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Wie Vater seine Katze bekam.

26 Feb

Eines Morgens bei Kaffee und Zeitung kommt ihm die Idee. Das Marmeladenbrot mit Quark lässt er auf dem Holzschneidebrett, das vom häufigen Benutzen in der Mitte schon eine Einkerbung hat, einfach liegen. Er steht auf, stellt seine karierten Hausschuhe im Flur vor den Schrank, zieht seine linke Tennissocke etwas zurecht, steigt dann in die Turnschuhe, streift die dunkelgrüne Jacke mit den Goldknöpfen über, die mal seinem Vater gehört hat und verlässt das Haus. Er schließt die Haustür nie ab. Er hat außen eine Klinke, jeder kann einfach hereinkommen. Viele verstehen das nicht oder halten es schlicht für nicht möglich. Sie bleiben wie angewurzelt draußen stehen und klingeln immer wieder, selbst, wenn er von innen „Komm rein, wenn du Kuchen dabei hast!“ ruft.

Die Luft ist schon recht warm, die Sonne ist eben über den Hügel mit den kleinen Schrebergärten hinter der Bahnlinie gekrochen. Man hört den kleinen Bach plätschern, der direkt hinter seinem Haus vorbeifließt.

Ein paar Meter weiter die Straße hoch betritt er die Tierarztpraxis Stein, die sich schon seit Jahren in dem hellblauen Haus mit den weißen Sandsteinrahmen um die Fenster befindet. Die Ärztin kennt ihn gut, obwohl er kein Kunde bei ihr ist. Sie sind schon ewig perdu, das ist ja direkte Nachbarschaft.

Es sind noch keine Frauchen und Herrchen mit Körbchen, Käfigen oder Leinen da, die Tür zum Behandlungsraum steht offen.

„Moin Hermann. Was machstn du hier?“

„Du“, sagt er, „ich hab mir überlegt, so ne Katze, das wär was für mich. Wir hatten 16 Jahre einen Hund, aber davor hatten wir lange eine Katze. Die wurde damals vom Schäferhund des Nachbarn geholt.“

„Du willst eine Katze?“, fragt sie, räumt ein paar Tupfer in eine Schale und desinfiziert sich danach die Hände.

„Du kennst doch hier aufm Dorf jeden. Wenn du mal von wem hörst, der einen Wurf Junge hat, denkste mal an mich, ja?“

„Aber was für ne Katze magste denn?“
„Na ja“, überlegt er, „auf jeden Fall noch ne ganz Kleine. Und vielleicht eine mit nem hübschen Fell. So weiß und dann bunte Flecken wär schön. Und natürlich gesund. Gesund muss sie sein.“

„Aha. Ja ok. Ich schau dann mal und meld mich dann. Kann aber dauern.“
„Eilt nicht“, pfeift er und trottet zufrieden durchs Wartezimmer wieder nach draußen.

Zuhause spült er das Geschirr, schmeißt eine Ladung Weißwäsche in die Maschine und holt neues Feuerholz aus dem Schuppen, als das Telefon klingelt.

„Ich habe eine Katze für dich!“, flötet sie fröhlich.

„Wie?“

Er ist doch etwas sehr erstaunt. Es ist kaum eine Stunde vergangen.

„Ja, ein Fundtier. Komm doch mal rüber.“
„Was für ne Katze ist es denn genau?“
„Ähm, komm doch mal rüber jetzt.“
„Karola, ist es ein Jungtier?“

„Joa…also…komm doch einfach mal.“

Er traut der Sache nicht.

„Wie sieht sie denn aus? Hübsches Fell?“
„Sicher, sicher. Also bis gleich.“

Dann legt sie auf.

Das ist ja komisch, denkt er. Dann stellt er seine karierten Hausschuhe im Flur vor den Schrank, zieht seine rechte Tennissocke etwas zurecht, steigt dann in die Turnschuhe, streift die dunkelgrüne Jacke mit den Goldknöpfen über, die mal seinem Vater gehört hat und verlässt das Haus.

Zwei Minuten später steht er wieder in der Praxis. Vor ihm hockt eine Katze.

„Sie wurde im Waldstück neben dem Krankenhaus gefunden.“

„Aha.“

Die ist doch quasi ausgewachsen.

„Sie hat gerade erst geworfen. Die Jungen sind aber alle schon weg.“

„Aha.“

Grau-braun. Dunkelgrau und braun! Wenn man ganz genau hinguckt, erkennt man zwischendrin Ansätze eines getigerten Fells.

„Ein Bekannter hat sie aufgegriffen. Dem ist schon länger aufgefallen, dass sie da rumstreunert.“

„Aha.“

Irgendwie sieht die ja ziemlich abgemagert aus.

„Aber ich wollte doch…“

„Ich weiß doch nicht, wohin mit ihr jetzt. Die kommt sonst ins Tierheim.“

„Aha.“

Er schaut mit zusammengekniffenen Augen prüfend das Wesen vor sich an. Das wiederum interessiert sich nicht im Geringsten für diesen Typen mit Vollbart und gestreiftem Flanellhemd und blickt statt dessen etwas arrogant an die Decke. Klassisch Katze eben.

„Ist sie wenigstens gesund?“
„Ja klar. Topfit.“

Er seufzt erleichtert.

Die Ärztin dreht sich kurz zu ihrem Schreibtisch und hält dann eine kleine Dose in der Hand.

„Also…wenn du ihr die nächsten drei Monate zweimal am Tag diese Tabletten unters Futter mischst.“

„NA HÖR MAL!“, regt er sich auf.

„Ich wollte eine junge Katze. Mit hübschem Fell. Und gesund. Und dann komm ich extra noch mal rüber und was willst du mir da andrehen? Eine Katze, die älter ist und schon ein Muttertier. Und dann auch noch grau-braun, also bitte. Und dann soll ich der noch ewig Medikamente geben? Haste mir nicht zugehört vorhin? Das ist doch genau das Gegenteil von dem, was ich wollte.“

Und damit war völlig klar, was nun passieren würde. Das Schicksal dieses Tieres war besiegelt. Ein für alle mal.

„Find ich klasse. Die nehm ich.“

Das war vor gut 10 Jahren. Er nannte sie Moppes, weil sie so mager war. So als Motivation. Mittlerweile ist sie so dick, dass sie nur noch über den Zaun des Nachbarn kommt, indem sie sich oben festkrallt und dann eine Fettrolle nach der anderen durch Hin- und Herwippen über den Maschendraht bugsiert. So lange, bis sie vorn überkippt. Sie gucken zusammen Tagesschau und Krimi, sie versucht immer, beim Fußball den Ball zu fangen, wenn er seitlich aus dem Bild rollt. Sie schleppte ihm mal eine blutige Taube ins Haus und zerlegte sie unterm Schrank und er durfte alles aufwischen und sie danach auch noch dafür loben. Und sie drängelt sich morgens zwischen ihn und die Zeitung und schleckt den Quark vom Marmeladenbrot, wenn er einfach aufsteht, weil er wieder eine Idee hat.

