, sie guckten auch so amüsiert wie Sie gerade. Und die beiden sollten noch froh sein, dass der nette Portier nicht auch noch den Schneebesen von Hauswirtschaft an dem Morgen entdeckt hat.
Dann bin ich auch wohl die Einzige in meinem Umfeld, die leere Klorollen sammelt. Hallo? Damit kann man super basteln! Und Eierkartons sind wunderbar in Mathematik zum Verdeutlichen des Zehnerübergangs geeignet.
Und wenn mich jemand in den paar Wochen vor den Sommerferien anruft, in denen der Tag nur noch aus Zeugnisse schreiben besteht, beschreibe ich meine Zeiteinteilung gerne mal so: „Ich komme voran. Bis die Waschmaschine durch ist, krieg ich „Arbeitsverhalten“ & „Kommunikation“ fertig.“
Man bezieht ja auch seine Leute mit ein, vor allem die Familie steckt man damit an. Meine Mutter hob mir z.B. kleine würfelartige Kartons auf, in denen mal Christbaumkugeln waren. Einfach so. Von sich aus. Sie dachte sich, kann ich bestimmt für was gebrauchen und es war so: Aus denen haben wir ein Hör-Memory gebastelt.
Und überhaupt werde ich in jedem Kreativ-Laden als Lehrerin entlarvt, sobald ich nach Klettpunkten oder Magnetband frage, weil offensichtlich Lehrer die einzigen Menschen auf der Welt sind, die Klettpunkte oder Magnetband kaufen. Das Zeug ist aber auch sagenhaft praktisch, Sie haben ja keine Ahnung! Das Material Klett nur auf Schuhe zu beschränken, beraubt die Menschheit so vieler Möglichkeiten…aber…ich schweife ab.
 
Jedenfalls…sitze ich seit knapp einer Woche hier zu Hause rum, ernähre mich von Zwieback und Salzstangen und denke dabei an J., bei dem ich mich wohl angesteckt habe und an M., der, wenn man ihn fragt, was es heute zum Mittagessen in der Schule wohl gibt, antwortet: „Soße.“ Jeden Tag sagt er das. Und seine Trefferquote ist gar nicht mal so schlecht.
Oder an L., einen Schüler mit Autismus, der Personen neuerdings mit Farben verknüpft.
Die Erzieherin ist grün. Und die Praktikantin rot.
Wissen Sie, welche Farbe ich hab? Ich weiß es, ich hab ihn nämlich gefragt.
„Frau S. ist gold.“
 
Da haben Sie’s. Noch ein Grund mehr, warum ich meinen Job mag.
 
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„Erst mal für immer.“ (1 Jahr Hamburg, Teil II)

1 Aug
„In Würzburg hätte es das nicht gegeben.“
„Ein Glück, dass du jetzt in Hamburg bist.“
 
Nachts…so gegen 2 Uhr stießen wir mit warmem Apfelsaft an. Er war den ganzen Tag im Auto umher gerollt. Umzüge laufen ja generell nicht so wie sie geplant waren. Aber dass bei mir, die allgemein hin eher als strukturiert und organisiert gilt, das so dermaßen schief läuft, dass jede Skischanze und so ein Turm in Pisa glatt eifersüchtig wären…konnte keiner ahnen.
 
Dank Ex-Vermieter, Unfall, Vollsperrung, Baustellen, Tempo-Drosselung des Umzugslasters, Feierabendverkehrs und einer Tagesstruktur von gerade mal 24-Stunden (so ein Scheiß) erst gegen 21 Uhr abends über die Pflastersteine der schmalen Einbahnstraße in Hamburg gerollt.
 
Dank Autofahrern, die Parkverbotsschilder wegen Umzugs wunderbar lustig ignorieren können, erst mal mit Polizeibeamten gesprochen, die zwar Freund(lich), aber keine Helfer waren und anschließend mein gesamtes Hab&Gut auf dem Bürgersteig abgestellt. Im Eiltempo, weil alle kommenden Autos nicht mehr durch kamen und zurücksetzen mussten.
 
