Vorbildfunktion.

21 Mai
Ich bin auf dem Weg zu einem Treffen, auf das ich eigentlich nicht viel Lust habe. Es ist persönlicher Natur. Doofer persönlicher Natur.
Treffpunkt Landungsbrücken, von meiner Wohnung aus etwa 10 Minuten zu Fuß. Wenn man trödelt.
 
Etwas vermuffelt ob der Dinge, die mich erwarten würden, trabe ich über die letzte Fußgängerampel und bin fast schon da, als ich von links ein eher barsch angehauchtes: „Danke für’s Vorbild!“ vernehme.
Eine Sekunde lang bin ich irritiert, ob dieses beleidigende Etwas mir gilt, drehe den Kopf und blicke auf einen vorwurfsvoll kopfschüttelnden Mann mit seiner kleinen Tochter an der Hand, die an eben dieser Ampel, die ich überquerte, stehen und warten.
Nun ist es ja so und diese Tatsache fiel mir in Hamburg erst nach einer Weile auf: Manchmal sind Fußgängerampeln in eine Richtung noch Grün, in die andere aber bereits Rot. Ich begründe das für mich selbst mit der unterschiedlichen Anzahl von zu überquerenden Fahrbahnspuren nach dieser kleinen Mittelinsel, bin mir aber bis heute nicht sicher, ob das so stimmt. Auf jeden Fall stoppt man so die Menschen lieber gleich komplett auf der einen Seite, als dass sie dann eine ganze Ampelphase in der Mitte auf beiden Seiten von Autos und LKW umbraust werden.
 
Auf jeden Fall bin ich mir zu 100% sicher, bei Grün über die Straße gegangen zu sein.
Und nun steht da dieser Typ, Mister Super-Dad, der seine Tochter zu verkehrsbewusstem Verhalten erziehen will. Und alle fiesen Gestalten, die diesen Plan nur ansatzweise verhindern, werden verbal von ihm vernichtet. Und in seinen Augen bin ich jetzt das Negativ-Beispiel. Eine, die zeigt, wie man es nicht macht. Ich zögere noch mal einen Moment, um zu überlegen, ob ich mit dem Ignorieren dieser falschen Bemerkung leben könne, mache dann nach drei Schritten auf dem Absatz kehrt, gehe auf ihn zu und zeige mit einem: „Verzeihung, sehen Sie da oben die Ampel?“ auf das grüne Männchen, das freudig für die Menschen leuchtet, die aus der selben Richtung kommen wie ich eben.
Er schaut etwas verwirrt nach oben, dann wieder zu mir.
„Wie Sie vielleicht sehen“, erläutere ich in einem betont höflichen Ton, „bin ich durchaus bei Grün über die Ampel gegangen. Oh, und was Sie nicht wissen konnten: Ich bin Lehrerin und weiß dadurch sehr wohl, wie man sich an Ampeln gegenüber Kindern verhält. Aber vielleicht sollten Sie sich mal überlegen, welches Vorbild Sie für Ihre Tochter abgeben, wenn Sie einfach ungerechtfertigter Weise fremde Leute auf der Straße anpöbeln. Schönen Tag noch.“
 
Ich hinterlasse einen völlig perplexen Super(beschämten)-Dad, der sich bemüht, seinen tief hängenden Unterkiefer wieder zu kontrollieren und gleichzeitig den Kragen seines Mantels peinlich berührt nach oben klappt und im Weggehen höre ich nur noch eine süße, hohe Mädchenstimme, die neugierig zirpt: „Papa, wer war die Frau?“
 
 
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Lars.

18 Jan
„Heute fast nur Lehrer hier, sorry.“
„Ach du Scheiße!“
Lars muss lachen, als er mich zu einer Gruppe Leute schiebt und mich vorstellt.
Ich kenne kaum jemanden hier, ist auch das erste Mal, dass ich ihn privat treffe. War auch alles recht spontan, ich hab ihm gestern nur schnell zum Geburtstag gratuliert und dann lud er mich gleich für heute ein.
Gartenparty hinterm Haus.
Mit Grillen und Bier trinken und so.
Das Wetter ist gut, nicht herausragend, aber trocken. In Hamburg ja auch nicht selbstverständlich. Trotzdem hat er mit Freunden noch ein paar Pavillons aufgebaut mit Bierbänken und Tischen. Überall stehen Schüsseln mit Brot und Salat. Ich stelle meine dazu, als er mich gespielt empört anguckt.
„Ich hab dir doch extra geschrieben, dass du nichts mitbringen brauchst.“
„Tja…was soll ich sagen? Der Nudelsalat stand einfach so in der Küche rum und ich dachte, ich brauch den eh nicht…“
Er hat Grübchen beim Lächeln. Wie ich.
„Danke, voll lieb von dir.“
„Gerne.“
 
Er drückt mir ein Astra in die Hand und wir stoßen an.
„Bin gleich wieder da, muss kurz Gastgeber spielen.“, entschuldigt er sich und begrüßt die Leute, die eben aus der Kellertür nach draußen in den Garten treten. Er wohnt im Hochparterre, ich sehe die offene Wohnungstür. Drinnen spielt Musik.
Komisch, plötzlich so in dem Leben eines anderen zu stehen. So richtig viel zu tun miteinander hatten wir bisher nicht. Wir sehen uns auch nur einmal die Woche in der Klasse. Sonst vielleicht mal noch aufm Flur oder beim Kopieren.
Jetzt steht er da, fährt sich durch seine blonden, strubbeligen Haare und lässt sich brav gratulieren. Er trägt einen Kapuzenpulli, anders kenne ich ihn auch fast nicht. Dass er unter anderem Sport als Unterrichtsfach hat, passt zu ihm wie Arsch auf Eimer.
Die Truppe von eben spricht mich an, woher wir uns kennen und was ich so mache.
Lehrer-Gespräche. Nie langweilig, nur für Außenstehende. Was ich absolut nachvollziehen kann. Aber die sind ja heute wohl eh Mangelware.
Mit einem Mädel versteh ich mich auf Anhieb gut. Marie – erzählt wie ein Wasserfall, dass sie ja eigentlich nur auf der Durchreise sind, sie und ihr Freund, und hoch ‚gen Norden wollen, aber heute Abend noch weiter zu fahren mache ja auch kaum Sinn, weil das ja bestimmt länger gehen würde heute und also schlafen sie dann nachher einfach in ihrem VW-Bus und dann können sie morgen ganz früh…
„Ihr habt einen VW-Bus?“, unterbreche ich sie begeistert.
„Ja, also mein Freund und ich haben uns den gekauft.“
„Kann ich den mal sehen? Ich mag VW-Busse voll.“
„Klar, dann los. Haben direkt vorm Haus geparkt.“
Auf dem Weg nach draußen begegnen wir Lars, der gerade Bierkästen im Durchgang stapelt.
„Kommste mit Bus angucken?“, fragt Marie.
 
„Boa, mit so nem Ding losfahren und abends am Strand parken, mit nem Bier aufm Dach hocken und aufs Meer gucken…“, schwärme ich draußen leise vor mich hin und fahre mit den Fingern über die Motorhaube, während Marie die Schlüssel in ihrer bunten Umhängetasche sucht.
Lars schaut mich überrascht an.
„Was?“, frage ich, leicht verunsichert wegen seines Blicks.
„Ich glaube, wir sollten mal zusammen Urlaub machen.“
„Weil gleiche Vorstellungen davon?“
„Eeexakt.“
Ich lächle.
 
Wir quetschen uns zu dritt auf die Rückbank, erst Marie, dann ich, dann Lars. Maries Freund kämpft vorne mit dem Radio.
„Oh. Ich sitz auf deinem Rock.“, entschuldigt sich Lars.
„Macht nichts, er beschwert sich ja nicht.“, grinse ich zurück.
Er lehnt sich von innen an die Scheibe, während uns Maries Freund von dem Kauf dieses Traumwagens berichtet.
„Und das kann man hier dann alles zu nem riesigen Bett ausklappen, haben wir selbst rein gebaut“, erzählt Marie stolz.
„Geiles Teil“, flüstert Lars.
Du auch, denke ich und beiße mir auf die Lippen. Das dachte ich übrigens auch, als ich ihm an meinem ersten Tag in der neuen Schule begegnete. Männliche Lehrer sind ja im Bereich Förderschule so oder so eine Rarität. Und wenn man welchen begegnet, sind die dann meist Anfang 40, verheiratet, haben zwei Kinder, ne hübsche Ehefrau und nen Golden Retriever. Oder sie haben eine seltsame Brille mit runden Gläsern auf der Nase, lange, ungepflegte Haare, studierten Sonderpädagogik nur, weil sie das während ihrer Zivi-Zeit voll knorke fanden und tragen bestimmt Unterwäsche mit nem hohen Hanfanteil.
Lars dagegen…hat einen tollen Klamottengeschmack, ist ein paar Monate älter als ich, besitzt eine infantile, ansteckende Einstellung, die mir sehr gefällt. Dazu Typ Surfer, alles locker und lässig und ein verstörend gutes Aussehen.
Ich hatte mich gleich im zweiten Satz verhaspelt und blamiert, als er fragte, seit wann ich hier wäre und ich „Öh, seit so 10 Minuten“ stotterte und er lachte: „Ich meinte, seit wann du in Hamburg bist.“
Und seitdem wusste ich, ich mag den irgendwie. Allerdings dachte ich bis heute, einer wie er hat sicherlich eine Freundin. Er ist auch nicht frisch hier hoch gezogen oder so, er wohnt quasi schon immer hier. Aber wäre eine feste Freundin an seinem Geburtstag nicht auch da? Nun…
 
Im Verlaufe des Abends fallen dann doch noch ein paar Tropfen, so dass es auf den Bänken recht kuschlig wird. Lars sitzt am Nebentisch, Rücken an Rücken. Plötzlich lehnt er sich an und lässt seinen Kopf nach hinten auf meinen fallen.
„Du hast die perfekte Größe, voll gemütlich.“
An seiner Stimme höre ich, dass er dabei grinst.
„Na vielen Dank auch.“
Ein paar Mädels bringen Kerzen für die Tische, weil das Grillfeuer seinen Dienst auch getan hat und es schon mehr als dämmrig ist.
Lars dreht sich zu mir um.
„Magste die Wohnung mal eben sehen?“
„Klar.“
Ich stapfe ihm etwas tollpatschig durch die Wiese nach und rutsche auf dem nassen Gras weg, kann mich aber noch aufrecht halten.
„Zu viel Bier?“, witzelt er.
„Der Boden ist nass, ja?“
„Joa sicher…der Boden.“
„Ach, halt die Klappe.“
 
Und schon stehe ich vor der nächsten Herausforderung. Ein dunkler Kellergang. Ein wirklich sehr dunkler Kellergang.
„Der Lichtschalter ist oben.“
„Na, da hat ja einer mitgedacht.“
Ich taste mich vorsichtig an der Wand entlang. Lars ist plötzlich nicht mehr vor mir. Ich kann nicht mal meine Hand vor Augen erkennen.
Dann hör ich ihn von der Treppe oben.
„Ich glaub, das Licht ist kaputt. Geht’s?“
„Äh….nein?!?“
Ich stehe im Nichts und komme mir doof vor.
Dann höre ich Schritte, gleich darauf ertastet seine Hand meine.
„Na los, Angsthase.“
„Ey, schwarze Löcher sind nichts gegen deinen Keller.“
 
Seine Wohnung gefällt mir, vor allem, weil es gleich links in der Küche Weißwein gibt. Lars stellt mir seinen Bruder vor und der gießt mir dann ein. Im Badezimmer tummeln sich ein paar Badeenten am Waschbecken, ich muss grinsen. Der helle Parkettboden im Flur ist schön, sieht abgeschliffen und geölt aus. So schön, dass man mit der Hand mal drüber streichen möchte, was man dann aber sein lässt, weil einem einfällt, dass da heute schon bestimmt 40 Paar Schuhe ausm Garten drüber gelaufen sind.
Das Wohnzimmer ist fast zu bunt für einen Mann.
„Das sagen viele.“, meint er und drückt die Tür zum Schlafzimmer auf. Ich bleibe etwas unsicher im Türrahmen stehen, wäre seltsam, da hinein zu gehen. Ein frei stehendes Bett, ein Teppich, lange Gardinen. Wirklich gemütlich.
„Du hast den Schreibtisch auch nicht im gleichen Zimmer wie das Bett, ne?“
„So weit käm’s noch“, lacht er, „abends will ich das Zeug echt nicht mehr sehen.“
„Und…du wohnst also allein?“
„Ja, seit einiger Zeit wieder.“
Soso.
Im Rausgehen greift er die Flasche Weißwein, aus der mir eben eingeschenkt wurde.
„Die nehmen wir gleich mal mit.“
„Mir schwant Böses.“
„Ach iwo.“
 
Mittlerweile ist es nach Mitternacht, einige Gäste sind schon gegangen. Wir sitzen mit ein paar Leuten wieder im Garten auf den Bänken. Lars links neben mir. Ich hantiere mit dem abgetropften Wachs der Kerze auf dem Tisch.
„Spielkind.“
Er knufft mich in die Seite.
„Ich hör ja schon auf!“, grummle ich, schnappe mir eine leere Bierflasche und beginne, das Etikett ab zu knibbeln.
Er beugt sich zu mir rüber und meint: „Das mach ich auch immer.“
Wir schauen uns kurz grinsend an. Wirklich nur kurz, lange kann ich seinen Augen nicht stand halten.
 
