Lars.

18 Jan
„Heute fast nur Lehrer hier, sorry.“
„Ach du Scheiße!“
Lars muss lachen, als er mich zu einer Gruppe Leute schiebt und mich vorstellt.
Ich kenne kaum jemanden hier, ist auch das erste Mal, dass ich ihn privat treffe. War auch alles recht spontan, ich hab ihm gestern nur schnell zum Geburtstag gratuliert und dann lud er mich gleich für heute ein.
Gartenparty hinterm Haus.
Mit Grillen und Bier trinken und so.
Das Wetter ist gut, nicht herausragend, aber trocken. In Hamburg ja auch nicht selbstverständlich. Trotzdem hat er mit Freunden noch ein paar Pavillons aufgebaut mit Bierbänken und Tischen. Überall stehen Schüsseln mit Brot und Salat. Ich stelle meine dazu, als er mich gespielt empört anguckt.
„Ich hab dir doch extra geschrieben, dass du nichts mitbringen brauchst.“
„Tja…was soll ich sagen? Der Nudelsalat stand einfach so in der Küche rum und ich dachte, ich brauch den eh nicht…“
Er hat Grübchen beim Lächeln. Wie ich.
„Danke, voll lieb von dir.“
„Gerne.“
 
Er drückt mir ein Astra in die Hand und wir stoßen an.
„Bin gleich wieder da, muss kurz Gastgeber spielen.“, entschuldigt er sich und begrüßt die Leute, die eben aus der Kellertür nach draußen in den Garten treten. Er wohnt im Hochparterre, ich sehe die offene Wohnungstür. Drinnen spielt Musik.
Komisch, plötzlich so in dem Leben eines anderen zu stehen. So richtig viel zu tun miteinander hatten wir bisher nicht. Wir sehen uns auch nur einmal die Woche in der Klasse. Sonst vielleicht mal noch aufm Flur oder beim Kopieren.
Jetzt steht er da, fährt sich durch seine blonden, strubbeligen Haare und lässt sich brav gratulieren. Er trägt einen Kapuzenpulli, anders kenne ich ihn auch fast nicht. Dass er unter anderem Sport als Unterrichtsfach hat, passt zu ihm wie Arsch auf Eimer.
Die Truppe von eben spricht mich an, woher wir uns kennen und was ich so mache.
Lehrer-Gespräche. Nie langweilig, nur für Außenstehende. Was ich absolut nachvollziehen kann. Aber die sind ja heute wohl eh Mangelware.
Mit einem Mädel versteh ich mich auf Anhieb gut. Marie – erzählt wie ein Wasserfall, dass sie ja eigentlich nur auf der Durchreise sind, sie und ihr Freund, und hoch ‚gen Norden wollen, aber heute Abend noch weiter zu fahren mache ja auch kaum Sinn, weil das ja bestimmt länger gehen würde heute und also schlafen sie dann nachher einfach in ihrem VW-Bus und dann können sie morgen ganz früh…
„Ihr habt einen VW-Bus?“, unterbreche ich sie begeistert.
„Ja, also mein Freund und ich haben uns den gekauft.“
„Kann ich den mal sehen? Ich mag VW-Busse voll.“
„Klar, dann los. Haben direkt vorm Haus geparkt.“
Auf dem Weg nach draußen begegnen wir Lars, der gerade Bierkästen im Durchgang stapelt.
„Kommste mit Bus angucken?“, fragt Marie.
 
„Boa, mit so nem Ding losfahren und abends am Strand parken, mit nem Bier aufm Dach hocken und aufs Meer gucken…“, schwärme ich draußen leise vor mich hin und fahre mit den Fingern über die Motorhaube, während Marie die Schlüssel in ihrer bunten Umhängetasche sucht.
Lars schaut mich überrascht an.
„Was?“, frage ich, leicht verunsichert wegen seines Blicks.
„Ich glaube, wir sollten mal zusammen Urlaub machen.“
„Weil gleiche Vorstellungen davon?“
„Eeexakt.“
Ich lächle.
 
