Vorgeschichte und Klick im Kopf.

9 Nov
Genau heute auf den Tag ist es ein halbes Jahr her, seit ich mit dem Abnehmen begonnen habe. Grade mal 6 Monate und ich habe 20,4 Kilo verloren. Und will sie nie mehr wieder finden.
 
Klick gemacht hat es in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 2013, als ich von jemandem geküsst wurde, den ich schon längere Zeit irgendwie toll fand, aber nie dachte, dass ich sein Typ Frau wäre. Und das hat nichts mit geringem Selbstbewusstsein zu tun, das hatte ich mir -trotz der Kilos, ich wog damals gut über 90 Kilo- einigermaßen bewahrt. Aber hier, ihr wisst schon, Sportler, durchtrainiert, könnte sein Geld mit Modeln verdienen. Und daneben dann ich…öhem.
Wie auch immer – ziemlich berauscht und noch übelst verwirrt – schlüpfte ich am nächsten Tag in meine Sportklamotten und betrat mein Laufband. Ohne groß nachzudenken. Und ich habe plötzlich Spaß an Sport. Fragt mich nicht warum, es ist so.
 
Mein Laufband – ich müsste ihm eigentlich mal einen Namen geben, ich habe ihm nämlich alles zu verdanken. Letztes Jahr zog ich nach Hamburg. Größere Wohnung, ein paar neue Möbel und am Ende blieb diese eine Ecke im Arbeitszimmer frei. Schiefe Wände, lustig geschnitten, für Regale total unpraktisch. Ich wusste nicht so recht, was ich damit anfangen sollte.
Und dann war abends eine Freundin zu Besuch und wir überlegten, mal ins Fitnessstudio hier zu gehen, uns das mal anzuschauen. Bis ich in schallendes Gelächter ausbrach, weil ich von meiner Wohnung aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln locker 40 Minuten dahin brauchen würde. Nie und nimmer bekäme ich mich dazu, da im Winter, abends um sieben, im Stockdunkeln, durch Schneematsch und Regen hinzufahren. Da kannte ich meinen inneren Schweinehund viel zu gut. Der mag’s bequem. Ohne viel Aufwand.
Und als mich meine Freundin fragte, was ich denn in meinem früheren Fitnessstudio so gemacht hätte und ich: „Eigentlich war ich meistens nur aufm Laufb…“ sagte, unterbrach ich mich selbst, sprang auf, holte einen Zollstock, maß diese eine Ecke im Arbeitszimmer aus und begann zu grinsen. Da würde ein Laufband hin passen. Ein eigenes Laufband. Direkt bei mir zu Hause. Wie geil wäre das denn?
Nach etwas Recherche und einer Buchung auf meiner Bank-Karte, die etwas weh tat, trugen kurz darauf zwei Männer mit Autoreifen als Oberarme, ein 120 Kilo schweres Laufband 4 Stockwerke hoch. Altbau, jede Menge Stufen. Ich entschuldigte mich andauernd und gab ihnen ein gutes Trinkgeld. Da stand es nun. Mitte November war das.
 
Warum ich dann erst im Mai richtig mit dem Training anfing? Nun, eine Weile konnte ich noch meinen Fuß als Ausrede benutzen. Mit dem war ich nämlich einen Tag vor Lieferung böse umgeknickt und hatte mir mein Sprunggelenk versaut. Das legte mich über Wochen lahm. Eine Weile humpelte ich also mit einem Tape-Verband und/oder einer Fußschiene bloß an meinem Laufband vorbei. Und danach…tja….irgendwie fehlte mir der Startschuss…bzw. Startkuss.
 
