Schulstuff.

29 Aug
„Werd Lehrerin“, hamse gesagt.
„Hilfste Kindern“, hamse gesagt.
Dass die dich alle naselang mit Durchfall und Kotzeritis anstecken, hamse nicht gesagt!
 
Seit knapp einer Woche sind mein Bett, meine Toilette und ich mittlerweile eine eingeschworene Ménage à trois. Im Bett liegend wird Flüssigkeit eingefüllt, auf der Toilette sitzend sich derer wieder entledigt. Ich denke, ich muss das an dieser Stelle nicht weiter ausführen. Sie wissen, wie ein menschlicher Körper auf den flotten Otto, die Sprühwurst, den Dünnpfiff reagiert.
Zwischenzeitlich landete ich sogar im Krankenhaus, in dem die Ärzte mit Hilfe von der ein oder anderen Infusion aus meinem kreideweißen Gesicht wieder einen annehmbaren Haut-Teint machten.
Und auch, wenn ein Magen-Darm-Infekt wie Krieg zu sein scheint, weil es aus allen Löchern schießt, ich mir in der Klinik erst mal die Schläuche an der Kanüle aus Versehen raus riss und der Pfleger danach erst mal mich und anschließend das Badezimmer, das ich in einen blutigen Tatort verwandelt hatte, säubern musste, und ich spät abends mit unschuldigem Blick heimlich etwas am Rädchen der Infusion drehte, damit sie schneller tropft und ich dann endlich heim durfte…trotz alledem…mag ich meinen Job.
 
Die Sommerferien sind vorbei, die Stundenpläne stehen, der Klassenraum ist so aufgeräumt und geordnet, wie er es in diesem Schuljahr nie wieder sein wird. Man plant, verteilt die Lehrplanthemen, bemalt Memory-Kärtchen und schnibbelt an Steckkästen-Karten herum, feuert das Laminier-Gerät an und trägt die Termine, die auf der Konferenz bekannt gegeben wurden, brav in seinen Lehrer-Kalender ein.
Und am ersten Schultag kommen die Kleinen dann angeschossen, die Ranzen hüpfen etwas plump auf den Rücken herum, die Köpfe sind so voll von Ferienerlebnissen, dass der Mund meist gar nicht hinterher kommt. Einige Routinen haben alle noch intus, neue Dinge und Personen werden interessiert beäugt.
Die neue Schulbegleitung zum Beispiel. Sie heißt Elena. Oder wie Schüler L. wahlweise sagt:
„Elana“
„Lenala“
„Enala“
oder „Na die da.“
 Ist aber auch ein schwieriger Name. Wenn ich in einer meiner früheren Klassen alle Mädchen zusammenrufen wollte – kein Scherz – dann klang das so: „Isa! Lisa! Lena! Selina! Nina!“ – Und: „Beate.“ – Noch mal gerettet.
 
Wer sich nun wundert, warum das eben vergleichsweise wenige Namen waren, das liegt nicht am Jungenüberschuss. Nein, ich arbeite nicht an einer normalen Grundschule, sondern an einer so genannten Förderschule für geistige Entwicklung. Ja, so nennt man das heut zu Tage. Und in diesen Klassen sind meist jeweils so zwischen 6 und 9 Kindern. Außerdem steht da auch nicht ein heroischer Lehrer mit Zeigestock vor den Kleinen und regiert mit Addition und Rechtschreibfehlern herum. Wir arbeiten in einem Team: ein oder zwei Lehrer und ein Erzieher sind immer da, Schulbegleiter, Praktikant etc. kommen dann gegebenenfalls dazu. Klingt nach viel Personal und zum Teil können wir dadurch manchmal wirklich eine Eins-zu-Eins-Betreuung gewährleisten. Aber lassen Sie mal ein oder zwei Kinder in der Klasse sein, die gewickelt werden müssen, die vielleicht nur zu zweit aus dem Rollstuhl zu heben sind. Oder Schüler mit Autismus, die ständiger Aufsicht bedürfen, weil sie sonst Bilderbuchseiten mit dem Locher zerknipsen, Wachsmalkreide essen oder Sportsocken aus fremden Turnbeuteln klauen. Sie kichern vielleicht…ist aber alles schon vorgekommen. Von Kindern, die Anfälle haben, Medikamente brauchen oder austicken und um sich schlagen (oder Schlimmeres) fange ich jetzt gar nicht erst an. Ich möchte damit nur sagen: Man braucht dieses ganze Personal. Glauben Sie mir das mal. Das Klischee vom faulen Lehrer würden Sie sofort ad acta legen, wenn Sie nur mal einen Tag diesen Job machen würden.
 