Wir quetschen uns zu dritt auf die Rückbank, erst Marie, dann ich, dann Lars. Maries Freund kämpft vorne mit dem Radio.
„Oh. Ich sitz auf deinem Rock.“, entschuldigt sich Lars.
„Macht nichts, er beschwert sich ja nicht.“, grinse ich zurück.
Er lehnt sich von innen an die Scheibe, während uns Maries Freund von dem Kauf dieses Traumwagens berichtet.
„Und das kann man hier dann alles zu nem riesigen Bett ausklappen, haben wir selbst rein gebaut“, erzählt Marie stolz.
„Geiles Teil“, flüstert Lars.
Du auch, denke ich und beiße mir auf die Lippen. Das dachte ich übrigens auch, als ich ihm an meinem ersten Tag in der neuen Schule begegnete. Männliche Lehrer sind ja im Bereich Förderschule so oder so eine Rarität. Und wenn man welchen begegnet, sind die dann meist Anfang 40, verheiratet, haben zwei Kinder, ne hübsche Ehefrau und nen Golden Retriever. Oder sie haben eine seltsame Brille mit runden Gläsern auf der Nase, lange, ungepflegte Haare, studierten Sonderpädagogik nur, weil sie das während ihrer Zivi-Zeit voll knorke fanden und tragen bestimmt Unterwäsche mit nem hohen Hanfanteil.
Lars dagegen…hat einen tollen Klamottengeschmack, ist ein paar Monate älter als ich, besitzt eine infantile, ansteckende Einstellung, die mir sehr gefällt. Dazu Typ Surfer, alles locker und lässig und ein verstörend gutes Aussehen.
Ich hatte mich gleich im zweiten Satz verhaspelt und blamiert, als er fragte, seit wann ich hier wäre und ich „Öh, seit so 10 Minuten“ stotterte und er lachte: „Ich meinte, seit wann du in Hamburg bist.“
Und seitdem wusste ich, ich mag den irgendwie. Allerdings dachte ich bis heute, einer wie er hat sicherlich eine Freundin. Er ist auch nicht frisch hier hoch gezogen oder so, er wohnt quasi schon immer hier. Aber wäre eine feste Freundin an seinem Geburtstag nicht auch da? Nun…
 
Im Verlaufe des Abends fallen dann doch noch ein paar Tropfen, so dass es auf den Bänken recht kuschlig wird. Lars sitzt am Nebentisch, Rücken an Rücken. Plötzlich lehnt er sich an und lässt seinen Kopf nach hinten auf meinen fallen.
„Du hast die perfekte Größe, voll gemütlich.“
An seiner Stimme höre ich, dass er dabei grinst.
„Na vielen Dank auch.“
Ein paar Mädels bringen Kerzen für die Tische, weil das Grillfeuer seinen Dienst auch getan hat und es schon mehr als dämmrig ist.
Lars dreht sich zu mir um.
„Magste die Wohnung mal eben sehen?“
„Klar.“
Ich stapfe ihm etwas tollpatschig durch die Wiese nach und rutsche auf dem nassen Gras weg, kann mich aber noch aufrecht halten.
„Zu viel Bier?“, witzelt er.
„Der Boden ist nass, ja?“
„Joa sicher…der Boden.“
„Ach, halt die Klappe.“
 
Und schon stehe ich vor der nächsten Herausforderung. Ein dunkler Kellergang. Ein wirklich sehr dunkler Kellergang.
„Der Lichtschalter ist oben.“
„Na, da hat ja einer mitgedacht.“
Ich taste mich vorsichtig an der Wand entlang. Lars ist plötzlich nicht mehr vor mir. Ich kann nicht mal meine Hand vor Augen erkennen.
Dann hör ich ihn von der Treppe oben.
„Ich glaub, das Licht ist kaputt. Geht’s?“
„Äh….nein?!?“
Ich stehe im Nichts und komme mir doof vor.
Dann höre ich Schritte, gleich darauf ertastet seine Hand meine.
„Na los, Angsthase.“
„Ey, schwarze Löcher sind nichts gegen deinen Keller.“
 
Seine Wohnung gefällt mir, vor allem, weil es gleich links in der Küche Weißwein gibt. Lars stellt mir seinen Bruder vor und der gießt mir dann ein. Im Badezimmer tummeln sich ein paar Badeenten am Waschbecken, ich muss grinsen. Der helle Parkettboden im Flur ist schön, sieht abgeschliffen und geölt aus. So schön, dass man mit der Hand mal drüber streichen möchte, was man dann aber sein lässt, weil einem einfällt, dass da heute schon bestimmt 40 Paar Schuhe ausm Garten drüber gelaufen sind.
Das Wohnzimmer ist fast zu bunt für einen Mann.
„Das sagen viele.“, meint er und drückt die Tür zum Schlafzimmer auf. Ich bleibe etwas unsicher im Türrahmen stehen, wäre seltsam, da hinein zu gehen. Ein frei stehendes Bett, ein Teppich, lange Gardinen. Wirklich gemütlich.
„Du hast den Schreibtisch auch nicht im gleichen Zimmer wie das Bett, ne?“
„So weit käm’s noch“, lacht er, „abends will ich das Zeug echt nicht mehr sehen.“
„Und…du wohnst also allein?“
„Ja, seit einiger Zeit wieder.“
Soso.
Im Rausgehen greift er die Flasche Weißwein, aus der mir eben eingeschenkt wurde.
„Die nehmen wir gleich mal mit.“
„Mir schwant Böses.“
„Ach iwo.“
 
