Archiv | Berufung RSS feed for this section

Tommy

15 Sep

„Tommy ist jetzt…?“
„Im Himmel.“
„Im Himmel. Tommy ist jetzt im Himmel.“

„Ja.“
„Tommy kann jetzt nicht mehr kommen.“

„Tommy kann nicht mehr kommen. Aber…?“
„Aber er guckt von oben zu.“
„Genau.“

Seine Augen starren unbeweglich in eine Richtung, scheinen aber nichts Konkretes zu fixieren. Sie sitzen an dem hellen Holztisch in seinem Zimmer wie jede Woche. Bei jedem Besuch muss sie sich zwingen, die eigenen Tränen der Trauer zurück zu halten, weil er das nicht verstehen würde.

„Tommy hat dich lieb, das weißt du, oder?“
„Tommy ist jetzt im Himmel.“

„Tommy hat dich lieb.“
„Ja.“

Ob er es jemals verstehen wird? Ob es in seiner Welt ankommt? Und falls ja, wie genau? Welches Bild entsteht da?

Tommy war neben der Mutter DIE Bezugsperson überhaupt. Wenn Tommy in der Tür stand, wedelte er immer freudig mit den Armen. Die vielen kleinen Wortspiele, die nur zwischen den Beiden Sinn machten. Wenn Tommy Gitarre spielte und zur Melodie neue Texte entstanden, einfach so. Oder wenn er vor Verzweiflung den Kopf an die Wand schlug und Tommy nur ein Gedicht aufsagte und das half beim Beruhigen.

„Tommy ist jetzt…?“

Jedes Mal fragt er das als Erstes. Und dann in Endlosschleife. Diese Sätze, die er gefühlt automatisch sagt und doch nur jedes Mal aufs Neue versucht zu verstehen.

Tommy ist im Himmel.

Tommy kommt nicht mehr wieder.

Man begreift es ja selbst nicht.

 

#trauer #tod #autismus #förderschule #sovielmehralsnurlehrersein

Advertisements

Nasenbären.

6 Jun

Hospitiere in meiner zukünftigen Grundschulklasse.
Sitze im Morgenkreis auf einem Stuhl für Erstklässler und fühle mich wie ein Riese.
Niklas, 6 Jahre, sitzt neben mir, dreht manchmal seinen Kopf zu mir hoch, sagt aber nichts. Während der Lehrer vorne den Tagesplan durchgeht, tippt er mich schließlich an und macht ein Zeichen, dass ich mich zu ihm runter beugen soll. Ich komme näher und er flüstert mir ins Ohr: „Du, wirst du jetzt auch bald ein Nasenbär?“
„Ein Nasenbär?“, frage ich zurück.
„Ja, wir heißen so.“
„Aha.“, antworte ich. „Wärt ihr nicht lieber die Gottesanbeterinnen, die Schnurrbart-Tamarine oder die Elefantenspitzmäuse?“
„Hä?“
„Es gäbe auch den Querzahn-Molch oder den Nacktmull, wobei ich mir da nicht sicher bin mit dem Plural. Mulle, Mulls, Mulen?“
„Hm.“
„Ich meine, die ‚Atlas-Seidenspinner‘ wäre vielleicht etwas lang als Türschild. Genauso wie ‚Weißrücken-Flötenvögel‘. Letzteres wäre auch phonologisch nicht das einfachste, klingt aber trotzdem sehr melodisch. Oder wir nehmen die lateinischen Namen. Der Paedophryne amanuensis ist nur 7mm groß und das kleinste bekannte Wirbeltier der Welt, hast du das gewusst?“
„Nee.“
„Oder ihr wollt vielleicht was Glamouröseres. Dann könnten wir uns Himalaya-Glanzfasane nennen. Oder was Gefährliches wie die Rotschnabel-Madenhacker, dann würdet ihr bestimmt auch weniger gemobbt.“
Niklas überlegt kurz.
„Ich find Nasenbären gut.“
„Stimmt. Hast recht.“

Sitze nun noch ein wenig hier und denke über die Möglichkeit nach, einen Klassenwombat nach den Sommerferien anzuschaffen. Oder eine europäische Sumpfschildkröte.

Paul.

15 Sep
„Wäre gut, wenn der bei dir noch rein könnte. Ok?“
Als ob ich als gerade fertig gewordene Lehrerin da ein wirkliches Mitspracherecht hätte. Als ob ich es mir aussuchen könnte.
„Klar, kein Problem. Wann kommt er denn?“
„Die Mutter bringt ihn nachher her. Würden dann mal so in der 2. Stunde bei dir rein gucken kommen. Nur kurz.“
Gleich heute. Wundervoll. Danke fürs frühzeitige Bescheid geben.
„Super. Dann bis nachher.“
Die Kinder meiner ersten Klasse waren bunt zusammen gewürfelt worden. Ein paar kannten sich schon aus dem Kindergarten von nebenan. Andere kamen von externen Einrichtungen. Aber wie das bei Kindern so ist, nach ein paar Wochen waren sie zu einer Einheit zusammen geschmolzen. Wir waren die 1a. Da gab es nichts zu rütteln dran.
Nun sollte also noch ein Kind dazu kommen. Das Zwölfte. Für eine Klasse im Förderschulbereich ist das schon sehr viel. Ab 13 Kindern müsste die Klasse geteilt werden.
Paul, 7 ½ Jahre, gerade umgezogen mit seiner Familie. Zwei ältere Brüder, die die angeschlossene Hauptschule besuchen würden. Mehr wusste ich nicht.
 
„Boa! Noch n Junge? Scheiße, ich will mehr Mädchen!“
„Scheiße sagt man nicht, Luisa.“
„Spielt der gerne Fußball?“
„Frag ihn, wenn er nachher kommt.“
„Der soll neben mir sitzen!“
„Nein! Neben mir!“
„Ihr wisst, dass das eine Lehrer-Entscheidung ist.“
„Naaaa guuuut.“
 
Sehr leise steht Paul wenig später da, sich halb hinter seiner Mutter versteckend. Ihm ist das nicht so geheuer. Braune Haare, schon recht groß für sein Alter, ziemlich dünn, drahtiger Körper, eine lockere Jeans und ein dunkler Pullover. Er gibt mir brav die Hand, als ich in die Hocke gehe und mich ihm vorstelle. Martin stellt seine Fußballfrage und Paul nickt.
 