Vorbildfunktion.

21 Mai
Ich bin auf dem Weg zu einem Treffen, auf das ich eigentlich nicht viel Lust habe. Es ist persönlicher Natur. Doofer persönlicher Natur.
Treffpunkt Landungsbrücken, von meiner Wohnung aus etwa 10 Minuten zu Fuß. Wenn man trödelt.
 
Etwas vermuffelt ob der Dinge, die mich erwarten würden, trabe ich über die letzte Fußgängerampel und bin fast schon da, als ich von links ein eher barsch angehauchtes: „Danke für’s Vorbild!“ vernehme.
Eine Sekunde lang bin ich irritiert, ob dieses beleidigende Etwas mir gilt, drehe den Kopf und blicke auf einen vorwurfsvoll kopfschüttelnden Mann mit seiner kleinen Tochter an der Hand, die an eben dieser Ampel, die ich überquerte, stehen und warten.
Nun ist es ja so und diese Tatsache fiel mir in Hamburg erst nach einer Weile auf: Manchmal sind Fußgängerampeln in eine Richtung noch Grün, in die andere aber bereits Rot. Ich begründe das für mich selbst mit der unterschiedlichen Anzahl von zu überquerenden Fahrbahnspuren nach dieser kleinen Mittelinsel, bin mir aber bis heute nicht sicher, ob das so stimmt. Auf jeden Fall stoppt man so die Menschen lieber gleich komplett auf der einen Seite, als dass sie dann eine ganze Ampelphase in der Mitte auf beiden Seiten von Autos und LKW umbraust werden.
 
Auf jeden Fall bin ich mir zu 100% sicher, bei Grün über die Straße gegangen zu sein.
Und nun steht da dieser Typ, Mister Super-Dad, der seine Tochter zu verkehrsbewusstem Verhalten erziehen will. Und alle fiesen Gestalten, die diesen Plan nur ansatzweise verhindern, werden verbal von ihm vernichtet. Und in seinen Augen bin ich jetzt das Negativ-Beispiel. Eine, die zeigt, wie man es nicht macht. Ich zögere noch mal einen Moment, um zu überlegen, ob ich mit dem Ignorieren dieser falschen Bemerkung leben könne, mache dann nach drei Schritten auf dem Absatz kehrt, gehe auf ihn zu und zeige mit einem: „Verzeihung, sehen Sie da oben die Ampel?“ auf das grüne Männchen, das freudig für die Menschen leuchtet, die aus der selben Richtung kommen wie ich eben.
Er schaut etwas verwirrt nach oben, dann wieder zu mir.
„Wie Sie vielleicht sehen“, erläutere ich in einem betont höflichen Ton, „bin ich durchaus bei Grün über die Ampel gegangen. Oh, und was Sie nicht wissen konnten: Ich bin Lehrerin und weiß dadurch sehr wohl, wie man sich an Ampeln gegenüber Kindern verhält. Aber vielleicht sollten Sie sich mal überlegen, welches Vorbild Sie für Ihre Tochter abgeben, wenn Sie einfach ungerechtfertigter Weise fremde Leute auf der Straße anpöbeln. Schönen Tag noch.“
 
Ich hinterlasse einen völlig perplexen Super(beschämten)-Dad, der sich bemüht, seinen tief hängenden Unterkiefer wieder zu kontrollieren und gleichzeitig den Kragen seines Mantels peinlich berührt nach oben klappt und im Weggehen höre ich nur noch eine süße, hohe Mädchenstimme, die neugierig zirpt: „Papa, wer war die Frau?“
 
 

Lars.

18 Jan
„Heute fast nur Lehrer hier, sorry.“
„Ach du Scheiße!“
Lars muss lachen, als er mich zu einer Gruppe Leute schiebt und mich vorstellt.
Ich kenne kaum jemanden hier, ist auch das erste Mal, dass ich ihn privat treffe. War auch alles recht spontan, ich hab ihm gestern nur schnell zum Geburtstag gratuliert und dann lud er mich gleich für heute ein.
Gartenparty hinterm Haus.
Mit Grillen und Bier trinken und so.
Das Wetter ist gut, nicht herausragend, aber trocken. In Hamburg ja auch nicht selbstverständlich. Trotzdem hat er mit Freunden noch ein paar Pavillons aufgebaut mit Bierbänken und Tischen. Überall stehen Schüsseln mit Brot und Salat. Ich stelle meine dazu, als er mich gespielt empört anguckt.
„Ich hab dir doch extra geschrieben, dass du nichts mitbringen brauchst.“
„Tja…was soll ich sagen? Der Nudelsalat stand einfach so in der Küche rum und ich dachte, ich brauch den eh nicht…“
Er hat Grübchen beim Lächeln. Wie ich.
„Danke, voll lieb von dir.“
„Gerne.“
 
Er drückt mir ein Astra in die Hand und wir stoßen an.
„Bin gleich wieder da, muss kurz Gastgeber spielen.“, entschuldigt er sich und begrüßt die Leute, die eben aus der Kellertür nach draußen in den Garten treten. Er wohnt im Hochparterre, ich sehe die offene Wohnungstür. Drinnen spielt Musik.
Komisch, plötzlich so in dem Leben eines anderen zu stehen. So richtig viel zu tun miteinander hatten wir bisher nicht. Wir sehen uns auch nur einmal die Woche in der Klasse. Sonst vielleicht mal noch aufm Flur oder beim Kopieren.
Jetzt steht er da, fährt sich durch seine blonden, strubbeligen Haare und lässt sich brav gratulieren. Er trägt einen Kapuzenpulli, anders kenne ich ihn auch fast nicht. Dass er unter anderem Sport als Unterrichtsfach hat, passt zu ihm wie Arsch auf Eimer.
Die Truppe von eben spricht mich an, woher wir uns kennen und was ich so mache.
Lehrer-Gespräche. Nie langweilig, nur für Außenstehende. Was ich absolut nachvollziehen kann. Aber die sind ja heute wohl eh Mangelware.
Mit einem Mädel versteh ich mich auf Anhieb gut. Marie – erzählt wie ein Wasserfall, dass sie ja eigentlich nur auf der Durchreise sind, sie und ihr Freund, und hoch ‚gen Norden wollen, aber heute Abend noch weiter zu fahren mache ja auch kaum Sinn, weil das ja bestimmt länger gehen würde heute und also schlafen sie dann nachher einfach in ihrem VW-Bus und dann können sie morgen ganz früh…
„Ihr habt einen VW-Bus?“, unterbreche ich sie begeistert.
„Ja, also mein Freund und ich haben uns den gekauft.“
„Kann ich den mal sehen? Ich mag VW-Busse voll.“
„Klar, dann los. Haben direkt vorm Haus geparkt.“
Auf dem Weg nach draußen begegnen wir Lars, der gerade Bierkästen im Durchgang stapelt.
„Kommste mit Bus angucken?“, fragt Marie.
 