Nach einer Weile spüre auch ich die Müdigkeit, die immer mehr Leute zum Gehen bewegt. Ich mag aber noch nicht heim, es ist gerade so nett.
Ich lehne mich etwas an Lars‘ Schulter an, er reagiert und streicht mir sanft durchs Haar. Schönes Gefühl. Dann muss er aufstehen, um Marie und ihrem Freund ‚Gute Nacht‘ zu sagen, sie verkriechen sich in ihren Bus. Anschließend setzt er sich wieder neben mich, sich jetzt aber noch mal anzulehnen, käme mir komisch vor. Also lasse ich es und stütze mich mit den Armen auf dem Tisch auf. Wir sind ja bloß Kollegen, nicht übertreiben.
 
Lars hört gerade einem Kumpel aus seinem Sportverein zu, der vom Training diese Woche erzählt, als ich plötzlich merke, wie er seine Hand auf mein Knie schiebt. Was zum…?
Ich darf da jetzt nicht hingucken, das wäre zu auffällig. Ich meine, ich habe wirklich ein gesundes Selbstbewusstsein, aber…meint der wirklich mich? Hat er zu viel getrunken?
Seine Hand bewegt sich nicht da weg. Statt dessen fangen seine Fingerspitzen an, leicht über meine Strumpfhose zu streichen. Ich kann das gar nicht glauben. Echt jetzt?
Er hört weiter seinem Gegenüber zu und antwortet auch und gleichzeitig liegt da seine Hand auf meinem Knie als wäre es das Natürlichste auf der Welt.
Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Die ganzen Monate über in der Schule…keinerlei Andeutungen. Und jetzt plötzlich doch…der Abend war schön gewesen ja…aber…also…meint er das ernst?
Ich muss das testen und bewege meine linke Hand ganz vorsichtig zu seiner. Er greift sofort danach. Unsere Finger verhaken sich, spielen leicht miteinander.
Ich mache große Augen, gucke ihn an.
Er grinst frech zurück.
Und dann sitzen wir da, erzählen, lachen und trinken mit den anderen und unsere Hände haben sich gefunden. Ich glaube das immer noch nicht so richtig.
Sobald sich Leute verabschieden, lässt er los und steht auf, aber seine Hand kommt danach immer wieder zu meiner zurück. Ich grinse innerlich in mich hinein. Er streichelt über meinen Oberschenkel und streift mit den Fingern ein Stück an meiner Wade hinunter. Ich bekomme Gänsehaut. Keiner bemerkt etwas, es passiert ganz heimlich und ist dadurch sehr aufregend. Er fährt mit seinen Fingern meine ab, kitzelt über die Handinnenfläche. Dann verkreuzen sich unsere Finger wieder ineinander und er übt leichten Druck aus…das fühlt sich toll an. Mittlerweile habe auch ich begriffen, dass er wirklich mich meint und traue mich, auch seine Hand etwas zu erkunden.
Eigentlich nur eine kleine Geste, ich hatte dem bisher nie große Beachtung geschenkt, aber was da gerade unterm Tisch ablief, puh.
Uns gegenüber sitzt Thomas, ein Kollege aus der Schule. Na ja, sitzen wäre übertrieben. Er hängt halb in sich zusammen gesunken auf der Bank und ich beobachte seit 5 Minuten, wie die Bierflasche in seiner Hand immer weiter nach unten sinkt. Er hat die Augen geschlossen und gibt auf Anfrage lustige Grunzgeräusche von sich. Weiter hinten im Dunkeln stehen noch drei Leute. Oder sind es vier? Der Rest hat sich nach oben in Lars‘ Wohnung verkrochen.
„Hey…“, flüstert Lars und ich drehe meinen Kopf zu ihm.
Er lächelt.
„Hey…“
Er rutscht näher an mich heran. Mir wird warm. Unsere Gesichter sind keine 10cm mehr voneinander entfernt. Die Spannung ist fast greifbar.
Plötzlich schreckt Thomas hoch und seufzt laut. Wir zucken ertappt auseinander wie zwei aufgescheuchte Hühner. Thomas schaut mit Augen auf Halbmast zu uns, hebt eine Hand und meint, nach einer bedeutungsschwangeren Pause, mit tiefer Stimme: „Schlaf! Schlaf ist die Lösung!“ Dann schlägt er mit der Faust auf dem Tisch und ruft: „DIE LÖSUNG FÜR: ALLES!“
„Ich bring den mal eben hoch aufs Sofa“, flüstert Lars mir zu und steht auf, nicht ohne mir mit der rechten Hand über den unteren Rücken zu streichen, „alleine findet der den Weg nicht mehr.“
„Durch diesen Keller sicher nicht“, zwinkere ich.
„Wartest du hier?“
Ich nicke.
 
Kaum haben sich die beiden vom Tisch erhoben, hüpft Sarah auf die Bank gegenüber. Die Freundin von Lars‘ Bruder. Wo kommt die denn plötzlich her? Sie kichert betrunken und wirkt ziemlich aufgedreht. Respekt! Für 3 Uhr nachts. Sie spielt mit einer Haarsträhne herum und scannt mit einem wirrem Blick die Tische ab.
„Liegt hier mein Handy rum? Wir brauchen mal gute Musik.“
„Ich hab nichts gesehen, sorry.“
„Aaaaahhh…“, sie zeigt mit dem Finger direkt auf mich, „du bist die Kollegin aus der Schule, ne?“
„Ähm…ja?!“, entgegne ich, „nicht die Einzige heute.“
Betonte sie das ‚die‘ von ‚Kollegin‘ gerade etwas zu sehr?
„Ja ja, weiß ich…“
„Ach so?“
Ich bin zunehmend verwirrt.
Da taucht Lars wieder auf.
„Sarah. Welch Freude!“, begrüßt er sie.
„Hast du mein Handy gesehen?“, quietscht sie ihm entgegen.
„Nöö. Aber such doch mal oben in der Wohnung.“
„Da hab ich doch grad schon geschaut.“
Lars rutscht wieder neben mich auf die Bank.
Sarah huscht um uns herum und tastet sich durch das Gras unter den Bänken. Mutig.
Er schaut mich mit einem Blick an, der sagen will: ‚Tut mir so leid, dass die jetzt nicht abhaut und wir alleine sein können.‘
Ich halte ihm seine Bierflasche hin und wir stoßen an.
„Alter, der Kühlschrank ist kaputt!“, tönt es da aus der Wohnung. Es ist Lars‘ Bruder.
„Und hast du Sarah gesehen?“
Lars seufzt.
„Ja, die wuselt hier rum.“
„Bring die mal mit.“
Ich lege den Kopf schief und muss mir ein Lachen verkneifen.
„Familie ist was Schönes, ne?“
„Witzig!“
Lars trinkt noch einen Schluck, erhebt sich widerwillig.
Dann schnappt er sich Sarah am Armgelenk, die leicht debil grinsend eine übrig gebliebene Packung Würstchen umklammert und sich mitziehen lässt.
 
Nun sitze ich alleine da. Eine Minute. Zwei Minuten.
Mhm.
Die Tür zur Wohnung ist zugefallen, ich kann nicht sehen, was sich da drin abspielt.
Es ist fast halb 4.
Ich stehe auf, krame mein Zeug zusammen, rücke meine Beanie-Mütze zurecht und tapse durch den Keller Richtung Wohnung. Netterweise hat zwischenzeitlich jemand Kerzen im dunklen Flur aufgestellt, so dass ich mich selbstständig zurecht finde.
Kaum biege ich oben um die Ecke, tritt Lars aus der Tür.
„Stecker drin lassen macht manchmal echt Sinn!“, sagt er gerade kopfschüttelnd, dreht sich um und erschrickt sich kurz, weil ich direkt vor ihm stehe. Dann lächelt er.
„Ähm…du…“, stottere ich, „ähm…weißt du die Fahrzeiten…also vom…wann der Bus fährt? Der Nachtbus? Also, gibt’s da überhaupt einen?“
Cool, ich kann voll eloquent, wenn’s sein muss.
„Klar. Ich schau eben mal nach.“
Er zieht sein Handy aus der Jeans.
„Und die Haltestelle? Ist die da, wo die andere auch war? Also, an der ich ausgestiegen bin? Da gegenüber direkt dann?“
„Ich bring dich.“
„Oh, das musste nicht.“
„Doch, doch. Ich bring dich.“
„Ich find das auch all…“
„Doooch! Ich. bring. dich!“, betont er und schaut mir dabei direkt in die Augen.
Ja ok, jetzt hab selbst ich es geschnallt. Er will mit mir alleine sein. Wie verrückt das ist.
 
