Die Wirkung auf Männer.

16 Dez
Die Tage meinte eine Freundin zu mir, sie hätte gerade ein Foto von sich gesehen und konnte nur darauf achten, wie furchtbar dick sie da aussähe. Und dass sie ja so unzufrieden mit sich und ihrem Körper wäre. Vielleicht sei das aber auch nur eine verzerrte Selbstwahrnehmung, denn immerhin wurde sie an dem Abend, an dem das Foto entstand, von einem Mann geküsst und also muss sie ja dann doch noch attraktiv genug auf die Männerwelt wirken.
 
Ich mache mir irgendwie ziemlich viele Gedanken darüber.
Es mag ein oberflächliches Thema sein, es gibt so viel Wichtigeres, worüber man sprechen oder schreiben sollte. Meint man. Aber alle, die schon mal mit ihrem Gewicht zu kämpfen hatten, wissen, wie sehr das einen belasten kann. Und wenn es Freunden von mir deswegen schlecht geht, dann ist dieses Thema ganz schnell nicht mehr so banal, wie man auf den ersten Blick vermutet.
Wie oft habe ich es selbst erlebt? Meine Wirkung auf die Männer. Wie sie reagieren, wenn sie mich sehen oder mit mir sprechen. Wie man sich selbst fühlt, wenn man sich im Spiegel betrachtet.
 
Ich habe dieses Jahr ziemlich viel abgenommen, über 20 Kilo und mein Äußeres dadurch merklich verändert. Das ist bereits der zweite Anlauf gewesen. Mit Anfang 20, ganz frisch an der Uni, hatte ich das schon einmal getan. Mit Sport und Ernährungsumstellung schaffte ich es damals auf ca. 68kg und war zufrieden.
 
Davor wuchs ich gut behütet in einem kleinen Dorf auf. Da kannte man sich noch aus dem Sandkasten und ganz ehrlich: wenn du mal gesehen hast, wie der eine Junge mit der zerrissenen Latzhose als Mutprobe Regenwürmer gegessen hat, stellt sich auch Jahre später da keine größere Attraktivität mehr ein.
Auf meiner Schule hingegen gab es schon ein paar, die ich süß fand, in die ich verliebt war. Aber damals war ich extrem schüchtern und hätte mich nie getraut, den betreffenden Herrn anzusprechen. Selbstbewusstsein war damals etwas, was ich nur bei anderen bewunderte, bei mir selbst aber vergeblich suchte. Was auch an meinem extremen Übergewicht lag. In der Pubertät war das bei mir jenseits von Gut und Böse. Ich fand mich auch nicht wirklich hübsch und strahlte das sicherlich auch aus. Ich lernte niemanden kennen, der ernsthaft Interesse an mir hatte.
 
Als ich nach München zog und anfing zu studieren, begegneten mir die Leute zwar offener, aber alles rein platonisch. Ich war immer gleich der gute Kumpel. Kein Mann für die Liebe in Sicht. Wenn wir abends in Clubs gingen und tanzten, wurden meine Freundinnen des Öfteren angeflirtet, standen knutschend mit nem Kerl in der Ecke rum. Ich nicht.
Es wunderte mich aber auch nicht. Ich war dick, ich fühlte mich nicht hübsch. Wenn man als Mann da auf die Tanzfläche guckt…bleibt man mit dem Blick doch eher an einem schlanken Mädel hängen als einem dicken.
Ich meine, ich bin ja selbst auch so ehrlich und sage, dass ich einen durchtrainierten Männerkörper attraktiver finde als einen dicken Bierbauch. Ich brauche jetzt keine Muskelberge an Oberarmen bei einem Mann, aber einen, dem das Bauchfett über die Hose hängt…auf sowas stehe ich nun mal einfach nicht. Daher konnte ich es gut verstehen, dass die Männer sich damals nicht für mich interessierten.
Tut mir ja leid, dass ich das so sage, aber viele Frauen, denen es ähnlich geht, werden das bestätigen können. Und natürlich wird es nun einige geben, Männlein wie Weiblein, die sich empören und sagen, dass man auch mit ein paar Kilo mehr auf den Rippen Männer abkriegt bzw. dass sie gerade auf Frauen mit Kurven stehen. Jaja, schon klar. Aber auch selbstbewusste, dicke Frauen kennen diese abschätzigen Blicke von anderen. Die hinter vorgehaltener Hand lästern oder sich sogar angeekelt weg drehen. Oder einen dummen Spruch los lassen. Es gibt einfach zu viele Idioten in der Welt und damit muss man als übergewichtiger Mensch umgehen können.
 
