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Zehn, Digga.

1 Aug

Nach einigen heißen Tagen zuletzt, tröpfelt es nun draußen vor sich hin. Alles dunkel, das Licht der Straßenlaternen spiegelt sich auf dem Asphalt und in den Scheiben der parkenden Autos. Ich reduziere die Helligkeit des Bildschirms, um beim Schreiben diese Stimmung ein wenig mittippen zu lassen. Die Stimmung meiner Stadt. Wie is‘ es grade, Hamburch? Du bist still, von weitem das Rauschen der nächst größeren Straße weiter vorne, ab und an eine kleine Böe, die die Halme des Lavendels im Blumenkasten vorm Fenster sanft hin- und her bewegen. Von den Bäumen fallen Regentropfen auf den Gehweg und vom Fleet her hört man das Wasser wie das Plätschern eines kleinen Bachs. Der Himmel ist bewölkt und blass lila beleuchtet wie meistens nachts. Die Lichter der Stadt. Die kleinen Lampions über dem Straßenbeet sind vorhin angegangen. Vor einigen Monaten habe ich eine Grünpatenschaft übernommen und gärtnere jetzt ein bisschen – machen viele hier in der Nachbarschaft und ich liebe es.

Es ist alles Heimat und Alltag und einfach Meins geworden über die Jahre. Und trotzdem ist das heute Abend, wenn der Michel bald Mitternacht schlägt, ein besonderer Moment. Den wollte ich beim Schreiben dieses Textes erleben. Ich hatte die ersten Jahre, in denen ich in Hamburg wohnte, immer etwas geschrieben, wenn dieses Datum auf dem Kalender erschien. Am 01. August. Habe eben auch noch mal nachgelesen, worauf damals mein HH-Fokus lag und wie ich diese Stadt Stück für Stück erkundet habe. Über die Jahre verlief sich das dann irgendwie – ich dachte zwar an unser Jubiläum, aber es wurde im kleinen Rahmen oder nur gedanklich darauf angestoßen.

Aber nun sind es zehn. Digga. Zehn Jahre lebe ich hier. Vor zehn Jahren schleppten wir gerade immer noch Umzugskisten in den 4. Stock in der Nachbarstraße in meine damalige erste Wohnung. Wie irre ist das? Ich erinnere mich noch sehr gut daran zurück, was ein fürchterlicher Tag und ein katastrophaler Umzug, alles lief schief damals, meine Fresse. Vor gut zwei Jahren hab ich dann dieser Wohnung zum Abschied leise zugenickt und zog während des 1. Lockdowns um. Nur umme Ecke mit einem Zimmer mehr und da verwirklichte ich mich so derbe beim Streichen der Wände und der kreativen Raumgestaltung, indem ich Stunden vor der Farbpalette im Baumarkt verbrachte, Nächte auf dem Küchenboden saß bei der Recherche im Netz, Möbel ohne Ende geliefert bekam und zusammen baute, verzweifelt auf der Leiter unter den Lampen viel über Elektrik und Kabel lernte und inneneinrichtungsmäßig einfach voll einen raus gehauen hab. Waren spannende Wochen in sehr seltsamen Zeiten. 

Und wo steh ich heute? Wo sind wir angekommen, Hamburg?

Es war nicht einfach, dich zu behalten. Über Jahre stand es auf der Kippe und fraß mich innerlich auf. Zunächst unmerklich, aber es knabberte an mir, man wog ab zwischen Mensch und Stadt und Gefühlen und Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Schlussendlich zeigte mir mein Körper mit allem, was ihm zur Verfügung stand, welcher Weg der für mich richtige ist. Ich blieb hier. Es war schmerzhaft. Und so unfassbar lehrreich für mich. Es dauerte Wochen und Monate, bis ich eines Nachmittags bemerkte, dass ich wieder lächelte, als ich Richtung Michel ging. Das war ein sehr befreiendes Gefühl, ich weiß es noch gut. Wischte viele Zweifel weg und verheulte Nächte am Hafen. Der Hafen, der mich immer wieder ruhig atmen ließ. Einige Zeit später wurde mir so viel bewusst, es traf mich schlagartig beim Lauftraining in der Hafencity. Ich blieb plötzlich wie angewurzelt stehen und dachte nur, wie krass richtig ich mich entschieden habe. Wie falsch alles andere gewesen wäre. Wie sehr du und ich uns stärken, du mich hast ankommen lassen, ich kann und will vor allem nicht ohne dich.