Mittlerweile ist es nach Mitternacht, einige Gäste sind schon gegangen. Wir sitzen mit ein paar Leuten wieder im Garten auf den Bänken. Lars links neben mir. Ich hantiere mit dem abgetropften Wachs der Kerze auf dem Tisch.
„Spielkind.“
Er knufft mich in die Seite.
„Ich hör ja schon auf!“, grummle ich, schnappe mir eine leere Bierflasche und beginne, das Etikett ab zu knibbeln.
Er beugt sich zu mir rüber und meint: „Das mach ich auch immer.“
Wir schauen uns kurz grinsend an. Wirklich nur kurz, lange kann ich seinen Augen nicht stand halten.
 
Nach einer Weile spüre auch ich die Müdigkeit, die immer mehr Leute zum Gehen bewegt. Ich mag aber noch nicht heim, es ist gerade so nett.
Ich lehne mich etwas an Lars‘ Schulter an, er reagiert und streicht mir sanft durchs Haar. Schönes Gefühl. Dann muss er aufstehen, um Marie und ihrem Freund ‚Gute Nacht‘ zu sagen, sie verkriechen sich in ihren Bus. Anschließend setzt er sich wieder neben mich, sich jetzt aber noch mal anzulehnen, käme mir komisch vor. Also lasse ich es und stütze mich mit den Armen auf dem Tisch auf. Wir sind ja bloß Kollegen, nicht übertreiben.
 
Lars hört gerade einem Kumpel aus seinem Sportverein zu, der vom Training diese Woche erzählt, als ich plötzlich merke, wie er seine Hand auf mein Knie schiebt. Was zum…?
Ich darf da jetzt nicht hingucken, das wäre zu auffällig. Ich meine, ich habe wirklich ein gesundes Selbstbewusstsein, aber…meint der wirklich mich? Hat er zu viel getrunken?
Seine Hand bewegt sich nicht da weg. Statt dessen fangen seine Fingerspitzen an, leicht über meine Strumpfhose zu streichen. Ich kann das gar nicht glauben. Echt jetzt?
Er hört weiter seinem Gegenüber zu und antwortet auch und gleichzeitig liegt da seine Hand auf meinem Knie als wäre es das Natürlichste auf der Welt.
Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Die ganzen Monate über in der Schule…keinerlei Andeutungen. Und jetzt plötzlich doch…der Abend war schön gewesen ja…aber…also…meint er das ernst?
Ich muss das testen und bewege meine linke Hand ganz vorsichtig zu seiner. Er greift sofort danach. Unsere Finger verhaken sich, spielen leicht miteinander.
Ich mache große Augen, gucke ihn an.
Er grinst frech zurück.
Und dann sitzen wir da, erzählen, lachen und trinken mit den anderen und unsere Hände haben sich gefunden. Ich glaube das immer noch nicht so richtig.
Sobald sich Leute verabschieden, lässt er los und steht auf, aber seine Hand kommt danach immer wieder zu meiner zurück. Ich grinse innerlich in mich hinein. Er streichelt über meinen Oberschenkel und streift mit den Fingern ein Stück an meiner Wade hinunter. Ich bekomme Gänsehaut. Keiner bemerkt etwas, es passiert ganz heimlich und ist dadurch sehr aufregend. Er fährt mit seinen Fingern meine ab, kitzelt über die Handinnenfläche. Dann verkreuzen sich unsere Finger wieder ineinander und er übt leichten Druck aus…das fühlt sich toll an. Mittlerweile habe auch ich begriffen, dass er wirklich mich meint und traue mich, auch seine Hand etwas zu erkunden.
Eigentlich nur eine kleine Geste, ich hatte dem bisher nie große Beachtung geschenkt, aber was da gerade unterm Tisch ablief, puh.
Uns gegenüber sitzt Thomas, ein Kollege aus der Schule. Na ja, sitzen wäre übertrieben. Er hängt halb in sich zusammen gesunken auf der Bank und ich beobachte seit 5 Minuten, wie die Bierflasche in seiner Hand immer weiter nach unten sinkt. Er hat die Augen geschlossen und gibt auf Anfrage lustige Grunzgeräusche von sich. Weiter hinten im Dunkeln stehen noch drei Leute. Oder sind es vier? Der Rest hat sich nach oben in Lars‘ Wohnung verkrochen.
„Hey…“, flüstert Lars und ich drehe meinen Kopf zu ihm.
Er lächelt.
„Hey…“
Er rutscht näher an mich heran. Mir wird warm. Unsere Gesichter sind keine 10cm mehr voneinander entfernt. Die Spannung ist fast greifbar.
Plötzlich schreckt Thomas hoch und seufzt laut. Wir zucken ertappt auseinander wie zwei aufgescheuchte Hühner. Thomas schaut mit Augen auf Halbmast zu uns, hebt eine Hand und meint, nach einer bedeutungsschwangeren Pause, mit tiefer Stimme: „Schlaf! Schlaf ist die Lösung!“ Dann schlägt er mit der Faust auf dem Tisch und ruft: „DIE LÖSUNG FÜR: ALLES!“
„Ich bring den mal eben hoch aufs Sofa“, flüstert Lars mir zu und steht auf, nicht ohne mir mit der rechten Hand über den unteren Rücken zu streichen, „alleine findet der den Weg nicht mehr.“
„Durch diesen Keller sicher nicht“, zwinkere ich.
„Wartest du hier?“
Ich nicke.
 