Kaum treten wir aus der Tür und auf die Straße, greift er im Erzählen meine Hand. Als wäre das nie anders gewesen. Vor ein paar Stunden waren wir noch Frau S. und Herr T., alles rein kollegial.
Wir schleichen am Bus von Marie vorbei und sinnieren kurz, die beiden aufzuwecken durch einen Ans-Fenster-Trommel-Alarm, beschließen aber dann, es zu lassen, da sind wir viel zu sozial zu. Dann lachen wir über diese Tatsache.
„Müssen wir nicht links zur Hauptstraße?“, frage ich, als er mich nach rechts weiter zieht.
„Ich dachte, wir laufen noch eben um n Block. Dauert eh noch, bis der Bus fährt.“
„Okaaay…“
„Das Viertel hier ist echt ganz hübsch.“
„Okaaay…“
Wir biegen um die Ecke und sind nun nur noch wir beide. Er erzählt gerade, wie er die Wohnung hier bekommen hat und dass das in Altona ja gerade noch so bezahlbar wäre. Dann verlangsamt er seinen Schritt, lässt meine Hand los und legt statt dessen seinen Arm um meine Schulter.
Wenn ich jetzt zu ihm hoch gucke, passiert’s. Ich weiß das. Realisiert habe ich es aber immer noch nicht. Was machen wir denn da nur?
Ich hebe meinen Kopf nur ein wenig und linse schräg nach rechts oben zu ihm. Ich bin zu neugierig auf seinen Blick. Meine Reaktion reicht ihm. Er bleibt stehen, dreht mich zu sich und umfasst mich um die Taille. Sein fester Griff gibt mir den Rest, ich muss mich konzentrieren, weiter zu atmen. Unsere Nasenspitzen berühren sich sanft, dann legt er seinen Kopf etwas schief, schiebt das Kinn etwas nach vorne und täuscht vorsichtig einen Kuss an, hält aber kurz, bevor sich unsere Lippen berühren, inne. Dieses Rauszögern macht unfassbar an. Der halbe Abend war irgendwie schon eine Art Vorspiel gewesen. Dann ist die Anziehung aber zu groß, er drückt mich fest an sich und küsst mich. Ganz vorsichtig, langsam. So, dass jede Lippenbewegung, jede Berührung kostbar ist und zu genießen gilt.
‚Ich küsse tatsächlich Lars, den heißen Kollegen aus der Schule. ICH! Das ist doch Wahnsinn!‘, schießt es mir immer wieder durch den Kopf.
Unsere Lippen harmonieren wunderbar miteinander, wie eine komponierte Symphonie aus Berührungen, in der alle verschiedenartigen Einzelheiten eindrucksvoll zusammenwirken.
Er küsst unglaublich gut. Dieser Kuss beherrscht alles, die gesamte Situation. Nichts anderes nehmen wir mehr wahr.
Irgendwann lassen wir voneinander ab. Als ich die Augen öffne, lächelt er mich an.
Ich beiße mir auf die Unterlippe und lehne meine Stirn an seine Schulter. Wir haben uns geküsst. Ich habe meinem Kollegen geküsst. Verdammt!
„Oooooooops!“, flüstert er, als ob er denselben Gedanken hatte und beginnt zu lachen.
„Großes Oooops!“, wiederhole ich und schaue ihn mit großen Augen an.
Meine Arme umfassen seinen Oberkörper, ich fahre mit den Händen über seinen Rücken. Selbst durch den Pulli spüre ich seinen durchtrainierten Oberkörper. Er streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr und küsst mich erneut. Ich ziehe eine Hand nach vorne, stelle mich auf die Zehenspitzen und umfasse seinen Nacken, streife dann durch seine Haare. Das wollte ich immer schon mal machen.
Er hebt mich ein wenig hoch und dann spüre ich seine Hand hinten unter meinem Shirt. Ich zucke zusammen.
„Kalt?“, fragt er.
„Geht schon.“, grinse ich.
Seine Küsse werden intensiver. Wir stehen auf offener Straße, mitten in der Nacht. Und trotzdem gibt es nur uns Zwei. Niemand anderen, kein Auto, keine Fußgänger, noch nicht mal mehr Zeitgefühl.
Wenn ich schon mal bei seinem Rücken bin, kann meine Hand auch noch ein Stück weiter nach unten wandern. Seine tut es bei mir gleich.
Dann passiert etwas Komisches. Ich sacke ein Stückchen nach unten weg, meine Beine geben plötzlich nach. Er hält mich fest, schaut mich fragend an. Ich muss selbst überlegen, was das war.
„Ich…ich glaub, ich hab grad weiche Knie gekriegt…“, sage ich leise und ziehe die Schultern peinlich berührt nach oben.
Er muss lachen.
„Ist das n Kompliment?“
„Öhm…“
„Geht’s wieder?“
Ich nicke. Er greift meine Hand und wir schlendern weiter. Noch eine andere Seitenstraße zeigt er mir mit ein paar schönen, alten Bäumen. Ein paar Vögel sind schon wach und zwitschern.
Ich bleibe stehen und ziehe ihn sacht zu mir. Er schaut mir in die Augen, drückt mich dann an die Hauswand hinter mir und beginnt erneut, mich zu küssen. Er nimmt meine Hände und hebt sie entschlossen über meinen Kopf und hält sie dort fest, während er meinen Hals küsst. Ich kann nur noch die Augen schließen und genießen.
„Lars?“, frage ich nach einem Zeitraum, den ich nicht benennen kann.
„Hm?“, haucht er mir ins Ohr.“
„Fuhr da nicht irgendwie ein Bus oder sowas?“
„Oh.“
Er lässt von mir ab um auf die Uhr zu sehen.
„Schaffen wir grad noch.“
 
Kurz danach stehen wir an der Hauptstraße, schräg gegenüber ist die Haltestelle.
Er nimmt mein Gesicht in beide Hände, lächelt. Wir küssen uns noch mal und er meint: „Ist doch ne gute Idee…“
Das mit uns beiden? Meint er uns beide?
„Lehrer haben…doch immer gute Ideen.“, grinse ich zurück.
„Ich meld mich morgen bei dir, ok?“
„Ok.“
 
Während ich verdattert über diesen Abend wankend die Straße überquere, schaue ich ihm zu, wie er nun den direkten Weg zu seiner Wohnung zurück läuft. Und von den Scheinwerfern des ankommenden Busses geblendet denke ich, dass es glatt ein bisschen ärgerlich ist, dass der öffentliche Nahverkehr in Hamburg zur Abwechslung auch mal pünktlich fährt.
 
 

Unten am Hafen.

25 Okt
( Hier bekommen Sie vorgelesen. )
 
Wir sind hier aus freien Stücken.Landungsbrücken.
Schauen aufs Wasser mit der Stadt im Rücken.
Entzücken uns, so viel und sehr,
die Landungsbrücken
menschenleer.
Damals wie heute,
als wir uns trafen.
Unten am Hafen.
 
Der Himmel mit Wolken zugenäht.
Es war so spät –
manche sagen schon früh.
Die Lichter verglüh’n zwischen Stahl und Metall,
wir werden umhüllt von dem dumpfen Schall,
der durch Container von Blohm und Voss
wellenförmig zu uns floss…
als wir da saßen.
Unten am Hafen.
 
Der Michel schlug fünf,
es nieselte leicht.
Wie Hamburg da doch der Stimmung gleicht.
Die Elbe rauscht zu unseren Füßen
und treibt die Gedanken, die bittersüßen,
nach oben an die Wasserfläche
unsere Stärke und unsere Schwäche,
wie die Eisschollen im Winter rauscht alles vorbei
und über uns bloß Möwengeschrei.
Klang wie Musik in mehreren Octaven.
Unten am Hafen.
 
Es war schon Oktober.Herbst.
Frisch, aber nicht kalt.
Aber bald bestimmt.
Die Bäume, deren Blattwerk bunte Farben annimmt,
sind dann kahl.
Ich ziehe den Schal von meiner Schulter nach vorn
und blicke dich an
und frag mich: Seit wann
mag ich dich?
Das schlich sich so an,
dieses eine Gefühl.
Mir ist etwas kühl so wie du es warst
in den letzten Tagen.
Ein wenig flau im Magen.
Die Fragen plagen und lassen das Herz schlagen
bis hoch zum Kragen.
Es wagen oder doch Verzicht?
 
Wir sind uns beinah nah.
Manchmal ja,
dann wieder nicht.
Durch den Regen bricht sich das Licht
und keiner spricht.
Ein Dickicht von Worten,
bei dem einem schlicht die Durchsicht fehlt?
 
Die Frage steht im Raum,
obwohl wir draußen sitzen.
Wassertropfen spritzen
mir gegen’s Bein.
Sag bitte nicht Nein.
 
(Rückblende 1)
 
Nur ein paar Meter weiter
bist du damals gelaufen,
das Wetter wolkig bis heiter,
ich fuhr dich fast übern Haufen.
Die Ampel war schuld.
In eine Richtung grün, in die andere schon rot,
ich hatte eben Brot vom Bäcker geholt
und fuhr mit dem Rad und Kapuze drüber
noch schnell über die Straße rüber
und sah dich nicht da stehen.
Du konntest dich grade noch weg drehen,
bist getänzelt und gestolpert über die eigenen Schuhe
und geholpert und gefallen und dann herrschte Ruhe
für ein paar Sekunden.
Die alte Frau mit den zwei Hunden,
die täglich ihre Runden dreht
war noch nicht um die Ecke verschwunden,
als du anfingst zu kichern
und mir zu versichern,
dass alles in Ordnung sei.
Ich lehnte mein blaues Rad an die Mauer,
– du warst gar nicht sauer –
und setzte mich einfach zu dir auf den kalten Zement.
Das war der Moment, in dem wir
mit frechem Blick in Gelächter ausbrechen,
bis wir Seitenstechen hatten.
Danach aßen wir Baguette.
Das war echt nett.
 
Als Entschuldigung fürs Ganze,
lud ich dich ein dann in die Schanze,
zwei Tage später fand das statt,
da oben gleich am Schulterblatt.
 
Auf Holzbänken unter gelben SchirmenSchanze.
schirmten wir uns ab von den Leuten
und freuten uns an der Zweisamkeit.
Du sagtest: „Schön, dass wir das machen.“
Über die Welt reden und über Gott lachen.
Bier trinken
und versinken in den Gedanken des andern,
innerlich zueinander wandern.
Neugier wecken
uns mit Worten zudecken,
Gemeinsamkeiten entdecken,
uns gegenseitig necken
und auch was einstecken können.
 
Und als die Kerze auf unserm Tisch verglimmt,
ahnen wir beide, das stimmt
zwischen uns.
Könnte sein.
Das könnte echt was sein.
 
 
Die Frage steht im Raum,
obwohl wir draußen hocken.
Die Glocken schlagen 5mal etwa
Sag bitte Ja.
 
Wir sitzen hier,
du erzählst mir von deinen
Gedanken an mich,
bei denen du dich,
je mehr Zeit vergeht,
man es wendet und dreht
mal ganz offen gesagt,
fragst, was du denn wirklich willst.
Und dabei überquillst in Gedanken.
 
Vieles, meinst du, fiel vielleicht leichter,
würde man nicht immer Worte gebrauchen,
es zu beschreiben.
Die bleiben nicht auf Dauer
genauer würden sie grau und grauer.
Dagegen mit kleinen Gesten und Taten
könne man durchwaten durch Gefühle wie bei Ebbe durchs Meer.
Mir ist, als ob da Nähe wär‘.
Sich nicht nur wenig nach dir sehnen.
Ich möchte mich anlehnen,
nein, ein klein wenig mehr sogar
das ist mir nun klar,
ich möcht‘ mich zuneigen
zu dir.
Nicht mehr mauern,
lieber Vertrauen schenken
mit ’ner hübschen Schleife dran
und hoffen, dass du es aufreißt
und weißt, was damit anzufangen.
 
(Rückblende 2)
 
Am Dienstag drauf fuhren wir raus
zum Strand.
Du nahmst meine Hand und wir stapften
mit Sand in den Schuhen Richtung Abendsonne.
Unter den Bäumen, deren Äste fast bis zum den Boden reichen,Strand.
die Blätter leicht über den Strand streichen,
schleichen wir herum wie die Tiger
auf der Suche nach Beute.
Egal, was die Leute denken.
Wir spielen Fangen,
schwangen und sprangen von den Ästen
wie die Kinder es tun.
Nun.
Ist nicht verkehrt.
So unbeschwert.
 
Spazieren weiter und gehen
bis wir die Villen von Blankenese sehen.
Eine ganz schöne Strecke.
Wir setzen uns gleich hinter einer Ecke
an einer herbstbunten Hecke
auf die Decke, die du dabei hast.
Wir lachen viel, du fährst mir durchs Haar
und legst sogar deine Hand mir aufs Knie.
Ein bisschen Magie.Muschel.
Du nimmst eine Muschel aus dem Sand
und legst sie mir vorsichtig auf die Hand
da unten am Strand.
 
Wir beobachten Wellen,
hören weiter hinten Hunde bellen.
Nur wir zwei unter vielen,
ein bisschen verbales Ping-Pong spielen
und während die großen Schiffe vorbei schwammen
saßen wir beide eng beisammen
und erzählten uns Gedichte von Heinz Erhardt.
 
Wir fühlen uns frei,
die Elbe hat heut etwas Nordsee dabei.
Der Wind weht frisch
und es riecht nach Urlaub, Salz und Fisch.
 
Mit der letzten Fähre tuckern wir müde zurück
und mit dem Gefühl, uns noch ein Stück
näher gekommen zu sein.
An den Landungsbrücken stehen wir dann – ganz allein –
und lächeln in die Nacht als wäre das völlig normal.
Ich ziehe meinen Schal über die Schulter nach vorn
und blicke dich an
und dann
trittst du zu mir heran,
berührst mich am Arm,
mir wird schlagartig warm
und dann küsst du mich.
Du küsst mich
und ich küss‘ dich
und alles, was vorher der Unsicherheit glich
zerbricht und schlich sich leise davon.
 