„Boa, mit so nem Ding losfahren und abends am Strand parken, mit nem Bier aufm Dach hocken und aufs Meer gucken…“, schwärme ich draußen leise vor mich hin und fahre mit den Fingern über die Motorhaube, während Marie die Schlüssel in ihrer bunten Umhängetasche sucht.
Lars schaut mich überrascht an.
„Was?“, frage ich, leicht verunsichert wegen seines Blicks.
„Ich glaube, wir sollten mal zusammen Urlaub machen.“
„Weil gleiche Vorstellungen davon?“
„Eeexakt.“
Ich lächle.
 
Wir quetschen uns zu dritt auf die Rückbank, erst Marie, dann ich, dann Lars. Maries Freund kämpft vorne mit dem Radio.
„Oh. Ich sitz auf deinem Rock.“, entschuldigt sich Lars.
„Macht nichts, er beschwert sich ja nicht.“, grinse ich zurück.
Er lehnt sich von innen an die Scheibe, während uns Maries Freund von dem Kauf dieses Traumwagens berichtet.
„Und das kann man hier dann alles zu nem riesigen Bett ausklappen, haben wir selbst rein gebaut“, erzählt Marie stolz.
„Geiles Teil“, flüstert Lars.
Du auch, denke ich und beiße mir auf die Lippen. Das dachte ich übrigens auch, als ich ihm an meinem ersten Tag in der neuen Schule begegnete. Männliche Lehrer sind ja im Bereich Förderschule so oder so eine Rarität. Und wenn man welchen begegnet, sind die dann meist Anfang 40, verheiratet, haben zwei Kinder, ne hübsche Ehefrau und nen Golden Retriever. Oder sie haben eine seltsame Brille mit runden Gläsern auf der Nase, lange, ungepflegte Haare, studierten Sonderpädagogik nur, weil sie das während ihrer Zivi-Zeit voll knorke fanden und tragen bestimmt Unterwäsche mit nem hohen Hanfanteil.
Lars dagegen…hat einen tollen Klamottengeschmack, ist ein paar Monate älter als ich, besitzt eine infantile, ansteckende Einstellung, die mir sehr gefällt. Dazu Typ Surfer, alles locker und lässig und ein verstörend gutes Aussehen.
Ich hatte mich gleich im zweiten Satz verhaspelt und blamiert, als er fragte, seit wann ich hier wäre und ich „Öh, seit so 10 Minuten“ stotterte und er lachte: „Ich meinte, seit wann du in Hamburg bist.“
Und seitdem wusste ich, ich mag den irgendwie. Allerdings dachte ich bis heute, einer wie er hat sicherlich eine Freundin. Er ist auch nicht frisch hier hoch gezogen oder so, er wohnt quasi schon immer hier. Aber wäre eine feste Freundin an seinem Geburtstag nicht auch da? Nun…
 
Im Verlaufe des Abends fallen dann doch noch ein paar Tropfen, so dass es auf den Bänken recht kuschlig wird. Lars sitzt am Nebentisch, Rücken an Rücken. Plötzlich lehnt er sich an und lässt seinen Kopf nach hinten auf meinen fallen.
„Du hast die perfekte Größe, voll gemütlich.“
An seiner Stimme höre ich, dass er dabei grinst.
„Na vielen Dank auch.“
Ein paar Mädels bringen Kerzen für die Tische, weil das Grillfeuer seinen Dienst auch getan hat und es schon mehr als dämmrig ist.
Lars dreht sich zu mir um.
„Magste die Wohnung mal eben sehen?“
„Klar.“
Ich stapfe ihm etwas tollpatschig durch die Wiese nach und rutsche auf dem nassen Gras weg, kann mich aber noch aufrecht halten.
„Zu viel Bier?“, witzelt er.
„Der Boden ist nass, ja?“
„Joa sicher…der Boden.“
„Ach, halt die Klappe.“
 
Und schon stehe ich vor der nächsten Herausforderung. Ein dunkler Kellergang. Ein wirklich sehr dunkler Kellergang.
„Der Lichtschalter ist oben.“
„Na, da hat ja einer mitgedacht.“
Ich taste mich vorsichtig an der Wand entlang. Lars ist plötzlich nicht mehr vor mir. Ich kann nicht mal meine Hand vor Augen erkennen.
Dann hör ich ihn von der Treppe oben.
„Ich glaub, das Licht ist kaputt. Geht’s?“
„Äh….nein?!?“
Ich stehe im Nichts und komme mir doof vor.
Dann höre ich Schritte, gleich darauf ertastet seine Hand meine.
„Na los, Angsthase.“
„Ey, schwarze Löcher sind nichts gegen deinen Keller.“
 
Seine Wohnung gefällt mir, vor allem, weil es gleich links in der Küche Weißwein gibt. Lars stellt mir seinen Bruder vor und der gießt mir dann ein. Im Badezimmer tummeln sich ein paar Badeenten am Waschbecken, ich muss grinsen. Der helle Parkettboden im Flur ist schön, sieht abgeschliffen und geölt aus. So schön, dass man mit der Hand mal drüber streichen möchte, was man dann aber sein lässt, weil einem einfällt, dass da heute schon bestimmt 40 Paar Schuhe ausm Garten drüber gelaufen sind.
Das Wohnzimmer ist fast zu bunt für einen Mann.
„Das sagen viele.“, meint er und drückt die Tür zum Schlafzimmer auf. Ich bleibe etwas unsicher im Türrahmen stehen, wäre seltsam, da hinein zu gehen. Ein frei stehendes Bett, ein Teppich, lange Gardinen. Wirklich gemütlich.
„Du hast den Schreibtisch auch nicht im gleichen Zimmer wie das Bett, ne?“
„So weit käm’s noch“, lacht er, „abends will ich das Zeug echt nicht mehr sehen.“
„Und…du wohnst also allein?“
„Ja, seit einiger Zeit wieder.“
Soso.
Im Rausgehen greift er die Flasche Weißwein, aus der mir eben eingeschenkt wurde.
„Die nehmen wir gleich mal mit.“
„Mir schwant Böses.“
„Ach iwo.“
 
Mittlerweile ist es nach Mitternacht, einige Gäste sind schon gegangen. Wir sitzen mit ein paar Leuten wieder im Garten auf den Bänken. Lars links neben mir. Ich hantiere mit dem abgetropften Wachs der Kerze auf dem Tisch.
„Spielkind.“
Er knufft mich in die Seite.
„Ich hör ja schon auf!“, grummle ich, schnappe mir eine leere Bierflasche und beginne, das Etikett ab zu knibbeln.
Er beugt sich zu mir rüber und meint: „Das mach ich auch immer.“
Wir schauen uns kurz grinsend an. Wirklich nur kurz, lange kann ich seinen Augen nicht stand halten.
 