Als eine weitere Geschichte auch unter anderem wegen der Wohnorte scheitere, war ich kurzzeitig echt mal sauer auf dich, Hamburg. So nah du mir bist, so weit entfernt bist du offensichtlich für andere. Kann ich nicht auch mal beides haben? Die Stadt und den Menschen? Digga, was da los? Habe genug Gefühl für beides, Herr Gott noch mal.

Aber ich lernte irgendwann, das zu formulieren. Diesen Wunsch auszusprechen. Von vorne herein. Ohne Wenn und Aber. Als Voraussetzung für alles. Anker geworfen. Tja nun. Was soll ich sagen? Nun sitze ich hier am Schlafzimmerfenster, der neue Kleiderschrank für zwei ist aufgebaut, im Arbeitszimmer stapeln sich noch ein paar Umzugskisten und im Flur steht jetzt das schwarze Regal von ihm. In ein paar Wochen wohne ich hier nicht mehr alleine. Dann ist dieser Mensch hier. Bei mir. In Hamburg. Dieser Mensch, der mir noch vor dem 1. Date damals und ohne mich live gesehen zu haben zugesichert hat, dass er in einem möglichen Fall von „Boy meets Girl and big love und so“ zu mir ziehen würde, da mir das so wichtig ist. Und er hat Wort gehalten. Gegen alle logischen Dinge, die dagegen gesprochen haben. Gegen alle Argumente, die schlüssig und viel einfacher umzusetzen gewesen wären. Gegen alle Krisen, die über uns hereinbrachen. Er macht das für mich. Für uns. Ich glaube, weil wir uns so krass ähnlich sind, dass er als Einziger versteht, was Hamburg mit mir macht. Das ist groß. Das ist Liebe ey. Und ich kann meine Dankbarkeit und Freude manchmal gar nicht in Worte fassen. Dieses Gefühl, dass wir genau hier an diesem Ort zusammen gehören. Dass das nicht nur meine Stadt ist, sondern auch seine und unsere. Dass wir alles wuppen können, was da noch kommen möge. Danke Hamburg nachträglich, dass du in der Vergangenheit immer dann dazwischen gegrätscht hast, wenn etwas nicht sein sollte.

Zehn Jahre und nun beginnt ein neues Kapitel. Eine neue Seite im Stadtführer. Den wir aber wohl kaum brauchen werden, wir kennen uns ja schon. 

Zeit und Raum

15 Feb

Ich war mir mit dem gelben Kleid nicht ganz sicher, zupfte an dem Stoff herum und stand doch etwas nervöser als ich eigentlich sein wollte in Neumühlen und wartete auf deinen Bus. 

Und ich wusste nicht, was mir lieber war. Dieses erste richtige Date heute, das man verabredet hatte, auf das man sich vorbereiten konnte…oder doch die vorherige sehr spontane Variante, die du ein paar Tage zuvor gewählt hattest, indem du mir einfach völlig aus dem Nichts an einem Mittwoch Nachmittag deinen Standort geschickt hattest à la „Moin. Bin umme Ecke. Komm mal her.“ Bewirkte damals zwar einen Puls jenseits von gut und böse bei mir und ich hab dich mehrfach dafür verflucht, mich so zu überfallen…aber am Ende brachte ich dich mit deinem Arm um meine Schulter noch zur Bahn, interpretierte deinen Blick mit „Du überlegst, ne?“ offensichtlich richtig und wich deinem Kuss-Versuch – wie ich finde – äußerst elegant aus. Und das war nicht mal seltsam, sondern fühlte sich völlig entspannt und lustig und vielversprechend an. Du fuhrst damals völlig geplättet nach Hause. Ich schickte einer Freundin auf dem Heimweg eine Sprachnachricht und meinte – und hey, das ist für mich schon hochgradig begeistert: „Also…joa, ne? Glaub, den würd ich schon noch mal treffen.“ 

Du fragtest gleich am Tag drauf, wie viel Vorlaufzeit ich denn bräuchte, um mich auf ein erneutes Treffen mental vorzubereiten und nun stand ich da an diesem Sonntag Abend. 

„Das kannst du doch nicht machen.“, grinst du, als du aus dem Bus steigst.