Das soll keine Beschwerde sein. Wirklich nicht. Ich stehe morgens meist gerne auf und fahre die 30 Minuten ins benachbarte Niedersachsen. Ich mag es, dass mein Job nie langweilig ist, jeder Tag anders und man diesen zwar planen kann, aber nie wirklich weiß, wie er dann im Endeffekt laufen wird. Dieses Miteinander, dieses gegenseitige Aufeinander-Reagieren zwischen den Kindern und mir, das ist es, was den Reiz ausmacht. Das Wissen zu haben, wo genau ein Kind gerade steht, an welchen Schwerpunkten man mit ihm arbeitet. Die Fäden zu ziehen, bestimmte Verhaltensweisen zu bestärken oder zu verändern durch verschiedene Maßnahmen. Das kann man bei so kleinen Klassengrößen natürlich viel individueller und intensiver als wenn 30 Pimpfe um einen herum hüpfen und man erst mal 2 Wochen braucht, bis man überhaupt mal die Namen drauf hat.
Dass die pädagogische und erzieherische Aufgabe, die man hat, nicht immer direkt von Erfolg gekrönt ist, nun, damit muss ich leben.
„So eine Scheiße!“
„Na, na, na! Wie heißt das richtig?“
„FUCK!“
Tja, da kannst du dann nur noch den Mund verziehen und denken: „Irgendwie hat er ja auch recht.“
Man lernt einfach, Geschehnisse positiv zu deuten.
Wenn dich ein Schüler zum Beispiel zur Toilette ruft und mit einem goldigen Blick, der unter seinem braunen Fransenhaarschnitt hervor lugt, sagt: „Ich wollt dir was erzählen.“
„Ach ja? Und was?“
„Ich hab die ganze Klopapierrolle in die Toilette gesteckt.“
Ehrlichkeit. Das ist pure Ehrlichkeit, verstehen Sie? Stolz auf aus eigener Kraft vollbrachte Werke! Jetzt seien Sie nicht so, es kommt immer drauf an, von welcher Seite aus man Dinge betrachtet und wie man sie anpackt. In dem Fall brauchte ich Gummihandschuhe.
 
Was Sie vielleicht auch nicht so kennen: Wir haben auch Lerninhalte zu Bereichen wie „Selbstversorgung“ und „Selbstständigkeit“ oder „soziales Training“. Wie das im Einzelnen aussieht? Nun, das hängt vom Kind ab. Manche üben, ihre Trinkflasche selbstständig auf- und wieder zuzudrehen. Mit anderen trainiert man mit Hilfe von Bildern den korrekten Ablauf beim Händewaschen. Wieder andere schaffen es, bestimmte Zimmer im Schulhaus zu finden und von alleine ohne Umwege, ähnlich wie bei Rotkäppchen, zur Großmutter bzw. wieder zum Klassenraum zu finden. Oder wenn ein Schüler mit dem Stuhl kippelt, damit immer wieder gegen die Wand stößt und man daraufhin die Regeln mit ihm wiederholt:
„Was gilt bei ‚Kippeln auf dem Stuhl‘?“
„Bumsen ist verboten!“
„Ähm…ja.“
Oder wir gehen einmal die Woche zusammen einkaufen. Überlegen, was wir brauchen, stellen einen Einkaufsplan zusammen, üben, wie man über die Straße geht und dass man im Supermarkt nicht schreiend durch die Gänge rennt. Klingt doch alles total einfach? Mitnichten. Ein Schüler sollte mal im Aldi alleine – also ohne Erwachsenen – eine Gurke holen. Er kam nach 5 Min. mit einer halben Gurke und kauend wieder. Glücklicherweise ging es nicht nach Gewicht.
Ja, Erziehung ist zuweilen knifflig. Da hat ja jeder seine eigenen Methoden. Aber ich sage Ihnen eins, so mal unter uns: Wenn meine Kinder irgendwann raus finden, dass gar nichts Schlimmes passiert, wenn ich drohend bis 3 gezählt habe, bin ich am Arsch.
 
