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Paul.

15 Sep
„Wäre gut, wenn der bei dir noch rein könnte. Ok?“
Als ob ich als gerade fertig gewordene Lehrerin da ein wirkliches Mitspracherecht hätte. Als ob ich es mir aussuchen könnte.
„Klar, kein Problem. Wann kommt er denn?“
„Die Mutter bringt ihn nachher her. Würden dann mal so in der 2. Stunde bei dir rein gucken kommen. Nur kurz.“
Gleich heute. Wundervoll. Danke fürs frühzeitige Bescheid geben.
„Super. Dann bis nachher.“
Die Kinder meiner ersten Klasse waren bunt zusammen gewürfelt worden. Ein paar kannten sich schon aus dem Kindergarten von nebenan. Andere kamen von externen Einrichtungen. Aber wie das bei Kindern so ist, nach ein paar Wochen waren sie zu einer Einheit zusammen geschmolzen. Wir waren die 1a. Da gab es nichts zu rütteln dran.
Nun sollte also noch ein Kind dazu kommen. Das Zwölfte. Für eine Klasse im Förderschulbereich ist das schon sehr viel. Ab 13 Kindern müsste die Klasse geteilt werden.
Paul, 7 ½ Jahre, gerade umgezogen mit seiner Familie. Zwei ältere Brüder, die die angeschlossene Hauptschule besuchen würden. Mehr wusste ich nicht.
 
„Boa! Noch n Junge? Scheiße, ich will mehr Mädchen!“
„Scheiße sagt man nicht, Luisa.“
„Spielt der gerne Fußball?“
„Frag ihn, wenn er nachher kommt.“
„Der soll neben mir sitzen!“
„Nein! Neben mir!“
„Ihr wisst, dass das eine Lehrer-Entscheidung ist.“
„Naaaa guuuut.“
 
Sehr leise steht Paul wenig später da, sich halb hinter seiner Mutter versteckend. Ihm ist das nicht so geheuer. Braune Haare, schon recht groß für sein Alter, ziemlich dünn, drahtiger Körper, eine lockere Jeans und ein dunkler Pullover. Er gibt mir brav die Hand, als ich in die Hocke gehe und mich ihm vorstelle. Martin stellt seine Fußballfrage und Paul nickt.
 
Ein paar Tage später sitze ich nach Schulschluss da, stütze meinen Kopf auf meiner rechten Hand ab und blätterte mit der linken langsam die Schülerakte durch. Die Heizung bollert neben dem Pult und gluckert etwas. „Hausmeister Heizung“ notiere ich mir schnell auf ein Post-It und lese weiter. Eine erstaunlich dicke Schülerakte hatte ich da bekommen. Für einen Erstklässler. Aber eigentlich war er das auch gar nicht. Eigentlich war er Drittklässler. Unsere Schule war nämlich bereits die dritte, die er besucht. Respekt. Wie kriegt man so etwas hin? Eingeschult in die zuständige Grundschule, kurz danach Wechsel in eine Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Die Berichte von Lehrern und Gutachtern waren vernichtend. Das Halbjahreszeugnis strotzte nur so von Formulierungen wie „zeigt kein Interesse an…“, „verweigert die Mitarbeit…“, „lenkt andere vom Lernen ab…“, „zeigt oft unangemessene Verhaltensweisen…“, „kaum Regelbewusstsein…“, „körperliche Auseinandersetzungen mit seinen Mitschülern…“, „keine oder nur unregelmäßig bearbeitete Hausaufgaben…“
Mit anderen Worten: Juhu.
Normalerweise lese ich Schülerakten nie direkt. Nicht aus Faulheit oder Zeitmangel. Ich möchte einfach nicht voreingenommen sein. Ich möchte ein Kind einfach kennen lernen, es beobachten, mir einen eigenen Eindruck verschaffen, bevor ich „die Fakten“ kenne. Diese Fakten gefielen mir nicht. Die klangen so von oben herab. Irgendwie so…genervt von diesem Kind. Unprofessionell.
„Die müssen ja heilfroh gewesen sein, als die Mutter dann umgezogen ist“, denke ich mir und klappe die Akte zu.
 