„Was denn?“

„So da stehen und so aussehen.“

Ok, das Kleid war wohl doch ne gute Wahl. Wir spazieren den kleinen Fußweg oberhalb des Elbstrandes zurück, die Nervosität weicht nach und nach entspannter Plauderei. Aber diese innere Anspannung, die einen immer wieder zum Grinsen bringt, die blieb. Das sollte auch so. Schon im Garten umarmst du mich von hinten, als wir vorne am Geländer stehen. Vor uns der Hafen mit dicken Pötten, Volleyballspielern im Sand, Nachbarn hinter der Hecke, gerade beim Abendessen, die Sonne machte sich so langsam bereit, die Szenerie zu verlassen. Hamburg at it’s best. Und wir mittendrin. Diese zwei Menschen, die sich gerade erst begegnet waren.

Es war faszinierend. Ich, die zu diesem Zeitpunkt zu einer Expertin in Sachen „sich nicht mehr auf jemanden einlassen wollen“ mutiert war, fühlte keinen spontanen Fluchtreflex, wie bei anderen Dates davor. Die Nähe war gut. Angenehm. Bisschen viel, bisschen schnell, aber so stellte sich auch nicht die Frage „Mag der mich?“ – daran hast du von Anfang an keinen Zweifel gelassen. Woher auch immer du diese Sicherheit nahmst. 

Mit Picknickdecke und Sushi saßen wir dann da, der Wein war viel zu süß, wir lachen viel und als wir für diesen Text hier neulich überlegten, worüber wir da eigentlich so gesprochen haben, fiel uns kaum noch was Konkretes ein. Einzelheiten verschwimmen viel mehr in einem wohligen Gefühl, das dieser ganze Abend auslöste. Ohne Essensboxen zwischen uns, rutschte man nach einer Weile dann auch näher zusammen, unter einer Decke mit Harmonie und viel in die Augen gucken.

Was witzig war (mehr für mich als für dich): wir hatten davor schon übers Küssen gesprochen (eigentlich total verrückt, dafür, dass wir uns erst ein Mal gesehen hatten). Und ich hatte dich damals gebeten, mir diesen Zeitpunkt zu überlassen (harte Challenge, i know). Es hatte was Leichtes, was Spielerisches, war aber genau so natürlich und unausweichlich klar, dass es passieren würde. Und obwohl dieser Augenblick von Anfang an und zwischendurch den ganzen Abend über locker einzubauen gewesen wäre, wartete ich ab. Gespräche – oder präziser: unsere Gespräche, weil irgendwie special – konnten ebenso anziehend sein. Wenn Kommunikation zwischen zwei Menschen funktioniert – das ist unfassbar sexy. 

Es wurde später und auch kühler und keiner wollte, dass dieses krasse Ding, was hier ablief, wegen einer Uhrzeit oder Witterung zu Ende geht. Und da wir ja beide so sehr erwachsen und vernünftig sind und du im Vorfeld angemerkt hattest, den Tag darauf noch frei zu haben…tja nun…wurden kurz danach alle Sitzpolster und Decken, die wir im Gartenhäuschen finden konnten, auf dem Boden ausgebreitet und ein Nachtlager errichtet. Und ja, ich rede immer noch von unserem zweiten Treffen. Verrücktheitsgrad drölfzig, aber das passte einfach zu dieser ganzen Geschichte.

Du hattest auf deinem iPad den animierten Kurzfilm über den kleinen Strandläufer „Piper“ dabei – da hatte ich dir beim ersten Treffen eine Geschichte zu erzählt. Eingekuschelt im Dunkeln, mit Blick auf die Lichter des Hafens, unser kleines Kino. Schon ziemlich perfekt. Ich springe zwischendurch noch mal hoch in die Wohnung, um den Katern, auf die ich die Tage aufpasste, noch mal Futter hinzustellen, mich umzuziehen und stehe dann Haare kämmend am Fenster, schaue auf den Garten unten, dass du da jetzt wartest und überlege, was du wohl grade denkst.Verdammt. Das ist was, glaub ich. Dieses Gefühl, sich von allem, was da kommt, einfach mal überrollen zu lassen – auch, wenn man das so noch nie erlebt hat, aber innerlich weiß, dass es was Gutes ist. Den Katern noch ne lieb gemeinte Kopfnuss geben und dann wieder die Treppen runter.

Wieder im „Schlafgemach“ sage ich gerade irgendwas zu dir, als du dein Versprechen brichst, mich plötzlich am Arm an dich ziehst und küsst. Hast es nicht mehr ausgehalten – kann man dir nicht übel nehmen. Und trotz der offensichtlichen Nähe, die sich über Nacht ergab, war da auch ein Gefühl, diesem Menschen innerlich einen Schritt näher zu kommen. Na ja, nicht nur einen Schritt – wir rannten schon fast.