Zur Vorgeschichte: Irgendwie wuchs ich mit den Begriffen „moppelig“, „was aufn Hüften“, „mollig“ oder „pummelig“ auf. Hätte ich wohl von meinem Papa geerbt. Tja. Blöde Gene, kann man nix machen. Wenn ich mir heute Fotos anschaue, auf denen ich so 9 oder 10 bin, finde ich mich nicht zu dick. Aber irgendwie fühlte ich mich mein Leben lang so. In der Pubertät wurde es dann aber wirklich kritisch. Meine Mutter versuchte, mich zu gesunder Ernährung zu bringen, kochte fett- und kohlenhydratarm. Weil ich das wusste, stopfte ich mir in der Cafeteria in der Schule vorher noch schnell ein paar Pommes rein, daheim gab’s das ja nie.  Wegen meines Gewichts wurde ich in der Schule übrigens derbe gemobbt – sehr unschön, aber darüber mag ich gar nicht groß sprechen.
Ich versteckte Süßigkeiten und aß heimlich. Klassisches Programm. Sport war auch nie so meins gewesen. Ich hatte phasenweise Motivation, ging mal 2 Wochen lang fast täglich schwimmen oder morgens vor der Schule mit meiner Mama runter ins Feld joggen. Dann kam immer was dazwischen oder ich war zu müde oder was weiß ich. Ganz klassisch eben.
Erst als ich von daheim auszog und in München anfing zu studieren, da wollte ich plötzlich nicht mehr so aussehen. Was mag ich da gewogen haben? Locker über 90 Kilo, vielleicht wars sogar dreistellig. Und die ersten Semesterferien tat ich eigentlich nichts anderes als lange zu schlafen, mich von einem kleinen Teller Reis mit Tomatensoße und Karotten und einem Apfel zu ernähren (eigentlich fast jeden Tag) und dazu eine Stunde Nordic Walking zu machen. Jaaaa genau, den „Alte-Leute-Sport“. Aber mit den Massen, die ich mir bis dahin angefuttert hatte, war Joggen einfach nicht mehr drin…das hätte eher was von einem rollenden Nilpferd gehabt.
Wie viel ich damals genau abnahm, kann ich nicht sagen. Ich stellte mich nicht auf die Waage, ich merkte nur irgendwann, dass mir meine Klamotten zu groß wurden. Müssten aber auch locker über 20 Kilo gewesen sein. Zeitraum: vielleicht 8-10 Monate. Im Jahr darauf fuhr ich für ein paar Monate nach Peru, reiste dort als Backpacker umher. Dabei verlor ich dann die letzten überzähligen Pfunde und wog danach 64 Kilo und war rundum happy. Bei einer Größe von 1,69m sah das wunderbar aus.
Im Alltag pendelte es sich dann auf 68 oder 69 Kilo ein und damit war ich zufrieden. Mit dreimal Sport die Woche konnte ich mein Gewicht auch gut halten ohne dass ich großartig aufs Essen hätte aufpassen müssen.
Aber dann! Dann kam das Examen, es kam das Aus meiner bisher wichtigsten Beziehung, es kam Lernstress und Schreibtischhockerei. Über Monate. Ich nahm wieder zu.
Mit satten 83 Kilo fuhr ich ein gutes halbes Jahr später nach Ecuador, arbeitete dort in einer Tierauffangstation mitten im Regenwald. Von 7 Uhr morgens bis um 5 Uhr nachmittags eigentlich ständig in Bewegung, Futtereimer schleppen oder 1-stündige Touristentouren machen. Ich aß dort für mein Empfinden sehr viel, aber durch die Bewegung, das Klima usw. purzelten die Pfunde automatisch. Nach 2,5 Monaten fuhr ich mit 74 Kilo wieder heim. Eigentlich ein wunderbarer Start.
Weiter reduzieren bzw. halten konnte ich mein Gewicht nicht. Ich zog nach Würzburg und mein Referendariat begann. Stress, Druck, noch mehr Schreibtischhockerei. Privat ging es mir in dieser Zeit auch mehr als beschissen. Ich aß. Und aß. Und aß ungesunde Sachen und noch mehr davon, es gab da eigentlich kein Halten mehr. Mir wars da auch echt eine Weile lang egal, wie ich aussah. Klar nervte einen der Blick in den Spiegel. Aber dann schaute man einfach nicht mehr rein. Ging auch. Irgendwann meldete ich mich dann im Fitnessstudio an, ging auch eine Weile brav und regelmäßig hin…aber lange hielt ich nicht durch. Alles nur so halbgare Versuche.
 
Irgendwann hatte ich es satt. Mein Leben dort. Es gefiel mir nicht. Ich hatte keinen richtigen Freundeskreis, keiner meiner Leute wohnte auch nur in der Nähe. Einen Freund hatte ich auch nicht. Gut, der Job war ok, meine Klasse war toll, ich liebte meine kleinen Pimpfe. Aber privat hatte ich mich einfach 3 Jahre lang nicht nach vorne bewegt. Noch nicht mal irgendwie bewegt. Ich saß oder lag ja nur faul rum.
Ich beschloss, mich nach Hamburg zu bewerben. Da wollte ich immer schon hin (siehe hier).
Bewerbung check.
Einstellungsgespräch check.
Job bekommen check.
Wohnung finden check.
Amtsarzt wegen Verbeamtung…wuuups! Stopp!
Ich hatte eh schon etwas Bammel vor der Untersuchung, weil mein BMI weit über den 30 lag. Und der Arzt schaute auch…nun…leicht skeptisch drein. Ich versicherte ihm, dass ich abnehmen wolle und dass das durch Ref und so blöderweise…aber jetzt…und Neustart und überhaupt.
Er überlegte und meinte, er wolle mal noch meine Akte aus München anfordern und dann solle ich in 2 oder 3 Wochen noch mal kommen und „vielleicht sieht man dann ja eine Tendenz“.
Ich ging heulend aus dem Gebäude. Der Traum von Hamburg geriet ins Wanken. Und zwar nicht unwesentlich. Tendenz. Tendenz hieß für mich 3 Wochen lang keine Kohlenhydrate, kein Fett, kein Zucker, täglich Sport. Es war ekelhaft. Einen Tag vor der Untersuchung nahm ich sogar Glaubersalz und so Zeug zum Entwässern. Beschiss hoch drei und völlig unsinnig. Gesund wars auch nicht, aber ich wog über 4 Kilo weniger am Ende. Das war der erste Augenblick in meinem Leben, in dem ich fürchterliche Angst hatte, dass mein Gewicht mein Leben maßgeblich negativ beeinflussen könnte. Der Arzt guckte, notierte, gab Zahlen in seinen Taschenrechner ein, während ich noch mal betonte, dass das Abnehmen ja nicht nur wegen der Verbeamtung, sondern auch ein persönliches Ziel von mir wäre und ich hätte in Hamburg auch Unterstützung und so, als er mich unterbrach und meinte, er glaubt mir das und will mir nur deswegen jetzt nichts kaputt machen und es wäre so ok.
Ich glaube, ich war noch nie in meinem Leben so erleichtert gewesen wie damals.
 