Kaum haben sich die beiden vom Tisch erhoben, hüpft Sarah auf die Bank gegenüber. Die Freundin von Lars‘ Bruder. Wo kommt die denn plötzlich her? Sie kichert betrunken und wirkt ziemlich aufgedreht. Respekt! Für 3 Uhr nachts. Sie spielt mit einer Haarsträhne herum und scannt mit einem wirrem Blick die Tische ab.
„Liegt hier mein Handy rum? Wir brauchen mal gute Musik.“
„Ich hab nichts gesehen, sorry.“
„Aaaaahhh…“, sie zeigt mit dem Finger direkt auf mich, „du bist die Kollegin aus der Schule, ne?“
„Ähm…ja?!“, entgegne ich, „nicht die Einzige heute.“
Betonte sie das ‚die‘ von ‚Kollegin‘ gerade etwas zu sehr?
„Ja ja, weiß ich…“
„Ach so?“
Ich bin zunehmend verwirrt.
Da taucht Lars wieder auf.
„Sarah. Welch Freude!“, begrüßt er sie.
„Hast du mein Handy gesehen?“, quietscht sie ihm entgegen.
„Nöö. Aber such doch mal oben in der Wohnung.“
„Da hab ich doch grad schon geschaut.“
Lars rutscht wieder neben mich auf die Bank.
Sarah huscht um uns herum und tastet sich durch das Gras unter den Bänken. Mutig.
Er schaut mich mit einem Blick an, der sagen will: ‚Tut mir so leid, dass die jetzt nicht abhaut und wir alleine sein können.‘
Ich halte ihm seine Bierflasche hin und wir stoßen an.
„Alter, der Kühlschrank ist kaputt!“, tönt es da aus der Wohnung. Es ist Lars‘ Bruder.
„Und hast du Sarah gesehen?“
Lars seufzt.
„Ja, die wuselt hier rum.“
„Bring die mal mit.“
Ich lege den Kopf schief und muss mir ein Lachen verkneifen.
„Familie ist was Schönes, ne?“
„Witzig!“
Lars trinkt noch einen Schluck, erhebt sich widerwillig.
Dann schnappt er sich Sarah am Armgelenk, die leicht debil grinsend eine übrig gebliebene Packung Würstchen umklammert und sich mitziehen lässt.
 