Ein paar Tage später sitze ich nach Schulschluss da, stütze meinen Kopf auf meiner rechten Hand ab und blätterte mit der linken langsam die Schülerakte durch. Die Heizung bollert neben dem Pult und gluckert etwas. „Hausmeister Heizung“ notiere ich mir schnell auf ein Post-It und lese weiter. Eine erstaunlich dicke Schülerakte hatte ich da bekommen. Für einen Erstklässler. Aber eigentlich war er das auch gar nicht. Eigentlich war er Drittklässler. Unsere Schule war nämlich bereits die dritte, die er besucht. Respekt. Wie kriegt man so etwas hin? Eingeschult in die zuständige Grundschule, kurz danach Wechsel in eine Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Die Berichte von Lehrern und Gutachtern waren vernichtend. Das Halbjahreszeugnis strotzte nur so von Formulierungen wie „zeigt kein Interesse an…“, „verweigert die Mitarbeit…“, „lenkt andere vom Lernen ab…“, „zeigt oft unangemessene Verhaltensweisen…“, „kaum Regelbewusstsein…“, „körperliche Auseinandersetzungen mit seinen Mitschülern…“, „keine oder nur unregelmäßig bearbeitete Hausaufgaben…“
Mit anderen Worten: Juhu.
Normalerweise lese ich Schülerakten nie direkt. Nicht aus Faulheit oder Zeitmangel. Ich möchte einfach nicht voreingenommen sein. Ich möchte ein Kind einfach kennen lernen, es beobachten, mir einen eigenen Eindruck verschaffen, bevor ich „die Fakten“ kenne. Diese Fakten gefielen mir nicht. Die klangen so von oben herab. Irgendwie so…genervt von diesem Kind. Unprofessionell.
„Die müssen ja heilfroh gewesen sein, als die Mutter dann umgezogen ist“, denke ich mir und klappe die Akte zu.
 
Ich stehe aus meinem schwarzen Drehstuhl auf, indem ich mich auf den Armlehnen hoch stemme. Der Vormittag war anstrengend gewesen, das merke ich erst jetzt. Ich gehe zu Pauls Platz. In dem kleinen Ablagefach unter der Tischplatte liegen seine Mappen für Deutsch, Mathe und Sachunterricht. Nachdem die Kinder ein Arbeitsblatt bearbeitet und zur Kontrolle gezeigt haben, wird dieses dort direkt abgeheftet. Nun ja…so war’s zumindest von mir gedacht.
Nun ziehe ich ein Blättergewirr heraus, geknautscht und gerissen, verkritzelt oder als Papierflieger gefaltet. Ich seufze und sortiere die noch halbwegs brauchbaren Unterlagen sorgfältig auf die einzelnen Mappen, damit Paul sie morgen gleich in der Früh abheftet.
Von den Kollegen hörte ich schon, dass Pauls ältere Brüder ziemliche „Rabauken“ seien, schon in der ersten Woche eine Schlägerei auf dem Schulhof angezettelt hätten und überhaupt lieber Fäuste als Worte sprächen ließen.
Leider schaute sich Paul dieses Verhalten fast gänzlich ab. Wenn ein Kind ihm am Garderobenschrank im Weg stand, wurde es unsanft weg geschubst. Wenn er über die Schultasche von Linda stolperte, wurde sie mal eben an den Haaren gezogen. Und wenn ihm auf dem Schulhof langweilig war, wurde gerne mal das ein oder andere Gesicht in den Sandkasten gedrückt.
Fast täglich stand ich in meiner Pause hinter der Fensterscheibe und zog Paul früher oder später aus dem Verkehr. Klären ließen sich die Situationen nur schwer. Fast täglich kamen Kinder mit Tränen und aufgeschürften Knien oder Händen zu mir, weil Paul sie zu Boden gestoßen hatte. Er selbst war sich kaum einer Schuld bewusst.
„Wenn der halt da im Weg rumsteht…“
„Was könntest du denn in einem solchen Fall tun?“
Los! Sag: „Fragen, ob er bitte Platz macht.“ Sag es!
„In den Bauch hauen. Hab ich ja auch gemacht.“
So konnte es nicht weiter gehen.
Paul und ich verbrachten viel Zeit alleine miteinander. Es galt die Regel: Wenn es Streit in der Pause gibt, bleibst du am nächsten Tag drin.
Zufrieden war ich damit nicht. Paul ist hyperaktiv, er braucht die Bewegung. Er musste sich irgendwie auspowern können. Und Texte aus dem Lesebuch abschreiben ist dazu nun mal leider nur bedingt geeignet.
Ich gab ihm andere Aufgaben: Die Arbeitstische der Kinder abwischen oder den Garderobenschrank sauber machen. Erstaunlicher Weise tat er das gerne. Nach einer Weile kam er, nachdem seine Mitschüler draußen waren, von sich aus zu mir und fragte nach Eimer und Lappen. Es ging ihm nicht um die Arbeit an sich, denke ich. Er genoss es einfach, dass sich jemand Zeit für ihn nahm. Sich mit ihm beschäftigte. Er die ungeteilte Aufmerksamkeit bekam, die ihm zu Hause fehlte.
An einem weiteren Tag, den Paul nicht auf dem Schulhof verbringen durfte, sitzen wir schweigend im Klassenraum, ich laminiere Bilder für die Deutschstunde kommende Woche, Paul malt ein Bild für Tobi, als Entschuldigung, weil er seine Trinkflasche über seinen Tisch gekippt hat. Er ist grummlig deswegen.
 
„Paul, ich möchte dir einen Vorschlag machen. Hörst du kurz zu?“
„Mhm.“
„Du bist ja ein sehr sportlicher Junge, richtig?“
„Mhm.“
„Und ich weiß auch, dass du eigentlich gerne draußen in der Pause bist, richtig?“
„Mhm.“
„Verstehst du, warum das so oft nicht geht?“
„Mhm.“
„Sag es mir mal.“
„Weil es Streit gibt.“
„Genau. Das klappt noch nicht so gut zwischen dir und den anderen Kindern. Trotzdem möchte ich gerne, dass du dich bewegen kannst.“
Er schaut mich irritiert an.
„Kinder müssen sich zwischendurch bewegen, damit sie danach wieder gut und konzentriert arbeiten können. Und deswegen dachte ich, wenn du noch mal Pausenverbot hast, dann könntest du doch hinten auf die Wiese gehen. Richtung Sportplatz, weißt du? Da ist ja in der Pause kein anderes Kind, also gibt es da auch keinen Ärger. Und du kannst dich ein bisschen austoben.“
Er legt den Stift auf seinen Tisch.
„Echt?“
„Ich dachte mir, das ist eine gute Idee und wollte dich fragen, was du davon hältst.“
Er spielt unsicher an der Ecke des Papiers herum. Er traut meinem Angebot wohl noch nicht.
„Ja…das wäre cool.“
„Gut, dann machen wir das so.“
Ich gehe ans Waschbecken und lasse Wasser über den Tafelschwamm laufen.
„Darf ich dann auch den Fußball mitnehmen?“
„Ja sicher.“
„Ok…“
Paul nimmt den Stift wieder in die Hand und malt weiter. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass er lächelt.
Das war wohl der Moment, indem er merkte, dass ich ihm nichts Böses will, ihn nicht bestrafen möchte. Sondern dass es darum geht, dass er hier gut zurecht kommt.
 