Dank der späten Stunde nur noch drei Leute zum Helfen da, dafür aber 1000 Kisten und 2000 Möbel und einen 4. Stock und kein Aufzug.
 
Dank betrunkener, verblödeter, alter Männer einen kleinen Spurt hingelegt und meinen Akkuschrauber, einen Stuhl und ein kleines Wandregal zurück geholt und bei dem lallenden Kommentar: „Wir dachten, das Zeug ist zu Verschenken.“ mich nur mit Mühe zurückgehalten, keine männlichen Geschlechtsorgane gewaltsam zu zerstören.
 
Dank allem kurz vorm Verzweifeln.
 
Stockwerkweise schleppten wir die Kisten nach oben, draußen alles dunkel, kein Ende in Sicht.
Zwei junge Frauen schließen gerade ihre Fahrräder vorm Haus ab und beobachten uns…mit wehleidigem Blick.
„Hi.“
„Hallo.“
„Wohnt ihr hier?“Vorhofflimmern.
„Ja.“
„Ich zieh grad ein.“
„Schön, willkommen.“
„Sagt mal, blöde Frage…aber ihr kennt nicht zufällig ein oder zwei Männer mit Oberarmmuskeln, die spontan Lust hätten, für Kohle Kisten zu schleppen?“
„Nee, leider nicht.“
„Mhm. War’n Versuch.“
„Aber wir könnten helfen.“
„Echt???“
„Klar, ich hol mal noch Sabrina aus’m Nachbarhaus.“
Und da, mitten in der Nacht, an einem stinknormalen Wochentag, trugen drei fremde Mädels den Löwenanteil meiner Möbel bis unters Dach. Plauderten dabei fröhlich über Raumaufteilung und Wohnungsgrößen, Mietpreise und wer hier noch so alles wohnt. Und wollten danach nicht mal was dafür haben, bloß eine Einladung zur Einweihungsfeier. In Würzburg hätte man mich wohl wegen nächtlicher Ruhestörung angezeigt, empört mit Wohnungstüren geknallt und a weng was auf Frängisch gebabbelt.
Und so konnte ich nach einem ätzenden Tag und nach nur wenigen Stunden in meiner neuen Stadt schon das Klischee vom kühlen Norddeutschen direkt mal ad acta legen.
 Hamburg. Vereinfacht dargestellt.
Und heute ist das genau 1 Jahr her. Heute vor einem Jahr zog ich nach Hamburg. Einfach so. Weil ich es wollte. Und es mir ganz allein, aus eigener Kraft, ermöglicht hatte. Einfach mal durchgezogen, eins nach dem anderen, bis ich plötzlich da war.
 
 
 
Mit gefühlten Zeiträumen ist das ja so eine Sache. Das kennt wahrscheinlich jeder.
Auf der einen Seite kommt es mir so vor, als wäre ich wirklich gerade eben erst durch mein Viertel gelaufen, um mal zu sehen, was es da so gibt. Wie die Seitenstraßen aussehen. Schleichwege entdecken. Den nächsten Supermarkt suchen. Kreischen wie ein kleines Mädchen, als ich um die Ecke biege und direkt vorm Michel steh.Moin Hamburg...
An meinem ersten richtigen Morgen in Hamburg aufwachen, weil die Sonne hinter den gegenüberliegenden Dächern vom Innenhof aufgeht und alles in ein rot-goldenes Licht taucht.
An der Haltestelle ‚Baumwall‘ stehen und gar nicht mitbekommen, dass ich gerade die Bahn verpasst habe, weil meine Augen an den vielen Schiffen und dem Wasser hängen geblieben sind.
Oder mit Freunden was trinken gehen und dann abends durch Hamburg nach Hause laufen und denken: „Du läufst abends durch Hamburg nach Hause. Wie geil ist das denn bitte???“ Da überfällt dich dieses Gefühl, dass du jetzt wirklich und echt hier lebst, immer wieder aufs Neue.
 