Bei der Gurkengeschichte mögen Sie vielleicht fragen: Haben das die Eltern nie mit dem Kind geübt? Uhhhh…Obacht! Ganz böses Thema und daher auch nur ein kurzer Exkurs:
„Ist Erziehung nicht Elternsache?“, „Was sollen Lehrer noch alles leisten?“ Da kann man schnell ein schon überlaufendes Fass ins Rollen bringen. Unzählige Artikel zu diesem Thema gibt es und die Fronten sind mal mehr, mal weniger verhärtet. „Wir Eltern kennen unser Kind ja wohl am besten“ vs. „Lehrer haben einen objektiveren Blick auf den Schüler“…blablablubb. Man wird in 20 Jahren noch darüber diskutieren. Meine Meinung? Nun. Eltern fühlen sich gerne mal angegriffen, wenn Lehrer es so demonstrativ besser wissen. Umgekehrt packen Eltern Lehrer schnell am pädagogischen Kragen, indem sie ihm unterstellen, er verstehe nichts von seinem Job, wenn er das Kind nicht „im Griff“ hat. Ich kann beide Seiten verstehen.
Aber wissen sie was? Es geht nicht um die Eltern. Und auch nicht um den Lehrer. Es geht um das Kind. Und alle, die am Kind arbeiten (Ja, das sagt man wirklich so), sollten eine Linie fahren, miteinander kooperieren, sonst geht’s einfach schief. Und wer leidet drunter? Ja eben.
Da gibt es im Studium sogar eigene Seminare zu: Elternarbeit, Elternkommunikation. Ist wirklich so. Und ja, es macht tatsächlich einen Unterschied, ob ich sage: „Sie helfen Ihrem Kind nicht genug.“ oder „Um Ihrem Kind schulischen Erfolg zu ermöglichen, sollten wir uns überlegen, wie Sie es von zu Hause aus noch unterstützen können.“ – Und schon klappt das mit der Zusammenarbeit. Nun ja, meistens.
Mein Vater – auch mal Lehrer gewesen – hatte sich mal eine Mutter in die Schule bestellt, weil ihr Kind der Aufsicht während der Pause ins Gesicht gespuckt hat. Gut, das muss man verstehen. Immerhin hatte sie ihm verboten, mit Steinen zu werfen.
Und dann sitzt diese Mutter da, tippelt mit ihren rosa Acrynägeln ungeduldig auf dem Tisch herum und meint ganz trocken: „Ja, haben Sie ihm denn das vorher gesagt, dass er das mit dem Spucken nicht soll?“
„Sie haben es in den 9 Lebensjahren Ihres Kindes nicht geschafft, ihm gegenüber mal zu erwähnen, dass Spucken in das Gesicht anderer evtl. nicht den Regeln eines zivilisierten Miteinanders entspricht?“
„Kommen Sie mir nicht so, sonst schicke ich Ihnen mal meinen Mann her!“
„Darf ich Ihnen die Tür zeigen?“
In solchen Fällen ist Kooperation in etwa so einfach wie das Bernsteinzimmer zu finden oder einen ehrlichen Politiker. Aber auch das lernt man als Lehrer: Akzeptiere die Grenzen, die dir vielleicht gesetzt werden. So schwer das auch manchmal ist.
 
Bleiben wir lieber bei den lustigen, zum Teil seltsamen Geschichten, die Schüler täglich zustande bringen und einen schmunzeln oder verzweifeln lassen.
Wobei…wissen Sie was? Ich glaube, wir Lehrer wirken auf die Außenwelt wohl meist noch skurriler.
Ich bin mal direkt nach dem Unterricht in die Konferenz und von dort aus direkt auf’n Kiez, wollte mich mit zwei Freundinnen in einer Kneipe treffen. Die beiden saßen schon am Tresen und bekamen dann eine Nachricht von mir aufs Handy, die da lautete: „Der Türsteher will mich nicht rein lassen, weil ich eine Heißklebepistole in der Tasche habe.“
Ja, sie guckten auch so amüsiert wie Sie gerade. Und die beiden sollten noch froh sein, dass der nette Portier nicht auch noch den Schneebesen von Hauswirtschaft an dem Morgen entdeckt hat.
Dann bin ich auch wohl die Einzige in meinem Umfeld, die leere Klorollen sammelt. Hallo? Damit kann man super basteln! Und Eierkartons sind wunderbar in Mathematik zum Verdeutlichen des Zehnerübergangs geeignet.
Und wenn mich jemand in den paar Wochen vor den Sommerferien anruft, in denen der Tag nur noch aus Zeugnisse schreiben besteht, beschreibe ich meine Zeiteinteilung gerne mal so: „Ich komme voran. Bis die Waschmaschine durch ist, krieg ich „Arbeitsverhalten“ & „Kommunikation“ fertig.“
Man bezieht ja auch seine Leute mit ein, vor allem die Familie steckt man damit an. Meine Mutter hob mir z.B. kleine würfelartige Kartons auf, in denen mal Christbaumkugeln waren. Einfach so. Von sich aus. Sie dachte sich, kann ich bestimmt für was gebrauchen und es war so: Aus denen haben wir ein Hör-Memory gebastelt.
Und überhaupt werde ich in jedem Kreativ-Laden als Lehrerin entlarvt, sobald ich nach Klettpunkten oder Magnetband frage, weil offensichtlich Lehrer die einzigen Menschen auf der Welt sind, die Klettpunkte oder Magnetband kaufen. Das Zeug ist aber auch sagenhaft praktisch, Sie haben ja keine Ahnung! Das Material Klett nur auf Schuhe zu beschränken, beraubt die Menschheit so vieler Möglichkeiten…aber…ich schweife ab.
 