„Bis über beide Ohren…“, flüsterst du mir irgendwann zu.

Zwischen Schlafträumen, dahin dösen, kuscheln, auf den Hafen gucken, kichern, zu hartem Boden, Haare wuscheln und dem anderen beim Schlafen zuhören verging die Zeit, bis es draußen hell wurde, Hunde unten am Strand die Morgenrunde drehten.

Nachdem ich das Gefühl vom Pfadfinderlager früher, wenn man morgens völlig verstrahlt aus dem Zelt fällt, abgeschüttelt hatte, machten wir uns auf in die Strandperle zum Frühstück. Danach griffen wir uns zwei Decken und lagen den halben Tag im Schatten an einem meiner Herzorte in Hamburg am Elbstrand. Kühlten uns im Wasser ab, kletterten über Bäume, wurden von einer Ente beobachtet, ich schlief in deinem Arm einfach noch mal ein. Derbe vertraut, obwohl so neu – das Alles. 

Beim Zurücklaufen halte ich dir meine Hand nach hinten hin, das ist dir in Erinnerung geblieben. Gutes Zeichen. Du machst zwei große Schritte und greifst sie dir.

Nachdem ich dich später zum Zug geschickt hab, stehe ich wieder oben am Fenster, betrachte den kleinen Notizblock, den du mir geschenkt hast, weil ich beim ersten Treffen erwähnte, dass ich oft Sachen vergesse, die man mir erzählt, ich das aber nie böse meine und den dazu passenden Rotstift (weil Lehrerin). Ich hatte dir eine Packung Wasserbomben besorgt – wir hatten schon Insider, Metaphern, die man in kleine Aufmerksamkeiten umsetzen konnte. Krasse Sache. Ich puste ein paar Seifenblasen, die du mir mitgebracht hattest, in die Luft. Die Kater sitzen daneben. Zeit und Raum. Verrückt das Alles.

Halbes Jahr.

10 Dez

Heute ist der 10. Dezember 2020. Draußen ein paar Grad über 0. In meinen Blumenkästen vorm Fenster sind eben die Lichterketten angegangen. Heute vor genau einem halben Jahr kam ich ziemlich erledigt von der Arbeit, hab mir ne riesige Ladung Fisch mit Reis reingezogen und wollte mich eben für ein gepflegtes Nickerchen auf mein Bett schmeißen, als das Handy brummte. Ich überlegte noch, ob ich gleich drauf schaue oder doch zuerst die Augen zumache. Mit einem halben Blick linste ich auf das Display. Und war schlagartig wieder hellwach. Der hat doch nicht…? Der ist doch nicht etwa…?

Die Nachricht enthielt kein einziges Wort und sagte doch so viel. Dein Standort. Unten an der Elphi. Ich fasste es nicht. Was zum Teufel…?

Dieser Typ ey. Lange hattest du bei mir gar keinen Namen. „Dieser Typ von Instagram“. Wir hatten eine Weile hin- und hergeschrieben, es wurde mal das kommentiert, mal das nachgefragt, oft ging es um Einrichtungsthemen, da ich seit April dabei war, meine neue Wohnung einzurichten. Dann hüpften wir aber auch recht schnell in persönlichere und deepe Themen: Job, ehemalige Beziehungen, Familie, Elternschaft, Einstellungen zu Gott und die Welt – und ja, da kristallisierten sich so gewisse und verdammt viele Gemeinsamkeiten heraus. Einen wirklichen Fokus hattest du aber wohl schon sehr viel länger als ich auf diese Sache.

Dating in Coronazeiten hatte ich eh abgeschworen, war an dem Punkt angekommen, an dem ich dachte: allein bleiben ist ne echt okaye Option. Und falls doch noch mal irgendwann jemand vorbei kommt, dann joa, von mir aus. Du hattest den Zeitpunkt unbewusst sehr richtig gewählt.

Über ein Treffen hatten wir davor noch nicht gesprochen, du hattest dich schon mit der Frage, ob wir vielleicht mal auf WhatsApp wechseln könnten, schon so arg angestellt. Und ich bewundere heute noch deine Coolness, als ich dir daraufhin voll einen vor den Latz knallte und sagte – frei übersetzt – „Also, ich weiß ja nicht, was du dir davon versprichst, aber ich sag mal direkt, wie’s ist: jemand, der nicht in Hamburg wohnt, kommt für mich nicht in Frage. Können also gerne weiter schreiben, weil ist nett und so, aber dir sollte klar sein, dass da nicht mehr draus werden kann.“

(…hüstel…selten so falsch gelegen, aber dazu später.)