Hafencity. Landungsbrücken. Alsterarkaden. 
Schneescheinwerfer. Die Rickmer Rickmers. Alsterschwäne.
Und auf der anderen Seite sind viele Dinge mittlerweile so selbstverständlich geworden…als wäre auf meinem ersten Babystrampler schon ein Anker drauf gewesen oder in meinem Milchfläschchen immer auch ein, zwei Tropfen Astra.
 
Neulich zum Beispiel lief ich spät abends an zwei Touristen vorbei, die offensichtlich die Orientierung verloren hatten, sich suchend umschauten und den Stadtplan in den Händen drehten, in jede Richtung hielten und wohl bedauerten, Alster...dass er kein Navi war und sprechen kann. Sie fragten, ob ich von hier sei und ich antwortete wie aus der Pistole geschossen:
„Ja sicher. Wo möchten Sie denn hin?“
„Wissen Sie, na ja, also…da, wo das viele Wasser mitten in der Stadt ist.“
„Da sind Sie in Hamburg überall richtig.“
Sie zogen leicht einen Mundwinkel etwas irritiert nach oben und ich wies ihnen brav den Weg Richtung Alster.
 
Kurzer Exkurs: In Großstädten sind Touristen ja eh so ein Phänomen. Die sind überall. Während sie in gleichfarbigen Jack-Wolfskin-Jacken laut diskutierend ein Fotomotiv nach dem anderen mit ihrer Kamera um den Hals jagen, bringe ich gerade ungeschminkt und in Gammelklamotten mein Leergut zum Rewe. Die wirken immer so gehetzt, weil sie sich ja in kürzester Zeit alles angucken müssen. Für mich ist das alles völlig normal und alltäglich. Wenn diese Postkartensammler sich irritiert umdrehen und „War dieses dumpfe Tröten gerade eine Schiffshupe?“ fragen und ich nur die Augen verdrehe und „Nein, ein Hafenpups!“ zurück blöken möchte.
Das Paradoxe ist aber: Ich wohne zwar hier, aber diese Menschlein, Wasserspiel.die der Dame mit dem hoch erhobenen Schirm und den Prospekten in der Hand hinterher dackeln, scheinen in der Tat schon mehr von Hamburg gesehen zu haben als ich. Es gibt so viele Dinge, die ich noch nie gemacht habe. Eine Alster-Rundfahrt. Oder durch die Speicherstadt bummeln. So eine geführte Schiffstour durch den Container-Hafen. Durch den alten Elbtunnel tingeln. Eine ganze Nacht aufm Kiez verbringen und wenn es hell wird, zum Fischmarkt und frühstücken. Diesen ganzen Touristenkram macht man irgendwie nie, weil man ja keiner ist. Man lebt ja richtig hier.
Vielleicht habe ich aber auch nicht weniger gesehen als die. Sondern nur anderes. Kleinere, verborgenere Dinge. Vielleicht sogar Schönere.
 
 Spielplatz. Wildwechsel. Speicherstadt. Mond und Elbphilharmonie. Herrlichkeit. Tiptop eingeparkt.
Zurück zum Thema:
Dieses Gefühl des Selbstverständlichen merkte ich recht früh.
Wenn man zum Beispiel das erste Mal im Schlafanzug Brötchen holt. Da weißt du einfach, dass du in deiner neuen Stadt angekommen bist.
Oder es völlig normal geworden ist, dass ich in die Änderungsschneiderei um die Ecke tapse und hinten auf dem Tisch meine abgegebenen Pakete raus suche, während Djani, der immer fröhliche Besitzer, nur zwinkert, eine Augenbraue hebt und dann seine Kundin weiter berät, wie hoch der Saum an ihrer Sommerhose sein sollte.
Wenn ich plötzlich so was wie eine Stammkneipe habe.
Oder man ans Telefon geht und sich mit ‚Moin‘ meldet.
Wenn ich meine alte Klasse in Würzburg besuche und das tiefe Bayerisch des Hausmeisters nicht mehr verstehe.
Dass ich mich abends mit Leuten treffe zum „Schnacken“ oder „Rumklönen“.
Generell ist das ein eindeutiges Zeichen bei mir, wenn ich die sprachlichen Eigenarten übernehme.
 