Nun sitze ich alleine da. Eine Minute. Zwei Minuten.
Mhm.
Die Tür zur Wohnung ist zugefallen, ich kann nicht sehen, was sich da drin abspielt.
Es ist fast halb 4.
Ich stehe auf, krame mein Zeug zusammen, rücke meine Beanie-Mütze zurecht und tapse durch den Keller Richtung Wohnung. Netterweise hat zwischenzeitlich jemand Kerzen im dunklen Flur aufgestellt, so dass ich mich selbstständig zurecht finde.
Kaum biege ich oben um die Ecke, tritt Lars aus der Tür.
„Stecker drin lassen macht manchmal echt Sinn!“, sagt er gerade kopfschüttelnd, dreht sich um und erschrickt sich kurz, weil ich direkt vor ihm stehe. Dann lächelt er.
„Ähm…du…“, stottere ich, „ähm…weißt du die Fahrzeiten…also vom…wann der Bus fährt? Der Nachtbus? Also, gibt’s da überhaupt einen?“
Cool, ich kann voll eloquent, wenn’s sein muss.
„Klar. Ich schau eben mal nach.“
Er zieht sein Handy aus der Jeans.
„Und die Haltestelle? Ist die da, wo die andere auch war? Also, an der ich ausgestiegen bin? Da gegenüber direkt dann?“
„Ich bring dich.“
„Oh, das musste nicht.“
„Doch, doch. Ich bring dich.“
„Ich find das auch all…“
„Doooch! Ich. bring. dich!“, betont er und schaut mir dabei direkt in die Augen.
Ja ok, jetzt hab selbst ich es geschnallt. Er will mit mir alleine sein. Wie verrückt das ist.
 
Kaum treten wir aus der Tür und auf die Straße, greift er im Erzählen meine Hand. Als wäre das nie anders gewesen. Vor ein paar Stunden waren wir noch Frau S. und Herr T., alles rein kollegial.
Wir schleichen am Bus von Marie vorbei und sinnieren kurz, die beiden aufzuwecken durch einen Ans-Fenster-Trommel-Alarm, beschließen aber dann, es zu lassen, da sind wir viel zu sozial zu. Dann lachen wir über diese Tatsache.
„Müssen wir nicht links zur Hauptstraße?“, frage ich, als er mich nach rechts weiter zieht.
„Ich dachte, wir laufen noch eben um n Block. Dauert eh noch, bis der Bus fährt.“
„Okaaay…“
„Das Viertel hier ist echt ganz hübsch.“
„Okaaay…“
Wir biegen um die Ecke und sind nun nur noch wir beide. Er erzählt gerade, wie er die Wohnung hier bekommen hat und dass das in Altona ja gerade noch so bezahlbar wäre. Dann verlangsamt er seinen Schritt, lässt meine Hand los und legt statt dessen seinen Arm um meine Schulter.
Wenn ich jetzt zu ihm hoch gucke, passiert’s. Ich weiß das. Realisiert habe ich es aber immer noch nicht. Was machen wir denn da nur?
Ich hebe meinen Kopf nur ein wenig und linse schräg nach rechts oben zu ihm. Ich bin zu neugierig auf seinen Blick. Meine Reaktion reicht ihm. Er bleibt stehen, dreht mich zu sich und umfasst mich um die Taille. Sein fester Griff gibt mir den Rest, ich muss mich konzentrieren, weiter zu atmen. Unsere Nasenspitzen berühren sich sanft, dann legt er seinen Kopf etwas schief, schiebt das Kinn etwas nach vorne und täuscht vorsichtig einen Kuss an, hält aber kurz, bevor sich unsere Lippen berühren, inne. Dieses Rauszögern macht unfassbar an. Der halbe Abend war irgendwie schon eine Art Vorspiel gewesen. Dann ist die Anziehung aber zu groß, er drückt mich fest an sich und küsst mich. Ganz vorsichtig, langsam. So, dass jede Lippenbewegung, jede Berührung kostbar ist und zu genießen gilt.
‚Ich küsse tatsächlich Lars, den heißen Kollegen aus der Schule. ICH! Das ist doch Wahnsinn!‘, schießt es mir immer wieder durch den Kopf.
Unsere Lippen harmonieren wunderbar miteinander, wie eine komponierte Symphonie aus Berührungen, in der alle verschiedenartigen Einzelheiten eindrucksvoll zusammenwirken.
Er küsst unglaublich gut. Dieser Kuss beherrscht alles, die gesamte Situation. Nichts anderes nehmen wir mehr wahr.
Irgendwann lassen wir voneinander ab. Als ich die Augen öffne, lächelt er mich an.
Ich beiße mir auf die Unterlippe und lehne meine Stirn an seine Schulter. Wir haben uns geküsst. Ich habe meinem Kollegen geküsst. Verdammt!
„Oooooooops!“, flüstert er, als ob er denselben Gedanken hatte und beginnt zu lachen.
„Großes Oooops!“, wiederhole ich und schaue ihn mit großen Augen an.
Meine Arme umfassen seinen Oberkörper, ich fahre mit den Händen über seinen Rücken. Selbst durch den Pulli spüre ich seinen durchtrainierten Oberkörper. Er streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr und küsst mich erneut. Ich ziehe eine Hand nach vorne, stelle mich auf die Zehenspitzen und umfasse seinen Nacken, streife dann durch seine Haare. Das wollte ich immer schon mal machen.
Er hebt mich ein wenig hoch und dann spüre ich seine Hand hinten unter meinem Shirt. Ich zucke zusammen.
„Kalt?“, fragt er.
„Geht schon.“, grinse ich.
Seine Küsse werden intensiver. Wir stehen auf offener Straße, mitten in der Nacht. Und trotzdem gibt es nur uns Zwei. Niemand anderen, kein Auto, keine Fußgänger, noch nicht mal mehr Zeitgefühl.
Wenn ich schon mal bei seinem Rücken bin, kann meine Hand auch noch ein Stück weiter nach unten wandern. Seine tut es bei mir gleich.
Dann passiert etwas Komisches. Ich sacke ein Stückchen nach unten weg, meine Beine geben plötzlich nach. Er hält mich fest, schaut mich fragend an. Ich muss selbst überlegen, was das war.
„Ich…ich glaub, ich hab grad weiche Knie gekriegt…“, sage ich leise und ziehe die Schultern peinlich berührt nach oben.
Er muss lachen.
„Ist das n Kompliment?“
„Öhm…“
„Geht’s wieder?“
Ich nicke. Er greift meine Hand und wir schlendern weiter. Noch eine andere Seitenstraße zeigt er mir mit ein paar schönen, alten Bäumen. Ein paar Vögel sind schon wach und zwitschern.
Ich bleibe stehen und ziehe ihn sacht zu mir. Er schaut mir in die Augen, drückt mich dann an die Hauswand hinter mir und beginnt erneut, mich zu küssen. Er nimmt meine Hände und hebt sie entschlossen über meinen Kopf und hält sie dort fest, während er meinen Hals küsst. Ich kann nur noch die Augen schließen und genießen.
„Lars?“, frage ich nach einem Zeitraum, den ich nicht benennen kann.
„Hm?“, haucht er mir ins Ohr.“
„Fuhr da nicht irgendwie ein Bus oder sowas?“
„Oh.“
Er lässt von mir ab um auf die Uhr zu sehen.
„Schaffen wir grad noch.“
 