Aber was ist denn mit dem Charakter???“ Jaaahaaa, auch dicke Menschen können einen ganz, ganz tollen Charakter haben, steht außer Frage. Ich hab ja auch einen. Nur kennen den die Männer nicht, wenn sie dich das erste Mal irgendwo sehen. Sie sehen dein Äußeres. Und nur das. Und da muss es doch schon – zumindest unbewusst – irgendwie Klick machen. Auch, wenn wir immer so total tolerant und aufgeschlossen rüber kommen wollen, werden wir doch von Instinkten beherrscht und dass ein Mensch gewisse äußerliche Merkmale aufweisen muss, damit wir ihn attraktiv finden, ist nun einfach mal Fakt. Welche Merkmale das sind, hängt vom Menschen ab, klar. Aber die meisten Menschen in unserer Gesellschaft bevorzugen nun mal eher ein schlankes Gegenüber als potentiellen Partner.
Ich sage nicht, dass es ausgeschlossen ist, dass ich mich mal in jemanden verliebe, der übergewichtig ist. Kann absolut passieren. Lerne ich z.B. jemanden über den Freundeskreis kennen und merke, wir sind auf einer Wellenlänge, dann spielt die Figur nicht mehr wirklich eine Rolle. Darum geht es mir hier heute auch gar nicht. Es ist nur einfach so, dass, wenn man mich allgemein fragt, wie ein Mann aussehen sollte, damit ich ihn attraktiv finde, der Punkt „dick“ nicht auf der Liste mit dabei wäre. Und das geht den meisten wohl so, wenn sie ehrlich zu sich sind.
 
Auf jeden Fall merkte ich, nachdem ich zum ersten Mal so viel abgenommen hatte, einen wahnsinnigen Unterschied. Plötzlich schauten mir die Männer hinterher, sprachen mich an, tanzten mit mir. Mit engem Körperkontakt. Ich hatte Dates. Ich hatte nach kürzester Zeit einen festen Freund. Der mich wirklich attraktiv fand, mir das sagte und zeigte. Zufall?
 
Jahre später ging es mir persönlich ziemlich beschissen, ich war zusätzlich im Lernstress und fraß mir wieder die Kilos an. Und mit jedem Pfund mehr verschwand auch meine positive Wirkung auf die Männer. Das kam für mich damals überraschend. Ich hatte mir bis dahin einiges an Selbstbewusstsein zugelegt, daran konnte es also nicht liegen. Die Männer reagierten tatsächlich anders auf mich, nämlich weniger.
 
Seit ich nun vor einem guten halben Jahr wieder an Gewicht verliere, merke ich auch, wie die Männer zurück in mein Leben kommen. Klingt etwas verrückt und teilweise auch übelst oberflächlich, ich weiß. Aber das ist nun mal einfach die Erfahrung, die ich gemacht habe. Das zweite Mal sogar.
 
Diese realen Reaktionen, im echten Leben, sind aber nur das eine.
Wie sieht das im Internet aus?
Postete ich früher ein Foto von mir auf Twitter, bekam ich fast durchweg positives Feedback. Wie süß ich aussähe und hübsch und Herzchen und Sternchen. Trotz meiner Kilos. Das passte gar nicht so richtig zu dem, was ich da draußen erfuhr. Nach den ersten paar Kilos, die purzelten, sagten mir einige dann, das würde doch aber reichen, ich hätte doch jetzt ne super Figur schon. Wie kann das sein? Entweder sind die Menschen auf Twitter einfach netter und toleranter…oder die, die das Bild eben nicht hübsch fanden, dachten sich nur ihren Teil statt einen blöden Kommentar drunter zu setzen. Und ich frage mich: Sind die Twitterer, die im Netz so lieb sind, das auch im echten Leben da draußen? Wenn die in der Ubahn eine stark übergewichtige Frau sehen, die sich schwitzend auf zwei Sitze niederlässt…denken die dann: „Ach, die hat aber hübsche Augen.“ ?? – So gern ich das auch glauben möchte…ich kanns nicht. Vielleicht habe ich da aber auch einfach zu viele schlechte Erfahrungen gemacht – als Betroffene selbst.
 