Jegliches Zeitgefühl verlor’n
steh’n wir da, den Moment eingefror’n,
da nebelhornt wie aus dem Nichts die Queen Mary 2
an uns vorbei.
Wir zucken zusammen und müssen lachen,Wasser.
als ob sie uns frug,
mit vorwurfsvollem Bug,
was wir denn hier bitte für Sachen machen.
Alles in uns aufgewühlt,
wissen wir grade, wie sich Glück anfühlt.
 
Du bringst mich noch bis vor die Tür
ich spür‘, wie dein Herz schlägt,
als wir uns umarmen.
Ich dreh mich um und die Gedanken tragen mich
von drauß‘ die Stufen durchs Treppenhaus
hinauf in meine Wohnung und ins Bett.
Doch die Stadt ließ mich nicht schlafen.
Nach dieser Sache am Hafen.
 
 
Die Frage steht im Raum,
obwohl wir draußen sind.
Der Wind weht von dort nach hier.
Was sag denn ich eigentlich dir?
 
(Rückblende 3)
 
Tage nichts von dir gehört
und das zerstört das, was wir hatten.
Und es stört mich, dass du nichts machst
und mir das was ausmacht.
 
Was lief falsch? Wo war der Fehler?
Wandere über Gedankenberge und durch Gefühlstäler.
Alles war doch gut gewesen,
hatte ich falsch zwischen deinen Zeilen gelesen?
Diese Fragen, dicht an dicht,
warum meldest du dich nicht?
 
Diese bangen Fragen, die sich schlangen
um Hals und Wangen und mich dazu bringen,
zu springen in die Angst.
Dass du mir weh tust wie die vor dir.
Wie all die vor dir.
 
Um für Ablenkung zu sorgen,
über den Abend bis weit in den Morgen
gibt es in Hamburg nur einen Plan:
Reeperbahn.
Mit Freunden ins Getümmel stürzen,
verkürzt die Stunden
und die Wunden
werden mit Wein betäubt
das zerstäubt die Gedanken,
die aufgescheuchten,
die im Neonlicht zu leuchten versuchen.
 
Mit Pommes an der großen Freiheit
verzeiht man sich selbst seine Naivität
und beginnt zu verdrängen
zwischen den Klängen,
sich durch Enge und Menge an Menschen zu drängen,
Gedanken nachhängen und nachrennen
gelänge einem eh nicht mehr.
Die Augen schließen und alles fließen lassen.
Die miesen Krisen aus den eigenen Synapsen reißen,
nicht mehr drum kreisen,
Gefühlswaisen, die statt zu schlauchen,
einfach untertauchen.
 
Und erst wieder aufblitzen,
als wir unten am Wasser sitzenFischmarkt.
und schauen,
wie sie am Fischmarkt aufbauen.
Ich bin grade dabei, in meiner Tasche zu kramen,
als ich dich meinen Namen sagen hör‘.
Du löst dich aus einer Gruppe von Leuten und kommst zu mir her
ich rutsche vom Geländer, mein Kopf ist ganz leer,
du scheinst dich zu freuen mich zu sehen,
fragst, ob wir ein paar Schritte gehen.
Kann ich verstehen, ist mir auch recht.
Mir ist ein klein wenig schlecht dabei.
 
Und nun sitzen wir hier,
die Frage steht im Raum,
ich trau mich kaum, mich zu bewegen.
Sei nicht dagegen.
 
Du wusstest nicht, wie ich das sehe,
was entstehen könnte, meinst du.
Ich hätt‘ mich zögerlich gezeigt
und eher doch dazu geneigt,
es zu lassen.
Ob’s passen würd?
Keinen blassen Schimmer, aber wenn…
„Was willst du denn?“
 
Und um meine Zweifel aufzubrechen,
höre ich mich leise sprechen:
„Wir könnten es probieren. Wir müssten uns vertrauen.
Wir sollten brillieren und uns was aufbauen.“
Könnte, müsste, sollte.
Was wollte ich?
Um sich zu lieben,
muss man den Konjunktiv auch mal beiseite schieben.
Sich selbst mit erhobenem Zeigefinger ermahnen,
sich aus dem Zwinger befreien und sich mit dem anderen verzahnen.
Auch wenn’s schief gehen könnt!
Vielleicht gönnt mir das Glück ja auch mal was von sich.
„Du bist mir alles andere als egal“, flüstere ich
und ziehe den Schal von meiner Schulter nach vorn
und blicke dich an
und dann fassen sich unsere Träume an –
ein Moment für die Biografen,
unten am Hafen –
schiebst du den kleinen Finger über meine
und ich bin die Deine.
 
 Sonnenhafen.

Ein Liebesgedicht.

6 Okt
Wir sind hier
Landungsbrücken.

Landungsbrücken.

aus freien Stücken.
Stehen da
mit der Stadt im Rücken.
Entzücken uns,
so viel und sehr,
die Landungsbrücken
menschenleer.
Damals wie heute,
als wir uns trafen.
Unten am Hafen.
 
 
 (Fortsetzung folgt)
 
 
 

Paul.

15 Sep
„Wäre gut, wenn der bei dir noch rein könnte. Ok?“
Als ob ich als gerade fertig gewordene Lehrerin da ein wirkliches Mitspracherecht hätte. Als ob ich es mir aussuchen könnte.
„Klar, kein Problem. Wann kommt er denn?“
„Die Mutter bringt ihn nachher her. Würden dann mal so in der 2. Stunde bei dir rein gucken kommen. Nur kurz.“
Gleich heute. Wundervoll. Danke fürs frühzeitige Bescheid geben.
„Super. Dann bis nachher.“
Die Kinder meiner ersten Klasse waren bunt zusammen gewürfelt worden. Ein paar kannten sich schon aus dem Kindergarten von nebenan. Andere kamen von externen Einrichtungen. Aber wie das bei Kindern so ist, nach ein paar Wochen waren sie zu einer Einheit zusammen geschmolzen. Wir waren die 1a. Da gab es nichts zu rütteln dran.
Nun sollte also noch ein Kind dazu kommen. Das Zwölfte. Für eine Klasse im Förderschulbereich ist das schon sehr viel. Ab 13 Kindern müsste die Klasse geteilt werden.
Paul, 7 ½ Jahre, gerade umgezogen mit seiner Familie. Zwei ältere Brüder, die die angeschlossene Hauptschule besuchen würden. Mehr wusste ich nicht.
 
„Boa! Noch n Junge? Scheiße, ich will mehr Mädchen!“
„Scheiße sagt man nicht, Luisa.“
„Spielt der gerne Fußball?“
„Frag ihn, wenn er nachher kommt.“
„Der soll neben mir sitzen!“
„Nein! Neben mir!“
„Ihr wisst, dass das eine Lehrer-Entscheidung ist.“
„Naaaa guuuut.“
 
Sehr leise steht Paul wenig später da, sich halb hinter seiner Mutter versteckend. Ihm ist das nicht so geheuer. Braune Haare, schon recht groß für sein Alter, ziemlich dünn, drahtiger Körper, eine lockere Jeans und ein dunkler Pullover. Er gibt mir brav die Hand, als ich in die Hocke gehe und mich ihm vorstelle. Martin stellt seine Fußballfrage und Paul nickt.
 
Ein paar Tage später sitze ich nach Schulschluss da, stütze meinen Kopf auf meiner rechten Hand ab und blätterte mit der linken langsam die Schülerakte durch. Die Heizung bollert neben dem Pult und gluckert etwas. „Hausmeister Heizung“ notiere ich mir schnell auf ein Post-It und lese weiter. Eine erstaunlich dicke Schülerakte hatte ich da bekommen. Für einen Erstklässler. Aber eigentlich war er das auch gar nicht. Eigentlich war er Drittklässler. Unsere Schule war nämlich bereits die dritte, die er besucht. Respekt. Wie kriegt man so etwas hin? Eingeschult in die zuständige Grundschule, kurz danach Wechsel in eine Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Die Berichte von Lehrern und Gutachtern waren vernichtend. Das Halbjahreszeugnis strotzte nur so von Formulierungen wie „zeigt kein Interesse an…“, „verweigert die Mitarbeit…“, „lenkt andere vom Lernen ab…“, „zeigt oft unangemessene Verhaltensweisen…“, „kaum Regelbewusstsein…“, „körperliche Auseinandersetzungen mit seinen Mitschülern…“, „keine oder nur unregelmäßig bearbeitete Hausaufgaben…“
Mit anderen Worten: Juhu.
Normalerweise lese ich Schülerakten nie direkt. Nicht aus Faulheit oder Zeitmangel. Ich möchte einfach nicht voreingenommen sein. Ich möchte ein Kind einfach kennen lernen, es beobachten, mir einen eigenen Eindruck verschaffen, bevor ich „die Fakten“ kenne. Diese Fakten gefielen mir nicht. Die klangen so von oben herab. Irgendwie so…genervt von diesem Kind. Unprofessionell.
„Die müssen ja heilfroh gewesen sein, als die Mutter dann umgezogen ist“, denke ich mir und klappe die Akte zu.
 
Ich stehe aus meinem schwarzen Drehstuhl auf, indem ich mich auf den Armlehnen hoch stemme. Der Vormittag war anstrengend gewesen, das merke ich erst jetzt. Ich gehe zu Pauls Platz. In dem kleinen Ablagefach unter der Tischplatte liegen seine Mappen für Deutsch, Mathe und Sachunterricht. Nachdem die Kinder ein Arbeitsblatt bearbeitet und zur Kontrolle gezeigt haben, wird dieses dort direkt abgeheftet. Nun ja…so war’s zumindest von mir gedacht.
Nun ziehe ich ein Blättergewirr heraus, geknautscht und gerissen, verkritzelt oder als Papierflieger gefaltet. Ich seufze und sortiere die noch halbwegs brauchbaren Unterlagen sorgfältig auf die einzelnen Mappen, damit Paul sie morgen gleich in der Früh abheftet.
Von den Kollegen hörte ich schon, dass Pauls ältere Brüder ziemliche „Rabauken“ seien, schon in der ersten Woche eine Schlägerei auf dem Schulhof angezettelt hätten und überhaupt lieber Fäuste als Worte sprächen ließen.
Leider schaute sich Paul dieses Verhalten fast gänzlich ab. Wenn ein Kind ihm am Garderobenschrank im Weg stand, wurde es unsanft weg geschubst. Wenn er über die Schultasche von Linda stolperte, wurde sie mal eben an den Haaren gezogen. Und wenn ihm auf dem Schulhof langweilig war, wurde gerne mal das ein oder andere Gesicht in den Sandkasten gedrückt.
Fast täglich stand ich in meiner Pause hinter der Fensterscheibe und zog Paul früher oder später aus dem Verkehr. Klären ließen sich die Situationen nur schwer. Fast täglich kamen Kinder mit Tränen und aufgeschürften Knien oder Händen zu mir, weil Paul sie zu Boden gestoßen hatte. Er selbst war sich kaum einer Schuld bewusst.
„Wenn der halt da im Weg rumsteht…“
„Was könntest du denn in einem solchen Fall tun?“
Los! Sag: „Fragen, ob er bitte Platz macht.“ Sag es!
„In den Bauch hauen. Hab ich ja auch gemacht.“
So konnte es nicht weiter gehen.
Paul und ich verbrachten viel Zeit alleine miteinander. Es galt die Regel: Wenn es Streit in der Pause gibt, bleibst du am nächsten Tag drin.
Zufrieden war ich damit nicht. Paul ist hyperaktiv, er braucht die Bewegung. Er musste sich irgendwie auspowern können. Und Texte aus dem Lesebuch abschreiben ist dazu nun mal leider nur bedingt geeignet.
Ich gab ihm andere Aufgaben: Die Arbeitstische der Kinder abwischen oder den Garderobenschrank sauber machen. Erstaunlicher Weise tat er das gerne. Nach einer Weile kam er, nachdem seine Mitschüler draußen waren, von sich aus zu mir und fragte nach Eimer und Lappen. Es ging ihm nicht um die Arbeit an sich, denke ich. Er genoss es einfach, dass sich jemand Zeit für ihn nahm. Sich mit ihm beschäftigte. Er die ungeteilte Aufmerksamkeit bekam, die ihm zu Hause fehlte.
An einem weiteren Tag, den Paul nicht auf dem Schulhof verbringen durfte, sitzen wir schweigend im Klassenraum, ich laminiere Bilder für die Deutschstunde kommende Woche, Paul malt ein Bild für Tobi, als Entschuldigung, weil er seine Trinkflasche über seinen Tisch gekippt hat. Er ist grummlig deswegen.
 