Wie viele Gedanken ich mir um Paul machte, konnte er wohl kaum erahnen. Ich bastelte an irgendwelchen Systemen, die ihm klar machen sollten, was geht und was nicht. Eine Ampel, auf der sein Namensschild von grün über gelb auf rot und umgekehrt wandern konnte, je nachdem, wie der Tag und die einzelnen Phasen des Vormittags liefen. Eine Auszeit-Sanduhr, mit der er sich hinten im Klassenraum in die Ruheecke setzen konnte, um runter zu kommen. Belohnungssticker, wenn das Abheften gut funktionierte ohne dass ich ihn erinnern musste. Jeden Morgen räumten wir seine Schultasche aus und sortierten sie ordentlich wieder ein. Wie innerhalb eines Tages da so ein Chaos drin entstehen konnte, ist mir bis heute ein Rätsel.
Paul forderte konsequentes Verhalten von mir, jeden Tag. Es mal locker angehen oder etwas mal ausnahmsweise durch gehen lassen…das gab es nicht. Selbst an Tagen, an denen ich es leid war, müde und ich keine Lust hatte, die Kollegin der Nachbarklasse anzurufen, damit Paul in ihrer Klasse eine Auszeit nehmen konnte…ich nahm trotzdem das Telefon in die Hand. Paul brauchte diese Grenzen. Er wusste damit nach einer Weile mich einzuschätzen. Was er bei mir darf und was nicht und was passiert, wenn er es trotzdem macht. Das gab ihm Struktur und damit Sicherheit.
Es blieb trotzdem schwierig, Paul hatte so viele Baustellen…im sozialen, emotionalen und auch im kognitiven Bereich. Lesen mochte er nicht sonderlich. Übte daheim nicht. Oft behielt ich ihn nach Schulschluss noch eine viertel Stunde da und las mit ihm die Seite mit dem S oder dem Eu.
Mit einigen Mitschülern kam er nach einer Weile klar, fand Freunde.
Wenn ich im Unterricht leise umher ging und mir die Arbeit der Kinder ansah, durfte ich Paul nicht anfassen. Selbst bei einem bejahenden Klopfen auf die Schulter zuckte er zusammen und drehte sich weg. Morgens die Hand geben war gerade noch so in Ordnung, alles andere kannte er nicht und empfand es als zu nah. Ich akzeptierte das. Für eine gut erledigte Arbeit beschlossen wir ein High Five, das fand er super.
 
Paul wohnte ca. 80 km von unserer Schule entfernt. Das ist bei Förderschulen nicht ungewöhnlich. Es gibt einfach nicht so viele davon und daher haben sie einen relativ großen Einzugsbereich.
Aber wenn man die Route des Schulbusses, der die Kinder morgens einsammelte und mittags wieder ablieferte, mit einrechnet, saß Paul täglich fast 4 Stunden da drin. Für ein Kind in seinem Alter jeden Tag eine kleine Weltreise. Oft kam er morgens entweder todmüde oder total überdreht an. Seine Mutter bewirtschaftete mit ihrem neuen Partner einen Bauernhof. Noch so richtig mit Kühen und Heu und matschigen Gummistiefeln. In Pauls Wochenenderzählungen kam hin und wieder ein geschlachtetes Schwein vor und wie sein Opa Wurst gemacht hat.
An sich ein spannendes Leben für Paul, nur hatten die Erwachsenen kaum Zeit für ihn. Seine Brüder waren ein gutes Stück älter als er und hatten keinen Bock auf den kleinen, nervigen Anhang. Pauls Mutter wirkte an seinem ersten Tag gestresst und genervt, sie verabschiedete sich bei mir damals mit: „Na dann viel Spaß mit dem.“
Ich biss die Lippen aufeinander und half Paul, seinen Ranzen aufzusetzen.
 
Es ist Donnerstag, 12.40 Uhr, ich hatte die Kinder gerade verabschiedet und räumte das Krepppapier in den Bastelschrank, als ich höre, wie draußen noch jemand über den Flur schlurft.
„Paul, hast du was vergessen?“
Er verknotet die Finger ineinander und schaut auf den Boden.
Ich gehe auf ihn zu.
„Möchtest du mit mir reden?“
Er nickt. Wir gehen in die Klasse und ich schiebe ihm einen Stuhl hin. Ich selbst nehme mir auch einen der Kinderstühle, so dass ich auf seiner Augenhöhe bin.
„Frau S.?“
„Ja?“
„Die Julia, die geht doch ins Internat hier, ne?“
„Ja.“
Wir haben direkt neben der Schule das Internatsgelände mit sehr schönen, neuen Gebäuden, einem Wasserspielplatz und Klettergerüst. Einige Kinder wohnen während der Woche dort, weil die Fahrt nach Hause jeden Tag zu weit wäre. Nur am Wochenende und in den Ferien sind sie bei ihren Eltern.
Paul schaut mich nun mit großen Augen an.
„Kann ich da auch hin?“
Ein Junge, nicht mal 8 Jahre, fragt mich, ob er ins Internat darf? Julia fühlte sich dort an sich wohl, hatte aber doch auch des Öfteren Heimweh.
 
„Möchtest du das denn?“
Er nickt bekräftigend.
„Ist bei dir zu Hause denn etwas nicht in Ordnung?“
„Die Mama schreit immer so mit uns. Und die Hausaufgaben guckt sie auch nicht an.“
Er bekommt nasse Augen. Ich hole Taschentücher aus unserer Tempo-Schublade.
Er schnäuzt zweimal.
„Da ist alles immer so laut und so.“
Ich würde ihn so gerne jetzt in den Arm nehmen.
„Und die Julia hat gesagt, im Internat wärs voll schön.“
Er sucht einen Ausweg. Eine Alternative. Eine Flucht aus seiner Situation.
„Soll ich mal mit der Mama reden, Paul?“
Er verkrampft sich auf seinem Stuhl.
„Nee, dann krieg ich nur wieder Ärger daheim.“
„Ich versprech dir, das wird nicht passieren. Ich werde der Mama nicht sagen, dass wir beide miteinander gesprochen haben.“
„Ich will lieber ins Internat.“
„Wir werden auf jeden Fall eine Lösung finden, ok?“
„Ok…danke.“
Er hatte sich noch nie für etwas bedankt.
„Es war richtig, dass du bei mir warst. Das hast du gut gemacht. Und nun lauf schnell in die Mittagsbetreuung, ich rufe bei Frau K. an, dass du unterwegs bist. Dein Bus fährt ja schon gleich.“
„Mhm, ok. Bis morgen.“
„Bis morgen Paul.“
 
Ich bleibe wie erstarrt einige Minuten sitzen, so viele Gedanken, die durch meinen Kopf schießen. Dann stehe ich auf, fahre mir mit beiden Händen durch die Haare, muss mehrmals tief ein- und wieder ausatmen. Da möchte ein Kind von zu Hause weg. Weg von der Mama. Weg von seinen Geschwistern. Und es hat sich nur getraut, es mir zu sagen. Plötzlich spielen Buchstaben, Addition und Farbkästen keine Rolle mehr. Da bin ich als Lehrer in einem komplett anderen Bereich gefordert.
 