Ich glaube, ich hatte noch das GIF mit Obama à la Mic Drop dahinter gestellt – selbst solche Ansagen gingen bei uns nie ohne ne Portion Humor ab.

„Du…bist in HH?“

„Ja, hab mich wohl irgendwo verfahren.“

„Warum sagst du sowas denn nicht, ey?“

„Überraschungseffekt.“

„Beruflich?“

„NEIN du Nase! Was denkst du?“

„Zusammen gefasst etwa: ORRRRRR!“

„Eher so ‚Orrrrr, was’n Spinner?‘ oder ‚Orrrrr, was’n Stress jetzt‘?“

„Ne Mischung!?“

Erster Impuls war: Vorhänge zuziehen und abwarten, bis die Stadt da draußen wieder sicher ist. Aber nach einem Panik-Telefonat mit der besten Freundin, die mir nach ihrem Lachanfall den verbalen Arschtritt gab, den ich brauchte, zog ich mich 3mal um, um schlussendlich doch den Rock mit den Kreidespuren vom Schultag anzulassen, weil „hey, it’s me“. Moaaa, dieser Tag war echt anders geplant, eigentlich stand Möbelrecherche fürs Wohnzimmer auf dem Programm.

„Ich geb dir ne halbe Stunde, danach geh ich Sofas gucken. Arschkeks.“

„Wenn du das ernst meinst, wäre dies als außerordentlich konsequent zu bezeichnen.“

„Hey, für nen ersten Eindruck reichen auch 2 Minuten – da sind 30 schon echt großzügig bemessen.“

„Das mit der Romantik müssen wir echt noch üben.“

„Fresse!“

Während ich mir noch die Haare kämme, merke ich, dass ich ja nicht mal weiß, wie du aussiehst. Ich habe nie ein Foto gesehen.

„Wie erkenne ich dich denn? Trägst du ne rote Rose im Knopfloch?“

„Denke, ich erkenne dich. Die einzige vor Wut schäumende Person, die hier lang flaniert.“

„Aber ich dich nicht. Das ist unfair.“

Dein Foto sehe ich, als ich aus der Haustür trete mit dem Kommentar: „Deine letzte Chance, einen wichtigen Anruf vorzutäuschen.“

„Dachte eher an eine Videokonferenz, ist aktuell einfach zeitgemäßer und glaubwürdiger.“

„Natürlich.“

Und dann sah ich dich da sitzen. Auf dieser Bank vor der Elphi. Du hattest dich noch über den Wind beschwert – kein Wunder, du warst in Hamburg (hallo?) und saßt noch dazu genau in der Windschneise da in der Ecke. Klassischer Touri-Anfängerfehler. Tief durchatmen, er ist wahrscheinlich nervöser als du.

„Wenn du sagst, dass du jemanden kennen lernen willst, meinst du das offensichtlich verdammt ernst.“

Dieses Grinsen ey. Obwohl ich dich echt ne ganze Weile habe warten lassen.

„Darf ich dich in den Arm nehmen?“

„Ja, verdammt.“

„Soll ich nen Timer auf 30 Minuten stellen?“

Ich hasse ihn jetzt schon.

Wir brauchten drei Wochen, bis wir offiziell zusammen waren und trotzdem ist der 10. Juni der Tag, der uns im Kopf bleibt – da fing diese ganze echt verrückte Sache an. Sechs Monate und es kommt mir zum einen so vor, als wäre es nie anders gewesen und gleichzeitig zum anderen so, als ob dieses erste „Nicht-Date“ (es war kein Date, es war ein Überfall) erst ein paar Tage her ist. Ein halbes Jahr. Krass verrückt. Das mit uns.

Spoiler: das Sofa, das ich mir an dem Tag nicht mehr angucken konnte, kaufte ich dann mit ihm während unseres 3. Dates.

Fränzi.

12 Mär

Ich habe ein Buch aus meiner Kindheit gelesen.
Eins meiner liebsten – damals wie heute: „Fränzi mag gern Marmelade“ von Russell Hoban.

Es geht ganz viel um Essen. Und ich singe auch. Oder probiere es.

Fränzi mag gern Marmelade

Fränzi mag gern Marmelade