Was mich dann aber überraschte und irgendwie fast rührte, waren die Reaktionen von drei Menschen. Mit allen war ich mal mehr, mal weniger, mal länger, mal kürzer verbunden. Diese drei Menschen, alle männlich, kennen mich sehr gut.
Einer war total überrascht, warum ich denn überhaupt abnehmen wolle, ich sei doch total schlank. Gut gemeintes Kompliment? Mit Nichten. Er fragte sich das ganz ernsthaft.
Dem Zweiten fiel absolut nicht auf, dass ich mich – nachdem wir uns nach einem halben Jahr wieder sahen – äußerlich stark verändert hatte. Kein Wort dazu – keinen Ton – kein irritierter Blick.
Der Dritte kennt mich eigentlich in allen Variationen. Schlank, dick und auch irgendwas dazwischen. Sein Interesse an mir und sein Verhalten haben sich aber nie geändert.
Für diese Menschen spielt es einfach keine Rolle, wie ich aussehe. Während ich vorm Spiegel stehe und missmutig an meinen Fettpölsterchen rumdrücke, „sehen“ die das gar nicht. Die haben ein Bild von mir für sich abgespeichert und das behalten sie. Egal, wie viel Pizza ich esse oder wie lange ich den Sport weglasse.
Die haben keine rosarote, sondern einfach eine Miri-Brille auf und die scheint mich denen einfach als Menschen zu präsentieren, den sie mögen. Abseits von Waagen, Gewichtsproblemen oder Schönheitsidealen. Und diese Vorstellung finde ich wirklich unglaublich schön. Und dann verzichte ich liebend gerne auf Komplimente à la „Boa, hast du abgenommen!“ oder „Wo ist denn der Rest von dir?“ und schmunzele nur in mich hinein, wenn man sich gegenüber steht und dein Bauchumfang einfach keinerlei Rolle spielt.
 
Wenn man sich dann anschaut, was da im Fernsehen oder in Hollywood oder auf den Laufstegen grade so rumstakst, alles derbe schlank, zum Teil krankhaft mager.
Aber hier, die Plus-Size-Models…die sind doch jetzt voll im Kommen!“ – Ja, mag sein. Aber allein diese Betitelung. Plus-Size. Alter!
Gut, Dove macht Werbung mit „normal gewichtigen Frauen“, Kate Upton ist Model des Jahres für XY. Aber es ist eine Minderheit, die so denkt. Ist leider so und ja, ich finde das auch scheiße und vielleicht sollten wir uns dem auch nicht beugen und zu unseren Kilos stehen. Aber wisst ihr was? Mir gefällt das nicht. Ich gefiel mir nicht, so dick wie ich war. Und da ist es mir auch egal, ob man mir das irgendwann gehirnwäschennartig ins Denken geprügelt hat, ob ich zu viele Modezeitschriften gelesen und zu viel GNTM geschaut habe. Ich mag meinen Bauch lieber flach. Ich mag es, Muskeln in meinen Oberschenkeln zu spüren. Und ja, verdammte Scheiße, ich mag auch, dass man im Liegen den Hüftknochen ein wenig sieht und die ach so wichtige Lücke zwischen den Beinen beim Stehen.
Ich mag es aber z.B. nicht, wenn die Rippen rausstehen oder man aufm Rücken die Wirbelsäule sehen kann. Oder wenn das Gesicht unterhalb der Wangenknochen total eingefallen ist und die Arme nur noch aus Haut und drahtigen Muskelsehnen bestehen.
Und damit finde ich, bewege ich mich in einem gesunden Mittelmaß und dazu steh ich einfach. Ich mag mich lieber so. Ich finde mich hübscher und fühle mich gesünder und fitter.
Das mag um Himmels Willen nicht für jeden gelten und ich bin mit Sicherheit die Letzte, die über dicke Menschen urteilen würde. Weil ich selbst mal einer war. Zweimal. Und weiß, wie es dazu kommen kann und dass ich die Geschichte dieses Menschen einfach nicht kenne. Und dass es Menschen gibt, die mit sich und der Welt zufrieden sind, auch, wenn sie viel Gewicht auf die Waage bringen. Und wenn diese Menschen wirklich (und ich meine wirklich!) zufrieden und glücklich sind, dann kann ich sie nur beneiden, denn ich bin noch auf dem Weg dahin, mich mit mir und meinem Körper so richtig – ohne Einschränkungen – wohl zu fühlen. Mit oder ohne Mann in meinem Leben.
 
 
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