Nach Rücksprache mit meiner Chefin rufe ich Pauls Mutter an und bitte sie zu einem Gespräch in die Schule. Nur mal zum Austausch, wie es so läuft. Den ersten Termin versäumt sie, taucht einfach nicht auf. Am Tag darauf erklärt sie am Telefon, sie hätte es einfach vergessen, auf dem Hof wäre so viel zu tun gewesen. Wir vereinbaren ein zweites Treffen, sie kommt, aber fast 30 Minuten später.
„Der Verkehr hierher ist ja fürchterlich.“
„Hallo Frau F., ja, um diese Uhrzeit sind die Autobahnen sehr voll. Schön, dass Sie es geschafft haben. Setzen Sie sich doch. Möchten Sie einen Kaffee?“
„Nee, sonst schlaf ich ja heut Abend wieder nicht.“
Die ersten 5 Minuten erzählt sie mir, wie stressig alles ist und wie viel sie zu tun hat. Dass ihr Vater ja auch nicht mehr der Jüngste sei und nicht mehr richtig mithelfen kann. Und einige Kisten vom Umzug selbst jetzt nach Monaten noch in der Ecke stehen und sie ja zu Nichts kommt.
 
Ich blinzele zwischendurch immer wieder auf meinen Stichwortzettel. Ich hatte mir ein sorgsames Vorgehen überlegt, wie ich ganz unverbindlich auf das Thema Internat zu sprechen kommen wollte. So ganz nebenbei, mal vorsichtig antesten, wie sie dazu steht. Sich über einzelne Schlagworte vorarbeiten und dann mal sehen, wie sie reagiert. Ist nun mal ein heikles Thema und bisher musste ich noch nie in Elterngesprächen etwas so Empfindliches und hochgradig Persönliches ansprechen. Noch dazu, wo ich die Mutter ja kaum kannte.
Noch in Gedanken, wie ich den Bogen kriege, reißt mich der letzte Satz von ihr komplett raus.
„Wie bitte?“
„Na, da wollt ich eh mal fragen. Ginge das noch? Ich mein, jetzt hat das Schuljahr ja schon angefangen. Aber das wär echt ne Erleichterung für mich, wenn der Paul da in das Internat könnte.“
„Oh. Ähm…ja. Also, wenn Sie das wünschen, ich kann gerne mal nachfragen. Normalerweise wird die Einteilung der Gruppen immer zu Beginn des Schuljahres gemacht, da haben Sie Recht, aber vielleicht haben die ja noch Kapazitäten frei und Paul kam ja nun mal auch erst später zu uns…“
 
Ich falte erleichtert meinen Zettel zusammen und rede mit ihr die nächsten 20 Minuten über Erziehung und Unterricht und wie sich Paul hier schon eingelebt hat. Sie berichtet mir, wie überfordert sie mit den drei Jungs wäre, die älteren könnten wenigstens noch helfen, aber Paul wäre daheim einfach nur anstrengend und sie packt das alles nicht.
Ich frage mich insgeheim, womit ich mir so viel Ehrlichkeit verdient habe. Sowohl von Paul als auch von seiner Mutter. Beide vertrauen mir offensichtlich, sich gegenseitig aber nicht.
 
Eine Woche später bringt Paul morgens eine große Tasche mit in die Schule. Übernachtungssachen für seine beiden Probetage im Internat. Er ist ganz aufgeregt. Er ist in der selben Gruppe wie Julia.
„Ich zeig Paul heut alles!“, freut sie sich.
Paul lächelt und es ist seit langem der erste Tag, an dem es keinen Ärger gibt, er in der Pause mit den Kindern draußen spielt und bereits jetzt schon ausgeglichener wirkt.
Ich finde auch, dass sich sein Ausdruck verändert hat. Er wirkt offener. Unbeschwerter. Wenn ich in dieses Kindergesicht blicke…das ist es einfach wert. Das ist den Aufwand, die Organisation einfach wert.
 
Ich hatte nach dem Elterngespräch öfter mit den Verantwortlichen im Internat gesprochen, immer wieder um Prüfung gebeten, Paul doch noch aufzunehmen, auch mitten im Schuljahr. Auf die besondere familiäre Situation hingewiesen. Und Pauls weit entfernten Wohnort. Mit Erfolg. Nachdem der Papierkram erledigt, die Finanzierung geklärt war, zog Paul richtig ein. Ich ging an einem Tag nach der Schule mal mit, damit er mir sein neues Zimmer zeigen konnte. Er lief ganz stolz die Treppen hinauf und schleifte mich auch noch ins Badezimmer, zum Sofa, zeigte auf die Playstation, die es aber nur 30 Min. gab statt Fernsehen und den Garten mit dem großen Sonnensegel und die Schaukel, die aber im Moment noch nicht benutzt werden dürfe, weil da neue Sitze dran kommen. Er zeigte mir die Fensterbilder und die lustige Tischdecke mit den Buntstiften drauf, weil das ja der Maltisch ist. Und den Lego-Teppich und die Kiste, in die man die Legosteine wieder einräumt, wenn man fertig ist mit Spielen. Er zeigte mir seinen Kleiderhaken für seine Jacke und das Fach für seine Schuhe. Ich aß mit seiner Gruppe zu Mittag und verabschiedete mich, als sich Paul mit einer Erzieherin an seinen eigenen Schreibtisch setzte, um Hausaufgaben zu machen. In einer Eins-zu-Eins-Situation.
Feste Rituale, wiederkehrende Abläufe, Zu-Bett-Geh-Zeiten, Strukturen und Regeln, die für Paul einsichtig sind und an die er sich gut halten kann. Und nicht zu vergessen: ein ganzer Haufen persönliche Zuwendung. Alles, was Paul gefehlt hatte.
Natürlich gab es weiterhin auch mal Ärger, Streit und Diskussion. Ich hielt viel Rücksprache in der ersten Zeit mit den Erzieherinnen und wir tauschten uns über Paul aus, überlegten uns weiterhin Maßnahmen und Absprachen, die in der Schule wie im Internat galten.
 
Ein fahler Beigeschmack blieb aber. Nämlich die Tatsache, dass es einem Kind und auch dessen Mutter besser geht, wenn sie nicht mehr so viel zusammen sind. Das klingt traurig, aber es entspannte ihr Verhältnis tatsächlich. Die Mutter hatte in der Woche Zeit, sich auf Ihre Arbeit zu konzentrieren und kein schlechtes Gewissen mehr, weil sie sich nicht um Paul kümmerte. Keinen Frust, weil Paul die Bude auseinander nahm, es gab weniger Stress daheim. Am Wochenende machten sie manchmal was zusammen, nur sie beide. Und abends rief die Mutter manchmal im Internat an und Paul berichtete, was er heute alles gemacht hat.
 