Ich stehe aus meinem schwarzen Drehstuhl auf, indem ich mich auf den Armlehnen hoch stemme. Der Vormittag war anstrengend gewesen, das merke ich erst jetzt. Ich gehe zu Pauls Platz. In dem kleinen Ablagefach unter der Tischplatte liegen seine Mappen für Deutsch, Mathe und Sachunterricht. Nachdem die Kinder ein Arbeitsblatt bearbeitet und zur Kontrolle gezeigt haben, wird dieses dort direkt abgeheftet. Nun ja…so war’s zumindest von mir gedacht.
Nun ziehe ich ein Blättergewirr heraus, geknautscht und gerissen, verkritzelt oder als Papierflieger gefaltet. Ich seufze und sortiere die noch halbwegs brauchbaren Unterlagen sorgfältig auf die einzelnen Mappen, damit Paul sie morgen gleich in der Früh abheftet.
Von den Kollegen hörte ich schon, dass Pauls ältere Brüder ziemliche „Rabauken“ seien, schon in der ersten Woche eine Schlägerei auf dem Schulhof angezettelt hätten und überhaupt lieber Fäuste als Worte sprächen ließen.
Leider schaute sich Paul dieses Verhalten fast gänzlich ab. Wenn ein Kind ihm am Garderobenschrank im Weg stand, wurde es unsanft weg geschubst. Wenn er über die Schultasche von Linda stolperte, wurde sie mal eben an den Haaren gezogen. Und wenn ihm auf dem Schulhof langweilig war, wurde gerne mal das ein oder andere Gesicht in den Sandkasten gedrückt.
Fast täglich stand ich in meiner Pause hinter der Fensterscheibe und zog Paul früher oder später aus dem Verkehr. Klären ließen sich die Situationen nur schwer. Fast täglich kamen Kinder mit Tränen und aufgeschürften Knien oder Händen zu mir, weil Paul sie zu Boden gestoßen hatte. Er selbst war sich kaum einer Schuld bewusst.
„Wenn der halt da im Weg rumsteht…“
„Was könntest du denn in einem solchen Fall tun?“
Los! Sag: „Fragen, ob er bitte Platz macht.“ Sag es!
„In den Bauch hauen. Hab ich ja auch gemacht.“
So konnte es nicht weiter gehen.
Paul und ich verbrachten viel Zeit alleine miteinander. Es galt die Regel: Wenn es Streit in der Pause gibt, bleibst du am nächsten Tag drin.
Zufrieden war ich damit nicht. Paul ist hyperaktiv, er braucht die Bewegung. Er musste sich irgendwie auspowern können. Und Texte aus dem Lesebuch abschreiben ist dazu nun mal leider nur bedingt geeignet.
Ich gab ihm andere Aufgaben: Die Arbeitstische der Kinder abwischen oder den Garderobenschrank sauber machen. Erstaunlicher Weise tat er das gerne. Nach einer Weile kam er, nachdem seine Mitschüler draußen waren, von sich aus zu mir und fragte nach Eimer und Lappen. Es ging ihm nicht um die Arbeit an sich, denke ich. Er genoss es einfach, dass sich jemand Zeit für ihn nahm. Sich mit ihm beschäftigte. Er die ungeteilte Aufmerksamkeit bekam, die ihm zu Hause fehlte.
An einem weiteren Tag, den Paul nicht auf dem Schulhof verbringen durfte, sitzen wir schweigend im Klassenraum, ich laminiere Bilder für die Deutschstunde kommende Woche, Paul malt ein Bild für Tobi, als Entschuldigung, weil er seine Trinkflasche über seinen Tisch gekippt hat. Er ist grummlig deswegen.
 