Nach einer Weile spüre auch ich die Müdigkeit, die immer mehr Leute zum Gehen bewegt. Ich mag aber noch nicht heim, es ist gerade so nett.
Ich lehne mich etwas an Lars‘ Schulter an, er reagiert und streicht mir sanft durchs Haar. Schönes Gefühl. Dann muss er aufstehen, um Marie und ihrem Freund ‚Gute Nacht‘ zu sagen, sie verkriechen sich in ihren Bus. Anschließend setzt er sich wieder neben mich, sich jetzt aber noch mal anzulehnen, käme mir komisch vor. Also lasse ich es und stütze mich mit den Armen auf dem Tisch auf. Wir sind ja bloß Kollegen, nicht übertreiben.
 
Lars hört gerade einem Kumpel aus seinem Sportverein zu, der vom Training diese Woche erzählt, als ich plötzlich merke, wie er seine Hand auf mein Knie schiebt. Was zum…?
Ich darf da jetzt nicht hingucken, das wäre zu auffällig. Ich meine, ich habe wirklich ein gesundes Selbstbewusstsein, aber…meint der wirklich mich? Hat er zu viel getrunken?
Seine Hand bewegt sich nicht da weg. Statt dessen fangen seine Fingerspitzen an, leicht über meine Strumpfhose zu streichen. Ich kann das gar nicht glauben. Echt jetzt?
Er hört weiter seinem Gegenüber zu und antwortet auch und gleichzeitig liegt da seine Hand auf meinem Knie als wäre es das Natürlichste auf der Welt.
Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Die ganzen Monate über in der Schule…keinerlei Andeutungen. Und jetzt plötzlich doch…der Abend war schön gewesen ja…aber…also…meint er das ernst?
Ich muss das testen und bewege meine linke Hand ganz vorsichtig zu seiner. Er greift sofort danach. Unsere Finger verhaken sich, spielen leicht miteinander.
Ich mache große Augen, gucke ihn an.
Er grinst frech zurück.
Und dann sitzen wir da, erzählen, lachen und trinken mit den anderen und unsere Hände haben sich gefunden. Ich glaube das immer noch nicht so richtig.
Sobald sich Leute verabschieden, lässt er los und steht auf, aber seine Hand kommt danach immer wieder zu meiner zurück. Ich grinse innerlich in mich hinein. Er streichelt über meinen Oberschenkel und streift mit den Fingern ein Stück an meiner Wade hinunter. Ich bekomme Gänsehaut. Keiner bemerkt etwas, es passiert ganz heimlich und ist dadurch sehr aufregend. Er fährt mit seinen Fingern meine ab, kitzelt über die Handinnenfläche. Dann verkreuzen sich unsere Finger wieder ineinander und er übt leichten Druck aus…das fühlt sich toll an. Mittlerweile habe auch ich begriffen, dass er wirklich mich meint und traue mich, auch seine Hand etwas zu erkunden.
Eigentlich nur eine kleine Geste, ich hatte dem bisher nie große Beachtung geschenkt, aber was da gerade unterm Tisch ablief, puh.
Uns gegenüber sitzt Thomas, ein Kollege aus der Schule. Na ja, sitzen wäre übertrieben. Er hängt halb in sich zusammen gesunken auf der Bank und ich beobachte seit 5 Minuten, wie die Bierflasche in seiner Hand immer weiter nach unten sinkt. Er hat die Augen geschlossen und gibt auf Anfrage lustige Grunzgeräusche von sich. Weiter hinten im Dunkeln stehen noch drei Leute. Oder sind es vier? Der Rest hat sich nach oben in Lars‘ Wohnung verkrochen.
„Hey…“, flüstert Lars und ich drehe meinen Kopf zu ihm.
Er lächelt.
„Hey…“
Er rutscht näher an mich heran. Mir wird warm. Unsere Gesichter sind keine 10cm mehr voneinander entfernt. Die Spannung ist fast greifbar.
Plötzlich schreckt Thomas hoch und seufzt laut. Wir zucken ertappt auseinander wie zwei aufgescheuchte Hühner. Thomas schaut mit Augen auf Halbmast zu uns, hebt eine Hand und meint, nach einer bedeutungsschwangeren Pause, mit tiefer Stimme: „Schlaf! Schlaf ist die Lösung!“ Dann schlägt er mit der Faust auf dem Tisch und ruft: „DIE LÖSUNG FÜR: ALLES!“
„Ich bring den mal eben hoch aufs Sofa“, flüstert Lars mir zu und steht auf, nicht ohne mir mit der rechten Hand über den unteren Rücken zu streichen, „alleine findet der den Weg nicht mehr.“
„Durch diesen Keller sicher nicht“, zwinkere ich.
„Wartest du hier?“
Ich nicke.
 
Kaum haben sich die beiden vom Tisch erhoben, hüpft Sarah auf die Bank gegenüber. Die Freundin von Lars‘ Bruder. Wo kommt die denn plötzlich her? Sie kichert betrunken und wirkt ziemlich aufgedreht. Respekt! Für 3 Uhr nachts. Sie spielt mit einer Haarsträhne herum und scannt mit einem wirrem Blick die Tische ab.
„Liegt hier mein Handy rum? Wir brauchen mal gute Musik.“
„Ich hab nichts gesehen, sorry.“
„Aaaaahhh…“, sie zeigt mit dem Finger direkt auf mich, „du bist die Kollegin aus der Schule, ne?“
„Ähm…ja?!“, entgegne ich, „nicht die Einzige heute.“
Betonte sie das ‚die‘ von ‚Kollegin‘ gerade etwas zu sehr?
„Ja ja, weiß ich…“
„Ach so?“
Ich bin zunehmend verwirrt.
Da taucht Lars wieder auf.
„Sarah. Welch Freude!“, begrüßt er sie.
„Hast du mein Handy gesehen?“, quietscht sie ihm entgegen.
„Nöö. Aber such doch mal oben in der Wohnung.“
„Da hab ich doch grad schon geschaut.“
Lars rutscht wieder neben mich auf die Bank.
Sarah huscht um uns herum und tastet sich durch das Gras unter den Bänken. Mutig.
Er schaut mich mit einem Blick an, der sagen will: ‚Tut mir so leid, dass die jetzt nicht abhaut und wir alleine sein können.‘
Ich halte ihm seine Bierflasche hin und wir stoßen an.
„Alter, der Kühlschrank ist kaputt!“, tönt es da aus der Wohnung. Es ist Lars‘ Bruder.
„Und hast du Sarah gesehen?“
Lars seufzt.
„Ja, die wuselt hier rum.“
„Bring die mal mit.“
Ich lege den Kopf schief und muss mir ein Lachen verkneifen.
„Familie ist was Schönes, ne?“
„Witzig!“
Lars trinkt noch einen Schluck, erhebt sich widerwillig.
Dann schnappt er sich Sarah am Armgelenk, die leicht debil grinsend eine übrig gebliebene Packung Würstchen umklammert und sich mitziehen lässt.
 