Und als das Schuljahr dann zu Ende ist, die Sommerferien beginnen, kommt Paul zu mir. Er hat mir eine Karte gemalt und liest laut „Ich wünsche dir schöne Sommerferien, Frau S.“ vor. Ganz flüssig, mit dem Finger die Silbenbögen nachfahrend. Wie er es im Internat geübt hat. Ich bedanke mich und zur Verabschiedung gibt es dieses Mal nicht nur ein High Five, sondern auch eine dicke, lange Umarmung dazu.
Dass menschliche Nähe nichts Schlimmes ist. Im Gegenteil.
Auch das hat Paul nämlich schon gelernt.
 
 

Schulstuff.

29 Aug
„Werd Lehrerin“, hamse gesagt.
„Hilfste Kindern“, hamse gesagt.
Dass die dich alle naselang mit Durchfall und Kotzeritis anstecken, hamse nicht gesagt!
 
Seit knapp einer Woche sind mein Bett, meine Toilette und ich mittlerweile eine eingeschworene Ménage à trois. Im Bett liegend wird Flüssigkeit eingefüllt, auf der Toilette sitzend sich derer wieder entledigt. Ich denke, ich muss das an dieser Stelle nicht weiter ausführen. Sie wissen, wie ein menschlicher Körper auf den flotten Otto, die Sprühwurst, den Dünnpfiff reagiert.
Zwischenzeitlich landete ich sogar im Krankenhaus, in dem die Ärzte mit Hilfe von der ein oder anderen Infusion aus meinem kreideweißen Gesicht wieder einen annehmbaren Haut-Teint machten.
Und auch, wenn ein Magen-Darm-Infekt wie Krieg zu sein scheint, weil es aus allen Löchern schießt, ich mir in der Klinik erst mal die Schläuche an der Kanüle aus Versehen raus riss und der Pfleger danach erst mal mich und anschließend das Badezimmer, das ich in einen blutigen Tatort verwandelt hatte, säubern musste, und ich spät abends mit unschuldigem Blick heimlich etwas am Rädchen der Infusion drehte, damit sie schneller tropft und ich dann endlich heim durfte…trotz alledem…mag ich meinen Job.
 
Die Sommerferien sind vorbei, die Stundenpläne stehen, der Klassenraum ist so aufgeräumt und geordnet, wie er es in diesem Schuljahr nie wieder sein wird. Man plant, verteilt die Lehrplanthemen, bemalt Memory-Kärtchen und schnibbelt an Steckkästen-Karten herum, feuert das Laminier-Gerät an und trägt die Termine, die auf der Konferenz bekannt gegeben wurden, brav in seinen Lehrer-Kalender ein.
Und am ersten Schultag kommen die Kleinen dann angeschossen, die Ranzen hüpfen etwas plump auf den Rücken herum, die Köpfe sind so voll von Ferienerlebnissen, dass der Mund meist gar nicht hinterher kommt. Einige Routinen haben alle noch intus, neue Dinge und Personen werden interessiert beäugt.
Die neue Schulbegleitung zum Beispiel. Sie heißt Elena. Oder wie Schüler L. wahlweise sagt:
„Elana“
„Lenala“
„Enala“
oder „Na die da.“
 Ist aber auch ein schwieriger Name. Wenn ich in einer meiner früheren Klassen alle Mädchen zusammenrufen wollte – kein Scherz – dann klang das so: „Isa! Lisa! Lena! Selina! Nina!“ – Und: „Beate.“ – Noch mal gerettet.
 
Wer sich nun wundert, warum das eben vergleichsweise wenige Namen waren, das liegt nicht am Jungenüberschuss. Nein, ich arbeite nicht an einer normalen Grundschule, sondern an einer so genannten Förderschule für geistige Entwicklung. Ja, so nennt man das heut zu Tage. Und in diesen Klassen sind meist jeweils so zwischen 6 und 9 Kindern. Außerdem steht da auch nicht ein heroischer Lehrer mit Zeigestock vor den Kleinen und regiert mit Addition und Rechtschreibfehlern herum. Wir arbeiten in einem Team: ein oder zwei Lehrer und ein Erzieher sind immer da, Schulbegleiter, Praktikant etc. kommen dann gegebenenfalls dazu. Klingt nach viel Personal und zum Teil können wir dadurch manchmal wirklich eine Eins-zu-Eins-Betreuung gewährleisten. Aber lassen Sie mal ein oder zwei Kinder in der Klasse sein, die gewickelt werden müssen, die vielleicht nur zu zweit aus dem Rollstuhl zu heben sind. Oder Schüler mit Autismus, die ständiger Aufsicht bedürfen, weil sie sonst Bilderbuchseiten mit dem Locher zerknipsen, Wachsmalkreide essen oder Sportsocken aus fremden Turnbeuteln klauen. Sie kichern vielleicht…ist aber alles schon vorgekommen. Von Kindern, die Anfälle haben, Medikamente brauchen oder austicken und um sich schlagen (oder Schlimmeres) fange ich jetzt gar nicht erst an. Ich möchte damit nur sagen: Man braucht dieses ganze Personal. Glauben Sie mir das mal. Das Klischee vom faulen Lehrer würden Sie sofort ad acta legen, wenn Sie nur mal einen Tag diesen Job machen würden.
 
Das soll keine Beschwerde sein. Wirklich nicht. Ich stehe morgens meist gerne auf und fahre die 30 Minuten ins benachbarte Niedersachsen. Ich mag es, dass mein Job nie langweilig ist, jeder Tag anders und man diesen zwar planen kann, aber nie wirklich weiß, wie er dann im Endeffekt laufen wird. Dieses Miteinander, dieses gegenseitige Aufeinander-Reagieren zwischen den Kindern und mir, das ist es, was den Reiz ausmacht. Das Wissen zu haben, wo genau ein Kind gerade steht, an welchen Schwerpunkten man mit ihm arbeitet. Die Fäden zu ziehen, bestimmte Verhaltensweisen zu bestärken oder zu verändern durch verschiedene Maßnahmen. Das kann man bei so kleinen Klassengrößen natürlich viel individueller und intensiver als wenn 30 Pimpfe um einen herum hüpfen und man erst mal 2 Wochen braucht, bis man überhaupt mal die Namen drauf hat.
Dass die pädagogische und erzieherische Aufgabe, die man hat, nicht immer direkt von Erfolg gekrönt ist, nun, damit muss ich leben.
„So eine Scheiße!“
„Na, na, na! Wie heißt das richtig?“
„FUCK!“
Tja, da kannst du dann nur noch den Mund verziehen und denken: „Irgendwie hat er ja auch recht.“
Man lernt einfach, Geschehnisse positiv zu deuten.
Wenn dich ein Schüler zum Beispiel zur Toilette ruft und mit einem goldigen Blick, der unter seinem braunen Fransenhaarschnitt hervor lugt, sagt: „Ich wollt dir was erzählen.“
„Ach ja? Und was?“
„Ich hab die ganze Klopapierrolle in die Toilette gesteckt.“
Ehrlichkeit. Das ist pure Ehrlichkeit, verstehen Sie? Stolz auf aus eigener Kraft vollbrachte Werke! Jetzt seien Sie nicht so, es kommt immer drauf an, von welcher Seite aus man Dinge betrachtet und wie man sie anpackt. In dem Fall brauchte ich Gummihandschuhe.
 