Kurz danach stehen wir an der Hauptstraße, schräg gegenüber ist die Haltestelle.
Er nimmt mein Gesicht in beide Hände, lächelt. Wir küssen uns noch mal und er meint: „Ist doch ne gute Idee…“
Das mit uns beiden? Meint er uns beide?
„Lehrer haben…doch immer gute Ideen.“, grinse ich zurück.
„Ich meld mich morgen bei dir, ok?“
„Ok.“
 
Während ich verdattert über diesen Abend wankend die Straße überquere, schaue ich ihm zu, wie er nun den direkten Weg zu seiner Wohnung zurück läuft. Und von den Scheinwerfern des ankommenden Busses geblendet denke ich, dass es glatt ein bisschen ärgerlich ist, dass der öffentliche Nahverkehr in Hamburg zur Abwechslung auch mal pünktlich fährt.
 
 
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7 Antworten to “Lars.”

  1. wiycc 19. Januar 2014 um 20:52 #

    Schön geschrieben. Ich habe tatsächlich den ganzen Text gelesen, obwohl meine Aufmerksamkeitsspanne bei langen Blogposts für gewöhnlich irgendwann gegen Null geht. Hach…
    Und, Fortsetzung folgt?

  2. [eigen]art 20. Januar 2014 um 18:43 #

    Wunderschön erzählt!

  3. mamafraumensch 27. Februar 2014 um 11:46 #

    Nominiert für die schönste Erzählung bisher im neuen Jahr. 🙂

    http://mamafraumensch.wordpress.com/2014/02/27/getagged-nominiert-beworfen-zweite-runde/

  4. nicole3102 6. März 2014 um 20:52 #

    sehr schön geschrieben! Hat er sich denn gemeldet? :))

  5. emmakesselhut 10. März 2014 um 14:51 #

    „An seiner Stimme höre ich, dass er dabei grinst.“ Ich liebe diese Situationen und ich hätte auch wahsinnig gern einen VW-Bus. Freiheit! Und ich schließe mich wiycc an. Normal viel zu faul, sowas langes zu lesen, auch wenn ich selbst oft über die Stränge schlage, aber total schön geschrieben. Danke – Passte super zu einem Mittag auf dem Balkon.

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