Nun sitze ich alleine da. Eine Minute. Zwei Minuten.
Mhm.
Die Tür zur Wohnung ist zugefallen, ich kann nicht sehen, was sich da drin abspielt.
Es ist fast halb 4.
Ich stehe auf, krame mein Zeug zusammen, rücke meine Beanie-Mütze zurecht und tapse durch den Keller Richtung Wohnung. Netterweise hat zwischenzeitlich jemand Kerzen im dunklen Flur aufgestellt, so dass ich mich selbstständig zurecht finde.
Kaum biege ich oben um die Ecke, tritt Lars aus der Tür.
„Stecker drin lassen macht manchmal echt Sinn!“, sagt er gerade kopfschüttelnd, dreht sich um und erschrickt sich kurz, weil ich direkt vor ihm stehe. Dann lächelt er.
„Ähm…du…“, stottere ich, „ähm…weißt du die Fahrzeiten…also vom…wann der Bus fährt? Der Nachtbus? Also, gibt’s da überhaupt einen?“
Cool, ich kann voll eloquent, wenn’s sein muss.
„Klar. Ich schau eben mal nach.“
Er zieht sein Handy aus der Jeans.
„Und die Haltestelle? Ist die da, wo die andere auch war? Also, an der ich ausgestiegen bin? Da gegenüber direkt dann?“
„Ich bring dich.“
„Oh, das musste nicht.“
„Doch, doch. Ich bring dich.“
„Ich find das auch all…“
„Doooch! Ich. bring. dich!“, betont er und schaut mir dabei direkt in die Augen.
Ja ok, jetzt hab selbst ich es geschnallt. Er will mit mir alleine sein. Wie verrückt das ist.
 
Kaum treten wir aus der Tür und auf die Straße, greift er im Erzählen meine Hand. Als wäre das nie anders gewesen. Vor ein paar Stunden waren wir noch Frau S. und Herr T., alles rein kollegial.
Wir schleichen am Bus von Marie vorbei und sinnieren kurz, die beiden aufzuwecken durch einen Ans-Fenster-Trommel-Alarm, beschließen aber dann, es zu lassen, da sind wir viel zu sozial zu. Dann lachen wir über diese Tatsache.
„Müssen wir nicht links zur Hauptstraße?“, frage ich, als er mich nach rechts weiter zieht.
„Ich dachte, wir laufen noch eben um n Block. Dauert eh noch, bis der Bus fährt.“
„Okaaay…“
„Das Viertel hier ist echt ganz hübsch.“
„Okaaay…“
Wir biegen um die Ecke und sind nun nur noch wir beide. Er erzählt gerade, wie er die Wohnung hier bekommen hat und dass das in Altona ja gerade noch so bezahlbar wäre. Dann verlangsamt er seinen Schritt, lässt meine Hand los und legt statt dessen seinen Arm um meine Schulter.
Wenn ich jetzt zu ihm hoch gucke, passiert’s. Ich weiß das. Realisiert habe ich es aber immer noch nicht. Was machen wir denn da nur?
Ich hebe meinen Kopf nur ein wenig und linse schräg nach rechts oben zu ihm. Ich bin zu neugierig auf seinen Blick. Meine Reaktion reicht ihm. Er bleibt stehen, dreht mich zu sich und umfasst mich um die Taille. Sein fester Griff gibt mir den Rest, ich muss mich konzentrieren, weiter zu atmen. Unsere Nasenspitzen berühren sich sanft, dann legt er seinen Kopf etwas schief, schiebt das Kinn etwas nach vorne und täuscht vorsichtig einen Kuss an, hält aber kurz, bevor sich unsere Lippen berühren, inne. Dieses Rauszögern macht unfassbar an. Der halbe Abend war irgendwie schon eine Art Vorspiel gewesen. Dann ist die Anziehung aber zu groß, er drückt mich fest an sich und küsst mich. Ganz vorsichtig, langsam. So, dass jede Lippenbewegung, jede Berührung kostbar ist und zu genießen gilt.
‚Ich küsse tatsächlich Lars, den heißen Kollegen aus der Schule. ICH! Das ist doch Wahnsinn!‘, schießt es mir immer wieder durch den Kopf.
Unsere Lippen harmonieren wunderbar miteinander, wie eine komponierte Symphonie aus Berührungen, in der alle verschiedenartigen Einzelheiten eindrucksvoll zusammenwirken.
Er küsst unglaublich gut. Dieser Kuss beherrscht alles, die gesamte Situation. Nichts anderes nehmen wir mehr wahr.
Irgendwann lassen wir voneinander ab. Als ich die Augen öffne, lächelt er mich an.
Ich beiße mir auf die Unterlippe und lehne meine Stirn an seine Schulter. Wir haben uns geküsst. Ich habe meinem Kollegen geküsst. Verdammt!
„Oooooooops!“, flüstert er, als ob er denselben Gedanken hatte und beginnt zu lachen.
„Großes Oooops!“, wiederhole ich und schaue ihn mit großen Augen an.
Meine Arme umfassen seinen Oberkörper, ich fahre mit den Händen über seinen Rücken. Selbst durch den Pulli spüre ich seinen durchtrainierten Oberkörper. Er streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr und küsst mich erneut. Ich ziehe eine Hand nach vorne, stelle mich auf die Zehenspitzen und umfasse seinen Nacken, streife dann durch seine Haare. Das wollte ich immer schon mal machen.
Er hebt mich ein wenig hoch und dann spüre ich seine Hand hinten unter meinem Shirt. Ich zucke zusammen.
„Kalt?“, fragt er.
„Geht schon.“, grinse ich.
Seine Küsse werden intensiver. Wir stehen auf offener Straße, mitten in der Nacht. Und trotzdem gibt es nur uns Zwei. Niemand anderen, kein Auto, keine Fußgänger, noch nicht mal mehr Zeitgefühl.
Wenn ich schon mal bei seinem Rücken bin, kann meine Hand auch noch ein Stück weiter nach unten wandern. Seine tut es bei mir gleich.
Dann passiert etwas Komisches. Ich sacke ein Stückchen nach unten weg, meine Beine geben plötzlich nach. Er hält mich fest, schaut mich fragend an. Ich muss selbst überlegen, was das war.
„Ich…ich glaub, ich hab grad weiche Knie gekriegt…“, sage ich leise und ziehe die Schultern peinlich berührt nach oben.
Er muss lachen.
„Ist das n Kompliment?“
„Öhm…“
„Geht’s wieder?“
Ich nicke. Er greift meine Hand und wir schlendern weiter. Noch eine andere Seitenstraße zeigt er mir mit ein paar schönen, alten Bäumen. Ein paar Vögel sind schon wach und zwitschern.
Ich bleibe stehen und ziehe ihn sacht zu mir. Er schaut mir in die Augen, drückt mich dann an die Hauswand hinter mir und beginnt erneut, mich zu küssen. Er nimmt meine Hände und hebt sie entschlossen über meinen Kopf und hält sie dort fest, während er meinen Hals küsst. Ich kann nur noch die Augen schließen und genießen.
„Lars?“, frage ich nach einem Zeitraum, den ich nicht benennen kann.
„Hm?“, haucht er mir ins Ohr.“
„Fuhr da nicht irgendwie ein Bus oder sowas?“
„Oh.“
Er lässt von mir ab um auf die Uhr zu sehen.
„Schaffen wir grad noch.“
 