Was Sie vielleicht auch nicht so kennen: Wir haben auch Lerninhalte zu Bereichen wie „Selbstversorgung“ und „Selbstständigkeit“ oder „soziales Training“. Wie das im Einzelnen aussieht? Nun, das hängt vom Kind ab. Manche üben, ihre Trinkflasche selbstständig auf- und wieder zuzudrehen. Mit anderen trainiert man mit Hilfe von Bildern den korrekten Ablauf beim Händewaschen. Wieder andere schaffen es, bestimmte Zimmer im Schulhaus zu finden und von alleine ohne Umwege, ähnlich wie bei Rotkäppchen, zur Großmutter bzw. wieder zum Klassenraum zu finden. Oder wenn ein Schüler mit dem Stuhl kippelt, damit immer wieder gegen die Wand stößt und man daraufhin die Regeln mit ihm wiederholt:
„Was gilt bei ‚Kippeln auf dem Stuhl‘?“
„Bumsen ist verboten!“
„Ähm…ja.“
Oder wir gehen einmal die Woche zusammen einkaufen. Überlegen, was wir brauchen, stellen einen Einkaufsplan zusammen, üben, wie man über die Straße geht und dass man im Supermarkt nicht schreiend durch die Gänge rennt. Klingt doch alles total einfach? Mitnichten. Ein Schüler sollte mal im Aldi alleine – also ohne Erwachsenen – eine Gurke holen. Er kam nach 5 Min. mit einer halben Gurke und kauend wieder. Glücklicherweise ging es nicht nach Gewicht.
Ja, Erziehung ist zuweilen knifflig. Da hat ja jeder seine eigenen Methoden. Aber ich sage Ihnen eins, so mal unter uns: Wenn meine Kinder irgendwann raus finden, dass gar nichts Schlimmes passiert, wenn ich drohend bis 3 gezählt habe, bin ich am Arsch.
 
Bei der Gurkengeschichte mögen Sie vielleicht fragen: Haben das die Eltern nie mit dem Kind geübt? Uhhhh…Obacht! Ganz böses Thema und daher auch nur ein kurzer Exkurs:
„Ist Erziehung nicht Elternsache?“, „Was sollen Lehrer noch alles leisten?“ Da kann man schnell ein schon überlaufendes Fass ins Rollen bringen. Unzählige Artikel zu diesem Thema gibt es und die Fronten sind mal mehr, mal weniger verhärtet. „Wir Eltern kennen unser Kind ja wohl am besten“ vs. „Lehrer haben einen objektiveren Blick auf den Schüler“…blablablubb. Man wird in 20 Jahren noch darüber diskutieren. Meine Meinung? Nun. Eltern fühlen sich gerne mal angegriffen, wenn Lehrer es so demonstrativ besser wissen. Umgekehrt packen Eltern Lehrer schnell am pädagogischen Kragen, indem sie ihm unterstellen, er verstehe nichts von seinem Job, wenn er das Kind nicht „im Griff“ hat. Ich kann beide Seiten verstehen.
Aber wissen sie was? Es geht nicht um die Eltern. Und auch nicht um den Lehrer. Es geht um das Kind. Und alle, die am Kind arbeiten (Ja, das sagt man wirklich so), sollten eine Linie fahren, miteinander kooperieren, sonst geht’s einfach schief. Und wer leidet drunter? Ja eben.
Da gibt es im Studium sogar eigene Seminare zu: Elternarbeit, Elternkommunikation. Ist wirklich so. Und ja, es macht tatsächlich einen Unterschied, ob ich sage: „Sie helfen Ihrem Kind nicht genug.“ oder „Um Ihrem Kind schulischen Erfolg zu ermöglichen, sollten wir uns überlegen, wie Sie es von zu Hause aus noch unterstützen können.“ – Und schon klappt das mit der Zusammenarbeit. Nun ja, meistens.
Mein Vater – auch mal Lehrer gewesen – hatte sich mal eine Mutter in die Schule bestellt, weil ihr Kind der Aufsicht während der Pause ins Gesicht gespuckt hat. Gut, das muss man verstehen. Immerhin hatte sie ihm verboten, mit Steinen zu werfen.
Und dann sitzt diese Mutter da, tippelt mit ihren rosa Acrynägeln ungeduldig auf dem Tisch herum und meint ganz trocken: „Ja, haben Sie ihm denn das vorher gesagt, dass er das mit dem Spucken nicht soll?“
„Sie haben es in den 9 Lebensjahren Ihres Kindes nicht geschafft, ihm gegenüber mal zu erwähnen, dass Spucken in das Gesicht anderer evtl. nicht den Regeln eines zivilisierten Miteinanders entspricht?“
„Kommen Sie mir nicht so, sonst schicke ich Ihnen mal meinen Mann her!“
„Darf ich Ihnen die Tür zeigen?“
In solchen Fällen ist Kooperation in etwa so einfach wie das Bernsteinzimmer zu finden oder einen ehrlichen Politiker. Aber auch das lernt man als Lehrer: Akzeptiere die Grenzen, die dir vielleicht gesetzt werden. So schwer das auch manchmal ist.
 
Bleiben wir lieber bei den lustigen, zum Teil seltsamen Geschichten, die Schüler täglich zustande bringen und einen schmunzeln oder verzweifeln lassen.
Wobei…wissen Sie was? Ich glaube, wir Lehrer wirken auf die Außenwelt wohl meist noch skurriler.
Ich bin mal direkt nach dem Unterricht in die Konferenz und von dort aus direkt auf’n Kiez, wollte mich mit zwei Freundinnen in einer Kneipe treffen. Die beiden saßen schon am Tresen und bekamen dann eine Nachricht von mir aufs Handy, die da lautete: „Der Türsteher will mich nicht rein lassen, weil ich eine Heißklebepistole in der Tasche habe.“
Ja, sie guckten auch so amüsiert wie Sie gerade. Und die beiden sollten noch froh sein, dass der nette Portier nicht auch noch den Schneebesen von Hauswirtschaft an dem Morgen entdeckt hat.
Dann bin ich auch wohl die Einzige in meinem Umfeld, die leere Klorollen sammelt. Hallo? Damit kann man super basteln! Und Eierkartons sind wunderbar in Mathematik zum Verdeutlichen des Zehnerübergangs geeignet.
Und wenn mich jemand in den paar Wochen vor den Sommerferien anruft, in denen der Tag nur noch aus Zeugnisse schreiben besteht, beschreibe ich meine Zeiteinteilung gerne mal so: „Ich komme voran. Bis die Waschmaschine durch ist, krieg ich „Arbeitsverhalten“ & „Kommunikation“ fertig.“
Man bezieht ja auch seine Leute mit ein, vor allem die Familie steckt man damit an. Meine Mutter hob mir z.B. kleine würfelartige Kartons auf, in denen mal Christbaumkugeln waren. Einfach so. Von sich aus. Sie dachte sich, kann ich bestimmt für was gebrauchen und es war so: Aus denen haben wir ein Hör-Memory gebastelt.
Und überhaupt werde ich in jedem Kreativ-Laden als Lehrerin entlarvt, sobald ich nach Klettpunkten oder Magnetband frage, weil offensichtlich Lehrer die einzigen Menschen auf der Welt sind, die Klettpunkte oder Magnetband kaufen. Das Zeug ist aber auch sagenhaft praktisch, Sie haben ja keine Ahnung! Das Material Klett nur auf Schuhe zu beschränken, beraubt die Menschheit so vieler Möglichkeiten…aber…ich schweife ab.
 