„Paul, ich möchte dir einen Vorschlag machen. Hörst du kurz zu?“
„Mhm.“
„Du bist ja ein sehr sportlicher Junge, richtig?“
„Mhm.“
„Und ich weiß auch, dass du eigentlich gerne draußen in der Pause bist, richtig?“
„Mhm.“
„Verstehst du, warum das so oft nicht geht?“
„Mhm.“
„Sag es mir mal.“
„Weil es Streit gibt.“
„Genau. Das klappt noch nicht so gut zwischen dir und den anderen Kindern. Trotzdem möchte ich gerne, dass du dich bewegen kannst.“
Er schaut mich irritiert an.
„Kinder müssen sich zwischendurch bewegen, damit sie danach wieder gut und konzentriert arbeiten können. Und deswegen dachte ich, wenn du noch mal Pausenverbot hast, dann könntest du doch hinten auf die Wiese gehen. Richtung Sportplatz, weißt du? Da ist ja in der Pause kein anderes Kind, also gibt es da auch keinen Ärger. Und du kannst dich ein bisschen austoben.“
Er legt den Stift auf seinen Tisch.
„Echt?“
„Ich dachte mir, das ist eine gute Idee und wollte dich fragen, was du davon hältst.“
Er spielt unsicher an der Ecke des Papiers herum. Er traut meinem Angebot wohl noch nicht.
„Ja…das wäre cool.“
„Gut, dann machen wir das so.“
Ich gehe ans Waschbecken und lasse Wasser über den Tafelschwamm laufen.
„Darf ich dann auch den Fußball mitnehmen?“
„Ja sicher.“
„Ok…“
Paul nimmt den Stift wieder in die Hand und malt weiter. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass er lächelt.
Das war wohl der Moment, indem er merkte, dass ich ihm nichts Böses will, ihn nicht bestrafen möchte. Sondern dass es darum geht, dass er hier gut zurecht kommt.
 
Wie viele Gedanken ich mir um Paul machte, konnte er wohl kaum erahnen. Ich bastelte an irgendwelchen Systemen, die ihm klar machen sollten, was geht und was nicht. Eine Ampel, auf der sein Namensschild von grün über gelb auf rot und umgekehrt wandern konnte, je nachdem, wie der Tag und die einzelnen Phasen des Vormittags liefen. Eine Auszeit-Sanduhr, mit der er sich hinten im Klassenraum in die Ruheecke setzen konnte, um runter zu kommen. Belohnungssticker, wenn das Abheften gut funktionierte ohne dass ich ihn erinnern musste. Jeden Morgen räumten wir seine Schultasche aus und sortierten sie ordentlich wieder ein. Wie innerhalb eines Tages da so ein Chaos drin entstehen konnte, ist mir bis heute ein Rätsel.
Paul forderte konsequentes Verhalten von mir, jeden Tag. Es mal locker angehen oder etwas mal ausnahmsweise durch gehen lassen…das gab es nicht. Selbst an Tagen, an denen ich es leid war, müde und ich keine Lust hatte, die Kollegin der Nachbarklasse anzurufen, damit Paul in ihrer Klasse eine Auszeit nehmen konnte…ich nahm trotzdem das Telefon in die Hand. Paul brauchte diese Grenzen. Er wusste damit nach einer Weile mich einzuschätzen. Was er bei mir darf und was nicht und was passiert, wenn er es trotzdem macht. Das gab ihm Struktur und damit Sicherheit.
Es blieb trotzdem schwierig, Paul hatte so viele Baustellen…im sozialen, emotionalen und auch im kognitiven Bereich. Lesen mochte er nicht sonderlich. Übte daheim nicht. Oft behielt ich ihn nach Schulschluss noch eine viertel Stunde da und las mit ihm die Seite mit dem S oder dem Eu.
Mit einigen Mitschülern kam er nach einer Weile klar, fand Freunde.
Wenn ich im Unterricht leise umher ging und mir die Arbeit der Kinder ansah, durfte ich Paul nicht anfassen. Selbst bei einem bejahenden Klopfen auf die Schulter zuckte er zusammen und drehte sich weg. Morgens die Hand geben war gerade noch so in Ordnung, alles andere kannte er nicht und empfand es als zu nah. Ich akzeptierte das. Für eine gut erledigte Arbeit beschlossen wir ein High Five, das fand er super.
 