„Paul, ich möchte dir einen Vorschlag machen. Hörst du kurz zu?“
„Mhm.“
„Du bist ja ein sehr sportlicher Junge, richtig?“
„Mhm.“
„Und ich weiß auch, dass du eigentlich gerne draußen in der Pause bist, richtig?“
„Mhm.“
„Verstehst du, warum das so oft nicht geht?“
„Mhm.“
„Sag es mir mal.“
„Weil es Streit gibt.“
„Genau. Das klappt noch nicht so gut zwischen dir und den anderen Kindern. Trotzdem möchte ich gerne, dass du dich bewegen kannst.“
Er schaut mich irritiert an.
„Kinder müssen sich zwischendurch bewegen, damit sie danach wieder gut und konzentriert arbeiten können. Und deswegen dachte ich, wenn du noch mal Pausenverbot hast, dann könntest du doch hinten auf die Wiese gehen. Richtung Sportplatz, weißt du? Da ist ja in der Pause kein anderes Kind, also gibt es da auch keinen Ärger. Und du kannst dich ein bisschen austoben.“
Er legt den Stift auf seinen Tisch.
„Echt?“
„Ich dachte mir, das ist eine gute Idee und wollte dich fragen, was du davon hältst.“
Er spielt unsicher an der Ecke des Papiers herum. Er traut meinem Angebot wohl noch nicht.
„Ja…das wäre cool.“
„Gut, dann machen wir das so.“
Ich gehe ans Waschbecken und lasse Wasser über den Tafelschwamm laufen.
„Darf ich dann auch den Fußball mitnehmen?“
„Ja sicher.“
„Ok…“
Paul nimmt den Stift wieder in die Hand und malt weiter. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass er lächelt.
Das war wohl der Moment, indem er merkte, dass ich ihm nichts Böses will, ihn nicht bestrafen möchte. Sondern dass es darum geht, dass er hier gut zurecht kommt.
 
Wie viele Gedanken ich mir um Paul machte, konnte er wohl kaum erahnen. Ich bastelte an irgendwelchen Systemen, die ihm klar machen sollten, was geht und was nicht. Eine Ampel, auf der sein Namensschild von grün über gelb auf rot und umgekehrt wandern konnte, je nachdem, wie der Tag und die einzelnen Phasen des Vormittags liefen. Eine Auszeit-Sanduhr, mit der er sich hinten im Klassenraum in die Ruheecke setzen konnte, um runter zu kommen. Belohnungssticker, wenn das Abheften gut funktionierte ohne dass ich ihn erinnern musste. Jeden Morgen räumten wir seine Schultasche aus und sortierten sie ordentlich wieder ein. Wie innerhalb eines Tages da so ein Chaos drin entstehen konnte, ist mir bis heute ein Rätsel.
Paul forderte konsequentes Verhalten von mir, jeden Tag. Es mal locker angehen oder etwas mal ausnahmsweise durch gehen lassen…das gab es nicht. Selbst an Tagen, an denen ich es leid war, müde und ich keine Lust hatte, die Kollegin der Nachbarklasse anzurufen, damit Paul in ihrer Klasse eine Auszeit nehmen konnte…ich nahm trotzdem das Telefon in die Hand. Paul brauchte diese Grenzen. Er wusste damit nach einer Weile mich einzuschätzen. Was er bei mir darf und was nicht und was passiert, wenn er es trotzdem macht. Das gab ihm Struktur und damit Sicherheit.
Es blieb trotzdem schwierig, Paul hatte so viele Baustellen…im sozialen, emotionalen und auch im kognitiven Bereich. Lesen mochte er nicht sonderlich. Übte daheim nicht. Oft behielt ich ihn nach Schulschluss noch eine viertel Stunde da und las mit ihm die Seite mit dem S oder dem Eu.
Mit einigen Mitschülern kam er nach einer Weile klar, fand Freunde.
Wenn ich im Unterricht leise umher ging und mir die Arbeit der Kinder ansah, durfte ich Paul nicht anfassen. Selbst bei einem bejahenden Klopfen auf die Schulter zuckte er zusammen und drehte sich weg. Morgens die Hand geben war gerade noch so in Ordnung, alles andere kannte er nicht und empfand es als zu nah. Ich akzeptierte das. Für eine gut erledigte Arbeit beschlossen wir ein High Five, das fand er super.
 
Paul wohnte ca. 80 km von unserer Schule entfernt. Das ist bei Förderschulen nicht ungewöhnlich. Es gibt einfach nicht so viele davon und daher haben sie einen relativ großen Einzugsbereich.
Aber wenn man die Route des Schulbusses, der die Kinder morgens einsammelte und mittags wieder ablieferte, mit einrechnet, saß Paul täglich fast 4 Stunden da drin. Für ein Kind in seinem Alter jeden Tag eine kleine Weltreise. Oft kam er morgens entweder todmüde oder total überdreht an. Seine Mutter bewirtschaftete mit ihrem neuen Partner einen Bauernhof. Noch so richtig mit Kühen und Heu und matschigen Gummistiefeln. In Pauls Wochenenderzählungen kam hin und wieder ein geschlachtetes Schwein vor und wie sein Opa Wurst gemacht hat.
An sich ein spannendes Leben für Paul, nur hatten die Erwachsenen kaum Zeit für ihn. Seine Brüder waren ein gutes Stück älter als er und hatten keinen Bock auf den kleinen, nervigen Anhang. Pauls Mutter wirkte an seinem ersten Tag gestresst und genervt, sie verabschiedete sich bei mir damals mit: „Na dann viel Spaß mit dem.“
Ich biss die Lippen aufeinander und half Paul, seinen Ranzen aufzusetzen.
 
Es ist Donnerstag, 12.40 Uhr, ich hatte die Kinder gerade verabschiedet und räumte das Krepppapier in den Bastelschrank, als ich höre, wie draußen noch jemand über den Flur schlurft.
„Paul, hast du was vergessen?“
Er verknotet die Finger ineinander und schaut auf den Boden.
Ich gehe auf ihn zu.
„Möchtest du mit mir reden?“
Er nickt. Wir gehen in die Klasse und ich schiebe ihm einen Stuhl hin. Ich selbst nehme mir auch einen der Kinderstühle, so dass ich auf seiner Augenhöhe bin.
„Frau S.?“
„Ja?“
„Die Julia, die geht doch ins Internat hier, ne?“
„Ja.“
Wir haben direkt neben der Schule das Internatsgelände mit sehr schönen, neuen Gebäuden, einem Wasserspielplatz und Klettergerüst. Einige Kinder wohnen während der Woche dort, weil die Fahrt nach Hause jeden Tag zu weit wäre. Nur am Wochenende und in den Ferien sind sie bei ihren Eltern.
Paul schaut mich nun mit großen Augen an.
„Kann ich da auch hin?“
Ein Junge, nicht mal 8 Jahre, fragt mich, ob er ins Internat darf? Julia fühlte sich dort an sich wohl, hatte aber doch auch des Öfteren Heimweh.
 
„Möchtest du das denn?“
Er nickt bekräftigend.
„Ist bei dir zu Hause denn etwas nicht in Ordnung?“
„Die Mama schreit immer so mit uns. Und die Hausaufgaben guckt sie auch nicht an.“
Er bekommt nasse Augen. Ich hole Taschentücher aus unserer Tempo-Schublade.
Er schnäuzt zweimal.
„Da ist alles immer so laut und so.“
Ich würde ihn so gerne jetzt in den Arm nehmen.
„Und die Julia hat gesagt, im Internat wärs voll schön.“
Er sucht einen Ausweg. Eine Alternative. Eine Flucht aus seiner Situation.
„Soll ich mal mit der Mama reden, Paul?“
Er verkrampft sich auf seinem Stuhl.
„Nee, dann krieg ich nur wieder Ärger daheim.“
„Ich versprech dir, das wird nicht passieren. Ich werde der Mama nicht sagen, dass wir beide miteinander gesprochen haben.“
„Ich will lieber ins Internat.“
„Wir werden auf jeden Fall eine Lösung finden, ok?“
„Ok…danke.“
Er hatte sich noch nie für etwas bedankt.
„Es war richtig, dass du bei mir warst. Das hast du gut gemacht. Und nun lauf schnell in die Mittagsbetreuung, ich rufe bei Frau K. an, dass du unterwegs bist. Dein Bus fährt ja schon gleich.“
„Mhm, ok. Bis morgen.“
„Bis morgen Paul.“
 
Ich bleibe wie erstarrt einige Minuten sitzen, so viele Gedanken, die durch meinen Kopf schießen. Dann stehe ich auf, fahre mir mit beiden Händen durch die Haare, muss mehrmals tief ein- und wieder ausatmen. Da möchte ein Kind von zu Hause weg. Weg von der Mama. Weg von seinen Geschwistern. Und es hat sich nur getraut, es mir zu sagen. Plötzlich spielen Buchstaben, Addition und Farbkästen keine Rolle mehr. Da bin ich als Lehrer in einem komplett anderen Bereich gefordert.
 
Nach Rücksprache mit meiner Chefin rufe ich Pauls Mutter an und bitte sie zu einem Gespräch in die Schule. Nur mal zum Austausch, wie es so läuft. Den ersten Termin versäumt sie, taucht einfach nicht auf. Am Tag darauf erklärt sie am Telefon, sie hätte es einfach vergessen, auf dem Hof wäre so viel zu tun gewesen. Wir vereinbaren ein zweites Treffen, sie kommt, aber fast 30 Minuten später.
„Der Verkehr hierher ist ja fürchterlich.“
„Hallo Frau F., ja, um diese Uhrzeit sind die Autobahnen sehr voll. Schön, dass Sie es geschafft haben. Setzen Sie sich doch. Möchten Sie einen Kaffee?“
„Nee, sonst schlaf ich ja heut Abend wieder nicht.“
Die ersten 5 Minuten erzählt sie mir, wie stressig alles ist und wie viel sie zu tun hat. Dass ihr Vater ja auch nicht mehr der Jüngste sei und nicht mehr richtig mithelfen kann. Und einige Kisten vom Umzug selbst jetzt nach Monaten noch in der Ecke stehen und sie ja zu Nichts kommt.
 
Ich blinzele zwischendurch immer wieder auf meinen Stichwortzettel. Ich hatte mir ein sorgsames Vorgehen überlegt, wie ich ganz unverbindlich auf das Thema Internat zu sprechen kommen wollte. So ganz nebenbei, mal vorsichtig antesten, wie sie dazu steht. Sich über einzelne Schlagworte vorarbeiten und dann mal sehen, wie sie reagiert. Ist nun mal ein heikles Thema und bisher musste ich noch nie in Elterngesprächen etwas so Empfindliches und hochgradig Persönliches ansprechen. Noch dazu, wo ich die Mutter ja kaum kannte.
Noch in Gedanken, wie ich den Bogen kriege, reißt mich der letzte Satz von ihr komplett raus.
„Wie bitte?“
„Na, da wollt ich eh mal fragen. Ginge das noch? Ich mein, jetzt hat das Schuljahr ja schon angefangen. Aber das wär echt ne Erleichterung für mich, wenn der Paul da in das Internat könnte.“
„Oh. Ähm…ja. Also, wenn Sie das wünschen, ich kann gerne mal nachfragen. Normalerweise wird die Einteilung der Gruppen immer zu Beginn des Schuljahres gemacht, da haben Sie Recht, aber vielleicht haben die ja noch Kapazitäten frei und Paul kam ja nun mal auch erst später zu uns…“
 
Ich falte erleichtert meinen Zettel zusammen und rede mit ihr die nächsten 20 Minuten über Erziehung und Unterricht und wie sich Paul hier schon eingelebt hat. Sie berichtet mir, wie überfordert sie mit den drei Jungs wäre, die älteren könnten wenigstens noch helfen, aber Paul wäre daheim einfach nur anstrengend und sie packt das alles nicht.
Ich frage mich insgeheim, womit ich mir so viel Ehrlichkeit verdient habe. Sowohl von Paul als auch von seiner Mutter. Beide vertrauen mir offensichtlich, sich gegenseitig aber nicht.
 