Jedenfalls…sitze ich seit knapp einer Woche hier zu Hause rum, ernähre mich von Zwieback und Salzstangen und denke dabei an J., bei dem ich mich wohl angesteckt habe und an M., der, wenn man ihn fragt, was es heute zum Mittagessen in der Schule wohl gibt, antwortet: „Soße.“ Jeden Tag sagt er das. Und seine Trefferquote ist gar nicht mal so schlecht.
Oder an L., einen Schüler mit Autismus, der Personen neuerdings mit Farben verknüpft.
Die Erzieherin ist grün. Und die Praktikantin rot.
Wissen Sie, welche Farbe ich hab? Ich weiß es, ich hab ihn nämlich gefragt.
„Frau S. ist gold.“
 
Da haben Sie’s. Noch ein Grund mehr, warum ich meinen Job mag.
 

Weil der Himmel keine Decke hat.

7 Nov
Immer wieder, schneller werdend, aber ohne jede Hektik donnert er ihn dagegen. Ob das Geräusch oder die Handlung an sich für ihn ausschlaggebend ist, kann man schwer sagen.
„Boing macht das. Das macht Boing.“
„Irgendwann hat er die Decke kaputt.“, meint meine Kollegin ohne von ihren Unterlagen aufzublicken.
„Boing macht das.“
Ich beobachte ihn. Seine Augen streifen meist wirr durch den Raum. Trotzdem fängt er den Ball immer wieder sicher auf, dreht dann den Kopf nach oben und feuert ihn erneut gegen die Decke.
„Macht er das zu Hause auch?“, frage ich.
„Ständig.“
„Das macht Boing.“
 
Zwei Kinder flitzen vorbei und versuchen etwas ungestüm, sich im Laufen ihre Jacken überzustreifen.
„Wir gehen raus in die Pause!“
„Ist in Ordnung“, nicke ich.
 
Da ruht der Ball plötzlich in seinen Händen. Er steht mit dem Rücken zu uns. Und scheint zu überlegen.
„Auch raus gehen.“, flüstert er und läuft Richtung Garderobe. Er nimmt dabei allerdings nie den direkten Weg. Er schleicht immer an der Wand und an den Möbeln entlang. Als würde er, begebe er sich in die Mitte des Raumes, jeglichen Halt verlieren. Er schiebt sich am Regal vorbei als würde direkt daneben ein tiefer Abgrund beginnen.
 
Lange haben wir das Jacke und Schuhe anziehen mit ihm geübt. Jeden Morgen bekommt er einen kleinen Plan in die Hand mit entsprechenden Bildkarten.
„Nicht krank werden.“
„Genau. Draußen ist es kalt und ohne Jacke wirst du krank.“
„Da friert man.“
„Richtig. Möchtest du deinen Ball mitnehmen?“
Seine Antwort klingt wohl überlegt und aus vollem Herzen.
„Ja.“
 
Nachdem er sich draußen an einer Baumreihe und am Zaun des Fußballfeldes vorbei geschoben hat, schüttelt er seine blonden Haare aus dem Gesicht. Er hält den Ball vor sich, als würde er ihm die Welt zeigen wollen.
„Wirf doch mal hoch!“, versuche ich ihn zu animieren.
Zweimal reichen ihm, um zu merken, dass etwas fehlt. Es ist nicht das Gleiche wie eben drinnen. Da fehlt etwas. Etwas Wichtiges.
„Kein Boing.“
Ich muss lächeln.
„Nein, kein Boing.“
 
„Kein Boing.“, wiederholt er noch einmal und liefert die einfachste, logischste und gleichzeitig herzerwärmendste Erklärung, die ich mir vorstellen kann.
„Weil der Himmel keine Decke hat.“
 
 

Frau Weißental…

1 Sep
Eine Schulgeschichte. (Mit echten Zitaten von Kindern einer ersten Klasse. Namen wurden natürlich geändert. Inkl. meinem.)
 
 
Ich habe dir heute etwas mitgebracht.“
„Bunte Blätter von draußen. Weil Frühling ist, gell?“
„So ein Quatsch, es ist doch nicht Frühling. Im Frühling wachsen doch Kokosnüsse aus der Erde.“
Du meinst Krokusse. Das ist richtig. Aber Marie, bitte melde dich, wenn du etwas sagen möchtest.“
 
„Frau Weißental, der Timo hat mich vorhin angerülpst.“
Oh, und dann?“
„Leberwurst.“
„Gar nicht wahr, das war Schweinekopfsülze!“
Kinder, bitte.“
„Dafür hat der Moritz vorhin im Morgenkreis volle Lotte gepupst.“
Und wenn man als Lehrer dabei ernst bleiben muss, hasse ich meinen Job.“
„Was?“
Ach nix.“
„Frau Weißental, ich bin in den Max verliebt.“
„Ach so? Und warum, Anna?“
„Der pupst auch immer so lustig.“
Aha. Nun ja. Wer kennt denn die Jahreszeit, die wir gerade haben?“
„Frau Weißental, die Jahreszeit heißt Februar.“
„Oh, da kenn ich ein Lied: Januar, Februar, Herz, April…“
„MÄRZ heißt das!“
„Ich habe nach der Jahreszeit gefragt. Ja, Sarah!“
„Nee, ich wollte nur fragen, ob ich aufs Klo kann.“
„Ob du das kannst, weiß ich nicht.“
„Hä? Ach so, orrr, ob ich aufs Klo DARF!“
Na, geh schon.“
„Frau Weißental, ich war schon vor dem Unterricht aufm Klo und habe groß gemacht.“
Glückwunsch.“
„Hä?“
„Frau Weißental, es ist Herbst!“
Danke Johanna, das ist richtig. Und welche Jahreszeit kommt nach dem Herbst?“
„Weihnachten!“
„Frau Weißental, bei uns kam mal der Nikolaus und der hatte genau die gleiche Uhr an wie der Papa.“
„Frau Weißental, mir ist es zu laut. Ich hab schon ganz arge Kopfschmerzen. Ich krieg voll die Krise!“
Du bist sieben Jahre alt.“
„Meine Mama sagt das immer zu uns.“
Verstehe!“
 