Jedenfalls…sitze ich seit knapp einer Woche hier zu Hause rum, ernähre mich von Zwieback und Salzstangen und denke dabei an J., bei dem ich mich wohl angesteckt habe und an M., der, wenn man ihn fragt, was es heute zum Mittagessen in der Schule wohl gibt, antwortet: „Soße.“ Jeden Tag sagt er das. Und seine Trefferquote ist gar nicht mal so schlecht.
Oder an L., einen Schüler mit Autismus, der Personen neuerdings mit Farben verknüpft.
Die Erzieherin ist grün. Und die Praktikantin rot.
Wissen Sie, welche Farbe ich hab? Ich weiß es, ich hab ihn nämlich gefragt.
„Frau S. ist gold.“
 
Da haben Sie’s. Noch ein Grund mehr, warum ich meinen Job mag.
 
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8 Antworten to “Schulstuff.”

  1. Thomas 30. August 2013 um 08:01 #

    Deine Geschichten sind einfach wunderbar ❤

  2. Astridka 1. September 2013 um 00:32 #

    HAb ich gerne & mit Vergnügen gelesen. Wenn ich die Farbe Gold zugeordnet kriegte, ging ich am Montag auch wieder gerne in die Schule…
    LG
    Astrid

  3. Jeanie 1. September 2013 um 03:06 #

    Erst mal gute Besserung!!!

    Ich habe Ihren Text mit großem Vergnügen, Verständnis und ein bißchen Wehmut gelesen 😉

    Meine drei Kinder waren alle in der Grundschule in einer Kooperationsklasse, in der die „Regelkinder“ gemeinsam mit den „Förderkindern“ unterrichtet wurden, in den ersten beiden Schuljahren eben in der Förderschule in nebeneinanderliegenden Klassenzimmern. In allen Fächern in denen es möglich war, wurden die Förderkinder (die behinderten klingt so gräßlich) gemeinsam mit den gesunden Kindern unterrichtet und manche schafften es sogar in Deutsch oder Mathe mitzuhalten.Und alle lernten mit- und voneinander… die Regelkinder genauso wie die Förderkinder.

    Und sowas klappt nur mit Lehrern und Erziehern, die genau wie sie das nicht als Beruf sondern als Berufung sehen 😀 DANKE!!

  4. Peter 3. September 2013 um 15:19 #

    Über die herzdamengeschichten.de hierher gefunden und einen wunderbaren Text, eben diesen hier, gelesen. Voller Respekt danach über meine vielfältigen Vorurteile gegenüber Lehrern nachgedacht und verwundert über mich selbst den Kopf geschüttelt. Danke für diese Erkenntnis. Ich komme wieder, keine Frage 😉

  5. Anna 3. September 2013 um 21:14 #

    Danke ❤
    Sehr schöner Text 🙂

  6. Yvi 4. September 2013 um 17:13 #

    Über den guten Buddenbohm her gekommen und gleich ganz begeistert. Hach, ich hätte auch mal was soziales lernen sollen. Also wenn sie mal eine Praktikantin brauchen – von Tuten und Blasen keine Ahnung aber ich hab viele Klopapierrollen und tütenweise Glitzer. Reicht das?

  7. rotkapi 9. September 2013 um 15:44 #

    Herrlich klingt das! Und eine goldene Person zu sein, hach, da geht einem ja allein beim Lesen schon das Herz sperrangelweit auf. Das lohnt jeden Klogriff!

Trackbacks/Pingbacks

  1. Woanders – diesmal mit Hubschrauberpiloten, der Wahl, Mr. Christian und anderem | Herzdamengeschichten - 31. August 2013

    […] Eine Lehrerin erklärt, warum sie ihren Job mag, mit einem geradezu zwingenden Argument am Ende des Textes. Aber erst alles andere lesen! […]

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