Eine Woche später bringt Paul morgens eine große Tasche mit in die Schule. Übernachtungssachen für seine beiden Probetage im Internat. Er ist ganz aufgeregt. Er ist in der selben Gruppe wie Julia.
„Ich zeig Paul heut alles!“, freut sie sich.
Paul lächelt und es ist seit langem der erste Tag, an dem es keinen Ärger gibt, er in der Pause mit den Kindern draußen spielt und bereits jetzt schon ausgeglichener wirkt.
Ich finde auch, dass sich sein Ausdruck verändert hat. Er wirkt offener. Unbeschwerter. Wenn ich in dieses Kindergesicht blicke…das ist es einfach wert. Das ist den Aufwand, die Organisation einfach wert.
 
Ich hatte nach dem Elterngespräch öfter mit den Verantwortlichen im Internat gesprochen, immer wieder um Prüfung gebeten, Paul doch noch aufzunehmen, auch mitten im Schuljahr. Auf die besondere familiäre Situation hingewiesen. Und Pauls weit entfernten Wohnort. Mit Erfolg. Nachdem der Papierkram erledigt, die Finanzierung geklärt war, zog Paul richtig ein. Ich ging an einem Tag nach der Schule mal mit, damit er mir sein neues Zimmer zeigen konnte. Er lief ganz stolz die Treppen hinauf und schleifte mich auch noch ins Badezimmer, zum Sofa, zeigte auf die Playstation, die es aber nur 30 Min. gab statt Fernsehen und den Garten mit dem großen Sonnensegel und die Schaukel, die aber im Moment noch nicht benutzt werden dürfe, weil da neue Sitze dran kommen. Er zeigte mir die Fensterbilder und die lustige Tischdecke mit den Buntstiften drauf, weil das ja der Maltisch ist. Und den Lego-Teppich und die Kiste, in die man die Legosteine wieder einräumt, wenn man fertig ist mit Spielen. Er zeigte mir seinen Kleiderhaken für seine Jacke und das Fach für seine Schuhe. Ich aß mit seiner Gruppe zu Mittag und verabschiedete mich, als sich Paul mit einer Erzieherin an seinen eigenen Schreibtisch setzte, um Hausaufgaben zu machen. In einer Eins-zu-Eins-Situation.
Feste Rituale, wiederkehrende Abläufe, Zu-Bett-Geh-Zeiten, Strukturen und Regeln, die für Paul einsichtig sind und an die er sich gut halten kann. Und nicht zu vergessen: ein ganzer Haufen persönliche Zuwendung. Alles, was Paul gefehlt hatte.
Natürlich gab es weiterhin auch mal Ärger, Streit und Diskussion. Ich hielt viel Rücksprache in der ersten Zeit mit den Erzieherinnen und wir tauschten uns über Paul aus, überlegten uns weiterhin Maßnahmen und Absprachen, die in der Schule wie im Internat galten.
 
Ein fahler Beigeschmack blieb aber. Nämlich die Tatsache, dass es einem Kind und auch dessen Mutter besser geht, wenn sie nicht mehr so viel zusammen sind. Das klingt traurig, aber es entspannte ihr Verhältnis tatsächlich. Die Mutter hatte in der Woche Zeit, sich auf Ihre Arbeit zu konzentrieren und kein schlechtes Gewissen mehr, weil sie sich nicht um Paul kümmerte. Keinen Frust, weil Paul die Bude auseinander nahm, es gab weniger Stress daheim. Am Wochenende machten sie manchmal was zusammen, nur sie beide. Und abends rief die Mutter manchmal im Internat an und Paul berichtete, was er heute alles gemacht hat.
 
Und als das Schuljahr dann zu Ende ist, die Sommerferien beginnen, kommt Paul zu mir. Er hat mir eine Karte gemalt und liest laut „Ich wünsche dir schöne Sommerferien, Frau S.“ vor. Ganz flüssig, mit dem Finger die Silbenbögen nachfahrend. Wie er es im Internat geübt hat. Ich bedanke mich und zur Verabschiedung gibt es dieses Mal nicht nur ein High Five, sondern auch eine dicke, lange Umarmung dazu.
Dass menschliche Nähe nichts Schlimmes ist. Im Gegenteil.
Auch das hat Paul nämlich schon gelernt.
 
 

Schulstuff.

29 Aug
„Werd Lehrerin“, hamse gesagt.
„Hilfste Kindern“, hamse gesagt.
Dass die dich alle naselang mit Durchfall und Kotzeritis anstecken, hamse nicht gesagt!
 
Seit knapp einer Woche sind mein Bett, meine Toilette und ich mittlerweile eine eingeschworene Ménage à trois. Im Bett liegend wird Flüssigkeit eingefüllt, auf der Toilette sitzend sich derer wieder entledigt. Ich denke, ich muss das an dieser Stelle nicht weiter ausführen. Sie wissen, wie ein menschlicher Körper auf den flotten Otto, die Sprühwurst, den Dünnpfiff reagiert.
Zwischenzeitlich landete ich sogar im Krankenhaus, in dem die Ärzte mit Hilfe von der ein oder anderen Infusion aus meinem kreideweißen Gesicht wieder einen annehmbaren Haut-Teint machten.
Und auch, wenn ein Magen-Darm-Infekt wie Krieg zu sein scheint, weil es aus allen Löchern schießt, ich mir in der Klinik erst mal die Schläuche an der Kanüle aus Versehen raus riss und der Pfleger danach erst mal mich und anschließend das Badezimmer, das ich in einen blutigen Tatort verwandelt hatte, säubern musste, und ich spät abends mit unschuldigem Blick heimlich etwas am Rädchen der Infusion drehte, damit sie schneller tropft und ich dann endlich heim durfte…trotz alledem…mag ich meinen Job.
 
Die Sommerferien sind vorbei, die Stundenpläne stehen, der Klassenraum ist so aufgeräumt und geordnet, wie er es in diesem Schuljahr nie wieder sein wird. Man plant, verteilt die Lehrplanthemen, bemalt Memory-Kärtchen und schnibbelt an Steckkästen-Karten herum, feuert das Laminier-Gerät an und trägt die Termine, die auf der Konferenz bekannt gegeben wurden, brav in seinen Lehrer-Kalender ein.
Und am ersten Schultag kommen die Kleinen dann angeschossen, die Ranzen hüpfen etwas plump auf den Rücken herum, die Köpfe sind so voll von Ferienerlebnissen, dass der Mund meist gar nicht hinterher kommt. Einige Routinen haben alle noch intus, neue Dinge und Personen werden interessiert beäugt.
Die neue Schulbegleitung zum Beispiel. Sie heißt Elena. Oder wie Schüler L. wahlweise sagt:
„Elana“
„Lenala“
„Enala“
oder „Na die da.“
 Ist aber auch ein schwieriger Name. Wenn ich in einer meiner früheren Klassen alle Mädchen zusammenrufen wollte – kein Scherz – dann klang das so: „Isa! Lisa! Lena! Selina! Nina!“ – Und: „Beate.“ – Noch mal gerettet.
 
Wer sich nun wundert, warum das eben vergleichsweise wenige Namen waren, das liegt nicht am Jungenüberschuss. Nein, ich arbeite nicht an einer normalen Grundschule, sondern an einer so genannten Förderschule für geistige Entwicklung. Ja, so nennt man das heut zu Tage. Und in diesen Klassen sind meist jeweils so zwischen 6 und 9 Kindern. Außerdem steht da auch nicht ein heroischer Lehrer mit Zeigestock vor den Kleinen und regiert mit Addition und Rechtschreibfehlern herum. Wir arbeiten in einem Team: ein oder zwei Lehrer und ein Erzieher sind immer da, Schulbegleiter, Praktikant etc. kommen dann gegebenenfalls dazu. Klingt nach viel Personal und zum Teil können wir dadurch manchmal wirklich eine Eins-zu-Eins-Betreuung gewährleisten. Aber lassen Sie mal ein oder zwei Kinder in der Klasse sein, die gewickelt werden müssen, die vielleicht nur zu zweit aus dem Rollstuhl zu heben sind. Oder Schüler mit Autismus, die ständiger Aufsicht bedürfen, weil sie sonst Bilderbuchseiten mit dem Locher zerknipsen, Wachsmalkreide essen oder Sportsocken aus fremden Turnbeuteln klauen. Sie kichern vielleicht…ist aber alles schon vorgekommen. Von Kindern, die Anfälle haben, Medikamente brauchen oder austicken und um sich schlagen (oder Schlimmeres) fange ich jetzt gar nicht erst an. Ich möchte damit nur sagen: Man braucht dieses ganze Personal. Glauben Sie mir das mal. Das Klischee vom faulen Lehrer würden Sie sofort ad acta legen, wenn Sie nur mal einen Tag diesen Job machen würden.
 
Das soll keine Beschwerde sein. Wirklich nicht. Ich stehe morgens meist gerne auf und fahre die 30 Minuten ins benachbarte Niedersachsen. Ich mag es, dass mein Job nie langweilig ist, jeder Tag anders und man diesen zwar planen kann, aber nie wirklich weiß, wie er dann im Endeffekt laufen wird. Dieses Miteinander, dieses gegenseitige Aufeinander-Reagieren zwischen den Kindern und mir, das ist es, was den Reiz ausmacht. Das Wissen zu haben, wo genau ein Kind gerade steht, an welchen Schwerpunkten man mit ihm arbeitet. Die Fäden zu ziehen, bestimmte Verhaltensweisen zu bestärken oder zu verändern durch verschiedene Maßnahmen. Das kann man bei so kleinen Klassengrößen natürlich viel individueller und intensiver als wenn 30 Pimpfe um einen herum hüpfen und man erst mal 2 Wochen braucht, bis man überhaupt mal die Namen drauf hat.
Dass die pädagogische und erzieherische Aufgabe, die man hat, nicht immer direkt von Erfolg gekrönt ist, nun, damit muss ich leben.
„So eine Scheiße!“
„Na, na, na! Wie heißt das richtig?“
„FUCK!“
Tja, da kannst du dann nur noch den Mund verziehen und denken: „Irgendwie hat er ja auch recht.“
Man lernt einfach, Geschehnisse positiv zu deuten.
Wenn dich ein Schüler zum Beispiel zur Toilette ruft und mit einem goldigen Blick, der unter seinem braunen Fransenhaarschnitt hervor lugt, sagt: „Ich wollt dir was erzählen.“
„Ach ja? Und was?“
„Ich hab die ganze Klopapierrolle in die Toilette gesteckt.“
Ehrlichkeit. Das ist pure Ehrlichkeit, verstehen Sie? Stolz auf aus eigener Kraft vollbrachte Werke! Jetzt seien Sie nicht so, es kommt immer drauf an, von welcher Seite aus man Dinge betrachtet und wie man sie anpackt. In dem Fall brauchte ich Gummihandschuhe.
 
Was Sie vielleicht auch nicht so kennen: Wir haben auch Lerninhalte zu Bereichen wie „Selbstversorgung“ und „Selbstständigkeit“ oder „soziales Training“. Wie das im Einzelnen aussieht? Nun, das hängt vom Kind ab. Manche üben, ihre Trinkflasche selbstständig auf- und wieder zuzudrehen. Mit anderen trainiert man mit Hilfe von Bildern den korrekten Ablauf beim Händewaschen. Wieder andere schaffen es, bestimmte Zimmer im Schulhaus zu finden und von alleine ohne Umwege, ähnlich wie bei Rotkäppchen, zur Großmutter bzw. wieder zum Klassenraum zu finden. Oder wenn ein Schüler mit dem Stuhl kippelt, damit immer wieder gegen die Wand stößt und man daraufhin die Regeln mit ihm wiederholt:
„Was gilt bei ‚Kippeln auf dem Stuhl‘?“
„Bumsen ist verboten!“
„Ähm…ja.“
Oder wir gehen einmal die Woche zusammen einkaufen. Überlegen, was wir brauchen, stellen einen Einkaufsplan zusammen, üben, wie man über die Straße geht und dass man im Supermarkt nicht schreiend durch die Gänge rennt. Klingt doch alles total einfach? Mitnichten. Ein Schüler sollte mal im Aldi alleine – also ohne Erwachsenen – eine Gurke holen. Er kam nach 5 Min. mit einer halben Gurke und kauend wieder. Glücklicherweise ging es nicht nach Gewicht.
Ja, Erziehung ist zuweilen knifflig. Da hat ja jeder seine eigenen Methoden. Aber ich sage Ihnen eins, so mal unter uns: Wenn meine Kinder irgendwann raus finden, dass gar nichts Schlimmes passiert, wenn ich drohend bis 3 gezählt habe, bin ich am Arsch.
 