„Frau Weißental, in Afrika ist aber jetzt nicht Winter.“
Das stimmt, Manuel. Kannst du mir Afrika hier auf dem Globus zeigen?“
„Da in der Mitte, dieser Strich, das ist der Rollator.“
Na ja, so ähnlich.“
„Und da ist die Wüste.“
„Frau Weißental, in der Wüste gibt es doch Fabamagonas oder so, oder?“
Fata Morganas heißen die, Luca.“
„Wie Fanta? Es gibt Fanta???“
Nicht Fanta! Fata…“
„Frau Weißental, ich hab voll Durst.“
Dann trink schnell was.“
„Ich beiß auch schnell mal in mein Brot.“
„Nein, die Frühstückszeit ist erst später!“
„Frau Weißental, ich nehm meine Laugenstange nachher mit raus. Pausenbrot to go.“
„IHHH! Die Luisa hat gerülpst!“
„SCHULZ!“
„LUISA!“
„Das sagt mein Papa doch auch immer!“
„Frau Weißental, hast du heute zum Frühstück eine Banane dabei?“
Öhm, nein. Wieso?“
„Mist. Weil dann hätten wir telefonieren können.“
 
„Frau Weißental, warum hast du denn so große Augen?“
„Kennst du das Märchen ‚Rotkäppchen‘?“
„Ja, aber wieso…AHHHH!“
 
„Frau Weißental, die Sarah ist vom Klo wieder da.“
Das sehe ich, Fabian. Da musst du nicht extra rein rufen. Was ist denn los, Sarah?“
„Mein Scheißvermuss klemmt.“
Dein was?“
„Mein Schreivermuss.“
Du meinst Reißverschluss.“
„Ja, sag ich doch.“
„Na komm schon her.“
 
„Frau Weißental, im Februar ist doch auch Fasching, oder?“
Ja.“
„Da geh ich entweder als Tiger, Vampir oder als Heißluftballon.“
Alles klar.“
 
„Frau Weißental, wenn ich mir hier auf den blauen Fleck drücke, tut das voll weh!“
Dann drück halt nicht drauf!“
„Öh, stimmt, ist viel besser schon.“
 
„Frau Weißental, ich hab die Hausaufgaben noch gar nicht abgegeben.“
„Ach Raphael, das sollt ihr doch immer vor dem Unterricht machen.“
„Aber ich hab mir dafür echt den Popo aufgerissen!“
Kind, das heißt ‚Arsch‘.“
„Wie bitte?“
„Nichts, leg sie mir aufs Pult.“
„Frau Weißental, wann ist denn Pause?“
„Wenn wir hier mit dem Thema fertig sind.“
„Haha, das kannst du vielleicht einem Kind erzählen!“
Ähm…“
 
„Frau Weißental, ich bin jetzt doch nicht mehr in den Max verliebt. Weil der Kai macht immer so eine Geste, die bedeutet Sex!“
Kai, stimmt das?“
„Hä? Wie sechs? Ich bin schon sieben!“
„Haha, der Kai ist blöd.“
„Isa, sei nicht so gemein!“
„Ich bin nicht geMEIN, ich sage nur meine MEINung!“
Verflucht! Wie alt bist du noch mal?“
„Morgen älter als heute.“
Pass mal auf, Fräulein. Noch so ein Spruch und ich schmeiß dich raus!“
„Das bringt nicht viel, Frau Weißental. Die Isa setzt sich dann immer beleidigt in den Garderobenschrank und erschreckt die Kinder.“
 
„Frau Weißental, du hast doch da hinten so einen Lehrerschrank, an den wir Kinder nicht dran dürfen.“
Ja und?“
„Ist da dein Bett drin?“
Nein, ich wohne doch nicht hier im Klassenzimmer, Martin.“
 
„Frau Weißental, heute Abend kommt Fußball.“*
(*Es war gerade Frauenfußball-WM.)
Und weißt du denn wer spielt, Frederick?“
„Ja klar. Deutschland gegen…Frauen. Glaub ich!“
„Frau Weißental, du musst dir noch einen Fernseher aus dem Lehrerzimmer holen, sonst kannst du das Spiel ja gar nicht gucken.“
ICH WOHNE NICHT HIER IM KLASSENZIMMER, MARTIN!“
 
„Rabimmel! Rabammel! Rabumm!“
„Ähm…wie bitte, Nico?“
„Ich geh mit meiner Laterne.“
Ach, du meinst St. Martin. Das dauert noch ein paar Wochen. So, du nimmst jetzt dein Heft raus und schreibst die vier Jahreszeiten von der Tafel ab.“
„Ich kann nicht alle abschreiben, die Seite ist gleich voll.“
„Dann blättere um?!?“
„Oh ach so. Du bist so schlau, Frau Weißental!“
 
„Ey, Lea, guck mal schnell, ich hab n neues Buch.“
„Ausm Bubendubel?“
„Hä?“
„Ausm Hupendudel?“
„Häää?“
„HUGENDUBEL heißt der Laden! Und ihr sollt nicht quatschen, sondern abschreiben! Gleich ist Pause!“
 
„Frau Weißental, die Glocken läuten.“
„Warum glocken denn die Leute?“
„Paul, Ruhe jetzt. Ihr schreibt noch ab.“
„FERTIG! ERSTER!“
„ZWEITER!“
„Ich sagte, es ist RUHE HIER!“
 
„Frau Weißental, gestern hat der Flo in der Pause mit mir gestreitet.“
Gestritten.“
„Ja. Und mich angelügt.“
Angelogen.“
„Ja, aber ist jetzt nicht mehr schlimm. Wir haben uns wieder ausgesprecht.“
Oh Mann.“
 
„Frau Weißental, was machen wir nach der Pause?“
„Da teilt ihr euch auf für Religion. Bist du katholisch oder evangelisch?“
„Evangolisch.“
„Natürlich.“
„Letzte Woche haben wir über Freud und Leid gesprochen.“
„Ich kenn nur Cola Light.“
 
So, wer fertig ist, darf in die Pause gehen.“
„Frau Weißental, ich war gestern Rad fahren.“
„Das ist schön, Nicole.“
„Ja. Und übergestern auch.“
 
„Frau Weißental, weißt du, was ich am Wochenende gemacht hab?“
„Nein, was denn, Nora?
„Ich war nackich! GANZ NACKICH!“
PAUSE, KINDER! Ach, und noch einen Tipp von mir: Werdet ja niemals erwachsen!“