Sobald du dich in Hamburg verliebt hast, und das ging bei mir sehr schnell, dann läufst du – etwas debil lächelnd – an den Landungsbrücken entlang und hältst du mit ihr Strändchen. Und wer an deinem neuen Partner etwas auszusetzen hat, wird gnadenlos vernichtet.
„Er hat was gegen Hamburg gesagt.“
„MÖGE IHM EINE MÖWE AUF’N KOPP KACKEN!“
 
Woran ich auch merke, dass ich schon ein ganzes Jahr hier bin, ist die Tatsache, dass ich nun weiß, wie die Stadt zu jeder Jahreszeit aussieht.
Dass man die ersten Kastanien findet und in der Jackentasche aufhebt, weil das Glück bringen soll. Fast Leute umlaufen, weil man vom Gold an den Bäumen so fasziniert ist. Im Sessel sitzen und die ersten Mandarinen essen, weil Herbst ist.
 
Kastanien. Gülden. Herbst.Gebogener Regen.Regenfront.
 
 Regenstürme vorm Fenster und man selbst mit einer großen Tasse Tee dahinter. Danach Regenbögen bewundern. 
 
 
 Mein erster Advent. Mein erster Schnee.
 
Mein erster Advent.
Mein erster Schnee.
 
 
 
 
 
Dick eingepackt über den Weihnachtsmarkt schlendern, mit einer heißen Tasse Glühwein auf die Alster raus schauen und nachts unter dem Lichterbaum am Rathaus stehen.
Erst Puderzuckerdächer und dann morgens zu spät zur Arbeit kommen, weil du fast eine Stunde brauchst, dein Auto frei zu schaufeln.
Vereiste Äste und Fahrräder, weil die Regenrinne oben undicht ist.
Das Knacken der Eisschollen hören, die an einem auf der Elbe vorbei fließen.
 
Und auf der Kapuze glitzert's. Lichterbaum am Rathaus. Puderzuckerdächer. Baum. Tiefgekühlt. Regenrinne undicht? Eisschollenknacken.
 
Die ersten Tulpen kaufen und hoffen. Blütenmeer.
Alles weiß.Und dann die üppigen, flauschigen, rosa Bäume im Frühling. Im Kirschblütenregen stehen und denken: „Mir kann keiner was.“

 
 
 Hamburg-Ei.
Das ultimative Hamburg-Osterei gestalten.
 
 
 
Den ersten Hafengeburtstag feiern, weil es auch irgendwie ein bisschen mein eigener ist. <3AIDA-BÄM!
 
 
Bei Hitze und Sonnenschein mit der Fähre zum Strand raus fahren, grillen und kaum etwas selbst davon essen, weil man jedem Hund, der vorbei kommt, etwas abgeben mag.
Den Sonnenuntergang genießen und mit Sand in den Schuhen glücklich in der hereinbrechenden Dunkelheit wieder nach Hause tuckern.
 
Sonnenstrand. Grill-Nutznießer. Schubidu.
Über ein ganzes Jahr hinweg werden einem die Gegensätze klar. Die Veränderungen. Und dass ich Hamburg liebe, egal, welches Kleid es gerade trägt.
 
Ob Sand, Reste der Sturmflut oder knöcheltiefer Schnee.
 
 Sand. Meine erste Sturmflut. Dickster Winter in Hamburg.
Die Bäume deiner Straße im satten Grün, kahl oder schneebedeckt.
 
Grün. Kahl. Schneededeckt.
Der Michel im grellen Sonnenlicht, so dass man die Augen zusammen kneifen muss.
Im diesigen Einheitsgrau, in dem er sich manchmal nur erahnen lässt.
Oder prächtig leuchtend im Sonnenuntergang.
 
