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Fensterblick.

4 Sep

Das ist jetzt die schönste Zeit des Tages. Wenn sich die Sonne langsam hinunter zum Wasser neigt und den Himmel in dieses Rosa taucht. Die leichten Schleierwolken davor sich in verschiedenen Grautönen daran schmiegen und der Himmel am Horizont die gesamte Farbpalette an Pastelltönen ausbreitet.

Wenn die Wellen unten ans Ufer schwappen, noch mit Bedacht, aber mit einem deutlichen ‚Hier sind wir. Hörst du uns?‘. Es ist Flut jetzt am Abend. Der vordere Strand, der morgens noch da ist und auf dem man viel besser laufen kann als dahinter im losen, tiefen Sand, wird nun überspült. Die dunklen Steine des Schutzdeiches nehmen die Wellen auf und lassen sie wieder los, ein harmonisches, eingespieltes Duo. Der zunehmende Halbmond thront stolz darüber, als ob er dafür verantwortlich sei. Ist er ja auch. Vielleicht schaut er sich das Ganze aber auch nur so fasziniert an wie wir hier unten.

Auf dem Weg vorm Haus geht die Laterne an und Pärchen laufen vorbei, Händchen haltend und sich etwas zuflüsternd. Gruppen von Jugendlichen lachen über die Ereignisse beim Grillen vorhin. Radfahrer nutzen die Tatsache, dass nun am Abend weniger los ist und setzen sich über das Fahrverbot hinweg. „Vernünftige fahren hier nicht mit dem Rad. Anderen ist es verboten.“ – ich muss immer an dieses Schild denken und wie ich schmunzelte, als ich es vor zwei Jahren das erste Mal hier um die Ecke sah.

Der Kater kommt und setzt sich neben meinen Laptop auf die Fensterbank. Ich schließe das rechte Fenster, so dass er hinter Glas sitzt, sein neugieriges Wesen verträgt nicht zu viel Freiluft ohne Auffangnetz darunter. Sicher ist sicher. Er lugt vorsichtig um die Ecke und schnuppert kurz, dann drückt er mir sein Köpfchen ins Gesicht und löscht mit der Pfote ein paar Buchstaben. Ich kraule ihn am Hals. Dann legt er sich neben mich und quietscht leise beim Atmen.

Gerade tuckert eine Fähre vorbei Richtung Finkenwerder. Keiner mehr drauf. Wer will auch so spät da noch hin? Ihre Spuren im Wasser lassen den Mann aus Holz, der auf der Elbe Wache hält, hin und her schwappen. Er steht im Schatten der Container, die gegenüber schon den ganzen Tag über aufgeladen werden auf diesen mächtigen Kahn, so lang, dass er fast die ganze Kaimauer besetzt.

Dieses ständige, tiefe Hafenbrummen hat etwas beruhigendes. Wie wenn dein alter Opa dich in den Arm nimmt und mit rauer Stimme ‚Alles gut, mein Schatz. Ich mach das schon!‘ murmelt. Mittlerweile ist es richtig dunkel geworden, die Nacht bricht herein. Das geht abends recht schnell.

Die Hafengiraffen haben ihre roten Lampen an den Spitzen angemacht, nach unten strahlen sie im warmen, gelben Licht. Wie eine Art Weihnachtslichterdekoration, dabei ist es da drüben bestimmt dreckig und laut und alles voller Beton und Stahl. Hier drüben wirkt es traumhaft. Zum Seufzen schön.

Das Wasser wirkt wie gemalt, die Lichtbalken tauchen die Elbe scheinbar in flüssiges Gold. Wie tausend Schichten klarer Folie, durch die man sanft hindurch pustet, heben und senken sich die Wellen. Kneift man die Augen etwas zusammen, hat der Blick darauf etwas meditatives, es beruhigt einen bis ins Tiefste. Dazu dann noch eine dieser Windböen, die einen Hauch kühles Meer dabei haben und einem klar machen, dass alles gut ist. Dass dieser Moment gut ist. Dass man davon genießen kann, so viel man will. Es ist genug für alle da.