Paul wohnte ca. 80 km von unserer Schule entfernt. Das ist bei Förderschulen nicht ungewöhnlich. Es gibt einfach nicht so viele davon und daher haben sie einen relativ großen Einzugsbereich.
Aber wenn man die Route des Schulbusses, der die Kinder morgens einsammelte und mittags wieder ablieferte, mit einrechnet, saß Paul täglich fast 4 Stunden da drin. Für ein Kind in seinem Alter jeden Tag eine kleine Weltreise. Oft kam er morgens entweder todmüde oder total überdreht an. Seine Mutter bewirtschaftete mit ihrem neuen Partner einen Bauernhof. Noch so richtig mit Kühen und Heu und matschigen Gummistiefeln. In Pauls Wochenenderzählungen kam hin und wieder ein geschlachtetes Schwein vor und wie sein Opa Wurst gemacht hat.
An sich ein spannendes Leben für Paul, nur hatten die Erwachsenen kaum Zeit für ihn. Seine Brüder waren ein gutes Stück älter als er und hatten keinen Bock auf den kleinen, nervigen Anhang. Pauls Mutter wirkte an seinem ersten Tag gestresst und genervt, sie verabschiedete sich bei mir damals mit: „Na dann viel Spaß mit dem.“
Ich biss die Lippen aufeinander und half Paul, seinen Ranzen aufzusetzen.
 
Es ist Donnerstag, 12.40 Uhr, ich hatte die Kinder gerade verabschiedet und räumte das Krepppapier in den Bastelschrank, als ich höre, wie draußen noch jemand über den Flur schlurft.
„Paul, hast du was vergessen?“
Er verknotet die Finger ineinander und schaut auf den Boden.
Ich gehe auf ihn zu.
„Möchtest du mit mir reden?“
Er nickt. Wir gehen in die Klasse und ich schiebe ihm einen Stuhl hin. Ich selbst nehme mir auch einen der Kinderstühle, so dass ich auf seiner Augenhöhe bin.
„Frau S.?“
„Ja?“
„Die Julia, die geht doch ins Internat hier, ne?“
„Ja.“
Wir haben direkt neben der Schule das Internatsgelände mit sehr schönen, neuen Gebäuden, einem Wasserspielplatz und Klettergerüst. Einige Kinder wohnen während der Woche dort, weil die Fahrt nach Hause jeden Tag zu weit wäre. Nur am Wochenende und in den Ferien sind sie bei ihren Eltern.
Paul schaut mich nun mit großen Augen an.
„Kann ich da auch hin?“
Ein Junge, nicht mal 8 Jahre, fragt mich, ob er ins Internat darf? Julia fühlte sich dort an sich wohl, hatte aber doch auch des Öfteren Heimweh.
 
„Möchtest du das denn?“
Er nickt bekräftigend.
„Ist bei dir zu Hause denn etwas nicht in Ordnung?“
„Die Mama schreit immer so mit uns. Und die Hausaufgaben guckt sie auch nicht an.“
Er bekommt nasse Augen. Ich hole Taschentücher aus unserer Tempo-Schublade.
Er schnäuzt zweimal.
„Da ist alles immer so laut und so.“
Ich würde ihn so gerne jetzt in den Arm nehmen.
„Und die Julia hat gesagt, im Internat wärs voll schön.“
Er sucht einen Ausweg. Eine Alternative. Eine Flucht aus seiner Situation.
„Soll ich mal mit der Mama reden, Paul?“
Er verkrampft sich auf seinem Stuhl.
„Nee, dann krieg ich nur wieder Ärger daheim.“
„Ich versprech dir, das wird nicht passieren. Ich werde der Mama nicht sagen, dass wir beide miteinander gesprochen haben.“
„Ich will lieber ins Internat.“
„Wir werden auf jeden Fall eine Lösung finden, ok?“
„Ok…danke.“
Er hatte sich noch nie für etwas bedankt.
„Es war richtig, dass du bei mir warst. Das hast du gut gemacht. Und nun lauf schnell in die Mittagsbetreuung, ich rufe bei Frau K. an, dass du unterwegs bist. Dein Bus fährt ja schon gleich.“
„Mhm, ok. Bis morgen.“
„Bis morgen Paul.“
 