Lange Rede – kurzer Satz: Ich konnte nach Hamburg ziehen, der Traum wurde wahr. Und dass das klappte, dass ich mir das aus eigener Kraft selbst organisierte und alles so gut lief…das war so wunderbar und gab mir so viel Motivation und Freude zurück, so dass ich das Abnehmen dann als nächstes auf meiner Liste hatte. Wenn ich mein Leben innerhalb weniger Monate so umkrempeln konnte, dann musste ich das bei mir selbst und meinem Körper doch auch können.
 
Et voilà, es hat geklappt bzw. klappt noch immer. Ich bin voll dabei und finde es faszinierend, wie sich mein Körper verändert und ich meinem Ziel immer näher komme.
Wie das nun im Detail aussieht, Sport, Ernährung tralala, erfahrt ihr im nächsten Blogpost. Solltet ihr Fragen haben, stellt sie mir unten in den Kommentaren. Dann beantworte ich sie gerne.
 
Ahoi.
 
 
 P.S. Aus der Sache mit dem Sportler und mir wurde zwar nichts. Aber der Kuss war einfach der Hammer!
 
 
 
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5 Antworten to “Vorgeschichte und Klick im Kopf.”

  1. Schnupperluft (@Schnupperluft) 9. November 2013 um 19:00 #

    (Irgendwo zwischen Sprachlosigkeit, Bewunderung und Freude für dich)

  2. thureon 9. November 2013 um 19:41 #

    meinen tiefsten Respekt und Bewunderung für dich. du schreibst super.und als fitness Trainer kann ich sagen Hut ab Hut ab.

    • Alex 9. November 2013 um 20:26 #

      Kann Dich verstehen, aber andersrum. Ich war jahrelang sehr dünn und relativ groß (über 1,90) – Ach ja, bin ein Mann!
      Rund 75kg und knapp über 1,90 und mit extrem sichtbaren Rippen… rein subjektiv nicht schön. In den letzten 5 Jahren hab ich gut zugelegt, bin jetzt bei 85kg und meine sichtbaren Knochen sind endlich weg! Ich habe sogar einen kleinen Bauch, auf den ich richtig stolz bin.

  3. Joggi 10. November 2013 um 09:37 #

    Ich mag den Text… So ehrlich und direkt. Wäre auf jeden Fall eine Hilfe für andere die Abnehmen wollen. Meinen ausgesprochen tiefen Respekt hast du. Eigentlich interessieren mich gar keine Geschichten übers abnehmen. Oft geht es doch eh nur darum wer sich am besten belügen kann. Da macht dein Text hier aber eine sehr erfreuliche Ausnahme ! Und das „Vergleichsbild“ – das mit dem rosa Rock – da siehste spitze aus 😉

  4. SDM 10. November 2013 um 14:31 #

    Ich habe absoluten Respekt vor deiner Leistung! Wirklich super, dass du das geschafft hast!!! 🙂 Ich habe seit dem letzten Jahr auch einiges zugenommen und fühle mich phasenweise total unwohl, auch wenn ich für Außenstehende noch lange nicht dick aussehe oder bin. Aber das tut nichts zur Sache! Ich fühle mich faul und unbeweglich(er) und einfach unwohl. Das ist der springende Punkt und daran muss ich ansetzen. Ich habe mich im Sommer in einem Studio angemeldet, aber das ganz schnell bleiben lassen. Ich wusste, dass ich das nicht lange durchhalte und ich habe bisher noch keinen Sport gefunden, der mich am Ball bleiben lässt. Ich müsste mich einfach mal durchprobieren, aber selbst dazu bekomme ich meinen Hintern gerade nicht hoch. Es ist zum Verzweifeln! *seufz*

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