Sonnenmichel. Nebelmichel. Feuermichel.
Dinge, die noch komplett unbekannt und neu sind.
Dinge, die vollkommen alltäglich erscheinen, als wären sie nie anders gewesen.
So muss es wohl sein nach einem Jahr Hamburg.
 
Aber es gibt noch eine dritte Kategorie für mich:
Dinge, die ich kenne und liebe und immer noch mache wie am ersten Tag und hoffe, das auch noch in 10 Jahren so empfinden zu können:
 
Was Geräusche angeht.
Wie angewurzelt in der Wohnung stehen bleiben, sobald du das Tuten der Schiffe vom Hafen hörst, weil das etwas unglaublich Wunderschönes ist für deine Ohren.
Oder wenn Möwen über dich hinweg fliegen und kreischen und es jedes mal nach Urlaub klingt. Und du dich dann dabei erwischst, dass du eine Taube gurren hörst und nur denkst: „Die Möwe klingt aber komisch.“ Oder du in deine Wolldecke gewickelt hinterm Fenster kauerst, die Möwen auf dem Dach gegenüber beobachtest und leise „Meins. Meins. Meins.“ vor dich hinbrabbelst.Dachfensterbalkon.
Oder abends pünktlich um 9 das Dachfenster öffnen, damit du den Trompeter vom Michel hörst. Und dabei merken, dass du glücklich lächelst, egal, wie scheiße oder anstrengend dein Tag davor war.
Das metallene Quietschen von aneinander schlagenden Schiffsmasten.
Einsetzender Regen, der auf das Dachfenster trommelt. Weil’s in Hamburg ja nur regnet. Wissen wir alle.
 
Altona. Rathaus. Sonne küsst Hafen.
Was das Spüren angeht.
Den Wind, der vom Hafen her weht, dabei reflexartig die Augen schließen und tief einatmen.Blick auf die Elbe vom Michel aus.
Barfuß durch den kühlen Sand am Elbstrand stapfen.
Täglich lächeln, wenn du von der Arbeit kommst und über die Elbbrücken fährst und wieder zu Hause bist.
Die Faszination, wenn du in Hamburg am Hafen stehst…vor dir das Tor zur Welt liegt…und du trotzdem da bleiben magst. 
 
 
Danke Hamburg, dass du mich endlich hast ankommen lassen. Bei dir wie in mir selbst. Dass du mein Hafen bist. Jeden Tag.
Und wenn mich Leute fragen, wie lange ich denn gedenke, in Hamburg zu bleiben, antworte ich: „Erst mal für immer.“
Angekommen. Zu Hause.
 
Nachtrag:
Liebes Hamburg, ich wünsche mir für mein zweites Jahr mit dir:
 
Mehr Zeit für uns beide, einfach so durch dich hindurch streifen zu können, ohne etwas erledigen zu müssen. Einfach nur so, weil uns beiden danach ist. Dich noch mehr zu entdecken, noch mehr ineinander zu schwappen wie die Wellen in der Elbe.
Pauli an den Landungsbrücken.
Dass du mich weiterhin überraschst, mir Neues zeigst, mich beschützt und bei mir bist, wenn ich abends an den Landungsbrücken entlang spaziere und die Lichter im Hafen heller werden.
 
Viele Abende mit Freunden, neuen wie alten, die mich spüren lassen, wie lebendig ich bin. Nachts nach Hause laufen, die Nase in den Himmel strecken und so sehr genießen, bei dir zu sein.
 
Neben dir noch eine zweite Liebe zu finden. In Menschenform.
 
Mich und meinen Körper weiter zu verändern, weil du mir den Ansporn dazu gibst. Und sei es, durch die ein oder andere Windböe, die mich antreibt, noch etwas schneller zu laufen.
 
Und vielleicht doch noch etwas mehr Tourikram abzuhaken, weil’s ja zu dir gehört.
 
Und ansonsten drückt Meike Schrader mit ‚Hamburg-mein Hafen‘ so wunderbar aus, was ich eigentlich sagen will:
“…wenn wir zwei uns nicht verlieren,
dann kann mir nichts mehr passieren.“