Ich bleibe wie erstarrt einige Minuten sitzen, so viele Gedanken, die durch meinen Kopf schießen. Dann stehe ich auf, fahre mir mit beiden Händen durch die Haare, muss mehrmals tief ein- und wieder ausatmen. Da möchte ein Kind von zu Hause weg. Weg von der Mama. Weg von seinen Geschwistern. Und es hat sich nur getraut, es mir zu sagen. Plötzlich spielen Buchstaben, Addition und Farbkästen keine Rolle mehr. Da bin ich als Lehrer in einem komplett anderen Bereich gefordert.
 
Nach Rücksprache mit meiner Chefin rufe ich Pauls Mutter an und bitte sie zu einem Gespräch in die Schule. Nur mal zum Austausch, wie es so läuft. Den ersten Termin versäumt sie, taucht einfach nicht auf. Am Tag darauf erklärt sie am Telefon, sie hätte es einfach vergessen, auf dem Hof wäre so viel zu tun gewesen. Wir vereinbaren ein zweites Treffen, sie kommt, aber fast 30 Minuten später.
„Der Verkehr hierher ist ja fürchterlich.“
„Hallo Frau F., ja, um diese Uhrzeit sind die Autobahnen sehr voll. Schön, dass Sie es geschafft haben. Setzen Sie sich doch. Möchten Sie einen Kaffee?“
„Nee, sonst schlaf ich ja heut Abend wieder nicht.“
Die ersten 5 Minuten erzählt sie mir, wie stressig alles ist und wie viel sie zu tun hat. Dass ihr Vater ja auch nicht mehr der Jüngste sei und nicht mehr richtig mithelfen kann. Und einige Kisten vom Umzug selbst jetzt nach Monaten noch in der Ecke stehen und sie ja zu Nichts kommt.
 
Ich blinzele zwischendurch immer wieder auf meinen Stichwortzettel. Ich hatte mir ein sorgsames Vorgehen überlegt, wie ich ganz unverbindlich auf das Thema Internat zu sprechen kommen wollte. So ganz nebenbei, mal vorsichtig antesten, wie sie dazu steht. Sich über einzelne Schlagworte vorarbeiten und dann mal sehen, wie sie reagiert. Ist nun mal ein heikles Thema und bisher musste ich noch nie in Elterngesprächen etwas so Empfindliches und hochgradig Persönliches ansprechen. Noch dazu, wo ich die Mutter ja kaum kannte.
Noch in Gedanken, wie ich den Bogen kriege, reißt mich der letzte Satz von ihr komplett raus.
„Wie bitte?“
„Na, da wollt ich eh mal fragen. Ginge das noch? Ich mein, jetzt hat das Schuljahr ja schon angefangen. Aber das wär echt ne Erleichterung für mich, wenn der Paul da in das Internat könnte.“
„Oh. Ähm…ja. Also, wenn Sie das wünschen, ich kann gerne mal nachfragen. Normalerweise wird die Einteilung der Gruppen immer zu Beginn des Schuljahres gemacht, da haben Sie Recht, aber vielleicht haben die ja noch Kapazitäten frei und Paul kam ja nun mal auch erst später zu uns…“
 
Ich falte erleichtert meinen Zettel zusammen und rede mit ihr die nächsten 20 Minuten über Erziehung und Unterricht und wie sich Paul hier schon eingelebt hat. Sie berichtet mir, wie überfordert sie mit den drei Jungs wäre, die älteren könnten wenigstens noch helfen, aber Paul wäre daheim einfach nur anstrengend und sie packt das alles nicht.
Ich frage mich insgeheim, womit ich mir so viel Ehrlichkeit verdient habe. Sowohl von Paul als auch von seiner Mutter. Beide vertrauen mir offensichtlich, sich gegenseitig aber nicht.
 
