Vorbildfunktion.

21 Mai
Ich bin auf dem Weg zu einem Treffen, auf das ich eigentlich nicht viel Lust habe. Es ist persönlicher Natur. Doofer persönlicher Natur.
Treffpunkt Landungsbrücken, von meiner Wohnung aus etwa 10 Minuten zu Fuß. Wenn man trödelt.
 
Etwas vermuffelt ob der Dinge, die mich erwarten würden, trabe ich über die letzte Fußgängerampel und bin fast schon da, als ich von links ein eher barsch angehauchtes: „Danke für’s Vorbild!“ vernehme.
Eine Sekunde lang bin ich irritiert, ob dieses beleidigende Etwas mir gilt, drehe den Kopf und blicke auf einen vorwurfsvoll kopfschüttelnden Mann mit seiner kleinen Tochter an der Hand, die an eben dieser Ampel, die ich überquerte, stehen und warten.
Nun ist es ja so und diese Tatsache fiel mir in Hamburg erst nach einer Weile auf: Manchmal sind Fußgängerampeln in eine Richtung noch Grün, in die andere aber bereits Rot. Ich begründe das für mich selbst mit der unterschiedlichen Anzahl von zu überquerenden Fahrbahnspuren nach dieser kleinen Mittelinsel, bin mir aber bis heute nicht sicher, ob das so stimmt. Auf jeden Fall stoppt man so die Menschen lieber gleich komplett auf der einen Seite, als dass sie dann eine ganze Ampelphase in der Mitte auf beiden Seiten von Autos und LKW umbraust werden.
 
Auf jeden Fall bin ich mir zu 100% sicher, bei Grün über die Straße gegangen zu sein.
Und nun steht da dieser Typ, Mister Super-Dad, der seine Tochter zu verkehrsbewusstem Verhalten erziehen will. Und alle fiesen Gestalten, die diesen Plan nur ansatzweise verhindern, werden verbal von ihm vernichtet. Und in seinen Augen bin ich jetzt das Negativ-Beispiel. Eine, die zeigt, wie man es nicht macht. Ich zögere noch mal einen Moment, um zu überlegen, ob ich mit dem Ignorieren dieser falschen Bemerkung leben könne, mache dann nach drei Schritten auf dem Absatz kehrt, gehe auf ihn zu und zeige mit einem: „Verzeihung, sehen Sie da oben die Ampel?“ auf das grüne Männchen, das freudig für die Menschen leuchtet, die aus der selben Richtung kommen wie ich eben.
Er schaut etwas verwirrt nach oben, dann wieder zu mir.
„Wie Sie vielleicht sehen“, erläutere ich in einem betont höflichen Ton, „bin ich durchaus bei Grün über die Ampel gegangen. Oh, und was Sie nicht wissen konnten: Ich bin Lehrerin und weiß dadurch sehr wohl, wie man sich an Ampeln gegenüber Kindern verhält. Aber vielleicht sollten Sie sich mal überlegen, welches Vorbild Sie für Ihre Tochter abgeben, wenn Sie einfach ungerechtfertigter Weise fremde Leute auf der Straße anpöbeln. Schönen Tag noch.“
 
Ich hinterlasse einen völlig perplexen Super(beschämten)-Dad, der sich bemüht, seinen tief hängenden Unterkiefer wieder zu kontrollieren und gleichzeitig den Kragen seines Mantels peinlich berührt nach oben klappt und im Weggehen höre ich nur noch eine süße, hohe Mädchenstimme, die neugierig zirpt: „Papa, wer war die Frau?“
 
 
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3 Antworten to “Vorbildfunktion.”

  1. Kirsten 21. Mai 2014 um 22:08 #

    Oh Gott, ja. Der Vater, der seinem Kind erklärte: „Dann bleibt man stehen, schaut nach links, rechts, links ob auch kein Auto kommt und dann geht man über die Straße – nicht so wie die Frau da“. ‚Die Frau da‘ war natürlich ich. In einer Spielstraße hatte ich es gewagt, eine Straße zu überqueren, OHNE deutlich stehen zu bleiben, und links rechts links zu schauen, obwohl doch jeder sehen konnte, dass er mit einem Kind da war! Es nagt offensichtlich immer noch an mir, dass ich nicht schlagfertig gekontert habe wie Du.

  2. leidenschaftlichwidersynnig 23. Mai 2014 um 12:48 #

    Na ja, aber irgendwie muss man es ja den Lütten einbläuen….wie leben ja nicht in Bullerbü. Hamburger Ampeln werden von Fussgängern und Radfahrern extrem häufig ignoriert. An meiner Seite quakte es immer “ Rotgänger -Totgänger“ , da brauchte ich selbst gar nichts zu sagen 😀

  3. Ferox 1. Februar 2015 um 09:28 #

    Danke. Manchmal mache ich das auch, wenn Leute mich auf der Straße nur um der Korrektheit willen ansprechen – oder nicht-ansprechen und nur in sich hinein murmeln. Ich wünschte, ich wäre öfter konfrontativ.

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