Kurz danach stehen wir an der Hauptstraße, schräg gegenüber ist die Haltestelle.
Er nimmt mein Gesicht in beide Hände, lächelt. Wir küssen uns noch mal und er meint: „Ist doch ne gute Idee…“
Das mit uns beiden? Meint er uns beide?
„Lehrer haben…doch immer gute Ideen.“, grinse ich zurück.
„Ich meld mich morgen bei dir, ok?“
„Ok.“
 
Während ich verdattert über diesen Abend wankend die Straße überquere, schaue ich ihm zu, wie er nun den direkten Weg zu seiner Wohnung zurück läuft. Und von den Scheinwerfern des ankommenden Busses geblendet denke ich, dass es glatt ein bisschen ärgerlich ist, dass der öffentliche Nahverkehr in Hamburg zur Abwechslung auch mal pünktlich fährt.
 
 

Was es mal war…

31 Jan
Gute zwanzig Minuten schon stehe ich hier draußen.
Die ausgelassene Stimmung im Wohnzimmer dringt noch durch den schmalen Spalt der offenen Balkontür.
Unsere Blicke hatten sich vorhin nur kurz gestreift, die Gefühle dafür sich überschlagen.
Deine Finger verkrampften sich plötzlich um die Bierflasche herum, ich strich mir die Haare aus dem Gesicht und drehte mich weg. Soweit sind wir jetzt also.
 
Ich stütze mich mit den Ellenbogen auf dem Geländer ab, halte das Glas Weißwein vor mein Gesicht und betrachte den Mond hindurch. Verschwommen ziehen Wolken davor, wie vor alles damals.
Die kalte Luft tut gut, mit geschlossenen Augen noch etwas mehr.
Ein Jahr ist das jetzt her, fast auf den Tag genau. Als dein bester Freund, der Gastgeber heute, zu mir sagte: „Gib ihm Zeit. Er ist endlich mal glücklich.“
Als ob ich dem jemals im Weg stehen wollte. Du warst mein bester Freund, ich war so froh, als du mir von ihr erzähltest. Dass die ja echt süß wäre und das erste Date total schön war. Dass ihr ähnliche Ansichten habt und sie kurz danach gleich über Nacht bei dir blieb. Dass man schauen muss, wie es sich entwickelt, aber es sich im Moment gut anfühlt. Ich freute mich für dich. Ich wusste ja nicht, dass es unsere Freundschaft zerstören würde.
 
Ein leises Räuspern hinter mir. Ich drehe mich um. Du stehst unsicher im Türrahmen, trittst dann zwei Schritte vor und drückst die Tür hinter dir wieder zu.
Durch einen schnellen Blick zurück ins Wohnzimmer versicherst du dich, dass sie dich beim Rausgehen nicht gesehen hat.
„Hallo.“
Ich antworte nicht.
„Ich hatte gehofft, dass du heute Abend hier bist.“
Ich trinke einen Schluck.
„Ach ja? Nicht eher ‚befürchtet‘?“
Du beißt dir auf die Lippen.
„Nein. Wirklich gehofft.“
 
Ich drehe mich wieder um und blicke auf die Lichter der Stadt. Hamburg beruhigt mich immer, verklärt alles Schlechte ein wenig, so dass es einem wenigstens kurzzeitig einfach mal gut gehen kann.
Du stellst dich neben mich. Einen guten Meter Abstand.
„Du bist dünn geworden“, versuchst du, ein Gespräch zu beginnen.
Das ist wohl wahr. Das war auch mein Plan in diesem Jahr. Hab mich da ziemlich rein gekniet, Ernährung um- und mich aufs Laufband gestellt. Fast täglich. War nicht immer leicht, aber hat sich gelohnt und ich bin da wahnsinnig stolz auf mich.
„Mhm.“
„Hätte dich kaum wieder erkannt.“
Ich blicke dich an.
„Kann passieren, immerhin haben wir uns knapp ein Jahr lang nicht gesehen.“
Du weichst meinem Blick aus, senkst den Kopf Richtung Boden und trittst fast unmerklich ein Stückchen zurück.
„Ja, ich weiß…“
Ein kleiner Seufzer von dir überbrückt die Stille zwischen uns. Eine Windböe vom Hafen streift an uns vorüber. Als ob sie sagen wollte: „Los jetzt! Redet miteinander. Klärt das endlich.“
Ich glaube ja, wenn Wind erzählen könnte, wüssten wir viel mehr voneinander.
 
„Mir tut es sehr leid, wie das alles gekommen ist…“
„Wieso? Du wolltest das doch. Du wolltest keinen Kontakt mehr. Du wolltest nichts mehr mit mir zu tun haben, weil…“
„Nicht wollen. Ich konnte nicht.“, unterbrichst du mich.
„Ja klar. Du konntest nicht. Wieso denn? Weil dir jedes Mal, wenn du mich gesehen hättest, klar geworden wäre, dass du mich immer noch toller findest als sie und es dich dann jedes Mal in ein emotionales Loch geworfen hätte? Bitte!“
Faszinierend eigentlich, wie lange Wut und Enttäuschung in mir überleben können.
„Kannst du nicht verstehen, dass man – wenn man eine neue Beziehung anfängt – einfach eine Weile mal ‚out of order‘ ist? Ich hab da alles ausgeblendet. Andere Freunde haben auch nichts von mir gehört.“
„Du willst mir jetzt – nach einem Jahr – nicht immer noch mit dieser Ausrede kommen, oder?“
„Das ist doch keine…“
„Doch! Genau das ist es!“
Ich stelle mein Glas energisch auf dem kleinen weißen Tisch neben der verfrorenen Pflanze ab.
„Natürlich ist es normal, dass man gerade am Anfang einer Beziehung lieber Zeit mit dem neuen Partner verbringt und die Freunde da mal zurück stecken müssen. Aber das war nie, wirklich NIE das Problem zwischen uns beiden! Und das weißt du genau!“
Du blickst verlegen Richtung Balkontür.
„Was denn? Tickt deine Freundin immer noch aus, wenn sie uns hier zusammen stehen sieht? Hat sie Angst, dass du über mich herfällst? Tolle Beziehung, wenn sie dir nicht vertraut.“
„Ach, darum geht es doch gar nicht.“
„Du hast dir von ihr vorschreiben lassen, mit wem du befreundet sein darfst und mit wem nicht. Du hast mich einfach fallen lassen. Was zum Teufel hast du ihr erzählt, dass sie so scheiße eifersüchtig auf mich wurde, hm? Sie kannte mich damals überhaupt nicht, hat mich nie getroffen. Ich hätte einfach eine normale Freundin von dir sein können. Und im Prinzip war ich das auch: Wir waren nie zusammen, es lief nie was, wir haben uns noch nicht mal geküsst. Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass ich nicht verliebt bin, dass es eben einfach nicht gefunkt hat. Tut mir leid, dass es bei dir eben anders war. Ich habe dir nie falsche Hoffnungen gemacht, ich war immer ehrlich zu dir. Und trotzdem hast du mich behandelt, als wäre ich das Unglück persönlich, dem man dringend aus dem Weg gehen muss. Oh, Achtung, da kommt Miri, nichts wie weg, sonst kann ich nicht glücklich werden. Tolle Beziehung hast du da…die nur funktioniert, so lange du eine andere nicht siehst. Große Liebe, verstehe.“
„Du wolltest mich nicht, ok. Sie aber schon. Und ich mag sie. Keine Beziehung ist perfekt, aber wir sind jetzt auch schon über ein Jahr zusammen, das ist doch was. Ich wollte damals nur etwas Zeit von dir. Nur etwas Zeit, damit ich das mit ihr hinbekomme.“
„Meine Freundschaft ist kein Lichtschalter, den du beliebig an- und ausknipsen kannst, wie es dir gerade in den Kram passt!“
 