Eine Woche später bringt Paul morgens eine große Tasche mit in die Schule. Übernachtungssachen für seine beiden Probetage im Internat. Er ist ganz aufgeregt. Er ist in der selben Gruppe wie Julia.
„Ich zeig Paul heut alles!“, freut sie sich.
Paul lächelt und es ist seit langem der erste Tag, an dem es keinen Ärger gibt, er in der Pause mit den Kindern draußen spielt und bereits jetzt schon ausgeglichener wirkt.
Ich finde auch, dass sich sein Ausdruck verändert hat. Er wirkt offener. Unbeschwerter. Wenn ich in dieses Kindergesicht blicke…das ist es einfach wert. Das ist den Aufwand, die Organisation einfach wert.
 
Ich hatte nach dem Elterngespräch öfter mit den Verantwortlichen im Internat gesprochen, immer wieder um Prüfung gebeten, Paul doch noch aufzunehmen, auch mitten im Schuljahr. Auf die besondere familiäre Situation hingewiesen. Und Pauls weit entfernten Wohnort. Mit Erfolg. Nachdem der Papierkram erledigt, die Finanzierung geklärt war, zog Paul richtig ein. Ich ging an einem Tag nach der Schule mal mit, damit er mir sein neues Zimmer zeigen konnte. Er lief ganz stolz die Treppen hinauf und schleifte mich auch noch ins Badezimmer, zum Sofa, zeigte auf die Playstation, die es aber nur 30 Min. gab statt Fernsehen und den Garten mit dem großen Sonnensegel und die Schaukel, die aber im Moment noch nicht benutzt werden dürfe, weil da neue Sitze dran kommen. Er zeigte mir die Fensterbilder und die lustige Tischdecke mit den Buntstiften drauf, weil das ja der Maltisch ist. Und den Lego-Teppich und die Kiste, in die man die Legosteine wieder einräumt, wenn man fertig ist mit Spielen. Er zeigte mir seinen Kleiderhaken für seine Jacke und das Fach für seine Schuhe. Ich aß mit seiner Gruppe zu Mittag und verabschiedete mich, als sich Paul mit einer Erzieherin an seinen eigenen Schreibtisch setzte, um Hausaufgaben zu machen. In einer Eins-zu-Eins-Situation.
Feste Rituale, wiederkehrende Abläufe, Zu-Bett-Geh-Zeiten, Strukturen und Regeln, die für Paul einsichtig sind und an die er sich gut halten kann. Und nicht zu vergessen: ein ganzer Haufen persönliche Zuwendung. Alles, was Paul gefehlt hatte.
Natürlich gab es weiterhin auch mal Ärger, Streit und Diskussion. Ich hielt viel Rücksprache in der ersten Zeit mit den Erzieherinnen und wir tauschten uns über Paul aus, überlegten uns weiterhin Maßnahmen und Absprachen, die in der Schule wie im Internat galten.
 
Ein fahler Beigeschmack blieb aber. Nämlich die Tatsache, dass es einem Kind und auch dessen Mutter besser geht, wenn sie nicht mehr so viel zusammen sind. Das klingt traurig, aber es entspannte ihr Verhältnis tatsächlich. Die Mutter hatte in der Woche Zeit, sich auf Ihre Arbeit zu konzentrieren und kein schlechtes Gewissen mehr, weil sie sich nicht um Paul kümmerte. Keinen Frust, weil Paul die Bude auseinander nahm, es gab weniger Stress daheim. Am Wochenende machten sie manchmal was zusammen, nur sie beide. Und abends rief die Mutter manchmal im Internat an und Paul berichtete, was er heute alles gemacht hat.
 
Und als das Schuljahr dann zu Ende ist, die Sommerferien beginnen, kommt Paul zu mir. Er hat mir eine Karte gemalt und liest laut „Ich wünsche dir schöne Sommerferien, Frau S.“ vor. Ganz flüssig, mit dem Finger die Silbenbögen nachfahrend. Wie er es im Internat geübt hat. Ich bedanke mich und zur Verabschiedung gibt es dieses Mal nicht nur ein High Five, sondern auch eine dicke, lange Umarmung dazu.
Dass menschliche Nähe nichts Schlimmes ist. Im Gegenteil.
Auch das hat Paul nämlich schon gelernt.
 
 
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