Bei der Gurkengeschichte mögen Sie vielleicht fragen: Haben das die Eltern nie mit dem Kind geübt? Uhhhh…Obacht! Ganz böses Thema und daher auch nur ein kurzer Exkurs:
„Ist Erziehung nicht Elternsache?“, „Was sollen Lehrer noch alles leisten?“ Da kann man schnell ein schon überlaufendes Fass ins Rollen bringen. Unzählige Artikel zu diesem Thema gibt es und die Fronten sind mal mehr, mal weniger verhärtet. „Wir Eltern kennen unser Kind ja wohl am besten“ vs. „Lehrer haben einen objektiveren Blick auf den Schüler“…blablablubb. Man wird in 20 Jahren noch darüber diskutieren. Meine Meinung? Nun. Eltern fühlen sich gerne mal angegriffen, wenn Lehrer es so demonstrativ besser wissen. Umgekehrt packen Eltern Lehrer schnell am pädagogischen Kragen, indem sie ihm unterstellen, er verstehe nichts von seinem Job, wenn er das Kind nicht „im Griff“ hat. Ich kann beide Seiten verstehen.
Aber wissen sie was? Es geht nicht um die Eltern. Und auch nicht um den Lehrer. Es geht um das Kind. Und alle, die am Kind arbeiten (Ja, das sagt man wirklich so), sollten eine Linie fahren, miteinander kooperieren, sonst geht’s einfach schief. Und wer leidet drunter? Ja eben.
Da gibt es im Studium sogar eigene Seminare zu: Elternarbeit, Elternkommunikation. Ist wirklich so. Und ja, es macht tatsächlich einen Unterschied, ob ich sage: „Sie helfen Ihrem Kind nicht genug.“ oder „Um Ihrem Kind schulischen Erfolg zu ermöglichen, sollten wir uns überlegen, wie Sie es von zu Hause aus noch unterstützen können.“ – Und schon klappt das mit der Zusammenarbeit. Nun ja, meistens.
Mein Vater – auch mal Lehrer gewesen – hatte sich mal eine Mutter in die Schule bestellt, weil ihr Kind der Aufsicht während der Pause ins Gesicht gespuckt hat. Gut, das muss man verstehen. Immerhin hatte sie ihm verboten, mit Steinen zu werfen.
Und dann sitzt diese Mutter da, tippelt mit ihren rosa Acrynägeln ungeduldig auf dem Tisch herum und meint ganz trocken: „Ja, haben Sie ihm denn das vorher gesagt, dass er das mit dem Spucken nicht soll?“
„Sie haben es in den 9 Lebensjahren Ihres Kindes nicht geschafft, ihm gegenüber mal zu erwähnen, dass Spucken in das Gesicht anderer evtl. nicht den Regeln eines zivilisierten Miteinanders entspricht?“
„Kommen Sie mir nicht so, sonst schicke ich Ihnen mal meinen Mann her!“
„Darf ich Ihnen die Tür zeigen?“
In solchen Fällen ist Kooperation in etwa so einfach wie das Bernsteinzimmer zu finden oder einen ehrlichen Politiker. Aber auch das lernt man als Lehrer: Akzeptiere die Grenzen, die dir vielleicht gesetzt werden. So schwer das auch manchmal ist.
 
Bleiben wir lieber bei den lustigen, zum Teil seltsamen Geschichten, die Schüler täglich zustande bringen und einen schmunzeln oder verzweifeln lassen.
Wobei…wissen Sie was? Ich glaube, wir Lehrer wirken auf die Außenwelt wohl meist noch skurriler.
Ich bin mal direkt nach dem Unterricht in die Konferenz und von dort aus direkt auf’n Kiez, wollte mich mit zwei Freundinnen in einer Kneipe treffen. Die beiden saßen schon am Tresen und bekamen dann eine Nachricht von mir aufs Handy, die da lautete: „Der Türsteher will mich nicht rein lassen, weil ich eine Heißklebepistole in der Tasche habe.“
Ja, sie guckten auch so amüsiert wie Sie gerade. Und die beiden sollten noch froh sein, dass der nette Portier nicht auch noch den Schneebesen von Hauswirtschaft an dem Morgen entdeckt hat.
Dann bin ich auch wohl die Einzige in meinem Umfeld, die leere Klorollen sammelt. Hallo? Damit kann man super basteln! Und Eierkartons sind wunderbar in Mathematik zum Verdeutlichen des Zehnerübergangs geeignet.
Und wenn mich jemand in den paar Wochen vor den Sommerferien anruft, in denen der Tag nur noch aus Zeugnisse schreiben besteht, beschreibe ich meine Zeiteinteilung gerne mal so: „Ich komme voran. Bis die Waschmaschine durch ist, krieg ich „Arbeitsverhalten“ & „Kommunikation“ fertig.“
Man bezieht ja auch seine Leute mit ein, vor allem die Familie steckt man damit an. Meine Mutter hob mir z.B. kleine würfelartige Kartons auf, in denen mal Christbaumkugeln waren. Einfach so. Von sich aus. Sie dachte sich, kann ich bestimmt für was gebrauchen und es war so: Aus denen haben wir ein Hör-Memory gebastelt.
Und überhaupt werde ich in jedem Kreativ-Laden als Lehrerin entlarvt, sobald ich nach Klettpunkten oder Magnetband frage, weil offensichtlich Lehrer die einzigen Menschen auf der Welt sind, die Klettpunkte oder Magnetband kaufen. Das Zeug ist aber auch sagenhaft praktisch, Sie haben ja keine Ahnung! Das Material Klett nur auf Schuhe zu beschränken, beraubt die Menschheit so vieler Möglichkeiten…aber…ich schweife ab.
 
Jedenfalls…sitze ich seit knapp einer Woche hier zu Hause rum, ernähre mich von Zwieback und Salzstangen und denke dabei an J., bei dem ich mich wohl angesteckt habe und an M., der, wenn man ihn fragt, was es heute zum Mittagessen in der Schule wohl gibt, antwortet: „Soße.“ Jeden Tag sagt er das. Und seine Trefferquote ist gar nicht mal so schlecht.
Oder an L., einen Schüler mit Autismus, der Personen neuerdings mit Farben verknüpft.
Die Erzieherin ist grün. Und die Praktikantin rot.
Wissen Sie, welche Farbe ich hab? Ich weiß es, ich hab ihn nämlich gefragt.
„Frau S. ist gold.“
 
Da haben Sie’s. Noch ein Grund mehr, warum ich meinen Job mag.
 

„Erst mal für immer.“ (1 Jahr Hamburg, Teil II)

1 Aug
„In Würzburg hätte es das nicht gegeben.“
„Ein Glück, dass du jetzt in Hamburg bist.“
 
Nachts…so gegen 2 Uhr stießen wir mit warmem Apfelsaft an. Er war den ganzen Tag im Auto umher gerollt. Umzüge laufen ja generell nicht so wie sie geplant waren. Aber dass bei mir, die allgemein hin eher als strukturiert und organisiert gilt, das so dermaßen schief läuft, dass jede Skischanze und so ein Turm in Pisa glatt eifersüchtig wären…konnte keiner ahnen.
 
Dank Ex-Vermieter, Unfall, Vollsperrung, Baustellen, Tempo-Drosselung des Umzugslasters, Feierabendverkehrs und einer Tagesstruktur von gerade mal 24-Stunden (so ein Scheiß) erst gegen 21 Uhr abends über die Pflastersteine der schmalen Einbahnstraße in Hamburg gerollt.
 
Dank Autofahrern, die Parkverbotsschilder wegen Umzugs wunderbar lustig ignorieren können, erst mal mit Polizeibeamten gesprochen, die zwar Freund(lich), aber keine Helfer waren und anschließend mein gesamtes Hab&Gut auf dem Bürgersteig abgestellt. Im Eiltempo, weil alle kommenden Autos nicht mehr durch kamen und zurücksetzen mussten.
 
Dank der späten Stunde nur noch drei Leute zum Helfen da, dafür aber 1000 Kisten und 2000 Möbel und einen 4. Stock und kein Aufzug.
 
Dank betrunkener, verblödeter, alter Männer einen kleinen Spurt hingelegt und meinen Akkuschrauber, einen Stuhl und ein kleines Wandregal zurück geholt und bei dem lallenden Kommentar: „Wir dachten, das Zeug ist zu Verschenken.“ mich nur mit Mühe zurückgehalten, keine männlichen Geschlechtsorgane gewaltsam zu zerstören.
 
Dank allem kurz vorm Verzweifeln.
 
Stockwerkweise schleppten wir die Kisten nach oben, draußen alles dunkel, kein Ende in Sicht.
Zwei junge Frauen schließen gerade ihre Fahrräder vorm Haus ab und beobachten uns…mit wehleidigem Blick.
„Hi.“
„Hallo.“
„Wohnt ihr hier?“Vorhofflimmern.
„Ja.“
„Ich zieh grad ein.“
„Schön, willkommen.“
„Sagt mal, blöde Frage…aber ihr kennt nicht zufällig ein oder zwei Männer mit Oberarmmuskeln, die spontan Lust hätten, für Kohle Kisten zu schleppen?“
„Nee, leider nicht.“
„Mhm. War’n Versuch.“
„Aber wir könnten helfen.“
„Echt???“
„Klar, ich hol mal noch Sabrina aus’m Nachbarhaus.“
Und da, mitten in der Nacht, an einem stinknormalen Wochentag, trugen drei fremde Mädels den Löwenanteil meiner Möbel bis unters Dach. Plauderten dabei fröhlich über Raumaufteilung und Wohnungsgrößen, Mietpreise und wer hier noch so alles wohnt. Und wollten danach nicht mal was dafür haben, bloß eine Einladung zur Einweihungsfeier. In Würzburg hätte man mich wohl wegen nächtlicher Ruhestörung angezeigt, empört mit Wohnungstüren geknallt und a weng was auf Frängisch gebabbelt.
Und so konnte ich nach einem ätzenden Tag und nach nur wenigen Stunden in meiner neuen Stadt schon das Klischee vom kühlen Norddeutschen direkt mal ad acta legen.
 Hamburg. Vereinfacht dargestellt.
Und heute ist das genau 1 Jahr her. Heute vor einem Jahr zog ich nach Hamburg. Einfach so. Weil ich es wollte. Und es mir ganz allein, aus eigener Kraft, ermöglicht hatte. Einfach mal durchgezogen, eins nach dem anderen, bis ich plötzlich da war.
 
 
 
Mit gefühlten Zeiträumen ist das ja so eine Sache. Das kennt wahrscheinlich jeder.
Auf der einen Seite kommt es mir so vor, als wäre ich wirklich gerade eben erst durch mein Viertel gelaufen, um mal zu sehen, was es da so gibt. Wie die Seitenstraßen aussehen. Schleichwege entdecken. Den nächsten Supermarkt suchen. Kreischen wie ein kleines Mädchen, als ich um die Ecke biege und direkt vorm Michel steh.Moin Hamburg...
An meinem ersten richtigen Morgen in Hamburg aufwachen, weil die Sonne hinter den gegenüberliegenden Dächern vom Innenhof aufgeht und alles in ein rot-goldenes Licht taucht.
An der Haltestelle ‚Baumwall‘ stehen und gar nicht mitbekommen, dass ich gerade die Bahn verpasst habe, weil meine Augen an den vielen Schiffen und dem Wasser hängen geblieben sind.
Oder mit Freunden was trinken gehen und dann abends durch Hamburg nach Hause laufen und denken: „Du läufst abends durch Hamburg nach Hause. Wie geil ist das denn bitte???“ Da überfällt dich dieses Gefühl, dass du jetzt wirklich und echt hier lebst, immer wieder aufs Neue.
 