Ich stemme die Hände in die Seite. Gehe ein paar Schritte hin und her. Meine Fingerspitzen kribbeln. Ich balle Fäuste, damit es aufhört.
„Wir hätten doch Freunde bleiben können…“, druckst du leise herum, „…ich wollte dir nie was Böses, dich nie verletzen. Ja, ich war am Anfang verliebt in dich. Und das richtig heftig. Und ich habe lange gebraucht um zu begreifen, dass das – obwohl wir so vertraut miteinander waren – einfach nichts wird. Dass du das nicht möchtest, dass du mich nur als guten Kumpel siehst. Daran hatte ich lange zu knabbern.“
Ich gehe ein paar Schritte auf dich zu.
„Das weiß ich doch. Hab ich ja auch gemerkt. Aber trotzdem haben wir uns in dieser Phase weiterhin getroffen. Wir telefonierten, sahen uns regelmäßig, waren füreinander da, wenn es dem anderen mal schlecht ging. Du selbst hast von mir irgendwann dann als deiner besten Freundin gesprochen…“
„Warst du ja auch…“
„Glaub ich dir nicht.“, fahre ich dazwischen. „Nein, das weiß ich sogar. Seine beste Freundin würde man nämlich nicht so behandeln. Ich hatte dir nichts Schlimmes getan und du hast mich – seit du sie kennen gelernt hattest – mit deinem Verhalten für Gefühle bestraft, die ich nun mal leider nicht hatte. Dafür kann ich nichts.“
Du lässt den Kopf sinken.
„Was soll ich sagen? Ich hab’s einfach nicht gebacken gekriegt.“
„Offensichtlich.“
„Und jetzt?“
Du blickst mich schuldbewusst an.
 
Während ich Luft hole zum Sprechen, schiebt sich die Balkontür auf. Wir merken es nur, weil die Stimmen von drinnen plötzlich lauter werden.
„Schatz?“
„Ja?“
„Wir müssen jetzt los.“
„Ok, ich komme gleich.“
„Es ist wirklich Zeit.“
„Ähm…das ist übrigens Miri.“
Ich schaue sie an. Wenn Blicke töten könnten, würde ich wohl jetzt getroffen und Blut überströmt über die Balkonbrüstung stürzen.
„Hallo.“, sage ich.
„Ja…ähm…ich hole dann schon mal unsere Jacken.“, lächelt sie gequält und geht.
 
Wir stehen erschöpft voreinander.
„Du hättest mich auch als Beziehungsfeind Nr. 1 vorstellen können.“, brumme ich leise.
„Sie ist – was dich angeht – einfach…na ja…etwas eigen.“
„Etwas eigen.“, wiederhole ich und schnaube dabei einen Luftstoß in die Nacht.
 
Du siehst traurig aus.
Mit einer Handbewegung Richtung Wohnung meinst du: „Tja, ich denke, ich muss dann gehen.“
„Sieht so aus.“
Mit hängenden Schultern schlurfst du rüber zur Tür. Deine Haltung verrät, dass du dir einen anderen Ausgang für dieses Gespräch gewünscht hättest. Du drehst dich noch mal um.
„Hey…“
Ich blicke dich an.
„Mhm?“
„Geht’s dir gut?“
Meine Unterlippe zittert. Ich muss die Tränen unterdrücken.
„Jetzt gerade oder sonst so?“
„Besser sonst so.“
„Ja.“
„Schön.“
„Und dir?“
„Auch.“
„Okay.“
Du öffnest die Tür, hältst dich mit einer Hand daran fest. Die andere verdrehst du unsicher hinter dem Rücken.
„Siehst echt gut aus.“
„Danke.“
 
Und dann stehe ich wieder alleine da. Ich drehe mich weg, puste mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Ich wollte das nie. Ich wollte nie diese Rolle der ‚anderen Frau‘, auf die die neue Freundin eifersüchtig sein muss. Ich wollte immer nur deine Freundschaft. Und während die Tränen meine Wangen benetzen, erinnere mich daran, dass ich damals, als du den Kontakt abbrachst, eine entsetzliche Angst davor hatte, dass wir uns irgendwann auf einer Feier begegnen und uns fürchterlich fremd geworden sind.
 
 
 

„Was ist ‚anders‘? Wie ‚gleich‘, nur eben nicht. „

23 Jan

Neulich schrieb mir dieser eine da von Twitter, bekannt unter @DerFloyd.
Meinte, er wolle 100 DM (für Nicht-Twitterer: Direct Messages) mit mir schreiben und das dann veröffentlichen, weil wir da bestimmt sau komische Sachen verschriften würden und alle Leute ja so geil drauf wären, private Dinge zu lesen und dabei heimlich sabbernd den Laptop abzulecken. Das Internet würde tagelang lachen, jubeln und uns anerkennend zunicken, wir könnten dann Autogramme geben und wären ganz sicher voll berühmt.
Und weil ich statt dessen die Wohnung hätte aufräumen und staubsaugen müssen, sagte ich voller Begeisterung: „Mhm…na gut.“

Das Ergebnis findet ihr hier:

100 DMs mit...

100 DMs mit…

Pfützen.

13 Jan
Gleich nach dem Telefonat schlurfe ich ins Badezimmer, ignoriere mein Spiegelbild, weil die verweinte Wimperntusche nachts um vier noch mal mehrere Nuancen dunkler wirkt und werfe seine Zahnbürste in den kleinen silbernen Mülleimer.
Die braucht er jetzt ja nicht mehr. Er wird sie hier nicht mehr morgens aus dem Becher nehmen. Er wird morgens einfach nicht mehr hier sein. Hätte ich gewusst, dass ich ihn gestern das letzte Mal seh…er wollte nicht über Nacht bleiben. Wäre schön gewesen. Ein letztes Mal in seinen Armen zu liegen, seine Nähe zu spüren, wie er hinter mir liegt und mich zu sich zieht.
Vorbei.
Einfach vorbei.
 
Die Vorhänge habe ich heute noch nicht aufgezogen. Tageslicht würde heute weh tun. Und Schmerzen habe ich schon genug.
In diesem Tag bin ich bisher bloß gedankenversunken herum gewatet. Zwischendurch die Decke über den Kopf gezogen und abgetaucht. Dann zwischen den Tränen nach Luft geschnappt. Und trotzdem habe ich das Gefühl, zu ertrinken.
 
Diese Gedankenpfützen, in denen man mit den Gummistiefeln Schlieren entstehen und tanzen lässt. Tropfen, Verzerrungen und Verschiebungen, denen man mit den Augen folgt, die Pupille aber nicht scharf stellen will. Einfach aus Angst, was dann da wäre. Dieses Gegenwartsbild, von dem man sich am liebsten weg drehen und statt dessen weiter glücklich lächelnd drüber hüpfen möchte.
Nur noch ein paar Schritte, die die Tatsachen ignorieren.
Nur noch ein paar Schritte Hand in Hand diesen Weg entlang, den es für uns beide eigentlich gar nicht gibt.
Nur noch ein paar Schritte mit einem Hauch von ‚glücklich sein‘ im Gesicht.
 
Aber dann formen meine Lippen kein Lächeln mehr. Als ob sie es verlernt hätten. Lieber pressen sie sich aufeinander und halten die Worte im Inneren. Sie sagen nichts mehr und ich halte nur das Telefon ans Ohr und höre zu, was er zu mir sagt. Was er mir erzählt über seine Pläne, was er jetzt durchziehen muss. Was in seinem Leben gerade alles nicht stimmt. Was er erst mal auf die Reihe kriegen muss. Dass er Angst hat, mir weh zu tun. Und dass er das nicht will, weil ich ja so großartig und wunderbar bin.
Was ich tatsächlich höre, ist: Du passt da nicht rein. Das mit dir ist mir zu viel. Du machst mir ein schlechtes Gewissen, wenn ich keine Zeit für dich habe.
 
Und ach, wie gut ich diese Sätze kenne. Ich höre sie nun schon zum dritten Mal. Nicht von ihm, sondern von ihm und zwei anderen Männern vor ihm. Zum Teil exakt die gleiche Wortwahl. Die selben Phrasen. Ich störe da im Leben, weil anderes wichtiger ist. Weil ich dem im Weg stehe. Obwohl ich das doch nie wollte. Dass ich unterstützend da sein könnte, diese Idee ist keine Alternative. Nie. Immer das Gleiche. Immer. Same, same, but different.
 
Wäre ich in Therapie, wäre das wohl der Moment, den man als „Der Durchbruch“ bezeichnet. Der Moment, in dem einem klar wird, wo die eigentliche Ursache für diese Männer-Symptome liegt. Der Moment, in dem plötzlich ein Muster entsteht. Der Moment, in dem man sich selbst eingesteht, dass da was ganz gehörig schief läuft mit der Liebe und einem selbst. Und wenn man das dann laut ausspricht, erschreckt es einen:
 
Ich suche mir die falschen Männer aus.
 
Es erschreckt einen, weil du dann zwar weißt, was los ist. Aber keine Ahnung, wie du es ändern kannst. Das Einzige, was geht ist, mit voller Wucht in die Pfütze zu treten.
Oder seine Zahnbürste weg zu werfen, mich ins Bett zu setzen und darüber zu schreiben.
 
 

Knopfmonster. Woher sie kamen.

2 Dez
aaaaaHarmlos mit dem Kauf eines Bastelbuches fing es an. Und mit einer Kiste an bunt gemixtem Kleinkram, unter dem sich auch einige Knöpfe fanden. Genug, um mit meiner Schulklasse meine selbst kreierten Knopfmonster zu basteln. Eine Geschichte habe ich auch dazu geschrieben. Sie geht so:
 
Es ist Sonntag. Jakob wacht morgens auf und freut sich. Draußen hat es geschneit und Jakob will unbedingt Schlitten fahren. Doch dann kommt Papa rein und sagt: „Du musst vorher deinen Kleiderschrank aufräumen. Da liegt alles durcheinander.“
Jakob ist sauer. Er mag aufräumen gar nicht. Aber was Papa sagt, muss gemacht werden.
Er geht zu seinem Kleiderschrank und macht die Tür auf. PLUMPS!
Plötzlich fallen alle Pullover und Hosen, T-Shirts und Jacken aus dem Schrank und Jakob entgegen.
Nun sitzt er in einem großen Haufen Klamotten. Oh je! Wie soll er das nur alles aufräumen?
 
Plötzlich bewegt sich etwas unter seinem roten Pullover. Jakob ist ganz leise und schaut genau.
Da! Schon wieder! Der Ärmel hat sich doch bewegt. Das gibt es doch gar nicht!a
Vorsichtig hebt Jakob den Pullover ein Stück hoch.
„Uiuiuiuiuiuiiii!“ macht ees plötzlich und etwas Kleines saust heraus und unter Jakobs Hose.h
„Was war das denn?“, denkt Jakob überrascht. Er krabbelt hinterher und hebt schnell die Hose hoch.
„Uiuiuiuiuiuiiii!“ macht es wieder und etwas Kleines saust unter der Hose hervor und unter den Schrank.cd
Schnell holt Jakob seine Taschenlampe und leuchtet darunter.
Wisst ihr, was Jakob dort entdeckt? Unter dem Schrank sitzt ein kleines Knopfmonster.
„Du brauchst keine Angst zu haben.“, flüstert Jakob, „komm mal her.“
Vorsichtig kommt das kleine Knopfmonster näher.
 
Knopfmonster wohnen oft in Kleiderschränken, aber nur, wenn die Klamotten nicht aufgeräumt sind. Knopfmonster lieben es nämlich, bwenn alles durcheinander ist.
Noch ein zweites Knopfmonster findet Jakob unter einem T-Shirt. Er findet die Kleinejn so toll, dass er zu Papa geht und sagt: „Ich darf meinen Schrank gar nicht aufräumen, sonst haben die Knopfmonster kein Zuhause mehr.“
Papa guckt total verwirrt, aber Jakob lacht nur, springt in seinen Schneeanzug, schnappt sich seinen Schlitten und rennt raus in den Schnee.
 
 fi
Möchtest du auch ein gkleines Knopfmonster haben?
Schreib mir über esmiri@web.de oder über https://www.facebook.com/knopfmonsterbydiepebbs.
 
Material-/Herstellungskosten: 5SchickFamilienfotoKnopfmonster in Reih und Glied€ (kleines Knopfmonster), 6€ (großes Knopfmonster)