Hafencity. Landungsbrücken. Alsterarkaden. 
Schneescheinwerfer. Die Rickmer Rickmers. Alsterschwäne.
Und auf der anderen Seite sind viele Dinge mittlerweile so selbstverständlich geworden…als wäre auf meinem ersten Babystrampler schon ein Anker drauf gewesen oder in meinem Milchfläschchen immer auch ein, zwei Tropfen Astra.
 
Neulich zum Beispiel lief ich spät abends an zwei Touristen vorbei, die offensichtlich die Orientierung verloren hatten, sich suchend umschauten und den Stadtplan in den Händen drehten, in jede Richtung hielten und wohl bedauerten, Alster...dass er kein Navi war und sprechen kann. Sie fragten, ob ich von hier sei und ich antwortete wie aus der Pistole geschossen:
„Ja sicher. Wo möchten Sie denn hin?“
„Wissen Sie, na ja, also…da, wo das viele Wasser mitten in der Stadt ist.“
„Da sind Sie in Hamburg überall richtig.“
Sie zogen leicht einen Mundwinkel etwas irritiert nach oben und ich wies ihnen brav den Weg Richtung Alster.
 
Kurzer Exkurs: In Großstädten sind Touristen ja eh so ein Phänomen. Die sind überall. Während sie in gleichfarbigen Jack-Wolfskin-Jacken laut diskutierend ein Fotomotiv nach dem anderen mit ihrer Kamera um den Hals jagen, bringe ich gerade ungeschminkt und in Gammelklamotten mein Leergut zum Rewe. Die wirken immer so gehetzt, weil sie sich ja in kürzester Zeit alles angucken müssen. Für mich ist das alles völlig normal und alltäglich. Wenn diese Postkartensammler sich irritiert umdrehen und „War dieses dumpfe Tröten gerade eine Schiffshupe?“ fragen und ich nur die Augen verdrehe und „Nein, ein Hafenpups!“ zurück blöken möchte.
Das Paradoxe ist aber: Ich wohne zwar hier, aber diese Menschlein, Wasserspiel.die der Dame mit dem hoch erhobenen Schirm und den Prospekten in der Hand hinterher dackeln, scheinen in der Tat schon mehr von Hamburg gesehen zu haben als ich. Es gibt so viele Dinge, die ich noch nie gemacht habe. Eine Alster-Rundfahrt. Oder durch die Speicherstadt bummeln. So eine geführte Schiffstour durch den Container-Hafen. Durch den alten Elbtunnel tingeln. Eine ganze Nacht aufm Kiez verbringen und wenn es hell wird, zum Fischmarkt und frühstücken. Diesen ganzen Touristenkram macht man irgendwie nie, weil man ja keiner ist. Man lebt ja richtig hier.
Vielleicht habe ich aber auch nicht weniger gesehen als die. Sondern nur anderes. Kleinere, verborgenere Dinge. Vielleicht sogar Schönere.
 
 Spielplatz. Wildwechsel. Speicherstadt. Mond und Elbphilharmonie. Herrlichkeit. Tiptop eingeparkt.
Zurück zum Thema:
Dieses Gefühl des Selbstverständlichen merkte ich recht früh.
Wenn man zum Beispiel das erste Mal im Schlafanzug Brötchen holt. Da weißt du einfach, dass du in deiner neuen Stadt angekommen bist.
Oder es völlig normal geworden ist, dass ich in die Änderungsschneiderei um die Ecke tapse und hinten auf dem Tisch meine abgegebenen Pakete raus suche, während Djani, der immer fröhliche Besitzer, nur zwinkert, eine Augenbraue hebt und dann seine Kundin weiter berät, wie hoch der Saum an ihrer Sommerhose sein sollte.
Wenn ich plötzlich so was wie eine Stammkneipe habe.
Oder man ans Telefon geht und sich mit ‚Moin‘ meldet.
Wenn ich meine alte Klasse in Würzburg besuche und das tiefe Bayerisch des Hausmeisters nicht mehr verstehe.
Dass ich mich abends mit Leuten treffe zum „Schnacken“ oder „Rumklönen“.
Generell ist das ein eindeutiges Zeichen bei mir, wenn ich die sprachlichen Eigenarten übernehme.
 
Sobald du dich in Hamburg verliebt hast, und das ging bei mir sehr schnell, dann läufst du – etwas debil lächelnd – an den Landungsbrücken entlang und hältst du mit ihr Strändchen. Und wer an deinem neuen Partner etwas auszusetzen hat, wird gnadenlos vernichtet.
„Er hat was gegen Hamburg gesagt.“
„MÖGE IHM EINE MÖWE AUF’N KOPP KACKEN!“
 
Woran ich auch merke, dass ich schon ein ganzes Jahr hier bin, ist die Tatsache, dass ich nun weiß, wie die Stadt zu jeder Jahreszeit aussieht.
Dass man die ersten Kastanien findet und in der Jackentasche aufhebt, weil das Glück bringen soll. Fast Leute umlaufen, weil man vom Gold an den Bäumen so fasziniert ist. Im Sessel sitzen und die ersten Mandarinen essen, weil Herbst ist.
 
Kastanien. Gülden. Herbst.Gebogener Regen.Regenfront.
 
 Regenstürme vorm Fenster und man selbst mit einer großen Tasse Tee dahinter. Danach Regenbögen bewundern. 
 
 
 Mein erster Advent. Mein erster Schnee.
 
Mein erster Advent.
Mein erster Schnee.
 
 
 
 
 
Dick eingepackt über den Weihnachtsmarkt schlendern, mit einer heißen Tasse Glühwein auf die Alster raus schauen und nachts unter dem Lichterbaum am Rathaus stehen.
Erst Puderzuckerdächer und dann morgens zu spät zur Arbeit kommen, weil du fast eine Stunde brauchst, dein Auto frei zu schaufeln.
Vereiste Äste und Fahrräder, weil die Regenrinne oben undicht ist.
Das Knacken der Eisschollen hören, die an einem auf der Elbe vorbei fließen.
 
Und auf der Kapuze glitzert's. Lichterbaum am Rathaus. Puderzuckerdächer. Baum. Tiefgekühlt. Regenrinne undicht? Eisschollenknacken.
 
Die ersten Tulpen kaufen und hoffen. Blütenmeer.
Alles weiß.Und dann die üppigen, flauschigen, rosa Bäume im Frühling. Im Kirschblütenregen stehen und denken: „Mir kann keiner was.“

 
 
 Hamburg-Ei.
Das ultimative Hamburg-Osterei gestalten.
 
 
 
Den ersten Hafengeburtstag feiern, weil es auch irgendwie ein bisschen mein eigener ist. <3AIDA-BÄM!
 
 
Bei Hitze und Sonnenschein mit der Fähre zum Strand raus fahren, grillen und kaum etwas selbst davon essen, weil man jedem Hund, der vorbei kommt, etwas abgeben mag.
Den Sonnenuntergang genießen und mit Sand in den Schuhen glücklich in der hereinbrechenden Dunkelheit wieder nach Hause tuckern.
 
Sonnenstrand. Grill-Nutznießer. Schubidu.
Über ein ganzes Jahr hinweg werden einem die Gegensätze klar. Die Veränderungen. Und dass ich Hamburg liebe, egal, welches Kleid es gerade trägt.
 
Ob Sand, Reste der Sturmflut oder knöcheltiefer Schnee.
 
 Sand. Meine erste Sturmflut. Dickster Winter in Hamburg.
Die Bäume deiner Straße im satten Grün, kahl oder schneebedeckt.
 
Grün. Kahl. Schneededeckt.
Der Michel im grellen Sonnenlicht, so dass man die Augen zusammen kneifen muss.
Im diesigen Einheitsgrau, in dem er sich manchmal nur erahnen lässt.
Oder prächtig leuchtend im Sonnenuntergang.
 
Sonnenmichel. Nebelmichel. Feuermichel.
Dinge, die noch komplett unbekannt und neu sind.
Dinge, die vollkommen alltäglich erscheinen, als wären sie nie anders gewesen.
So muss es wohl sein nach einem Jahr Hamburg.
 
Aber es gibt noch eine dritte Kategorie für mich:
Dinge, die ich kenne und liebe und immer noch mache wie am ersten Tag und hoffe, das auch noch in 10 Jahren so empfinden zu können:
 
Was Geräusche angeht.
Wie angewurzelt in der Wohnung stehen bleiben, sobald du das Tuten der Schiffe vom Hafen hörst, weil das etwas unglaublich Wunderschönes ist für deine Ohren.
Oder wenn Möwen über dich hinweg fliegen und kreischen und es jedes mal nach Urlaub klingt. Und du dich dann dabei erwischst, dass du eine Taube gurren hörst und nur denkst: „Die Möwe klingt aber komisch.“ Oder du in deine Wolldecke gewickelt hinterm Fenster kauerst, die Möwen auf dem Dach gegenüber beobachtest und leise „Meins. Meins. Meins.“ vor dich hinbrabbelst.Dachfensterbalkon.
Oder abends pünktlich um 9 das Dachfenster öffnen, damit du den Trompeter vom Michel hörst. Und dabei merken, dass du glücklich lächelst, egal, wie scheiße oder anstrengend dein Tag davor war.
Das metallene Quietschen von aneinander schlagenden Schiffsmasten.
Einsetzender Regen, der auf das Dachfenster trommelt. Weil’s in Hamburg ja nur regnet. Wissen wir alle.
 
Altona. Rathaus. Sonne küsst Hafen.
Was das Spüren angeht.
Den Wind, der vom Hafen her weht, dabei reflexartig die Augen schließen und tief einatmen.Blick auf die Elbe vom Michel aus.
Barfuß durch den kühlen Sand am Elbstrand stapfen.
Täglich lächeln, wenn du von der Arbeit kommst und über die Elbbrücken fährst und wieder zu Hause bist.
Die Faszination, wenn du in Hamburg am Hafen stehst…vor dir das Tor zur Welt liegt…und du trotzdem da bleiben magst. 
 
 
Danke Hamburg, dass du mich endlich hast ankommen lassen. Bei dir wie in mir selbst. Dass du mein Hafen bist. Jeden Tag.
Und wenn mich Leute fragen, wie lange ich denn gedenke, in Hamburg zu bleiben, antworte ich: „Erst mal für immer.“
Angekommen. Zu Hause.
 
Nachtrag:
Liebes Hamburg, ich wünsche mir für mein zweites Jahr mit dir:
 
Mehr Zeit für uns beide, einfach so durch dich hindurch streifen zu können, ohne etwas erledigen zu müssen. Einfach nur so, weil uns beiden danach ist. Dich noch mehr zu entdecken, noch mehr ineinander zu schwappen wie die Wellen in der Elbe.
Pauli an den Landungsbrücken.
Dass du mich weiterhin überraschst, mir Neues zeigst, mich beschützt und bei mir bist, wenn ich abends an den Landungsbrücken entlang spaziere und die Lichter im Hafen heller werden.
 
Viele Abende mit Freunden, neuen wie alten, die mich spüren lassen, wie lebendig ich bin. Nachts nach Hause laufen, die Nase in den Himmel strecken und so sehr genießen, bei dir zu sein.
 
Neben dir noch eine zweite Liebe zu finden. In Menschenform.
 
Mich und meinen Körper weiter zu verändern, weil du mir den Ansporn dazu gibst. Und sei es, durch die ein oder andere Windböe, die mich antreibt, noch etwas schneller zu laufen.
 
Und vielleicht doch noch etwas mehr Tourikram abzuhaken, weil’s ja zu dir gehört.
 
Und ansonsten drückt Meike Schrader mit ‚Hamburg-mein Hafen‘ so wunderbar aus, was ich eigentlich sagen will:
“…wenn wir zwei uns nicht verlieren,
dann kann mir nichts mehr passieren.“